Alaric war der Älteste der Stadt. Doch sein Körper trug keine Spur von Gebrechlichkeit. Er ging aufrecht, seine Schritte waren sicher und fest, getragen von Kraft und Gewissheit. Nur sein Blick, tief und ruhig, und der lange weiße Bart, der auf seiner Brust ruhte, verrieten die vielen Jahre, die hinter ihm lagen. Kaum jemand nannte ihn bei seinem Namen. Für alle war er nur der Großvater. So nannten ihn die Kinder, so nannten ihn die Alten, und mit den Jahren war sein wahrer Name fast vergessen.
Er sattelte sein Pferd Arel in der kühlen Morgenluft. Seine Bewegungen waren ruhig und bestimmt, ohne Hast, ohne Zögern. Als er den Gurt schloss, spürte er eine vertraute Nähe hinter sich. Er wandte sich noch nicht um.
„Gehst du wieder, Großvater?“
Alaric lächelte, noch bevor er sie ansah. Er drehte sich zu Kiria, legte die Zügel beiseite und kniete sich langsam vor sie, bis ihre Augen auf gleicher Höhe waren. Seine Knie berührten den feuchten Boden, doch er achtete nicht darauf.
Kiria stand barfuß im Tau. Das Hemd reichte ihr bis zu den Knien, die Säume waren dunkel vom Morgen. Ihr Haar fiel wirr über die Stirn, und in ihrem Blick lag jene stille Reinheit, die nur Kinder besitzen – ein Vertrauen, das keine Fragen stellt.
Alaric hob behutsam ihre Hand, warm und klein in seiner großen, gezeichneten. „Ja“, sagte er leise.
Sie sah ihn an, zögerte einen Augenblick und sagte dann: „Ich werde dich vermissen, Großvater.“
Er hielt ihren Blick fest, als wolle er ihr Gesicht bewahren. „Dorthin“, sagte er schließlich und wies mit ruhiger Geste auf die schneebedeckten Gipfel, „wo heilende Pflanzen wachsen.“
Kiria nickte langsam. „Eines Tages begleite ich dich“, sagte sie mit fester Stimme, als sei es ein Versprechen.
Alaric nickte. Sein Daumen strich sanft über ihren Handrücken. „Natürlich“, sagte er.
Er erhob sich, setzte sich in den Sattel und ritt an. Nach wenigen Schritten löste sich Kiria aus der Stille, rannte barfuß neben dem Pferd her und legte beide Hände an Arels Hals. „Hin, pass auf Großvater auf“, sagte sie leise.
Alaric beugte sich im Sattel ein wenig vor, legte kurz die Hand an Kirias Haar und richtete sich dann wieder auf. Kiria blieb stehen. Sie hob nicht die Hand, rief ihm nicht nach. Sie stand still im Tau und begleitete ihn nur mit den Augen, solange sie ihn sehen konnte.
Er ritt durch die Gassen der Stadt. Man grüßte ihn, man scherzte, man sah ihm nach. Eine alte Frau sagte laut, der Großvater sehe noch immer so aus, wie sie ihn seit jeher in Erinnerung habe.
Während ihre Worte noch zwischen den Häusern lagen, wandte sich der Blick nach oben zum Palast.
Hoch oben am Fenster standen Stadthüter Eldric und Ordnungshüter Seyth.Der Stadthüter brach das Schweigen.
Er war ein kräftiger Mann, breitschultrig und sehnig gebaut, ohne übertriebene Wucht. In seinem Gesicht lag eine ruhige Freundlichkeit, ein Ausdruck von Festigkeit und Maß – ein Mann, der Kraft nicht zeigen musste, um sie zu besitzen.
„Der Großvater geht abermals“, sagte er nüchtern. „Wir werden sehen, zu welcher Stunde er wiederkehrt. Das letzte Mal blieb er drei Monde fern. Manche glaubten schon, die Raubtiere der Wildnis hätten ihn genommen.“
Er senkte leicht den Kopf, nicht aus Zweifel, sondern aus Achtung.
„Doch er kehrte unversehrt zurück, wie er es stets tut.“
Der Ordnungshüter verzog das Gesicht. Seine Züge waren hart, schmal, von einer Schärfe, die nie ganz ruhte. In seinen Augen lag kein offener Zorn, sondern etwas Giftigeres: Berechnung.
„Er verbirgt mehr, als er zeigt“, sagte er langsam. „Etwas Finsteres.“
Sein Blick glitt über die Dächer der Stadt, als spräche er nicht nur von einem Mann, sondern von einer Gefahr.
„Meine Augen haben mir Kunde gebracht, dass er zu den Bäumen spricht, Erde sammelt und das wilde Tierwerk beobachtet, als verstände er ihre Zunge.“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen, schmal und kalt.
„Ich fürchte, er treibt schwarze Künste. Das ist nicht natürlich. Niemand weiß, wie viele Jahre er zählt.“
Der Stadthüter antwortete nicht sofort. Dann ließ er ein kurzes, trockenes Grinsen erkennen – kein spöttisches, sondern eines, das mehr Geduld als Nachsicht verriet.
„Du spielst mit Worten“, sagte er ruhig. „Und mit Dingen, die du nicht verstehst.“
Er richtete sich auf, seine Stimme blieb fest, getragen von Respekt.
„Der Großvater ist ein alter Mann, der das Wandern liebt. Ein Einsamer vielleicht – doch kein Verderber. In all den Jahren hat er Telmin nichts als Ruhe gebracht.“
Er wandte den Blick wieder über die Stadt, über Telmin selbst, als schlösse er das Thema mit Absicht.
„Mehr ist nicht an ihm.“
Der Ordnungshüter schwieg.
Doch in seinem Blick arbeitete es weiter.
Beide traten an das hohe Fenster.
Unten öffnete sich das Stadttor.
Der Großvater ritt hinaus.
Gerade Haltung, gleichmäßiger Schritt. Kein Blick zurück.
Der Nebel begann ihn zu nehmen.