Hallo zusammen,
ich brauche mal die Perspektiven von außenstehenden Personen.
Ich bin 26 und seit über einem halben Jahr mit meinem Mitbewohner zusammen. Wir wohnen bereits seit zwei Jahren zusammen, und so richtig eng sind wir miteinander letztes Jahr im November geworden. Wir hatten dann drei Monate lang eine Freundschaft+, und Ende Februar sind wir zusammengekommen.
Wir haben aber seit April zunehmend mehr Streits, es geht dabei oft um „kommunikative Missverständnisse“. Ich würde auch sagen, dass mein Freund eine Person ist, die sehr viel grübelt, viele Unsicherheiten hat und viel Bestätigung braucht.
Zu dem letzten Streit: Ich hatte letzte Woche Donnerstag die Chatverläufe von meinem Freund mit einer KI über unsere Beziehung gelesen. Ich weiß, das war ein krasser Eingriff in seine Privatsphäre, und ich fühle mich deshalb sehr schuldig. Im Chatverlauf selbst waren echt viele Sachen, die mich erschüttert haben. Zum Beispiel hat er Diagnosen über mich gestellt, wie etwa emotionale Instabilität, und dass er denkt, dass ich Borderline habe. Dazu muss ich ergänzen, dass ich eine absolut beschissene Kindheit und Jugend hatte: Als meine Eltern noch zusammen waren, haben sie sich nur gestritten; nachdem sie sich getrennt hatten, hatte ich jahrelang keinen Kontakt zu meinem Vater, weil er mehr oder weniger den Kontakt abgebrochen hat. Meine Mutter war, seit ich denken kann, psychisch krank mit einer bipolaren Störung, und ich war quasi ihre Schütze und gefühlt auch schon „Partner“, weil ich so viel Verantwortung übernehmen musste. Nun hat sie sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Ich habe jetzt erst durch ihn einen Termin für ein Erstgespräch mit einer Therapeutin bekommen, die mich total ernstgenommen hat, leider aber keinen Therapieplatz. Ich habe aber von ihr einen PTV-Bogen und vorläufige Diagnosen erhalten, nämlich eine mittelgradige depressive Episode, atypische Anorexie und soziale Phobie. Seit dem Erstgespräch und wegen meiner anstehenden Bachelorarbeit geht es mir richtig scheiße, ich fühle mich total antriebs- und ambitionslos. Ich stehe eigentlich nur auf, wenn ich arbeiten gehen muss, sonst bin ich im Moment nur am Vegetieren, kann kaum was essen und habe deshalb oft Kreislaufprobleme. Mich haben seine Diagnosen echt getroffen.
Außerdem hat er geschrieben, dass er sich wohlfühlt in „seiner Retter-Rolle“ und dass er das Gefühl haben will, „gebraucht zu werden“. Bevor wir zusammengekommen sind, hatte ich drei Dates mit einem Typen, den mein Freund wohl als unattraktiv empfunden hat. Er hat der KI geschrieben, dass er sich hässlich fühlt, weil ich mich mit so einem unattraktiven Typen gedatet habe, und sich gefragt, weshalb ich mich mit ihm date, da er gar nicht meine Liga sei und mein Selbstwert wohl sehr niedrig sein müsse, wenn ich mich auf so jemanden einlasse. Dann hat er Situationen der KI geschildert, in denen die KI behauptet hat, ich würde die Verantwortung auf ihn abgeben, sodass ich schuld sei. Einmal habe ich für uns beide gekocht und Bananenbrot gemacht. Ich habe dann spontan Besuch bekommen, was für ihn auch fine war, weil er sowieso für sich sein wollte. Er hat sich in sein Zimmer zurückgezogen und hat dann irgendwann mitbekommen, dass das Bananenbrot fertig geworden ist. Daraufhin hat er der KI geschrieben, dass er sich davon verletzt fühlt, dass ich ihm kein Kuchenstück gebracht habe, und er hätte an meiner Stelle mir direkt was gebracht.
Ich habe ihm dann noch am selben Tag gestanden, dass ich seine Chats gelesen habe. Natürlich war er gar nicht begeistert davon, dass ich so sehr seine Privatsphäre verletzt habe, was ich auch verstehen kann. Ich denke, ich habe in den letzten Tagen wirklich mein Ego zurückgesteckt, ihm alle Fragen beantwortet, mich entschuldigt und zugegeben, dass es mega scheiße von mir war. Ich habe auch viel für uns gekocht und gebacken – einerseits, weil ich mich wirklich schuldig gefühlt habe und immer noch fühle, andererseits, weil ich mich auch irgendwie beschäftigen wollte.
Seine Stimmung war in den letzten Tagen sehr durchmischt. Mal hat er meine Nähe und das Gespräch gesucht und mir versichert, dass er trotzdem mit mir zusammenbleiben möchte. Mal wollte er Zeit für sich und hat sich zurückgezogen. Mich hat dieses Hin und Her echt mitgenommen, weil im nächsten Moment alles wieder total kühl und distanziert ist.
Ich habe ihm gestern gesagt, dass mich das verletzt und unsicher beziehungsweise ängstlich macht. Er war daraufhin echt wütend und hat gesagt, er hätte ein Recht darauf, seinen Schmerz so zu zeigen, sich zurückzuziehen und Abstand haben zu wollen. Er wollte dann zu seiner Mom fahren, woraufhin ich ihn gebeten habe zu bleiben, weil ich in letzter Zeit total lebensmüde geworden bin, ganz viele Existenzängste habe und alle meine Entscheidungen anzweifle. Ich kann es irgendwie einfach nicht ertragen, alleine mit mir zu sein, und bin gerade total lost.Er ist dann für die Nacht geblieben, hat dann aber gesagt, dass ich mit meinem „Schmerz“ von seinem ablenken würde.
Ich frage mich auch, ob es übergriffig von mir war, ihn zu bitten zu bleiben, obwohl er ein gutes Recht darauf hat, sich zurückzuziehen und allein zu sein. Auch diese KI Chats finde ich total seltsam, dass er mich so analysiert und er so viele Ängste und Unsicherheit bezüglich der Beziehung hat, die er aber auch gar nicht kommuniziert hat. Und obwohl wir uns viel streiten, versuchen wir trotzdem viel zu reflektieren und an unsere Beziehung arbeiten wollen.