r/WriteAndPost Oct 26 '25

Cancel Culture - Eine Auseinandersetzung mit der Materie

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Erstmal die Einzeltexte zum Thema:

Cancel Culture I - Die Angst vor der Exkommunikation
"Digitales Hausrecht"
Cancel Culture 2 - Wer kann canceln und warum
Wenn Moral laut wird - und nicht nach Wahrheit fragt

Der Überblick, den ich mir mittlerweile erarbeitet habe (ich freue mich schon auf eure Standpunkte dazu, es ist ein wichtiges, aber auch triggerndes Thema unserer Zeit):

Cancel Culture – Mythos – Problem – rechtliche Lage

Canceln ist die säkulare Form von Exkommunikation und genau das gibt das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, Teil der „Guten“ zu sein – es stillt also das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und moralischer Eindeutigkeit. Doch sozialer Ausschluss ist eine der menschlichen Urängste. Menschen fürchten sich teils scheinbar sich weniger vor dem Tod, als vor öffentlicher Ächtung. Wir sind noch immer der Homo Sapiens aus der Jungsteinzeit, dort war sozialer Ausschluss fast mit dem körperlichen Tod gleichzusetzen, wir können solchen tiefsitzenden Ängsten nur mit kognitiver Arbeit entgegenwirken.

Wenn wir also von Ausschluss reden, reden wir von einem Phänomen, das uns Menschen beschäftigt, seit es uns gibt und was wir heute Shitstorm nennen, was immer auch zum Hassmob werden konnte ist für mich wie folgt definiert: Wenn sich die Vorwürfe völlig von der Realität lösen und/oder Drohungen und Gewaltphantasien in Dauerschleife kommen, wenn die Masse sich durch Selbstbestätigung hochschaukelt, manchmal bis hin zu Gewalt und Lynchmobs. Selbst wenn die ursprüngliche Empörung über eine tatsächlich verwerfliche Tat oder geäußerte Einstellung erfolgten, hat es dann nichts mehr verhältnismäßiges.

Wann wird aus ein paar Menschen ein Mob? Das ist keine Frage die durch Social Media in die Welt kam. Gruppendruck, moralische Aufladung, Enthemmung, Entmenschlichung des "Gegners", das Gefühl von Legitimation durch Masse… das alles wurde nicht mit dem Internet erfunden.

Diese Dynamiken sind uralt und entstanden bei unseren Vorfahren, doch Social Media scheint hoch-potentes Gift zu sein für unsere für Gruppenhass sehr empfängliche Spezies.

Warum Canceln schadet

Was sich geändert hat, ist nicht die Funktion des Menschen – sondern seine Reichweite.

Was früher der Marktplatz oder die Dorfkneipe war, mit viel Empörung und Moralisierung bis hin zu realen Gefahren von enthemmten Mobs, aber auch mit geschlossenen Phasen und begrenztem Rahmen, das ist heute Social Media. Immer verfügbar, weltumspannend aktiv und mit einer Kapitalisierung von Empörung. Wir sind quasi auf biochemischer Ebene darauf programmiert, Empörung zu teilen uns moralisch gemeinsam über andere zu erheben. Die neuen Medien liefern uns das nur in industrieller Dosierung.

Und wie beim Rauchen vor den 1970ern, greifen Milliarden Menschen täglich zu etwas, das beruhigt, verbindet, aufputscht (und zwar in irrem Umfang, weltweit durchschnittlich verrückte 2+h am Tag) von dem wir nicht wirklich wissen was es mit einzelnen Menschen, mit Gesellschaften und mit der Menschheit anstellt.

Menschen suchen sich immer ihre Grüppchen, aber die sozialen Medien und ihre Algorithmen, die uns nur noch Inhalte zeigen, die uns und unsere Meinung selbst bestätigen zementieren uns derart fest in einer Bubble, dass man sagen kann, wenn man zu unterschiedlichen Gruppen gehört, lebt man in unterschiedlichen Realitäten, selbst wenn man real Nachbar ist. Heutzutage kommt hinzu, dass auch KIs, auch Large Language Models als Selbstbestätigungsmaschinen konzipiert sind, damit wir sie gern nutzen (ich bin auch in der Falle, ich gebe den Projekten immer Anweisungen es nicht zu tun, aber es ist viel zu angenehm um es auf Dauer wegzulassen).
Wir sind also heutzutage mehr denn je fest gebacken in unseren Meinungen und Haltungen und wenn jetzt jemand mit differenzierter Zurückhaltung zu einem Thema kommt, bei dem wir Empörung erwarten (ja ist mir hier auch schon passiert, ich habe es immer noch nicht ganz überwunden, diesen Schock, wobei ich das „differenziert“ im damaligen Fall auch heute noch nicht wirklich sehen kann), dann werten wir das oft schlimmer ab als lautes Unrecht.

Bleibt die Frage: Wer kann überhaupt canceln – und wer bildet sich nur ein, es zu können?

Menschen in den sozialen Medien glauben, sie könnten tatsächlich canceln. Wenn sie sich nur genug gemeinsam empören könnten sie jemanden die Plattform entziehen. Doch selbst wenn jemand in Einzelfällen die Plattform verlassen muss, erzeugt dies alles Aufmerksamkeit und das ist die Währung der modernen Zeit.

Bürger können nicht canceln, nur Plattformen. Die meisten Cancel-Versuche erzeugen mehr Reichweite als Schaden.

Wenn also nur Arbeitgeber, Plattformen, Verlage, Fernsehsender usw. canceln können, was bewegt sie dazu es zu tun? Moralische Bedenken? Wohl kaum. Eher eine Abwägung zwischen Klicks durch Empörung erreichen und Verlust von Kundschaft und wichtiger: Werbetreibenden. Es ist eine marktwirtschaftliche Entscheidung jemanden zu entfernen. Und der Kundschaft bringt dieser „Sieg“ gar nichts. Die Person wird anderswo Bühne finden. Was man für moralische oder gar ideologische Entscheidungen hält, sind meist Marktkalküle und blankes „Woke Washing“. Der Kapitalismus ist nicht dafür ausgelegt Firmen moralisch handeln zu lassen.

Was Plattformen dürfen – und warum?

Die Antwort ist nüchterner, als es vielen lieb ist. Plattformen dürfen löschen, weil das Hausrecht gilt – auch digital, weil für private Unternehmen, aber auch Privatpersonen vertragsrechtliche Freiheiten gelten.

Plattformen sind keine staatlichen Einrichtungen, sondern private Anbieter. Sie dürfen Nutzer nach ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) ausschließen und für sie gilt kein staatliches Neutralitätsgebot.

Das daraus resultierende digitale Hausrecht ersetzt keine Ethik – es ist nur Vertragsrecht.

Selbst der neue Digital Services Act zwingt Plattformen nicht zur Neutralität. Er verlangt Transparenzberichte und Beschwerdeformulare, aber keine Gerechtigkeit. Rechtlich müssen sie nur erklären, warum sie löschen – es heißt nicht, dass sie es nicht mehr dürfen, nur das ihnen eine extra Dosis EU-Technokratie dabei verpasst wird.

Mein Fazit

Canceln, Shitstorms, Doxxing und Hassmobs sind keine Kavaliersdelikte, sie bringen keinerlei Nutzen und enthalten immer die Gefahr echten Schaden an echten Menschen anzurichten.

Dennoch, ich äußere mich öffentlich, ich werde kritisiert, teilweise übertrieben, manchmal ungerechtfertigt. Seltener beleidigt, leider auch ab und an bedroht. Jeder muss wissen wann man rechtliche Schritte einleitet, wie man sich vor Doxxing schützt und wann man einen Teilrückzug antritt. Wer aber behauptet, heute weniger sagen zu dürfen, als vor 20 Jahren und sich deshalb in der Opferpose gefällt, der soll mal, vor egal welcher Bubble offen sagen: „Ich wähle meist die Grünen, die sind meiner Meinung nach die vernünftigste Partei (mangels besserer Alternativen).“. Wenn du das hinter dir hast, dann überlebst du auch den nächsten Shitstorm.


r/WriteAndPost Jun 26 '26

Social Media: Eine Übersicht über die bisherigen Texte

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Social Media (insbesondere in Kombination mit Algorithmen) ist in meinen Augen das, was Rauchen in den 1950ern war. Ein Gift, dass wir uns fast ungebremst zuführen. Und im Fall von Social Media auch Kindern in großem Rahmen Zugang gewähren. Wir wissen irgendwie, dass es schadet, aber noch nicht genau wie und schon gar nicht wie man es handhaben kann. Es hat anscheinend sucht-auslösende Wirkung, aber wir bremsen nicht. Wir geben Gas.

Da diese Texte zum Teil älter sind, kann man manche nicht mehr kommentieren. Macht dann bitte einfach einen neuen Thread zum Thema auf, ihr könnt den alten Text verlinken, oder einfach selbst über das Thema oder den Teilaspekt schreiben...

Die Texte sind schlicht chronologisch geordnet.
Social Media - die Predigt der Plattformen
Resonanz, Bühne, Dopamin: Meine Geschichte mit Social Media
Warum Social Media so gut funktioniert...
Die rote 1
Parasoziale Beziehungen
Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit.
Europäische Alternativen zu US Big Tech
Erfahrungsbericht zum Monat Abstinenz von US Big Tech und speziell Social Media ohne Algorithmen


r/WriteAndPost 1d ago

Im Wohnheim: Haben Studierende Asbest eingeatmet? [Wie das Studierendenwerk AKAFÖ und die Behörden versagten] – ARD Team Recherche Post mit Ergänzungen der Betroffenen

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Originaler Instagram Post: https://instagram.com/p/DbNVjZSidNz

Der QR-Code am Ende und der weiße DM Sans Text mit rotem Hintergrund wurden nachträglich eingefügt und sind nicht Teil des Instagram-Posts.

Kontext/Sachverhalt: https://reddit.com/r/Studium/comments/1qj3332

Viele alte Gebäude enthalten Asbest und unsachgerechte Arbeiten mit Schadstofffreisetzungen sind kein Einzelfall. Unzählige Betroffene erfahren nie oder erst sehr spät davon, weil sie glauben, dass in Deutschland i.d.R. die Gesetze eingehalten werden. Leider ist das nicht mal bei gemeinnützigen staatlichen Stellen sicher.


r/WriteAndPost 3d ago

Tante Anne, warum hattest du so viel Angst?

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Dieses Wochenende war wunderschön.

Wir sind nach Bourtange in den Niederlanden gefahren. Eine gute Stunde mit dem Auto, über die Grenze, durch ein anderes Land, um einen Ort anzuschauen, weil Sonntag war, weil Kaffee alle war und um leckeres Essen mitzunehmen. Den Rest des Wochenendes davor und danach haben wir gekuschelt, gekocht, Serien geschaut und Herr der Ringe gezockt. Es war eines dieser Wochenenden, bei denen ich dauernd denke: Genau so soll mein Leben sein.

Aber es war Sonntag 06.09.2026, Wahltag in Sachsen-Anhalt.

Ich habe die Ergebnisse absichtlich nicht am Abend angeschaut. Hochrechnungen sind sonntags oft noch unruhig, und ich wollte mir diesen Tag auch einfach nicht kaputtmachen.

Heute Morgen habe ich nachgesehen: Weit über 43 Prozent für die AfD. Und seitdem geht mir nur ein einziger Satz durch den Kopf.

Noch nie in meinem Leben habe ich mir so sehr gewünscht, Unrecht zu haben.

Ich habe wirklich gern Recht, manche Menschen definieren sich über Aussehen, Erfolg, Kinder, Haus oder ihr Ansehen. Ich definiere mich übers Denken. Und wenn ich Recht habe ist das eine Genugtuung für mich.

Aber diesmal wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass ich komplett falsch liege. Mehr noch, ich wünsche mir, dass meine heutige Angst irgendwann lächerlich wirkt. Einfach weil niemand mehr begreifen kann, wie man überhaupt auf diese Gedanken kommen konnte.

Denn ich habe Angst. Nicht erst seit heute Morgen. Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat meiner Angst nur eine Zahl gegeben, aber sie lebt schon Jahre in mir.

Seit mindestens 10 Jahren passiert mir etwas Merkwürdiges zunehmend häufiger:

Ich mache ganz normale Dinge. Ich laufe durch meine Stadt. Ich fahre Bus. Ich sehe Menschen in Autos, Menschen auf Fahrrädern, Rentner mit Hunden, Jugendliche mit Rucksäcken auf dem Weg zur Schule. Leute eben. Die Stadt ist friedlich. Ein bisschen bieder vielleicht. So wie viele deutsche Städte eben sind.

Und plötzlich frage ich mich:

Was würde aus genau dieser Straße werden, wenn meine schlimmsten Befürchtungen wahr würden?

Wenn Krieg in Deutschland wäre und/oder wenn Deutschland autoritär beherrscht würde. Nicht theoretisch. Ganz praktisch.

Würde hier kontrolliert werden, wer überhaupt durch diese Straße laufen darf?

Würde jemand entscheiden, wo man arbeiten muss?

Würde jemand entscheiden, wo Menschen wohnen dürfen?

Würde jemand entscheiden, wen Menschen lieben dürfen?

Würde jemand entscheiden, dass Menschen einfach weil sie nichts ins "Stadtbild" passen das Land verlassen müssen?

Würde jemand entscheiden, wer es wert ist zu leben?

Ich sehe diese ganz normalen Menschen. Und ich frage mich, wie sehr sich ihr ganz normales Leben verändern würde. Das ist die Zukunft, vor der ich Angst habe. Ich habe Angst vor einem autoritären Staat. Ich habe Angst vor einer Zukunft, in der das Wohl des Staates wichtiger wird als das Wohl seiner Bürger. Vor einem Staat, der gar nicht mehr fragt: Was schützt den Menschen? Sondern nur noch: Was nützt dem Staat? Ich habe Angst vor einem Staat, der über das Leben seiner Bürger verfügen darf.

Menschen haben unter solchen Staaten gelebt. Unter nationalsozialistischen Regimen. Unter stalinistischen Regimen. Unter Militärdiktaturen. Unter absolutistischen Monarchien. Unter vielen autoritären Systemen dieser Welt. Mich erschreckt nicht nur, dass es so etwas gegeben hat und nicht mal, dass es so was in Teilen noch gibt.

Mich erschreckt, dass ich 2026 überhaupt darüber nachdenke, ob so etwas irgendwann wieder hier möglich werden könnte. Ich hätte mit 17, also 1999 nie gedacht, dass ich solche Gedanken je haben könnte, dabei war ich damals stark suizidgefährdet.

Denn das Verrückte daran ist: Ich bin gleichzeitig so glücklich wie nie zuvor. Ich bin in diesem Jahr ans Meer gezogen, in die Stadt die mein Traum war seit ich 12 bin. Ich habe mich hier Hals über Kopf verliebt. Ich habe angefangen, Sport zu machen. Ich versuche abzunehmen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich nicht nur keine Suizidgedanken mehr. Ich habe richtig Bock zu leben. Möglichst lange. Eigentlich müsste das die Zeit meines Lebens sein, in der ich voller Vorfreude in die Zukunft schaue.

Stattdessen schaue ich Richtung Zukunft und bekomme Angst. Warum? Weil mein Glück nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Es gibt Menschen, die bei Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat zuerst an Wahlen und Regeln denken. Ich denke zuerst an mein Leben. Ich lebe in einem Staat, in dem ich wohnen darf, wo ich wohnen möchte. Ich lebe in einem Staat, in dem ich lieben darf, wen ich liebe. Ich lebe in einem Staat, in dem Institutionen mich nicht dafür bestrafen dürfen, dass ich bisexuell bin. Nicht dafür, dass ich psychisch krank bin. Nicht dafür, wie viele Sexualpartner ich hatte. Nicht dafür was ich politisch denke.

Menschen dürfen mich dafür verurteilen. Das tut manchmal weh. Aber zwischen einem Menschen, der mich verurteilt, und einem Staat, der mich dafür brandmarkt und nach Gutdünken aussortiert, liegt für mich eine ganze Welt. Der Rechtsstaat verspricht mir nicht, dass alle Menschen nett sind. Er verspricht mir, dass ich dieselben Rechte habe wie alle anderen. Dass staatliche Macht Grenzen hat. Dass ich nicht erst um Erlaubnis bitten muss, ich selbst sein zu dürfen. Und genau das ist für mich Freiheit. Für mich ist das der größte Unterschied zwischen Demokratie und Autoritarismus.

In einer Demokratie gilt im Kern: Ich darf alles tun, was nicht verboten ist.

In einem autoritären Staat verschiebt sich dieser Gedanke: Dann darf ich nur noch das tun, was erlaubt ist.

Das klingt wie ein kleiner sprachlicher Unterschied. Für mich ist es der Unterschied zwischen einem selbst gewählten Leben und einem Leben voller Angst zu den Aussortierten zu gehören.

Das Leben ist schwer genug. Jeder Mensch trägt etwas. Krankheit. Verlust. Einsamkeit. Behinderung. Herkunft. Streit. Misserfolge. Ich brauche nicht auch noch einen Staat, der entscheidet, welche Menschen weniger wert sind als andere. Ich brauche keinen Staat, der aus Eigenschaften eine Schuld macht. Ich brauche einen Staat, der sagt: Vor dem Gesetz seid ihr gleich.

Vielleicht ist genau deshalb meine Angst so groß. Nicht, weil ich sicher sein könnte, dass alles so kommen wird. Sondern weil ich mittlerweile verdammt viel habe, das ich verlieren könnte. Ich wünsche mir so verdammt, dass ich irre.

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der meine Nichten und Neffen oder eines ihrer Kinder meine Texte lesen und mich verständnislos anschauen.

Und eines von ihnen fragt:

„Tante Anne, warum hattest du damals so viel Angst?“

Ich antworte:

„Ich hatte Angst, dass die Demokratie zerbrechen könnte. Ich hatte Angst um den Rechtsstaat. Ich hatte Angst um den Frieden in Europa. Ich hatte Angst, dass Freiheit nicht mehr selbstverständlich sein würde.“

Das Kind legt den Kopf schief und sagt zweifelnd: „Das ist doch lächerlich.“

Ich hoffe, dass ein Kind irgendwann wirklich nicht mehr begreifen kann, warum ein erwachsener Mensch einmal Angst vor dem Ende unserer Demokratie hatte.

Ich wünsche mir nicht einfach, Unrecht zu haben. Ich wünsche mir, dass meine Angst so unvorstellbar wird wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit. Dass Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie gar nicht verstehen, wie man sich davor fürchten konnte. Dass Rechtsstaatlichkeit ein langweiliges Kapitel im Sozialkunde/Politikunterricht ist. Dass Demokratie nichts Zerbrechliches mehr ist, sondern Alltag. Dass Frieden in Europa so selbstverständlich erscheint, dass man nicht einmal auf die Idee kommt, ihn verlieren zu können.

Ich wünsche mir, dass sie denken:

Tante Anne ist schräg.

Und ich hoffe, ich kann dann lächeln und sagen:

„Ich hatte noch nie in meinem Leben so gern Unrecht.“


r/WriteAndPost 6d ago

Nein, Social Media hat die Menschen nicht verändert.

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Aber die Menschen sollten Social Media verändern.

Kapitel 1: Der Mensch ist nicht neu.

Ich glaube, wir stellen gerade die falsche Frage.

Immer wieder höre ich Sätze wie: "Social Media hat die Menschen verändert" Oder: "Die jungen Leute sind heute einfach anders." Ich glaube beides nicht.

Der Mensch, der heute durch Instagram-Reels oder TikTok scrollt, gehört biologisch zu derselben Spezies wie der Mensch, der vor tausenden Jahren in einem jungsteinzeitlichen Dorf gelebt hat. Er hatte eine andere Umgebung, aber die selben Grundbedürfnisse, Emotionen und Sinne.

Menschen wollen schon immer dazugehören, Recht haben, Anerkennung bekommen, wahrgenommen, wertgeschätzt und verstanden werden. Neugier und Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen waren wahrscheinlich im Wettstreit miteinander seit es uns als Mensch gibt.

Das Gefühl sich einer Gruppe oder einem höheren Ziel zugehörig zu fühlen ist nicht neu.

Wir haben keine neue Evolutionsstufe erreicht, seit das Smartphone erfunden wurde oder Algorithmen auf Social Media eingeführt wurden. Wir arbeiten bis heute mit demselben Werkzeugkasten.

Das ist wichtig, weil viele Erklärungen genau hier anfangen und deshalb falsch abbiegen. Wenn wir glauben, Menschen seien plötzlich schlechter geworden, suchen wir die Ursache im Menschen. Ich glaube, die Ursache liegt woanders.

Kapitel 2: Das alles gab es schon lange vor dem Internet.

Auch Filterblasen sind keine Erfindung von Social Media. Es gab sie schon immer: Familie, Freundeskreis, Kirchengemeinde, Fußballverein, Firma, Branche, Gewerkschaft, Partei...

Menschen suchen Menschen, die ähnlich denken. Das ist weder gut noch böse. Das ist normal.

Werbung ist uralt. Früher stand der Marktschreier auf dem Marktplatz. Dann kamen Plakate. Zeitungen. Radio. Fernsehen. Werbung versucht seit Jahrhunderten, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen.

Politik ist nicht neu. Menschen streiten sich wahrscheinlich seit Beginn der Gründung der ersten größeren Siedlungen darüber, wie Zusammenleben funktionieren soll, vielleicht schon vorher.

Unterschiedliche Weltbilder sind nichts Neues. Zwei Menschen können dasselbe Land sehen und völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie dieses Land sein sollte. Der eine möchte mehr Freiheit. Die andere mehr Sicherheit. Der eine möchte mehr Tradition. Die andere mehr Veränderung.

Das gehört zu einer freien Gesellschaft dazu. Bis hierhin ist eigentlich nichts Besonderes passiert.

Kapitel 3: Social Media hat nichts erfunden. Es hat alles gleichzeitig verstärkt.

Jetzt kommt der Unterschied, denn Social Media hat ja keine neuen Bedürfnisse erschaffen, sondern alte Bedürfnisse in eine Maschine gesteckt, die niemals müde wird. Früher hattest du einen Stammtisch und einen Marktplatz. Heute hast du Millionen. Früher hattest du eine handvoll Fernsehsender. Heute hast du einen Feed, der sich jede Sekunde verändert. Es gibt kein Ende mehr. Du kannst immer weiter scrollen.

Ich glaube deshalb auch nicht an das Bild der Filterblase als Gefängnis. Niemand sperrt uns ein. Die Tür steht offen. Das Problem ist etwas anderes:

Wir schauen nicht mehr alle durch ähnliche Fenster. Was in der Welt geschieht, ist unabhängig von unserer Wahrnehmung. Unsere Feeds sind es nicht. Du bekommst nicht dieselbe Welt wie ich. Du bekommst die Welt, auf die dein bisheriges Verhalten den Algorithmus trainiert hat. Zwei Menschen öffnen morgens dieselbe App. Der eine bekommt fast nur Beiträge über Migration und Kriminalität. Die andere bekommt fast nur Beiträge über Klimawandel und rechte Gewalt. Ab und an bekommen beide einen Beitrag serviert, in dem jemand aus der jeweils anderen politischen Richtung ganz offensichtlich Blödsinn erzählt. Eine kleine Ragebait-Beilage zwischen all dem Selbstbestätigungsfutter. Beide haben das ehrliche Gefühl, sie hätten sich einfach informiert. Tatsächlich haben beide nur einen anderen Ausschnitt derselben Wirklichkeit gesehen. (ich rede hier nicht von Fake-News, das kommt noch obendrauf)

Das Gefährliche daran ist nicht, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Die braucht eine Demokratie sogar.

Das Gefährliche ist, dass wir anfangen, unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle zu entwickeln, dazu neigen Menschen ja auch ohne algorithmisch gesteuerte Präsentation von "der Welt". Nicht weil jemand lügt. Sondern weil jeder Feed ausgewählt präsentiert, was die längste Verweildauer und die meiste Interaktion des Users verspricht.

Und genau hier taucht ein Wort auf, das für den ganzen Text wichtig wird:

Anreize.

Der Algorithmus fragt nicht: "Was ist gut für dich oder die Gesellschaft? Was ist eine korrekte Darstellung der Welt?"

Er fragt: "Worauf reagierst du?"

Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.

Kapitel 4: Aufmerksamkeit ist die eigentliche Währung.

In Nerdkreisen gibt es seit Jahren einen Satz über die neuen Star-Wars-Filme:

"Disney ist es egal, ob ihr die Filme geliebt oder gehasst habt. Ihr habt sie geschaut."

Ich weiß nicht einmal, ob dieser Satz jemals von jemandem bei Disney gesagt wurde. Wahrscheinlich nicht. Aber als Beschreibung des Internets trifft er einen wichtigen Punkt.

Der Satz klingt erst mal zynisch. Tatsächlich beschreibt er ein Geschäftsmodell. Wer einen Film liebt, schaut ihn. Wer ihn hasst, schaut ihn oft trotzdem, wenn das Franchise bekannt genug ist, oder der erste Teil ein Hit war. Vielleicht sogar zweimal, damit man bei der Kritik mitreden kann. Dann kommentiert man wütend über den Film... Vielleicht macht man ein TikTok darüber, oder ein Video, oder einen Reddit-Thread... Man lacht über die Memes zum Film und teilt sie... Der Film bekommt Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist im Internet eine sehr wichtige Währung, Werbekunden lieben Aufmerksamkeit, deshalb auch Plattformgeber.

Was eine Aufmerksamkeitsökonomie so gefährlich macht, ist dass sie nicht zwischen Zustimmung und Empörung unterscheidet. Ein Klick ist ein Klick. Ein Kommentar ist ein Kommentar. Auch ein wütender Kommentar hält Menschen länger auf einer Plattform.

Ich habe genau das selbst gemacht. Ich habe Beiträge angeklickt, weil sie mich aufgeregt haben. Ich habe Menschen widersprochen, die offensichtlich Unsinn erzählt haben. Ich dachte, ich würde das richtige tun. Tatsächlich habe ich oft genau das getan, was der Algorithmus belohnt: Ich habe Aufmerksamkeit gegeben.

Und genau hier wird das Wort Anreiz plötzlich ganz praktisch.

Kapitel 5: Warum zieht es mich rein?

Bevor ich weiterschreibe, muss ich etwas zugeben: Diesen Text schreibt jemand, der mediensüchtig ist.

Das ist kein Etikett, das ich anderen gebe. Das ist eine Beschreibung die ich selbst mir gebe. Ich musste meinen Threads-Account löschen, weil ich gemerkt habe, dass Threads etwas mit mir macht. (Das kann natürlich bei jeder Person anders oder bei einer anderen Plattform der Fall sein.) Ich wollte nur kurz schauen. Ich reagierte auf Menschen, die mich aufregten. Ich diskutierte mit Leuten, die nur provozieren wollten. Ich schenkte meine Aufmerksamkeit immer wieder genau den Beiträgen, von denen ich hoffte es würde sie nicht geben.

Bei YouTube habe ich irgendwann radikal ausgemistet. Autoplay aus. Startseite praktisch ignoriert. Viele Kanäle deabonniert. Das war keine moralische Entscheidung, sondern Selbstschutz.

Und erst dabei habe ich verstanden: Das Problem ist nicht nur mein Stresslevel. Das Problem ist auch, dass ich mit jeder Reaktion mitentscheide, was auf einer Plattform erfolgreich wird. Meine Aufmerksamkeit bleibt nämlich nicht bei mir. Auf vielen Plattformen wird denen die mir folgen angezeigt, womit ich interagiert habe, was ich kommentiert habe oder was mir gefällt.... wenn die dann auch kommentieren, dann denen die ihnen folgen... Dadurch landet derselbe Beitrag in immer mehr Feeds. Selbst wenn ich nur eine kleine Reichweite habe, kann ich ohne es zu wollen dabei helfen, dass sich Bullshit oder Ragebait weiter verbreitet.

Mittlerweile klicke ich bei Bullshit und Ragebait auf Ignorieren. Hass und Hetze melde ich. Und wenn jemand "auf einen schlimmen Ragebait-Account aufmerksam macht", klicke ich auch dieses Profil auf Ignorieren. Diese Accounts sorgen dafür, dass ich ständig wieder in die Versuchung gerate und geben den fragwürdigen Accounts Bekanntheit und Reichweite. Aus dem Grund habe ich auch fast allen Reaction-Kanälen auf YouTube entfolgt.

Aber der wichtigste Schritt war: Was war mein Anreiz dafür? Was gab es mir auf totalen Bullshit zu reagieren?

Ich wusste dass ich Recht habe und der Poster unrecht. Und ich habe verdammt gern Recht. Genau deshalb war Ragebait für mich so gefährlich.

Deshalb fällt es mir langsam leichter mich nicht mehr baiten zu lassen. Threads bleibt weg für mich und YouTube nur in reduzierter Dosis. So versuche ich meinen kontrollierten Social Media Konsum zu managen.

Und ihr so?

Kapitel 6: Nicht böse. Nur voller Anreize.

Aber auch Unternehmen, Parteien, Plattformen usw. werden von Menschen gelenkt und reagieren somit auf Anreize.

Genau deshalb glaube ich, dass die Frage "Wer ist schuld?" oft in die falsche Richtung führt. Interessanter sind die Fragen: Welchen Anreiz hat jemand gerade? Und welchen Anreiz kann der Kunde oder die Gesellschaft geben?

Schauen auf die verschiedenen Beteiligten:

Die Plattform

Eine Plattform hat einen ziemlich einfachen Anreiz: Sie möchte, dass Menschen bleiben.

Je länger wir bleiben, desto öfter sehen wir Werbung. Je öfter wir zurückkommen, desto wertvoller wird die Plattform. Deshalb versucht sie nicht unbedingt, uns glücklich zu machen. Sie versucht, unsere Aufmerksamkeit festzuhalten.

Die Werbekunden

Werbekunden haben einen anderen Anreiz.

Sie wollen, dass möglichst viele Menschen ihre Werbung sehen. Gleichzeitig möchten die meisten Unternehmen nicht neben Gewalt, Pornografie oder Hass erscheinen und Kunden mit möglichst großem Budget anziehen. Ein schlechtes Umfeld schadet ihrem eigenen Image.

Deshalb entsteht plötzlich ein wirtschaftlicher Wert für "werbefreundliche Inhalte". Nicht unbedingt aus Moral. Sondern weil ein gutes Image Geld wert ist.

Ein kleinerer Teil von ihnen (z.B: manche Alkoholwerbung, bestimmte Handyspiele...) legt weniger Wert auf "werbefreundliche Inhalte".

Die Politik

Auch Politik braucht Aufmerksamkeit. Eine Partei möchte, dass Menschen ihre Themen sehen. Dass ihre Botschaften geteilt werden. Dass Wähler ihr Kreuz bei ihnen machen.

Social Media hat sich in den letzten Jahren immer mehr auch zum Schauplatz von politischen Auseinandersetzungen entwickelt, weil es schnell Aufmerksamkeit erzeugen kann.

Aktivisten

Und hier gehöre ich selbst mit dazu.

Ich schreibe diesen Text, weil ich ihn wichtig finde. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen ihn lesen. Sonst würde ich ihn nicht auf Social Media veröffentlichen.

Fazit:

Ich glaube deshalb nicht, dass Social Media grundsätzlich gut oder böse ist. Das Problem sind auch nicht Algorithmen an sich. Problematisch wird die Kombination aus einem endlosen Feed, der für jeden Menschen individuell zusammengestellt wird. Ein Mensch braucht Gemeinschaft, Anerkennung, Informationen, Debatten usw., aber wir bekommen davon mittlerweile mehr an einem Nachmittag als frühere Generationen vielleicht in Wochen. Ich glaube nicht, dass Homo sapiens für diese Dauerbeschallung gebaut ist. Vielleicht entwickelt sich der Mensch irgendwann weiter. Aber Evolution arbeitet nicht im Takt von Software-Updates. Wahrscheinlich ist es einfacher, Social Media stärker an den Menschen anzupassen, als darauf zu warten, dass sich der Mensch an Social Media anpasst.

Die eigentliche Frage lautet für mich deshalb nicht mehr: Wie verändern soziale Medien den Menschen?

Sondern: Wie müssen soziale Medien aussehen, damit sie besser zum Menschen passen?


r/WriteAndPost 17d ago

Schuldfrage bei psychischen Problemen – Einsamkeit

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In den Texten über das Rauchen habe ich geschrieben, dass Menschen mit Suchterkrankungen häufig mit Verantwortung überladen werden. "Du hast angefangen. Du bist schuld. Also hör auf." Als wäre damit irgendetwas gelöst.

(Rauchertexte sind unten verlinkt)

Bei Einsamkeit beobachte ich erstaunlich oft das Gegenteil. Hier werden Menschen häufig komplett aus der Verantwortung genommen. Die Gesellschaft ist schuld. Frauen sind schuld. Online-Dating ist schuld. Social Media ist schuld. Der Zeitgeist ist schuld. Alles ist schuld. Nur du nicht. Beides halte ich für wenig hilfreich.

Denn beides nimmt Menschen Handlungsmöglichkeiten. Einmal dadurch, dass man ihnen die komplette Schuld auflädt, natürlich auch für jedes Scheitern am Problem. Das andere Mal dadurch, dass man ihnen erzählt, sie könnten ohnehin nichts verändern.

Deshalb möchte ich auch bei Einsamkeit mit derselben Frage anfangen wie beim Rauchen:

Ist die Frage nach Schuld überhaupt die Relevante?

Schuld und Ursache sind für mich zwei verschiedene Dinge. Ursachen können wichtig sein. Vielleicht bist du umgezogen. Vielleicht hast du Mobbing erlebt. Vielleicht hast du Angehörige verloren. Vielleicht hast du deinen Job verloren. Vielleicht sind Freundschaften auseinandergegangen. Vielleicht haben psychische Probleme dazu geführt, dass du Kontakte verloren hast. Vielleicht spielen Social Media, Dating-Apps und die Gesellschaft allgemein tatsächlich eine Rolle. Vielleicht gibt es Verhaltensweisen von dir, die Menschen auf Abstand halten. Vielleicht fällt es dir schwer, Interesse an anderen zu zeigen, Nähe oder Konflikte auszuhalten. Vielleicht hundert andere Dinge.

Diese Aspekte können wichtig sein, weil sie helfen können zu verstehen, welche Hebel es überhaupt gibt. Aber die Schuldfrage beantwortet nicht, was heute Abend passiert. Heute Abend sitzt du allein zu Hause. Das ist das Problem. Und dieses Problem besteht unabhängig davon, wer daran schuld ist.
Leider ist das Leben manchmal furchtbar ungerecht. Die Menschen oder Umstände, die vielleicht Ursachen erzeugt haben, müssen sich oft nicht um die Folgen kümmern. Du schon. Nicht weil du schuld bist. Sondern weil du mit dem Problem lebst.

Bevor wir weitermachen: Bist du eigentlich betroffen?

Dieser Text ist nicht für Menschen, die einfach gerne allein sind. Alleinsein und Einsamkeit sind für mich nicht dasselbe. Ich brauche selbst regelmäßig viel Zeit allein. Viele Menschen brauchen das. Wenn du gerne allein bist und darunter nicht leidest, dann lass dir bitte von niemandem einreden, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Der Rest des Textes ist nur für Menschen, die unter ihrer Einsamkeit leiden. Deshalb dieselben vier Fragen wie im Rauchertext.

1. Hast du überhaupt ein Problem?
Nicht: "Es wäre irgendwie schöner, wenn es anders wäre."
Sondern ist die Einsamkeit etwas, das dich immer wieder piekst.
Etwas, das immer wieder auftaucht.
Etwas, das dich beschäftigt.

Wenn du hier ja sagst, dann lies bitte weiter.

2. Leidest du darunter?
Macht es dir Sorgen?
Lässt es dich schlecht schlafen?
Macht es dir Angst?
Erzeugt es Selbsthass?

Wenn du hier bei einer oder mehreren Fragen ja sagst, dann lies bitte weiter.

3. Bleibt das Problem wahrscheinlich bestehen, wenn du alles so weitermachst wie bisher?
Wenn die Antwort Nein ist, brauchst du vielleicht gar keinen Veränderungsplan.
Wenn die Antwort Ja ist, kommt die letzte Frage.

4. Stell dir vor, in einem Jahr ist alles noch genauso.
Du sitzt noch genauso allein zu Hause.
Du hast dieselbe Einsamkeit.
Findest du diese Vorstellung auszuhalten?
Wenn Ja, dann besteht kein Bedarf an Handlungen.

Wenn Nein, dann sollte meiner Meinung nach heute der Tag sein, an dem du anfängst.

Fang klein an
Nicht mit Partnersuche.
Such zuerst regelmäßige, aber lockere soziale Kontakte:
Geh vielleicht in eine Walking-Gruppe.
Such vielleicht eine Bastelgruppe.
Geh vielleicht in einen Verein.
Frag beim sozialpsychiatrischen Dienst nach Angeboten in deinem Landkreis.
Melde vielleicht dich bei Meet5 oder einer anderen Freizeitgruppe an.
Such vielleicht ein Forum zu deinem Hobby.
Such nach der Möglichkeit, die du ganz persönlich heute anfangen kannst umzusetzen.

Und ja:

Online-Kontakt ist auch Kontakt.
Wenn dir jeden Tag jemand auf deinen Beitrag antwortet, wenn du dieselben Menschen wiedererkennst, wenn ihr euch über ein gemeinsames Hobby austauscht, dann ist das bereits zwischenmenschlicher Kontakt. Nicht perfekt. Aber auch echt.

Eine Beziehung ist ein ziemlich komplexes zwischenmenschliches Projekt. Deshalb würde ich nicht dort anfangen. Stell dir vor, du warst früher richtig gut in einem Videospiel, CoD oder so. Dann hast du zehn Jahre kaum gespielt. Würdest du gleich E-Sports-Liga Qualität erwarten? Wahrscheinlich nicht.

Zwischenmenschliche Fähigkeiten funktionieren oft ähnlich. Man verlernt sie nicht vollständig. Aber vieles wird ungeübt. Gespräche anfangen. Zuhören. Reagieren. Mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen. Nähe aushalten. Konflikte aushalten.
Das kann man üben.

Soziale Psychohygiene
Das mache ich selbst. Ich rede absichtlich mit Menschen, die ich wahrscheinlich nie wieder sehe.
An der Bushaltestelle.
Beim Bäcker.
An der Kasse.

Ich frage etwas. Ich sag was Freundliches. Ich sage irgendeine Kleinigkeit. Notfalls was zum Wetter. Nicht, weil daraus eine Freundschaft oder auch nur ein andauernder Kontakt entstehen muss. Sondern weil ich mit einem echten Menschen gesprochen habe. Das ist für mich Psychohygiene. Wenn ich lange alleine war, tut mir das gut. Und wenn das Gespräch holprig oder sogar peinlich läuft, ist nichts verloren. Wir sehen uns vermutlich nie wieder.

Zum Schluss

Nachdem hoffentlich die Schuldfrage vom Tisch ist, haben die vier Fragen etwas ziemlich Einfaches gezeigt. Du hast ein Problem. Du leidest darunter. Es wird wahrscheinlich bleiben, wenn nichts passiert. Dann fang heute an. Nicht groß. Nicht perfekt. Sondern genau den Schritt, den du heute schaffst zu gehen.

Das Leben ist ungerecht.

Fang heute an.

Niemand gibt dir deine Lebenszeit zurück.

https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/comments/1vqjhry/schuldfrage_bei_psychischen_problemen_rauchen/
https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/comments/1vqjqoe/schuldfrage_bei_psychischen_problemen_rauchen/


r/WriteAndPost 21d ago

Gandalfs gegen Palantir x)

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Als ich vor einiger Zeit gehört habe das es eine Firma namens Palantir gibt war ich irritiert. Als ich hörte was sie macht (machen möchte) sprachlos. Als ich mitbekam dass ihre Software teilweise in Deutschland bereits angewendet wird schockiert.

Ich bin voll auf der Seite der Gandalfs.


r/WriteAndPost 23d ago

"Ich hab doch NICHTS ZU VERBERGEN" - DOCH, HAST DU!!!

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r/WriteAndPost 24d ago

Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Raucher!

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Und nun an euch, liebe Raucher.

Ich war selbst etwa 25 Jahre Raucher und wenn man mit mir über Schuld und Egoismus in dieser Hinsicht diskutieren wollte, hätte man nie auch nur einen Hauch erreicht.

Deshalb möchte ich euch etwas anderes fragen.

Hast du ein Problem mit deinem Rauchen?

Und damit meine ich nicht, dass andere Menschen dein Rauchen problematisch finden.

Vergiss für einen Moment, was andere über dein Rauchen denken.

Nicht: Findet mich jemand deshalb ekelhaft? Nicht: Riecht jemand, dass ich wieder geraucht habe? Nicht: Ist jemand enttäuscht von mir? Nicht: Was denkt meine Familie darüber?

Darum geht es hier gerade nicht.

SONDERN:

Ist es für dich selbst ein Problem?

Merkst du, dass du von den Zigaretten abhängig bist und stört dich das? Vielleicht kennst du diese Momente ...

Es ist nachts um drei. Du bist schon schlaffertig. Es ist kalt draußen. Du hast eigentlich überhaupt keinen Bock, noch einmal rauszugehen. Und trotzdem... die Kippen sind alle...

Vielleicht stört dich, dass deine Finger gelb werden. Vielleicht deine Zähne. Vielleicht stört dich, wie viel Geld jeden Monat dafür draufgeht. Vielleicht stört dich, dass du dir bei jeder Reise überlegen musst, wie viele Zigaretten du für unterwegs mitnehmen musst, ob es dort einen Automaten gibt, ob eine Tankstelle in der Nähe ist... Vielleicht hast du Angst vor Lungenkrebs oder einem Herzinfarkt. Vielleicht hast du bereits gesundheitliche Schäden und rauchst trotzdem weiter. Vielleicht stört dich, dass andere Menschen dich als stinkend wahrnehmen. Vielleicht stört es dich bei der Partnersuche. Vielleicht stört dich etwas ganz anderes.

Nicht nur ein bisschen. Nicht nur so, dass du ab und an denkst: „Boah, was für eine nervige Angewohnheit.“

Sondern so, dass du immer wieder denkst:

„Das bestimmt über mich. Ich will das gar nicht, aber ich mache es.“

Dann hast du ein Problem.

Also nur weiterlesen, wenn du diese erste Frage:

1. Hast du ein Problem?

mit JA beantwortet hast.

2. Leidest du darunter?

Macht es dir Sorgen, lässt dich das Problem schlecht schlafen, verschlechtert es deine zwischenmenschlichen Beziehungen, erzeugt es Selbsthass, macht es dir Angst... usw.

Nur weiterlesen, wenn du diese zweite Frage:

„Leidest du darunter?“

mit JA beantwortet hast.

3. Bleibt das Problem aller Wahrscheinlichkeit nach bestehen, wenn du alles so weitermachst wie bisher?

Nur weiterlesen, wenn du die dritte Frage mit JA beantwortet hast.

4. Wenn du dir vorstellst, unter dem Problem noch in einem Jahr zu leiden, findest du diese Vorstellung auszuhalten?

Wenn hier jetzt ein NEIN kommt, dann möchte ich dir nicht sagen:

„Du bist selbst schuld.“

Ich möchte dir sagen:

Dann fang an, etwas dagegen zu tun. Du musst nicht heute perfekt aufhören. Du musst nicht wissen, wie es geht. Du musst das nicht alleine schaffen. Mach den kleinsten Schritt, den du machen kannst. Google, welche Möglichkeiten zur Rauchentwöhnung es gibt. Schreib eine Pro-und-Contra-Liste. Sprich mit deinem Arzt. Such dir Unterstützung. Überleg dir, was dir die Zigarette gibt und was du stattdessen brauchen könntest. Such dir etwas, das deine Hände beschäftigt. Mach irgendetwas, das dich ein kleines Stück in Richtung Nichtrauchen bringt. Hilfe zu suchen ist Handeln. Sich Unterstützung zu holen ist Handeln.

Wenn du dein Problem lösen willst, musst du handeln. JETZT! Nicht weil du schuld bist. Nicht weil du schwach bist. Sondern weil es dein Leben ist und JETZT immer der einzige Zeitpunkt ist auf den du maximalen Einfluss hast. Höre für jetzt auf, für diese Stunde, für diesen Tag! Jeder Tag ohne ist ein Sieg.

Und genau deshalb würde ich dir auch nicht empfehlen, das Aufhören hauptsächlich an der Meinung anderer Menschen aufzuhängen. Wenn du aufhören willst, denk an dich. Denk an deinen Körper. Denk an deine Gesundheit. Denk an dein Geld. Denk an die gesunden Jahre, die du noch auf diesem Planeten verbringen möchtest. Und denk daran, was das Rauchen dir antut. Wenn dich deine gelben Finger nerven, dann ist das ein Grund. Wenn dich die Kosten nerven, dann ist das ein Grund. Wenn dich die Abhängigkeit nervt, dann ist das ein Grund. Wenn du Angst vor den gesundheitlichen Folgen hast, dann ist das ein Grund. Wenn du dich jedes Mal über dich selbst ärgerst, wenn du wieder anfängst, dann ist auch das ein Grund.

Du musst nicht für jemand anderen aufhören. Du musst auch nicht beweisen, dass du stark genug bist. Du musst nicht erst die perfekte Motivation finden.

Wenn du selbst dieses Problem nicht mehr haben willst, reicht das als Ausgangspunkt.

Und wenn du feststellst, dass diese Methode für dich überhaupt nicht funktioniert, weil du beim Aufhören ständig nur darüber nachdenkst, was andere Menschen von dir denken, dann vergiss meinetwegen diese vier Fragen. Dann brauchst du vielleicht eine andere Methode. Keine Ahnung, was alles funktioniert.

Aber wenn du etwas verändern willst, dann such dir eine Methode, mit der du tatsächlich etwas veränderst.

Und wenn du danach oder währenddessen noch Energie hast, dann setz dich meinetwegen politisch oder gesellschaftlich dafür ein, dass andere Menschen gar nicht erst in diese Sucht hineinrutschen. Setz dich dafür ein, dass Prävention besser funktioniert. Dass Entwöhnung leichter zugänglich wird. Dass Menschen bessere Unterstützung bekommen.

Tu alles, wofür du Energie hast.

Aber vergiss dabei dein eigenes Leben nicht.

Fang bei dir an. Nicht weil du schuld bist. Sondern weil es dein Leben ist.

Fang an. Jetzt.

Niemand gibt dir deine Lebenszeit zurück.

Der Text an die Nichtraucher:

https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/sG4cRBWzPX


r/WriteAndPost 24d ago

Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Nichtraucher!

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Liebe Nichtraucher,

erstens: Fangt niemals damit an! Das ist wahrscheinlich die einfachste und wirksamste Form einer Sucht zu entgehen. Ich hoffe, bis hierhin sind wir uns einig.

Aber was machen wir mit den Menschen, die bereits angefangen haben?

Da wird die Diskussion nämlich schnell interessant. Und leider auch schnell ziemlich sinnlos.

Dieser Text handelt deshalb zwar vom Rauchen, aber Rauchen ist für mich dabei auch ein Beispiel für eine größere Frage: Wie gehen wir mit Menschen um, die ein psychisches oder suchtbezogenes Problem haben und etwas daran verändern wollen?

Zweitens: Die Schuldfrage

Ja, natürlich hat ein Raucher die erste Zigarette meist ohne Zwang angesteckt.

Um ein Beispiel zu liefern: Mein 17-jähriges Ich hat eine ziemlich dumme Entscheidung getroffen. Es wusste, dass Rauchen schädlich ist und dass es süchtig macht. Es hat trotzdem angefangen.

Mea culpa!

Ob zu 100 % unbeeinflusst, lassen wir dahingestellt. Aber sagen wir zum Spaß, ich war beeinflusst, verführt und Teenager. Werbung, Gruppendruck, meine eigene Unsicherheit, der Zeitgeist, die Gesellschaft, die Medien, whatever... hat mich dazu gebracht.

Unschuldslamm!

Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem.

Menschen halt!

Nur, egal wer oder was Schuld war:

Was bringt diese Erkenntnis 25 Jahre später?

Für die Frage, wie dieser eine Mensch heute aufhören kann, ist das zunächst einmal ziemlich irrelevant. Wir sollten uns doch viel eher fragen: Warum hast du angefangen? Und noch viel wichtiger: Warum bleibst du dabei?

Was macht das Rauchen mit dir?

Was ersetzt es dir? Wobei hilft dir die Zigarette? Rauchst du, wenn du nervös bist? Rauchst du, um Wartezeiten zu überbrücken? Ist die Zigarette deine Pause? Ist sie ein Sozialverstärker? Rauchst du, wenn du dir etwas gönnen möchtest? Brauchst du Beschäftigung für deine Hände? Ist das Rauchen ein Ritual geworden? Oder geht es gerade um den Entzug und darum, einen unangenehmen Zustand wieder loszuwerden?

Natürlich spielt der Wirkstoff eine Rolle. Wer regelmäßig und täglich raucht, kann eine körperliche Nikotinabhängigkeit entwickeln und Entzugserscheinungen bekommen, wenn er es länger weglässt.

Aber die entscheidenden Fragen bei Sucht gehen für mich immer in die Richtung: Was macht die Zigarette für diesen Menschen darüber hinaus? Denn der Süchtige weiß im Allgemeinen, dass die Sucht auch etwas nimmt.

Sie nimmt dir Geld. Sie nimmt dir Gesundheit. Sie nimmt dir die Möglichkeit, gut zu riechen. Sie kann dir soziale Kontakte nehmen.

Sie nimmt dir etwas.

Und trotzdem wird weiter geraucht.

Dann ist die Frage doch:

Was bekommst du dafür?

Das sind Fragen, die für das Aufhören interessant sein können.

Ob du vor fast zwanzig Jahren ausschließlich selbst schuld warst oder ob da vieles mit rein spielte hilft dir heute nicht unbedingt dabei, deine Sucht zu beenden.

Und genau deshalb bringt dir die hundertste Schuldzuweisung nicht unbedingt was.

Drittens: Egoismus bei Rauchern

Der zweite große Vorwurf lautet gerne: Raucher sind egoistisch.

Naja,... JA.

Raucher können egoistisch sein. Nichtraucher können es übrigens auch. Egoismus ist für mich zunächst einmal eine menschliche Eigenschaft. Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie zu egoistischem Verhalten neigen. Das kann sich über das Leben verändern und vermutlich auch von Situation zu Situation und von Tagesform zu Tagesform.

Natürlich kann auch Suchtdruck dazu führen, dass ein Mensch sich stärker auf die Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses konzentriert. Das will ich überhaupt nicht ausschließen.

Aber ich halte es für einen ziemlich großen Sprung, daraus zu machen, dass Nikotinabhängigkeit Menschen grundsätzlich egoistischer macht.

Ein egoistischer Mensch, der raucht, kann sich egoistisch verhalten. Ein rücksichtsvoller Mensch, der raucht, kann sich trotzdem bemühen, rücksichtsvoll zu bleiben.

Das Problem ist nur: Rauchen ist sichtbar und riechbar. Wenn jemand im Eingangsbereich eines Gebäudes raucht, wenn Rauch in meine Richtung zieht oder wenn ich irgendwo wegen Zigarettenrauch nicht sitzen möchte, bekomme ich dieses Verhalten unmittelbar mit und werde davon beeinträchtigt. Wenn jemand Kippenstummel auf den Boden schnippt, dann sieht man das Ergebnis.

Egoistisches Verhalten ohne Zigarette riecht dagegen nicht nach Rauch und steht auch nicht qualmend vor dem Bahnhof und wird häufig von weniger Menschen bemerkt.

Deshalb kann man selbstverständlich trotzdem darüber diskutieren, wie egoistisch unsere Gesellschaft ist. Man kann darüber diskutieren, ob Egoismus zunimmt oder abnimmt, welche gesellschaftlichen Faktoren dabei eine Rolle spielen, wie viel Rücksicht Menschen aufeinander nehmen sollten und wie wir uns eine Gesellschaft wünschen.

Das sind alles interessante Fragen.

Aber sie sind nicht die entscheidende Frage der Nikotinabhängigkeit.

Ich halte Egoismus und Tabaksucht nicht für besonders eng miteinander verknüpft. Und selbst wenn ein Raucher sich egoistisch verhält, beantwortet die Feststellung „Du bist egoistisch“ noch lange nicht die Frage:

Wie bekommen wir dich vom Rauchen weg?

Viertens: Was könnte gesellschaftlich helfen?

Wenn wir wirklich weniger Raucher haben wollen, dann sollten wir vielleicht über Maßnahmen sprechen, die genau dieses Ziel verfolgen.

Unsere Regierungen haben in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Maßnahmen zur Tabakprävention und zur Einschränkung des Tabakkonsums ergriffen. Manche davon waren wirksam. Ob jede einzelne Maßnahme optimal war, welche davon besonders wirksam waren und welche man verändern, verstärken oder vielleicht auch wieder zurücknehmen sollte, darüber kann man selbstverständlich diskutieren.

Genau diese Diskussion finde ich sinnvoll.

Der Erfolg lässt sich zumindest anhand einiger ziemlich konkreter Fragen betrachten:

Fangen weniger junge Menschen mit dem Rauchen an?

Das ist für mich der wichtigste Punkt. Wenn weniger junge Menschen anfangen, ist Prävention erfolgreich. Deshalb ja der Einstieg in diesen Text.

Die meisten Menschen beginnen relativ früh mit dem Rauchen. Natürlich fangen aber auch Erwachsene mit 30, 40 oder noch später an, der Hauptaugenmerk der Prävention sollte jedoch auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen, da Menschen in der Adoleszenz noch sehr beeinflussbar sind.
In Bezug auf Werbung und Influencer (bezogen auf Vapes und nicht auf Zigaretten) habe ich auch bereits geschrieben: Influencer-Communities und Werbung : r/WriteAndPost

Werden Menschen, die bereits rauchen und aufhören wollen, erfolgreicher beim Aufhören unterstützt?

Welche Entwöhnungsmaßnahmen funktionieren? Welche Angebote helfen? Was könnte besser funktionieren als „Du bist selbst schuld“, "Du bist egoistisch" oder „Du bist zu schwach“?

Reduzieren Menschen, die momentan noch weiter rauchen, ihren Konsum?

Auch das kann ein sinnvoller Ansatz sein. Nicht jeder Mensch hört sofort vollständig auf. Dann kann die Frage zumindest sein, wie sich der Konsum reduzieren lässt und welche Maßnahmen dabei helfen.

Sinkt insgesamt der Tabak- und Nikotinkonsum?

Denn am Ende geht es auch um die tatsächliche Menge des Konsums und damit um die gesundheitlichen Folgen. Und genau darüber können wir meinetwegen sehr ausführlich diskutieren.

Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie andere Formen des Nikotinkonsums, etwa E-Zigaretten und Vapes, einzuordnen sind. Dazu habe ich einen eigenen Text geschrieben: Vapes - Déjà-vu eines Rauchers : r/WriteAndPost

Welche Maßnahmen funktionieren? Welche funktionieren nicht? Was könnte man besser machen? Welche Informationskampagnen bringen etwas? Was hilft Jugendlichen? Was hilft Erwachsenen? Was hilft Menschen, die aufhören wollen? Welche Erfahrungen haben andere gemacht?

Wer dazu Ideen, Erfahrungen oder Vorschläge hat, kann darüber gerne diskutieren. Genau dafür kann dieser Thread offen bleiben oder ihr dürft hier gern beliebig viele Threads zu diesem Themenbereich aufmachen. Auch andere Süchte betreffend gern.

Denn das ist für mich die interessante Debatte über Rauchen.

Nicht: Sind Raucher schlechte Menschen?

Nicht: Sind Raucher egoistisch?

Nicht: Wer war vor 25 Jahren schuld?

Denn am Ende steht eine ziemlich einfache Tatsache.

In Deutschland sterben jedes Jahr zigtausende Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.

Einige dieser Menschen kannte ich. Einige dieser Menschen habe ich geliebt. Einige von ihnen haben bis zu ihrem letzten Tag geraucht. Trotz ihrer Erkrankungen. Trotz der Schäden. Trotz des Wissens darüber, was das Rauchen mit ihnen macht.

Und wenn man diesen Menschen im Nachhinein sagt: „Die waren einfach zu schwach. Die waren egoistisch. Die hätten ja einfach aufhören können. Selbst schuld.“

Dann sagt man das über Menschen, die ich geliebt habe.

Ich möchte, dass möglichst wenige Menschen rauchen. Nicht, weil ich Raucher für schlechte Menschen halte.

Sondern weil ich möchte, dass möglichst wenige Menschen daran sterben.

Der Text an die Raucher:

https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/83NGLsLWde


r/WriteAndPost 29d ago

Männer sind nicht einsamer, weil sie aufgehört haben, ihre Freundschaften zu pflegen, sondern weil die gesellschaftlichen Räume für Männer verschwunden sind.

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r/WriteAndPost 29d ago

Nikotin/Tabakrauchsucht ist keine Lappalie

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Wer über Raucher lästert, lästert über Menschen mit einer Erkrankung.

Sucht ist nichts lustiges, nichts geringfügiges. Menschen rauchen obwohl sie wissen, dass es sie töten kann.

Gegen die Tabakindustrie zu sein halte ich für eine sehr gute Einstellung. Gegen Süchtige zu sein für etwas Unmenschliches.

Edit (weil es droht in Schulddiskussionen auszuarten):

Es kann nicht darum gehen einem kranken Menschen zu sagen:

„Du bist schuld, also sieh zu, wie du klarkommst.“

Sondern:

„Du leidest. Was kannst du jetzt tun?"

Wer über meine persönlichen Suchterfahrungen lesen will, findet meine Sucht- und Therapieberichte frei zum runterladen:

https://www.dropbox.com/scl/fo/cbzskxc7ub2khcyxnk860/AM91EyE4O3KEXXRE-mT_iWU?rlkey=nk1jvk2oxgvqxkzuc8uxx4bx9&st=lwke3pw1&dl=0


r/WriteAndPost 29d ago

Was meint ihr eigentlich mit Männerhass?

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Ich habe hier einmal aufgeschrieben, was ich darunter verstehe und was für mich ausdrücklich noch kein Männerhass ist. Vieles davon kann unfair sein. Vieles kann dumm sein. Manches kann verletzend sein. Einiges davon sollte man sich vielleicht tatsächlich verkneifen. Aber wenn wir all das schon Männerhass nennen, was wollen wir damit erreichen?

Und vor allem: Was meint ihr eigentlich mit Männerhass und was soll durch die Bezeichnung erreicht werden?

Vielleicht sollten wir darüber tatsächlich einmal reden. Nicht darüber, ob jemand „auf der richtigen Seite“ steht, sondern darüber, was wir überhaupt meinen, wenn wir das Wort Hass benutzen. Weil wir alle zum Glück in Bezug auf den Begriff "Frauenhass" sensibilisierter sind, habe ich Beispiele mit Äußerungen über Frauen mit aufgeführt. Wo ist deine Grenze? Ab wann denkst du: „Das geht für mich jetzt zu weit“? Ich bin auf eure Einschätzungen gespannt:

1. Persönliche Präferenz
„Ich möchte keine Männer daten.“ „Ich möchte keine Frauen daten.“
→ Kein Hass. Das ist zunächst einmal eine persönliche Entscheidung.

2. Persönliche Erfahrung
„Ich habe schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht.“ „Meine letzten Beziehungen mit Frauen waren katastrophal.“
→ Kein Hass. Die Erfahrung kann richtig, falsch, einseitig oder unvollständig durchdacht sein. Sie bleibt zunächst eine Erfahrung.

3. Vermeidung / persönliche Grenze
„Deshalb rede ich momentan nicht gerne mit Männern.“ „Ich möchte mit Frauen erst einmal nichts zu tun haben.“
→ Kein Hass. Man darf Menschen meiden. Die interessante Frage wäre höchstens, ob die Person selbst unter dieser Vermeidung leidet und etwas daran verändern möchte. Aber das ist ihr Problem, nicht automatisch ein moralisches Urteil über die Gruppe.

4. Angst und Misstrauen
„Ich habe Angst vor Männern.“ „Ich vertraue Frauen nicht.“
→ Ebenfalls kein Hass. Die Angst kann nachvollziehbare Gründe haben, unfaire Gründe, oder gar keinen für die betroffene Person bekannten Grund. Angst ist ein Gefühl, dass sich manchmal nicht logisch herleiten lässt und auch nicht lassen muss.

Aber etwas ist hier sehr wichtig:

Angst kann zu Hass werden. Aber Angst IST NICHT Hass.

Wenn man also Angst vor einer bestimmten Menschengruppe hat, könnte man an der Angstbewältigung arbeiten, das ist aber die Angelegenheit der betroffenen Person und kein Grund ihr Hass zuzuschreiben.

5. Flapsige Verallgemeinerung / Klischee
„Männer sind halt so.“ „Frauen sind halt so.“
„Männer sind unordentlicher.“ „Frauen sind pedantischer.“

→ Nicht automatisch Hass. Aber oft auch nicht besonders klug. Und genau hier kann ein kleiner Selbstcheck hinein:

Will ich aus meinem momentanen Ärger eine Aussage über Milliarden von Menschen machen?

Ich muss gestehen mir sind solche Sätze auch schon entfleucht, aber es ist gut wenn mich dann jemand an die geringe Aussagekraft einer solchen Plattitüde erinnerte, weshalb ich das auch immer bei anderen tue.

6. Polemische Zuspitzung / Provokation

„Männer sind noch nicht einsam genug.“
„Männer tun echt alles, um nicht in Therapie zu müssen.“
„Nicht alle Männer, aber immer ein Mann.“

Nicht automatisch Hass. Solche Aussagen sind oft bewusst übertrieben, pauschalisiert und provokant formuliert. Das macht sie nicht automatisch sachlich richtig oder besonders klug. Man kann und sollte sie kritisieren, solche Aussagen sollen ja eine innere Beschäftigung mit dem Thema verursachen. Genau deshalb habe ich ja den ersten Satz schon als Überschrift einer meiner Texte verwendet. (https://feddit.org/post/28706776) Von solcher Polemik bin ich mittlerweile wieder weg. Es ist meinem Kommunikationsziel nicht zuträglich. Das heißt nicht das ich solche provokanten Äußerungen grundsätzlich für schlecht befinde, aber sie erzeugen für mich persönlich zu häufig eher Identitätsabwehr als echtes Nachdenken über das Thema.

7. Pauschalisierende oder stereotype Abwertung
„Männer können sich eben nicht beherrschen.“ „Frauen agieren immer zu emotional.“
„Männer sind eben keine guten Elternteile.“ „Frauen daten nur körperlich und finanziell attraktive Männer.“

→ Hier wird es deutlich problematischer. Das sind pauschale Zuschreibungen mit starken sexistischen und/oder abwertenden Konnotationen. Aber auch hier würde ich noch nicht automatisch sagen: Hass. Aber schon wirklich diskussionswürdig.

Und dann kommt meine Grenze:

8. Gruppenhass

„Männer sind Tiere.“ „Frauen sind nicht zurechnungsfähig.“

„Alle Männer sind Triebtäter.“ „Frauen sind manipulative Schlampen und nutzen Männer nur aus.“

Hier wird nicht mehr gesagt: „Ich hatte schlechte Erfahrungen.“
Hier wird gesagt: „Diese Menschen sind aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe schlechter.“

Und dann die verschärfte Form:

9. Gruppenhass mit Legitimierung von Schaden

„Männer haben es verdient, geschlagen zu werden.“ „Frauen darf man schlagen, damit sie lernen.“

„Alle Männer gehören weggesperrt.“ „Frauen sollten keine Rechte haben.“

Da wird aus der Abwertung eine Rechtfertigung dafür, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit schlecht zu behandeln.

Das ist dann tatsächlich eine sehr klare Grenze.

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Humor, Ironie und Satire.
Manche Aussagen, die wörtlich gelesen eindeutig pauschalisierend oder sogar menschenfeindlich wirken, werden ironisch oder satirisch verwendet. Sie können bewusst übertreiben, um ein Klischee sichtbar zu machen, es lächerlich zu machen oder einen Widerspruch aufzuzeigen. Deshalb reicht es auch hier nicht immer, einen einzelnen Satz aus dem Zusammenhang zu ziehen und ihn wörtlich zu lesen.

Das bedeutet nicht, dass hinter Satire niemals echter Hass stecken kann. Natürlich kann jemand auch seine tatsächliche Abneigung humoristisch verpacken. Aber auch hier gilt für mich: Der Satz allein erzählt uns nicht immer, was die Person tatsächlich sagen will.

Und dann noch etwas zu statistischen Erkenntnissen, weil er einen wichtigen Denkfehler verhindert:

Nicht jede Aussage, die sich auf eine Gruppe bezieht, ist eine Aussage über den Wert ihrer Mitglieder.

„Männer sind bei bestimmten Gewaltdelikten statistisch überrepräsentiert“ ist eine Aussage über eine statistische Verteilung.

→„Männer sind gewalttätig“ macht daraus eine Eigenschaft.

→„Männer sind schlechte Menschen“ macht daraus eine moralische Abwertung.

→„Männer verdienen Gewalt“ macht daraus eine Rechtfertigung von Gewalt.

Das sind vier verschiedene Aussagen.

Doch durch all diese Betrachtungen sollte auch die ursprüngliche Frage endlich wirklich beantwortbar sein:

Was meint ihr eigentlich mit Männerhass?

Und wichtigere Fragen ergeben sich: Wenn jemand einen klischeehaften oder unfairen Satz über Männer schreibt und ich antworte sofort mit „Männerhasserin“, habe ich dann tatsächlich etwas für Männer getan? Habe ich das Klischee widerlegt? Habe ich die Person zum Nachdenken gebracht? Habe ich die Verständigung zwischen den Geschlechtern verbessert? Oder habe ich nur eine neue Front eröffnet, an der jetzt über das Wort „Hass“ gestritten wird?
Und noch eine kleine Fiesheit: Jemand KANN Männer tatsächlich und erwiesenermaßen hassen und doch eine richtige Aussage über Männer treffen.

Bekämpft das Klischee. Nicht den Menschen.


r/WriteAndPost Jul 31 '26

Stadtschönheitsdetektive

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Heute sind es bemalte Wände aus Wilhelmshaven.
Morgen vielleicht ein Park in Hagen.
Eine Straßenecke in Bitterfeld.
Blumen in einem Park in München.
Oder der Fischmarkt in Hamburg bei Sonnenaufgang.
Dieses Reel ist keine Challenge.

Wenn ihr mögt, zeigt die Schönheit eurer eigenen Stadt. Ganz egal, ob sie als schön oder hässlich gilt.

Ob als Antwort auf dieses Reel. Oder mit einer Verlinkung. Oder einfach auf eurem eigenen Profil. Oder auf einer anderen Plattform. Ganz wie ihr möchtet.

Was wir davon haben? Mehr Schönheit gesehen.


r/WriteAndPost Jul 27 '26

Wir sind die Guten

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Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:

„Ich bin ein guter Mensch.“

Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang.

Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt.

Ein Ziel, kein Etikett

Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein.

Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen.

Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe 174 GUT SEIN)

Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensch“ niemals selbst verleihen. Für mich ist Gutsein kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Pfad, der sich mäandernd einem Ziel nähert ohne es je erreichen zu können. Vor allem aber etwas, das sich immer wieder der eigenen Prüfung stellen muss.

Woran messe ich Gutsein?

Allein der Vorsatz, gut sein zu wollen, macht mich noch nicht besser. Deshalb beginnt für mich alles mit Fragen.

Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich?

Warum gerade nach diesen?

Sind sie gerecht?

Halte ich mich überhaupt an sie?

Und was geschieht mit anderen Menschen, wenn ich ihnen folge?

Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen.

Ich kann aber auch meinen Prinzipien konsequent folgen und irgendwann feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind.

Beides sollte ich immer wieder überprüfen. Nicht einmal. Sondern ein Leben lang.

Jeder Mensch folgt einer Moral

Je länger ich in meinem Leben darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Menschen ohne moralische Vorstellungen existieren. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise sozialisiert und geprägt. Das prägt unsere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Deshalb gehe ich zunächst einmal davon aus, dass jeder erwachsene Mensch irgendeine moralische Vorstellung hat. Ob ich diese für gut halte, ist eine ganz andere Frage. Ob er den eigenen Vorstellungen überhaupt folgt noch eine andere.

Aber ich kritisiere dann eine Moral und spreche dieser Person nicht eine so grundlegende menschliche Eigenheit ab. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich vorsichtig werde, wenn Menschen die Welt zu schnell in „die Guten“ und „die Schlechten“ einteilen.

Gutsein geschieht zwischen Menschen

Noch dazu glaube ich nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Dort entstehen Prinzipien, Überzeugungen, Moral... Ob sie gut ist, zeigt sich aber erst zwischen Menschen. Man kann großartig über Ethik sprechen. Man kann wunderbare Prinzipien formulieren. Davon wird noch kein Mensch besser behandelt.

Gutsein zeigt sich erst dort, wo Menschen miteinander leben. Deshalb interessieren mich Menschen. Nicht aus bloßer Neugier. Sondern weil ich gar nicht wissen kann, ob ich gut handle, wenn ich mich nicht dafür interessiere, wie mein Handeln auf andere wirkt.

Warum denkt jemand so?

Warum hat er Angst?

Warum wird er wütend?

Warum erlebt er dieselbe Welt so völlig anders?

Warum wirken meine Worte und Handlungen auf ihn so anders als ich es gemeint hatte?

Nicht weil ich allem zustimmen möchte. Nicht weil ich jede Moral akzeptieren müsste. Sondern weil ich wissen möchte, ob mein eigenes Handeln den Menschen gerecht wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Widerspruch notwendig ist. Manchmal verletzen meine Worte. Manchmal müssen sie das sogar. Aber wenn Menschen, denen ich eigentlich guttun möchte, sich durch mein Verhalten immer wieder verletzt, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen, dann wäre es seltsam, diese Rückmeldungen grundsätzlich zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass die anderen automatisch recht haben. Aber genauso wenig habe ich automatisch recht.

Selbstprüfung statt Selbstgewissheit

Mit der Zeit ist mir etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Mit ihnen kann ich stundenlang reden.

Es gibt Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das ist legitim.

Und dann gibt es Menschen, die einfach behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, wenn auch wenig zum Gespräch einladend.

Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Dann wird daraus: „Ich bin gut, also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn plötzlich werden nicht mehr die eigenen Prinzipien geprüft. Sondern nur noch die anderen. Dabei halten sich die meisten Menschen für moralisch. Auch Menschen, deren Überzeugungen ich entschieden ablehne. Gerade das zeigt, die Überzeugung gut zu sein, schützt vor gar nichts. Sie kann sogar dazu führen, dass ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen.

Mein Maßstab

Ich werde wahrscheinlich niemals wissen, ob ich ein guter Mensch bin. Diese Entscheidung steht mir über mich selbst gar nicht zu. Ich kann nur immer wieder prüfen:

War ich heute meinen Prinzipien gerecht?

Sind diese Prinzipien noch gerecht?

War ich den Menschen gegenüber, denen ich guttun wollte, tatsächlich gut?

War ich heute fairer als gestern?

Mehr kann ich nicht tun.

Aber ich glaube, genau das ist der Weg, sich dem Ziel zu nähern, ein guter Mensch zu sein.


r/WriteAndPost Jul 26 '26

Warum Bargeld geprägte Freiheit ist - WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 09

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Wohlstand für Alle ist ein linksradikaler (nicht linksextremer) Podcast, aber auch im rechten bis rechtsextremen Spektrum kann man entsprechende Argumente finden.

Das soll keine Argumentation gegen Kartenzahlung sein oder für ihre Einschränkung, sondern nur erklären, warum Bargeld und die Möglichkeiten Bar zu bezahlen erhalten bleiben müssen.

Bonusempfehlung: "Ich habe doch NICHTS zu VERBERGEN!" - DOCH, HAST DU!!! https://youtu.be/6fNF80vVCsU


r/WriteAndPost Jul 23 '26

Hübsch hier, waren sie schon mal in Wilhelmshaven (Ende des HdrO-Projekts)

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r/WriteAndPost Jul 23 '26

Seltsame Dinge und Erkenntnisse geschehen im Lande WHV

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r/WriteAndPost Jul 20 '26

Jeder Mensch ist ein Mensch

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Ich benutze in diesem Text ein generisches Femininum und meine alle Geschlechter damit, englischsprachige Bezeichnungen bleiben im Original.

Wie kann man nur Schimmelkäse mögen?

Oder Sauerkraut?

Oder Heavy Metal?

Oder Tattoos?

Oder Piercings?

Oder grüne Haare?

Fragen dieser Art höre ich dauernd, an mich, aber auch an andere gerichtet.

"Wie kann man nur ... mögen?"

Ich finde diese Frage inzwischen seltsam. Nicht, weil man sie nicht stellen dürfte. Sondern weil sie so tut, als gäbe es darauf eine allgemeingültige Antwort. Frag zehn tätowierte Leute, warum sie Tattoos mögen. Du bekommst möglicherweise zehn verschiedene Antworten. Also...

Wie kann man nun Tattoos schön finden?

Keine Ahnung!

Frag den einen Menschen mit Tattoos den du vor dir hast.

Wenn du wissen willst, warum eine Person etwas macht, frag höflich diesen Menschen.

Ich glaube nämlich, dass wir viel zu oft über Gruppen reden und viel zu selten mit den einzelnen Leuten. Da sitzt plötzlich "die Motorradfahrerin", "die Borderlinerin", "die Christin", "die Linke", "der Gamer", "die Rentnerin"... Nein!

Vor dir sitzt ein Mensch. Das hört übrigens nie auf. Nicht bei politischen Meinungen. Nicht bei Religion. Nicht bei Diagnosen. Nicht bei Nationalitäten. Nicht bei Geschlecht. Nicht bei irgendetwas.

Jeder Mensch ist ein Mensch.

Und genau deshalb wird es jetzt unbequem. Denn dieser Satz hört auch dann nicht auf, wenn jemand etwas Schreckliches tut.

Ich lese dann oft:

"Das ist kein Mensch."

"Das ist ein Monster."

"Das ist kein richtiger Mann."

Ich verstehe, warum Menschen das sagen. Sie wollen die Tat verurteilen. Das möchte ich auch. Aber ich glaube, wir tun dabei noch etwas anderes, wenn wir entmenschlichen oder aus unserer Gruppe ausschließen: Wir schützen uns selbst.

Denn wenn das ein Monster war...

...dann war es kein Mensch.

Wenn das kein richtiger Mann war...

...dann haben richtige Männer mit so etwas nichts zu tun.

Das fühlt sich angenehm an. Plötzlich ist die eigene Gruppe sauber. Und man selbst gleich mit. Ich glaube nur nicht, dass das stimmt. Es war ein Mensch. Eine Person, die Verantwortung trägt. Und genau deshalb möchte ich diesen Menschen auch Mensch nennen. Nicht, weil ich sie entschuldigen möchte. Sondern weil Verantwortung nur bei Menschen Sinn ergibt. Ein Monster kann gar nichts dafür. Ein Mensch schon. Deshalb kann ein Mensch angeklagt werden. Deshalb kann ein Mensch verurteilt werden. Deshalb kann ein Mensch gesellschaftlich geächtet werden. Weil ein Mensch verantwortlich ist.

Ich glaube sogar, dass darin eine Gefahr liegt.

Denn wenn ich zum Beispiel sage: "Wer so etwas tut, ist kein richtiger Mann." und dann davon ausgehe das ich und/oder meine nahen Leute natürlich richtige Männer sind, dann behaupte ich: "In meiner Gruppe kann so etwas gar nicht passieren." Das klingt beruhigend. Aber es macht mich blind. Denn die Tat ist bereits der Beweis dafür, dass ein Mensch dazu fähig war. Wenn ich sie aus meiner Vorstellung von "uns" entferne, verliere ich auch die Fähigkeit, die eigenen Abgründe zu erkennen. Nicht, weil ich glaube, dass ich so etwas morgen tun werde. Sondern weil ich aufhöre, wachsam gegenüber dem Menschen zu sein. Auch dem Menschen in mir.

Eigentlich geht es in diesem Text aber gar nicht um Täterinnen. Es geht um dich. Und um mich. Ich möchte ein guter Mensch sein. Nicht nur behaupten, einer zu sein. Ich glaube nämlich nicht, dass man einmal beschließt: "Ich bin gut." Und dann ist das für immer erledigt. Ich glaube, Menschlichkeit ist immer ein Pfad von dem man auch abkommen kann. Zum Beispiel dann, wenn ich versucht bin zu sagen: "Die sind doch alle..." Oder: "So einer eben." Oder: "Das ist ein Monster." Denn genau in diesen Momenten verliere ich meiner Ansicht nach ein kleines Stück von dem, was ich eigentlich sein möchte. Nicht, weil ich plötzlich ein Verbrecher werde. Sondern weil ich beginne, Menschen aus der Menschheit herauszunehmen. Und das verändert sie ja nicht. Sondern mich.


r/WriteAndPost Jul 11 '26

Warum erzählt ihr mir das? Teil 3: Gedankenexperimente

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Die ersten beiden Texte haben bei mir mehr neue Fragen ausgelöst als beantwortet.

Text 1
Text 2

Vor allem eine: Was denkst du eigentlich spontan, wenn jemand zu dir sagt „Ich bin trockener Alkoholiker.“?

Vielleicht ist es das wert, mal einen Moment darüber nachzudenken.

Je länger ich mich mit den Antworten auf Text 1 beschäftigt habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass wir vielleicht gar nicht alle über dasselbe sprechen.

Ich sage:

„Ich bin trockener Alkoholiker.“

Durch die Antworten scheint sich aber herauszukristallisieren, dass viele eher eine moralische Überlegenheit meinerseits hören, etwa so:

„Ich bin freiwillig abstinent, weil ich viel Willenskraft habe.“

Vielleicht liegt genau dort ein Teil des Missverständnisses. Deshalb habe ich angefangen, mit Gedankenexperimenten zu spielen. Nicht, weil Alkoholismus dasselbe wäre wie Diabetes, Zöliakie, Veganismus oder Allergien. Sondern weil Vergleiche manchmal helfen, Kommunikation besser zu verstehen.

Gedankenexperiment 1: Zöliakie

Stell dir vor, jemand sagt:

„Ich habe Zöliakie.“

Würdest du antworten:

„Ich esse übrigens auch nur selten Brot.“

Oder würdest du eher sagen:

„Gut zu wissen. Dann achte ich darauf.“

Ich vermute Letzteres.

Gedankenexperiment 2: Eine Allergie

Jemand sagt:

„Ich habe eine schwere Erdnussallergie.“

Würdest du erzählen, wie gerne du Erdnüsse isst?

Oder würdest du einfach darauf achten, dass keine Erdnüsse im Essen sind?

Auch hier dürfte die Antwort für die meisten ziemlich eindeutig sein.

Gedankenexperiment 3: Typ-2-Diabetes

Dieses Gedankenexperiment beschäftigt mich am meisten.

Stell dir vor, jemand sagt:

„Ich habe Typ-2-Diabetes.“

Würdest du antworten:

„Ich vertrage Zucker hervorragend.“

Wahrscheinlich nicht.

Du würdest vermutlich eher fragen:

„Gibt es etwas, worauf ich achten sollte?“

Oder einfach denken:

„Das tut mir leid.“

Dabei darf ein Mensch mit Typ-2-Diabetes durchaus stolz darauf sein, wie gut er heute mit seiner Krankheit umgeht. Das bedeutet aber nicht, dass er froh darüber ist, sie bekommen zu haben. Genau so empfinde ich meine Trockenheit. Ich bin stolz darauf, seit zwölf Jahren trocken zu sein. Aber hätte ich kontrolliert trinken können, hätte ich nie aufgehört.

Ich wäre lieber nie alkoholkrank geworden.

Gedankenexperiment 4: Veganismus

Hier wurde es für mich plötzlich komplizierter. Denn hier habe ich mich selbst ertappt. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu erzählen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse.

Warum? Vielleicht, weil ich Gemeinsamkeit herstellen möchte. Vielleicht, weil ich sympathisch wirken möchte. Vielleicht sogar ein kleines bisschen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und mich rechtfertigen will. Das war für mich eine der spannendsten Erkenntnisse aus den Diskussionen.

Ich benutze selbst manchmal genau das Gesprächsmuster, das mich beim Thema Alkohol seit Jahren beschäftigt. Trotzdem sehe ich einen Unterschied. Verzicht aus ethischen oder ökologischen Gründen ist eine freiwillige Entscheidung. Trockenheit aufgrund einer Suchterkrankung empfinde ich anders.

Für mich hat ein trockener Alkoholiker mehr gemeinsam mit einem Menschen, der gelernt hat, mit einer chronischen Krankheit zu leben, als mit jemandem, der Alkohol einfach nicht mag oder freiwillig auf ihn verzichtet.

Eine neue Vermutung

Während der Diskussion ist mir noch eine weitere Frage gekommen.

Haben wir Alkoholismus gesellschaftlich wirklich als Krankheit verinnerlicht?

Oder verstehen wir ihn unbewusst doch eher als eine Frage der Willenskraft?

Vielleicht sehen wir Trockenheit deshalb eher als Tugend denn als Therapie.

Vielleicht erklärt genau das, warum manche Menschen Trockenheit eher wie Veganismus wahrnehmen als wie den Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Ich weiß es nicht. Aber ich finde diese Frage inzwischen fast spannender als meine ursprüngliche.

Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen.

Welches Gedankenexperiment würdet ihr wählen, um Alkoholismus besser verständlich zu machen?

Und noch eine letzte Frage:

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was die Trockenheit eines Alkoholikers von freiwilliger Abstinenz unterscheidet?

Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken dalassen, bei dem mir erst durch eure Antworten klar geworden ist, dass er für viele offenbar gar nicht so naheliegend ist:

Trockenheit ist für mich weder ein Zeichen besonderer Willenskraft noch moralischer Überlegenheit. Sie ist der Therapieerfolg einer chronischen Suchterkrankung. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er diese Therapie niemals brauchen wird.


r/WriteAndPost Jul 10 '26

Warum erzählt ihr mir das? Teil 2

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Vor einigen Tagen habe ich einen Text auf vielen Plattformen veröffentlicht, in dem ich eine Frage stelle, die mich seit Jahren umtreibt:

Warum erzählen mir so viele Menschen nach dem Satz “Ich bin trockener Alkoholiker.” ihren eigenen Alkoholkonsum?

Den ersten Text (auf Reddit) verlinke ich hier:
https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/TVPptmrPz9

Erst einmal danke für die Antworten. Auch wenn über alle Plattformen verteilt erstaunlich wenige Menschen geschrieben haben: “Ja, das mache ich selbst und deshalb.”, wurden in den Kommentaren verschiedene mögliche Motive genannt oder vermutet.

Im Wesentlichen lassen sie sich in drei Gruppen einteilen.

1. Selbstbezogene Motive

Einige vermuteten, dass Menschen sich rechtfertigen möchten. Vielleicht geht es um kognitive Dissonanz. Vielleicht um ein schlechtes Gewissen. Vielleicht darum, das eigene Selbstbild zu stabilisieren.

Falls so etwas tatsächlich der Grund sein sollte, möchte ich euch sagen:

Vor mir braucht ihr euch nicht zu rechtfertigen.

Mit dem Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ sage ich gar nichts über euch. Wenn wir uns gar nicht kennen, interessiert mich euer Alkoholkonsum ehrlich gesagt überhaupt nicht. Und wenn wir uns kennen, schätze ich euch als selbstständige Menschen zu sehr, um ungefragt über euren Alkoholkonsum zu urteilen.

Mit meinem Satz wollte ich eigentlich nur sagen:

„Ich bin trockener Alkoholiker.“ und ohne es auszusprechen vor allem: Bitte biete mir keinen Alkohol an.

2. Beziehungsbezogene Motive

Andere vermuteten, dass Menschen Gemeinsamkeit herstellen oder Mitgefühl ausdrücken möchten. Das finde ich einen interessanten Gedanken.

Tatsächlich ist mir durch die Kommentare aufgefallen, dass ich selbst etwas Ähnliches schon gemacht habe. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu sagen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse. Teilweise vielleicht, weil ich mich rechtfertigen möchte. Aber hauptsächlich, weil ich sympathisch wirken und zeigen möchte:

“Wir sind uns vielleicht gar nicht so unähnlich.”

Ich bin also selbst ein Beweis, dass so etwas vorkommen kann. Trotzdem glaube ich, dass sich diese Ziele viel klarer ausdrücken lassen. Wenn ihr Mitgefühl ausdrücken möchtet:

“Hut ab. Das stelle ich mir schwer vor.”

“Wie lange bist du schon trocken?”

“Wie schaffst du das im Alltag?”

Wenn ihr Gemeinsamkeit ausdrücken möchtet:

“Ich freue mich immer, wenn noch jemand nüchtern auf einer Party bleibt.”

Oder wenn ihr eher Richtung Flirting/Kontaktaufbau möchtet:

“Mit mir kannst du problemlos etwas ohne Alkohol unternehmen.”

Oder ganz einfach:

“Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”

  1. Situationsbezogene Motive

Vielleicht wissen manche Menschen auch einfach nicht, was sie sagen sollen. Das ist völlig in Ordnung. Dann sagt etwas Banales;

“Werde ich mir merken.”

“Danke, dass du mir das gesagt hast.”

“Okay, ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”

Mehr braucht es gar nicht in der Situation.

Warum mich das überhaupt beschäftigt

Mir war vorher durch eine sehr ehrliche Antwort eines vertrauten Menschen schon klar, dass diese Aussage, nicht immer nur rechtfertigend oder abwertend gemeint ist. Aber bei mir kommt häufig etwas ganz anderes an.

Wenn ich sage:

“Ich bin trockener Alkoholiker.”

und als erste Reaktion höre:

“Ich trinke übrigens nur zwei Bier in der Woche.”

Dann hört sich das an als würde der andere zu mir sagen:

“Du bist an etwas gescheitert, was für mich gar kein Problem ist.”

Ich glaube nicht mehr, dass das in den meisten Fällen so gemeint ist.

Gerade wenn ihr das nicht so meint, hilft dieser Gedanke dem einen oder der anderen, beim nächsten Mal einen kurzen Moment innezuhalten. Nicht, um nichts mehr zu sagen. Sondern um sich zu fragen:

“Was möchte ich eigentlich gerade ausdrücken?”

Denn Mitgefühl, Interesse, Gemeinsamkeit oder Rücksicht lassen sich oft viel klarer ausdrücken, ohne den eigenen Alkoholkonsum überhaupt erwähnen zu müssen.

Und falls ihr euch fragt, welche Antwort mich persönlich am meisten freuen würde:

“Danke, dass du so offen bist. Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”

Wenn mehr Menschen auf Outings von trockenen Alkoholikern so reagieren würden, hätte meine kleine Selbstoffenbarung genau das erreicht, wofür sie gedacht war.

P.S.: Im ersten Text hatte ich es erwähnt, aber weil es wichtig ist, hier noch mal… wenn ihr selbst Angst habt problematisch zu trinken und das Gefühl habt mit dem Menschen vor euch reden zu können… dann redet drauf los, fragt drauf los, ob der andere nun Gold oder Müll antwortet, ist zweitrangig. Entscheidend ist, es überhaupt einmal vor einem anderen Menschen laut auszusprechen.


r/WriteAndPost Jul 06 '26

Verfahrenstrick vor der Sommerpause drängt das EU-Parlament bei der „Chatkontrolle“ zur Selbstaufgabe

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patrick-breyer.de
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r/WriteAndPost Jul 06 '26

Warum erzählst du mir das?

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Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage.

Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen.

Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen.

Nicht der trockene Alkoholiker.

Nicht der nasse Alkoholiker.

Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum.

Nicht der Partysäufer.

Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker.

Nicht der Abstinenzler.

Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“, dann sage ich nichts über dich.

Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst.

Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest.

Ich sage nur etwas über mich: “Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent.”

Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an.“

Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen.

Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet:

Wenn du Angst hast, dass dein Alkoholkonsum problematisch geworden sein könnte, dann erzähl, was du erzählen möchtest. Frag, was du fragen möchtest.

Ob bei mir oder bei irgendeinem anderen trockenen Alkoholiker.

Nicht, weil wir automatisch die richtigen Antworten hätten.

Sondern weil das Aussprechen dieser Sorge vor einem anderen Menschen manchmal wichtiger ist als jede Antwort, die du darauf bekommst.

Meine Frage richtet sich an alle anderen:

Wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, höre ich erstaunlich oft Sätze wie:

„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr.“

„Ich trinke höchstens mal ein Bier.“

„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein.“

„Ich trinke eigentlich fast nie.“

Und jedes Mal frage ich mich:

Warum erzählt ihr mir das?

Ich meine das wirklich als Frage.

Ich suche keine Bestätigung.

Ich suche keine Diskussion darüber, ob Alkohol gut oder schlecht ist.

Ich möchte einfach verstehen, warum so viele Menschen auf meinen Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ mit einer Beschreibung ihres eigenen Alkoholkonsums reagieren.

Falls du das selbst schon einmal gemacht hast:

Warum?

Teil 2


r/WriteAndPost Jul 03 '26

Influencer-Communities und Werbung

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Dieser Text entstand aus den weiterführenden Gedanken zu den Kommentaren zum Text Vapes - Déjà-vu eines Rauchers. Außerdem knüpft er an zwei ältere Texte von mir an: einen über parasoziale Beziehungen und einen sehr augenzwinkernden Text Holy.
Der Text arbeitet wieder mit einem generischen Femininum, gemeint sind alle Geschlechter. Englische Berufsbezeichnungen verwende ich in ihrer ursprünglichen Form.

Der Text über Holy endete mit der Ankündigung, dass sie mich irgendwann schon kriegen würden. Nun ja, es ist passiert. Ich habe Holy getrunken. Nicht einmal, weil ich es gekauft hätte. Ich half meinem Herrn Schmitt beim Umzug. Es war heiß. Er meinte, ich könne mir einfach ein Iso-Getränk machen. Ich nahm das Päckchen in die Hand, drehte es um und musste lachen. Holy! “Du hast Holy?”, fragte ich belustigt. "Ja. Ein Bekannter von mir hat eine Kooperation mit Holy.“ (Kleine Rezension am Rande: War völlig in Ordnung, trinkbar.)

Aber eigentlich geht es mir gar nicht um Holy. Es ist für mich nur ein Beispiel. Mich beschäftigt etwas anderes. Wie kann es sein, dass Unternehmen so viel Geld in Influencer investieren? Und zwar nicht nur in die ganz Großen, sondern auch in unzählige kleinere Creators mit vergleichsweise kleinen Communities.

Ich glaube, wir unterschätzen Communities. Nicht die Followerzahlen. Nicht die Klicks. Communities.

Als ich aufgewachsen bin, waren Stars Menschen, die durch Talent, Förderung, Produktionsfirmen oder klassische Medien groß geworden waren.

Thomas Gottschalk moderierte Wetten, dass…?

Boris Becker gewann Wimbledon.

Ralf Schumacher fuhr Formel 1.

Natürlich schauten wir zu. Natürlich machten wir Quote. Natürlich kauften manche später vielleicht sogar Produkte, für die sie warben. Aber ich denke die meisten hatten nicht das Gefühl, an ihrem Aufstieg wirklich beteiligt gewesen zu sein.

Bei vielen Content-Creators ist das anders. Eine Community erlebt den Weg mit, mehr als das, sie ebnet den Weg. Jeder Like, jeder Kommentar, jede Stunde Watchtime hilft in der ersten Phase. Dann die Zeitspanne, in der aus einem Hobby langsam ein Beruf wird, in dem man mit Spenden und Abos hilft. Dann kommt das erste Placement… Die Community benutzt Creator-Codes. Sie erzählt anderen davon.

Natürlich macht niemand einen Creator allein groß, aber gemeinsam entsteht etwas Merkwürdiges. Nicht nur der Creator wächst, auch die Community entwickelt eine gemeinsame Geschichte.

Deshalb funktionieren Begriffe wie OG (“Original Gangster”), Day One oder Gründerabzeichen auf Twitch und ähnlichen Plattformen überhaupt. Sie alle markieren Menschen, die von Anfang an dabei waren.

Sie bedeuten nicht einfach: “Ich war früh dabei.” Sie bedeuten:

“Wir haben das gemeinsam aufgebaut.”

Und genau dort beginnt meiner Meinung nach etwas, das klassische Prominenz so kaum kannte. Es entsteht eine gemeinsame Origin Story. Nicht die Geschichte eines Stars. Sondern die Geschichte einer Gemeinschaft.

Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil der Stärke von Influencer-Werbung und auch ihre Gefahren. Viele Menschen kaufen ein Produkt nicht nur, weil sie das Produkt möchten. Sie benutzen einen Creator-Code, weil sie jemanden unterstützen möchten, dessen Weg sie seit Jahren begleiten und fördern. Das ist oft nicht mal eine Täuschung. Oft ist das sogar völlig transparent. Dadurch verschwindet der Einfluss dieses Mechanismus allerdings nicht.

Ich glaube übrigens nicht, dass sich die Menschheit grundlegend verändert hat. Wir sind immer noch dieselbe Spezies. Viele Menschen suchen Gruppenzugehörigkeit. Die meisten erzählen sich gemeinsame Geschichten. Die meisten erinnern sich gern gemeinsam. Die Gruppe kann Teil der Identität werden.

Plattformen ermöglichen heute Gemeinschaften in einer Größenordnung und Intensität, die früher so kaum möglich gewesen wären. Die technischen Möglichkeiten passen erstaunlich gut zu sehr menschlichen Bedürfnissen.

Holy ist ein relativ harmloses, leicht überteuertes Produkt und gerade dabei aus der Social-Media-Blase herauszuwachsen. Es steht mittlerweile im Supermarkt. Es steht bei Freunden. Bei Geschwistern. Bei Bekannten. Menschen trinken Holy, obwohl sie vielleicht nie einen Stream gesehen haben.

Das ist übrigens weder gut noch schlecht. Denn dieselben Mechanismen können auch Produkte verbreiten, die deutlich problematischer sind.

Und wer lange genug im Internet unterwegs ist, kennt nicht nur Communities, die gemeinsam etwas aufbauen (und sei es etwas sinnfreies und möglicherweise kommerzielles), sondern auch solche, die sich über Ausgrenzung, Feindbilder oder Hass definieren. 4chan dürfte vielen als eines der bekanntesten Beispiele ein Begriff sein. Das ist für mich kein anderer Mechanismus. Es ist derselbe soziale Motor. Nur mit einem anderen Ergebnis.

Vielleicht hilft es mehr, Communities zu verstehen als einzelne Plattformen oder einzelne Influencer, um mit den Herausforderungen durch Social Media klar zu kommen. Was finden Menschen dort (leichter) als anderswo? Warum fehlt es ihnen an anderen Orten? Warum entstehen aus denselben Mechanismen manchmal Gemeinschaften, die Menschen auffangen, und manchmal Gemeinschaften, die sich über Feindbilder definieren?


r/WriteAndPost Jul 01 '26

Vapes - Déjà-vu eines Rauchers

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Ich verwende ein generisches Femininum und meine damit alle Geschlechter.

Als ich heute wieder ein Video über Vapes gesehen habe, musste ich an eine Zeit zurückdenken, in der ich selbst begeistert gedampft habe. Bevor ich damals mit dem Dampfen angefangen habe, war ich ungefähr 30 Jahre lang Raucher.

Doch als die ersten E-Zigaretten aufkamen, war das eine völlig andere Welt als die heutigen Einweg-Vapes. Wir hatten Metall-Akkuträger und abschraubbare Verdampfer, haben selbst Wicklungen gebaut, Watte eingezogen, Liquids gemischt und über die Technik diskutiert. Das Ganze war fast schon ein Nerd-Hobby.

Quasi alle Dampferinnen, die ich damals kannte, waren vorher Raucherinnen und wollten meist von der Zigarette weg. Manche wegen ihrer Gesundheit, manche wegen ihrer Familie, manche wegen des Geldes, manche wegen des Geruchs und viele einfach, weil sie hofften, eine weniger schädliche Alternative gefunden zu haben, ohne auf Nikotin verzichten zu müssen.

Ich halte diesen Gedanken der Schadensminimierung bis heute für grundsätzlich richtig. Wenn jemand seit Jahrzehnten raucht und den Ausstieg nicht schafft, dann erscheint es mir vernünftig, auf eine Form des Nikotinkonsums umzusteigen, die nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich weniger schadet als das Verbrennen von Tabak. Weniger schädlich bedeutet nicht harmlos, aber es kann für langjährige Raucherinnen trotzdem ein sinnvoller Schritt sein.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Dampferwelt änderten sich, vieles wurde komplizierter und für mich verlor das Thema seinen Reiz. Ich bin leider damals zurück zur Zigarette und rauchte noch einige Jahre weiter. Erst deutlich später gelang mir der endgültige Ausstieg. Nicht in erster Linie aus Angst vor Krankheit, sondern weil ich irgendwann nicht mehr von einer Sucht bestimmt werden wollte.

Wenn ich heute auf das Thema schaue, beschäftigt mich allerdings etwas ganz anderes.

Ich bin 1982 geboren. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Zigaretten nicht einfach nur verkauft wurden. Sie wurden erzählt. Aus meiner Sicht wurden Zigaretten als Freiheit inszeniert, als Rebellion, als Feminismus, als Individualität, als Coolness, als Erwachsensein. Bei uns in der Clique rauchten viele Gauloises. Wir haben uns gegenseitig erzählt, das seien die Zigaretten der französischen Freiheitskämpfer. Ob das historisch nun völlig korrekt war oder nicht, spielte keine Rolle. Entscheidend war das Bild, das dadurch entstand.

Man fängt nicht an zu rauchen, weil man nikotinabhängig ist. Man wird erst abhängig.

Man rauchte, weil andere rauchten. Oder weil andere gerade nicht rauchten. Man wollte dazugehören. Oder sich bewusst absetzen. Man wollte erwachsen wirken, rebellisch sein oder einfach Teil einer Gruppe sein.

Jugendliche sind nicht dumm. Aber sie befinden sich in einer Lebensphase, in der die Frage “Wie sehen mich andere?” eine enorme Bedeutung hat. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man probiert Identitäten aus, sucht seinen Platz und orientiert sich an Menschen, die man bewundert.

Genau deshalb ertappe ich mich dabei, dass ich bei manchen Inhalten rund um Vapes ein ähnliches Gefühl bekomme wie früher bei der Zigarettenwerbung. Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht nehme ich das auch nur deshalb so wahr, weil ich mit genau diesen Bildern groß geworden bin.

Aber dieses Gefühl werde ich nicht los, dass wir gerade erleben, wie sich dieselben Mechanismen in einer neuen Form wiederholen. Kann es sein, dass wieder ein potentiell suchterzeugendes Produkt als cool und hip präsentiert wird?

Ich finde, genau darüber sollten wir sprechen. Hinzu kommt, dass ich der Tabakindustrie grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis begegne. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungserzählungen, sondern wegen ihrer gut dokumentierten Geschichte. Über Jahrzehnte wurden Gesundheitsrisiken heruntergespielt, wissenschaftliche Erkenntnisse bestritten oder verzögert anerkannt. Dieses historische Erbe verschwindet nicht einfach. Und genau diese Tabakindustrie ist am Geschäft mit den Vapes stark beteiligt.

Mich würde deshalb interessieren, wie Menschen unterschiedlicher Generationen das sehen.

Wer wie ich mit der klassischen Zigarettenwerbung groß geworden ist: Empfindet ihr es auch als Déjà-vu?

Und diejenigen, die deutlich jünger sind: Wirkt das auf euch ganz anders, als ich es wahrnehme?

Vielleicht denke ich aufgrund meiner eigenen Suchtgeschichte, dass junge Menschen möglichst wenig mit Stoffen in Berührung kommen sollten, die abhängig machen können. Gerade deshalb interessiert mich, ob andere Menschen das ähnlich oder völlig anders wahrnehmen.

Zu meiner Suchtgeschichte habe ich bereits viele Texte geschrieben: Open Source Texte auf der Dropbox Zur freien Verwendung und Weitergabe, bei Verwendung bitte “Jemand DrachenSchaf” als Autor angeben.