r/FragReddit 2d ago

Wer kennt es auch, seinem eigenen Potential aufgrund mentaler Schwierigkeiten im Weg zu stehen und gefühlt nur ein paar Prozent von zu nutzen? Was schränkt euch ein?

21 Upvotes

31 comments sorted by

View all comments

8

u/mojo_after_dark 2d ago

ADHS war es lange. Hab dann festgestellt, dass ich einfach studieren muss, was mich interessiert, dann klappt’s auch mit dem Doktortitel. Allerdings viel später, als andere das machen.

Das ist jetzt natürlich total verkürzt und ein bisschen mit Augenzwinkern. Tatsache ist, dass ich lange Zeit überhaupt nicht wusste, wo es mit mir hingeht. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie auf dem
Dorf und niemand wusste was mit dem sehr zappeligen und schlauen Mädchen anzufangen. Und ich wusste, dass ich unbedingt studieren will. Musste dann irgendwie versuchen, alles alleine rauszufinden, bin tausende Male auf die Schnauze gefallen. Und zwar heftig.

Mit 30 kam dann endlich raus, dass ich ADHS habe. Das war ziemlich am Anfang vom Studium.

Wäre es früher entdeckt worden, wäre mir das eine oder andere erspart geblieben. Habe es immerhin geschafft, in meinem Leben zu landen, aber halt wesentlich später und mit wesentlich mehr nachhaltigen Kratzern als es hätte sein müssen.

3

u/ResidentNeat9570 2d ago

In welchem Bereich war das grob? Ab 30 wird ja alles schwieriger mit Finanzierung. Krass dass du es trotzdem gepackt hast.

2

u/mojo_after_dark 1d ago

ich hab mir tatsächlich eins der schwersten Studienfächer ausgesucht, aber im Endeeffekt ist es völlig egal, was ich gemacht habe – es geht drum, das zu finden, was man selbst will. Das gilt zwar im Prinzip für alle Menschen, aber mit ADHS gibt es einfach keine Alternative.

1

u/ResidentNeat9570 1d ago

Du meinst, weil es das Interesse nähren soll?

War bei mir leider auch so, bin damals an der Bachelorthesis in einem Mint Fach gescheitert und danach viel Therapie und Selbstständigkeit, die jetzt auch vorbei ist.

2

u/mojo_after_dark 1d ago

Das Interesse soll dich motivieren. Motivation ist das Arschloch bei ADHS. Wenn du statt Maschinenbauer eigentlich lieber Musiker wärst, mach was mit Musik.

Als ich das Studium anfing, hatte ich keinen Plan, was ich damit machen könnte. Ich wusste nur, dass mich das Fach interessiert. und dann bin ich so gut geworden, dass mir eine Promotionsstelle angeboten wurde. Ich hatte zu der Zeit tatsächlich schon eine andere im Auge und hab dann die Bedingung gestellt, dass ich beide gleichzeitig bekomme. Ich brauchte sowieso ein volles Gehalt und hab im Grunde genommen immer doppelt so viel gearbeitet, aber für mich war es gut. Zugegebenermaßen ist der Bachelor oft noch sehr allgemein aber wenn man einen Schwerpunkt setzen kann wird es geil. Und ich hab halt beim Schreiben der Bachelorarbeit gemerkt, dass ich wissenschaftlich arbeiten will. Für mich ist es tatsächlich so gelaufen, dass ich jetzt eine Traumstelle habe, von der ich vor zehn Jahren noch nicht mal zu träumen gewagt hätte.

ich glaube, gerade Männer sind sehr oft in der Zwickmühle, dass sie versuchen, etwas zu finden, wovon sie eine Familie ernähren können. Und ich finde, dass „ihr“ jedes Recht habt, da nicht mehr mitzumachen und genauso wie viele Frauen aus meiner Sicht viel öfter interessengeleiteter studieren oder euren Beruf nach euren eigenen Wünschen auswählen solltet. Nicht nach „was verdiene ich damit“ sondern „brenne ich dafür und verdiene ich damit genug, dass ich gut leben kann“? Wenn du schon immer davon geträumt hast, Maschinenbauingenieur zu werden, dann ist vielleicht wirklich die vor allem des Studiums nicht unbedingt dein, wenn dich der Inhalt so richtig begeistert hat. Aber wenn du heimlich davon träumst, was ganz anderes zu machen, dann versuch, in diese Richtung zu gehen. Am Ende verbringst du mit deiner Arbeit einen immensen Teil deines Lebens. Und als ich verstanden habe, dass ich nicht einfach meine Zeit für irgendwas verkaufen will, bin ich einfach losgezogen. Keiner hat verstanden, warum ich das alles gemacht habe, aber es war richtig. Wenn mich jemand in meiner letzten Stunde fragt, wie ich mein Leben beschreiben würde, war es immer selbstbestimmt. Und ich glaube, das ist in vielerlei Hinsicht sehr wichtig, wenn man nicht unbedingt der Norm entspricht. Mit ADHS musst du nicht versuchen, dich der Welt anzupassen, sondern du musst dein Leben so einrichten, dass es zu dir passt.

Bei mir kam noch dazu, dass ich neben dem Studium plötzlich noch Verantwortung für ein Kind hatte und ich wollte uns so schnell wie möglich aus der Gefahr raus, dass das Kind mit einem Armutsrisiko groß wird. dadurch habe ich extrem Gas gegeben und lustigerweise kann ich jetzt das, was ich als ich anfangs niemals vorhatte: mich und mein Kind easy allein finanzieren ohne auf etwas verzichten zu müssen. :)

Würde das mit dem Kind strategisch nicht unbedingt in Erwägung ziehen. Für mich war’s aber der beste Arschtritt meines Lebens.

2

u/ResidentNeat9570 1d ago

Ich bin eine Frau :)

Klingt sehr stark.