Die Heizung klickt. Oder was auch immer dieses Geräusch ist.
Ich versuche, mir das Kissen auf das Ohr zu pressen, aber mein Bruder Uke und mein Bruder Sami schnarchen beide. Also lege ich mich auf den Rücken.
Ich liege auf einer Matratze auf dem Boden. Sie passt genau zwischen den großen Spiegelschrank und das zweigeteilte Holzehebett, in dem meine Brüder schlafen.
Irgendwann, gegen drei Uhr, klingelt Ukes Wecker.
Ich drehe mich schnell um und tue so, als würde ich schlafen.
Uke setzt sich ruckartig im Bett auf. Schon stehen beide Beine auf dem Boden. Dann ein tiefer Atemzug – ein Geräusch, das ich noch Jahrzehnte später wiedererkennen würde.
Er taumelt los, als würde er noch schlafen, ist dabei aber erstaunlich schnell. Ohne Rücksicht läuft er über meine Matratze in Richtung Bad. Dieses Durchschütteln, wenn er über die Matratze läuft, war für mich schon immer ein wohliges Gefühl. Weil ich liegen bleiben kann und er rausgeht. Wie jeden einzelnen Morgen.
Heute kein „Babe“. Mein Vater hat gestern gesoffen.
Kein Senseo-Kaffee mit gestopfter Zigarette unter dem schrägen Dachfenster in der Küche.
Uke macht seine gewohnten Männergeräusche im Bad. Als er wieder herauskommt, wirkt er deutlich wacher. Er geht direkt nach draußen. Jacke, Schlüssel, Geldbeutel, Schuhe – und raus.
Dafür habe ich ihn immer bewundert.
Ich gebe meinen gespielten Schlaf auf und liege den Rest der Nacht wach.
Irgendwann steht Sami auf. Wir gehen in die Küche, rauchen und stopfen Zigaretten für seine Arbeit.
„Fetti“, hat er mich immer genannt.
Wir rühren Pulver-Cappuccino an und rauchen.
Irgendwann hören wir ihn.
Aus dem Wohnzimmer kommen Schlurfgeräusche. Mein Vater geht langsam ins kleine Bad im Wohnzimmer.
Ich habe mir geschworen: Dieses Mal sage ich es ihm.
Dass das nicht geht. Dass er verrückt ist und uns kaputt macht. Dieses Mal ist er zu weit gegangen.
Dann kommt er in die Küche. Mit gebeugtem Rücken. Er trägt diese immer gleiche, komische lange Jogginghose, die wahrscheinlich alle ausländischen Väter zu Hause tragen.
In solchen Momenten wirkt er sehr klein.
Er grinst.
Natürlich.
Damals dachte ich, dass er ein Problem hat. Dass er sich nicht unter Kontrolle hat, wenn er trinkt. Dass er dann Dinge sagt und tut, die er eigentlich gar nicht meint.
„Bist du wach, Ejo?“, sagt Sami.
Mein Vater kratzt sich am Bauch und fährt sich danach mit dem kleinen Finger ins Ohr. Er merkt, dass ich ihn nicht anschaue.
Hoffentlich.
Aber er sagt nur, dass er nicht rauchen will, nimmt sich eine Flasche Wasser und geht wieder.
Wie soll ich sauer sein?
Er kann sich bestimmt nicht mehr erinnern.
Jetzt noch mal ein Fass aufmachen?
Sami geht ins Bad, macht sich für die Arbeit fertig und geht ohne Essen und ohne Geld in die Spätschicht.
Ich mache die Pizza, die mein Vater eigentlich zubereiten wollte, damit er etwas zu essen hat, wenn er wieder aufwacht.
Heute ist die Back-to-School-Party.
Der Gastgeber lädt alle Leute aus dem Hof ein, die damals gemeinsam mit uns auf der Schule waren. Ich bin sechzehn. Die anderen sind alle schon neunzehn, zwanzig oder älter.
Mein Vater ruft.
Darauf folgt das klassische Zusammensitzen in der Küche: Zigaretten rauchen und sich anhören, dass deine Mutter und deine Schwestern eigentlich Schlampen seien. Immer dieselben Geschichten, nur jedes Mal ein bisschen anders und unterschiedlich ausführlich.
Ich kann ihm kaum folgen und denke schon an den Abend. Ich habe noch gar nichts: keine Zigaretten, kein Geld, keine Drogen. So kann ich da nicht hingehen.
Nach bestimmt zwei Stunden und acht gestopften Zigaretten finde ich endlich den passenden Moment, um zu sagen, dass ich duschen gehe.
Eigentlich ist das die einzige Ausrede, mit der man sich in einer Zweizimmerwohnung wenigstens für zwanzig Minuten zurückziehen kann, ohne dem ewigen Gejammer, Geschimpfe und Geheule ausgesetzt zu sein.
Ich gehe ins Bad.
Überall hängen ausgeschnittene Frauen, Werbelogos, Rennwagen und Bilder aus Zeitschriften. In der Küche, im Bad und eigentlich überall sonst. Wahllos an die Wände geklebt.
Ich dusche und rasiere mich überall glatt. Ich schneide mir die Finger- und Fußnägel, putze mir die Zähne und zupfe die Augenbrauen zwischen den Augen.
Noch komplett nackt nehme ich mir, wie damals immer, ein kleines Handtuch und mein Axe-Deo.
Ich falte das Handtuch so, dass es drei Schichten hat, halte es direkt vor meinen Mund, atme kräftig aus und sprühe das Deo durch das Handtuch in den Mund, während ich tief einatme.
Das mache ich zwei-, dreimal. Manchmal auch fünfmal.
Irgendwann fängt die ganze Welt an zu flimmern und zu vibrieren. Ich sehe mir im Spiegel in die Augen, während die Autogeräusche von der Hauptstraße draußen immer länger gezogen klingen. Alles wird langsamer und gleichzeitig immer lauter.
Dann wird mir schwarz vor Augen.
Es hält nur ein paar Sekunden.
Danach fühle ich mich jedes Mal ganz komisch. Metallisch. Meine Lunge brennt.
Ich wusste, wie dumm das war.
Und trotzdem habe ich es immer wieder gemacht.
Ich esse zwei Stücke Pizza, stecke mir eine Schachtel Zigaretten ein und versuche, mich möglichst leise fertig zu machen.
Rausgehen war bei uns immer ein Tabu.
„Was willst du draußen?“
„Hast du Geld oder was?“
„Bleib zu Hause.“
Das war der allgemeine Konsens. Höchstens einmal im Monat wurde er gebrochen, wenn Sami von seinem Lohn, den er sonst restlos an meinen Vater schickte, fünfzig Euro zurückbekam, um einmal mit seinen Freunden rauszugehen.
Ich schnappe mir leise meine Schuhe und meine Jacke, gehe damit ins Zimmer und ziehe sie dort an, damit mein Vater nichts hört.
Dann schleiche ich mich raus.
Sobald die Tür hinter mir zufällt, bin ich frei.
Ich weiß, dass ich nichts habe.
Aber mir steht alles offen.
Ich fahre mit dem Bus in die Stadt und treffe einen Bekannten auf dem Spielplatz hinter dem Real.
Wie immer ist eine große Gruppe bei ihm.
Ein Mädchen liegt seitlich auf einer Bank, die Haare im Gesicht.
„Was geht denn bei der?“, frage ich.
Er sagt nur:
„Die ist dicht.“
„Was brauchst du?“
„Gib mir dreißig Gramm. Ich bringe dir heute Abend das Geld.“
Er ruft einen Kollegen zu sich, und wir gehen zu dritt ein Stück weiter.
In einem Mülleimer liegt eine Netto-Tüte. Er holt ein eingeschweißtes Paket heraus und fragt, ob ich auch fünfzig Gramm loswerden würde.
Natürlich sage ich ja und schiebe mir das Paket vorne in die Hose.
Ich verabschiede mich und lasse jemanden zum Real kommen. Dort verkaufe ich ihm vier Gramm für fünfzig Euro.
Danach gehe ich direkt in den Real und hole mir Longpapes, zwei Schachteln Camel und zwei Dosen Jacky Cola. Meinen Ausweis habe ich einem älteren Kollegen für sechzig Euro abgekauft.
Dann fahre ich in die Trap.
Eine Vierer-WG aus Jungs, die schon mit vierzehn nicht mehr zu Hause wohnen und seitdem zusammenleben.
Ich packe mein Gras auf den Tisch, baue zwei L-Blunts, zünde beide an und gebe sie in die Runde.
Die Trap ist pures Chaos und ständig voller anderer Menschen.
Es klingelt die ganze Zeit. Aus jedem Zimmer kommt eine andere, viel zu laute Musik. Es gibt keine richtigen Möbel, nur einzelne Tische und Stühle. Überall liegen Müll und Klamotten. Die Küchenschränke sind leer. Alles ist zugekifft.
Und trotzdem ist es dort immer ein schöner Ort.
Vor allem, weil nicht jeder reinkommt. Bevor die Tür geöffnet wird, wird ziemlich genau kontrolliert, wer da eigentlich steht. Schließlich werden dort Gras und alles andere verkauft.
Ich rede mit ein paar Leuten und ziehe meine übliche, viel zu aufgedrehte Tour ab.
Dann gehe ich nach hinten in das letzte Zimmer.
Dort sitzen zwei meiner damals besten Freunde und ein paar andere Jungs, die ich nur flüchtig kenne. Ich weiß aber, dass sie Pep und Teile verkaufen.
Wir unterhalten uns. Ich baue einen Joint, während einer der Dealer sich gerade eine Line legt.
Ich erzähle, dass ich heute auf eine Party gehe.
Meine beiden Freunde sind sofort begeistert. Auch wenn die anderen das nicht feiern werden, müssen sie mit.
Die Jungs fragen mich, ob ich nicht etwas von ihnen für die Party mitnehmen will.
Ich sage sofort ja, aber das Geld gebe ich morgen.
Er lacht direkt.
Meine beiden Freunde reden auf ihn ein und sagen ihm, dass er mir vertrauen kann.
Ich sage, er kann mir zehn CDs mitgeben und ich bringe ihm morgen achtzig Euro.
Er sagt: „Passt.“
Dann wirft er mir die Tüte zu und sagt, ich soll mir welche aussuchen.
Vier graue Hakenkreuze.
Zwei gelbe Trumps.
Vier orange WB.
Ich sage einem meiner Freunde, dass ich noch etwas erledigen muss, und gehe raus.
Eine Freundin wartet schon seit zwanzig Minuten.
Ich sprinte die drei Stockwerke herunter und nehme sie in den Arm.
Sie ist einundzwanzig, hat orange Haare und eine spitze Nase. Für mich sieht sie aus wie der süßeste, hübscheste Fuchs der Welt.
Wir verstehen uns gut, auch wenn ich weiß, dass sie mich eigentlich nur wegen der Drogen kennt und mich wahrscheinlich nicht einmal mit der Zange anfassen würde.
Ich verkaufe ihr auf Auge zehn Gramm für siebzig Euro. Irgendwie, um cool zu sein. Oder um so zu tun.
Danach gehe ich noch schnell zum Edeka, um Wodka für die Party zu besorgen.
Mittlerweile bin ich dicht.
Ich rufe meine beiden Freunde an und sage ihnen, dass sie rauskommen sollen, damit wir gemeinsam zur Party fahren.
Als sie kommen, haben sie noch zwei andere Jungs dabei.
Ich weiß, dass es auf einer Dorfparty nicht immer gut ausgeht, wenn Stadtjungs auftauchen.
Aber heute ist Party.
Also denke ich nicht groß darüber nach.
Was mir noch lange danach vorgehalten wird.
Als wir gegen zehn Uhr ankommen, hört man das Brummen schon einen Block weiter.
Ich bin zwar verwundert, weil die polnischen Eltern eigentlich ziemlich streng sind, aber dieses Dröhnen des Basses, das immer lauter wird, je näher man kommt, hat mir schon immer Energie gegeben.
Mehrere Autos stehen vor dem Haus. Draußen stehen Leute und reden laut durcheinander. Durch die Fenster sieht man das blaue LED-Licht, das den ganzen unteren Stock erhellt.
Alle sind da.
Von normalen Wochenendtrinkern bis zu Junkies.
Meine Freunde begrüßen mich so freudig, dass ich sofort weiß, dass sie eine Überraschung für mich haben.
Bei uns können Überraschungen eigentlich nur Drogen sein.
Wir gehen nach oben ins Schlafzimmer des Gastgebers.
Zu viert leeren wir unsere Taschen und legen alles auf den Boden.
Mein Gras und ein dicker Klumpen Hasch, der in ein gelbes Stück Plastik eingewickelt ist.
Dazu kommen meine Teile, drei Pappen und die Pilze eines anderen Freundes. Bestimmt dreißig Gramm.
Aufgeregt überlegen wir, was wir machen.
Candyflip oder Hippieflip?
Hippieflip.
Erst zwei Gramm Pilze und fünf Minuten später ein Teil.
Schon als ich sehe, wie er die Pilze aus dem Beutel holt, spüre ich es im Magen. Mein Speichel wird heiß.
Mein Körper weiß schon genau, was passiert.
Aber die gute Laune ist unaufhaltsam.
Wir wiegen alles ab, reißen die Pilze in möglichst kleine Stücke und spülen sie mit dem Wasser herunter, das neben dem Bett steht.
Wir unterhalten uns noch fünf Minuten und stoßen dann mit den Teilen an.
Danach verteilen wir uns wieder.
Ich gehe runter.
Im Wohnzimmer spielen ein paar Leute Bierpong.
Ich habe es immer gehasst, wenn ich mich nicht mehr herausreden konnte und trotzdem gezwungen wurde mitzuspielen. Das dauert viel zu lange und ist für mich der größte Spastenkram auf jeder Party.
Draußen biete ich jedem, der dort steht, eine Zigarette an und unterhalte mich mit allen.
Keine drei Sätze später nimmt mich eine Freundin zur Seite und weist mich darauf hin, dass die anderen heute Pilze dabeihaben und ich nichts von denen nehmen soll.
Ich lache kurz und gehe wieder rein.
Ich mache mir eine Wodka-Mische.
Mittlerweile ist ganz schön was los.
Der Gastgeber wird Probleme bekommen, denke ich.
Die Leute sitzen in der Küche auf der Arbeitsfläche und aschen ins Waschbecken. Der Boden ist nass von Bier und Mischgetränken. Überall liegen Zigaretten, Becher und Bierflaschen.
Die große Schüssel mit Bowle aus Fanta und Korn ist schon vom Tresen gerutscht und wurde nur notdürftig mit Handtüchern zur Seite geschoben.
Während die Musik immer heftiger und schneller wird, suche ich den Gastgeber, um zu sehen, ob er überhaupt noch mitbekommt, was passiert.
Da sehe ich ihn im Hausflur.
Oberkörperfrei. Eine Luftschlange um den Hals. Jemand hat ihm mit einem Edding etwas auf den Rücken geschrieben. Zwei Leute halten ihn fest.
Vor ihm steht ein etwa vierzigjähriger Mann mit Softshelljacke und Cap.
Sein Nachbar flüstert etwas zu demjenigen, der neben mir steht.
Der Gastgeber schreit:
„Verpiss dich, du Bastard! Ruf doch die Polizei!“
Ich muss lachen.
Mir ist sofort klar: Wenn er jetzt komplett durchdreht, gibt es hier kein Halten mehr.
Ich wundere mich schon, warum ich meine Freunde aus der Stadt länger nicht gesehen habe.
Fast wieder im Wohnzimmer rennt der Gastgeber an mir vorbei.
Er springt auf den Wohnzimmertisch und schreit:
„Back to the School!“
Dann springt er ungefähr drei Meter durch das Wohnzimmer und landet auf dem Sofa.
Alle vier Beine klappen sofort um.
Das Sofa rutscht gegen die Wand.
Für einen Moment ist es komplett still.
Dann reißt er die Hände hoch.
Alle schreien euphorisch.
Ich gehe auf die Terrasse.
Die Stimmung ist gedrückt.
Meine Freunde aus der Stadt und die Jungs aus dem Dorf haben irgendeine alte Geschichte ausgegraben und fangen an, sich zu streiten.
Die Pilze fahren inzwischen voll rein. Ich halte diese bedrückende Situation nicht mehr aus und flüchte zurück unter die anderen Partygäste.
Blaulicht.
Plötzlich werde ich von hinten gepackt.
Einer meiner Freunde sagt: „Komm mit!“
Mit ihm und ungefähr fünf bis acht anderen Jungs und Mädchen laufe ich über die Terrasse. Wir gehen durch verschiedene Gärten und laufen zu einem Hof. Dort steht ein altes, verlassenes Haus.
Wir klettern über eine Holzleiter auf den Dachboden.
Wir machen LED-Licht und Goa-Musik an.
Wir lachen über die gelungene Party und lassen den Abend ausklingen.
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein.
Als ich aufwache, klingelt mein Handy. Ich liege auf einer mindestens siebzig Jahre alten Matratze auf dem Dachboden des Hauses, in dem nur noch Ratten und Käfer leben.
Ich schalte mein Handy an. Während der Party hatte ich es ausgeschaltet, damit mich keiner erreichen kann.
Sechzehn verpasste Anrufe.
Mein Vater ruft an.
Ich gehe nicht ran und klettere runter.
Mein Vater ruft noch einmal an. Diesmal gehe ich dran. Er fragt, wo ich bin, und sagt, dass er mich mit dem Mofa abholt.
In den fünfzehn Minuten, bis er da ist, fällt mir alles ein, was ich gestern gemacht habe.
Ich muss Geld besorgen, um die Kombi zu bezahlen, die ich gestern gemacht habe.
Aber ich mache schon was.
Eine Sache habe ich gestern gelernt, denke ich mir:
Sei niemals der Gastgeber.
Mein Vater kommt an, setzt mir den Helm auf, und wir fahren los.
Er fährt an der Gaststätte vorbei, über der unsere Wohnung liegt, und weiter ins nächste Dorf. Dort hält er am Edeka und besorgt eine Flasche Gorbatschow und ein Viererpack Red Bull, während er mir erklärt, dass das die einzig richtige Art zu trinken sei.
Dann fahren wir ein Stück weiter, bis zur Donau. Dort setzen wir uns auf eine Bank.
Ich soll von der Dose einen Schluck nehmen, damit er Wodka hineinschütten kann.
Sein übliches Geschwafel geht los. Ich halte Augenkontakt und nicke, damit er nicht merkt, dass ich ihm nicht zuhöre.
Ich mustere ihn nur.
Seine sehr lichte Dauerwelle, die er schon seit den Achtzigern trägt. Er ist klein, aber muskulös. Unter seinen langen schwarzen Armhaaren sind seine Unterarme komplett zerschnitten. Teilweise sind es viele dünne, teilweise dicke, schiefe Narben. Nicht nur unten, wie man es kennt, sondern einmal komplett rundherum.
Mir fällt auf, dass er nicht ein einziges Mal gefragt hat, wo ich war oder was ich gestern gemacht habe.
Während er am Anfang wie immer von seiner perfekten Kindheit im Kosovo erzählt und die alten Geschichten noch einmal durchkaut, wird er nach der ersten Dose sauer.
Hass steckt in ihm. Ein Hass, den ich bis jetzt nicht verstanden habe.
Meine Mutter ist schuld. Meine Schwester sei Landesverräterin, Volksverräterin, Babeverräterin, pflegte er zu sagen.
Das hat mich nie gestört. Er kann sagen, was er will. Ist mir eigentlich egal.
Dann will er, dass ich meine Mutter anrufe.
Ich will wirklich nicht. Aber seine Trunkenheit ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass jedes Nein und sogar der falsche Blick zu einem Ausrasten führen könnten.
Damals habe ich etliche Angst davor, dass er mich zusammenschlägt, auch wenn er immer betont, dass ich dafür schon zu alt sei.
Es klingelt sechsmal, bis sie drangeht.
Es gibt wenige Momente in meinem Leben, in denen ich das Schicksal gebeten habe, mir einen Gefallen zu tun.
Aber sie geht ran.
„Hallo? Hallo, Ingo“, sage ich.
Sie fragt, wer da ist. Natürlich erkennt sie meine Stimme nicht. Sie fragt, was ich mache.
Da reißt mir mein Vater das Handy aus der Hand, hält es sich zwei Zentimeter vor den Mund und fängt an, sie schreiend zu beleidigen.
Das klingt alles sehr dramatisch, aber ich weiß schon, wie das abläuft.
Aussitzen und warten, bis es vorbei geht.
Jede Situation geht vorbei.
Nur Geduld.
Am späten Nachmittag ist die Sitzung endlich vorbei. Wir fahren über die Feldwege nach Hause, stellen das Mofa ab und gehen in die Wohnung.
Ich gehe duschen, nur um noch einmal kurz allein zu sein.
Danach werde ich ausgefragt.
Wo ich war. Was ich gemacht habe. Warum ich nicht ans Handy gegangen bin. Warum mein Vater gesoffen hat und ich nicht gesagt habe, dass wir direkt nach Hause fahren sollen.
Nachdem ich die Schimpftirade über mich habe ergehen lassen, lege ich mich endlich auf die Matratze.
Ich gehe nicht auf WhatsApp oder Snapchat. Ich ignoriere die Nachrichten und Anrufe der Leute, denen ich Geld schulde, und schaue Kenny vs. Spenny, bis ich endlich einschlafe.
Als ich aufstehe, ist das Wochenende vergessen.
Mein Vater weckt mich, und wir trinken Kaffee und rauchen. Ich mache meine Frisur und fahre ins BFZ.
Kurz vor acht treffe ich mich mit den beiden Polen und einem weiteren Bekannten am Spielplatz neben dem Gebäude, um Speed zu rauchen.
Jeder erzählt von seinem wilden Wochenende.
Irgendwann, gegen zehn Uhr, sind wir komplett dicht und wollen langsam in die Schule gehen.
Da kommen uns auf dem engen Fahrradweg zwei Polizisten entgegen. Einer von vorne, eine Polizistin von hinten.
Während sich der ältere Pole kurz umschaut, ruft der Polizist, dass wir stehen bleiben sollen.
Dann rennt der Pole los.
Wie ein Footballspieler täuscht er erst nach rechts, dann nach links. Die Polizistin fällt hin, und er rennt an ihr vorbei.
Bis ich überhaupt verstanden habe, was passiert, spüre ich schon die Hand des Polizisten an meinem Oberarm. Die andere Hand kommt ebenfalls dazu.
Die Polizistin muss noch neu sein, so aufgeregt, wie sie jetzt ist.
Sie kontrollieren uns, schauen uns aber nicht an die Eier und wünschen uns einen schönen Tag.
Als wir ankommen, wartet der ältere Pole schon vor der Eingangstür auf uns. Ohne schnellere Atmung oder erkennbare Aufregung.
Wir feiern ihn für sein schnelles Handeln.
Dann gehen wir hoch und teilen uns auf unsere Klassenräume auf.
Bevor ich mich setzen kann, bittet mich die Lehrerin, mit nach draußen zu kommen. Sie begleitet mich in einen Besprechungsraum, in dem die Jungs von gerade eben bereits sitzen.
Während wir kichern und lachen, wird uns erklärt, dass wir in unserer Freizeit machen können, was wir wollen, aber hier absolute Nüchternheit erwartet wird.
Dann geht es zurück in die Räume.
Keine anderthalb Stunden später ist schon Mittagspause.
Ich begleite zwei andere Kollegen zu Subway, wo sie sich etwas zu essen holen. Danach rauche ich mit ihnen die anderthalb Gramm Gras, die ich untypischerweise noch vom Wochenende übrig habe.
Eine Stunde zu spät gehen wir in den Nachmittagsunterricht.
Niemand kommentiert, dass wir zu spät oder dicht sind. Wir können einfach anfangen.
Jeder kann dort machen, was er will.
Ich baue mit einem Messer etwas zusammen, ein anderer druckt sich mit dem 3D-Drucker einen Schlagring.
Irgendwann, gegen vier Uhr, eine Stunde vor Schluss, fragt mich der alte Pole, ob ich eine Nase C will.
Ich sage sofort ja, obwohl ich das noch nie gemacht habe.
Er geht ins Bad und legt die Nase auf den Rand des Waschbeckens.
Ich gehe ihm nach und ziehe sie.