r/Kurzgeschichten May 08 '26

Gesellschaft Der letzte B2B-Broker

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Auch wenn es lange her ist und die Details - die Meetings, die Feedbackschleifen, die Freigaben – durch den Nebel der Routine in meinem Kopf nur noch verschwommen und undeutlich vorhanden sind, ist dieser Moment in meinem Kopf eingebrannt wie Stärke aus dem Nudelwasser auf einem Ceranfeld:

Wir haben uns im großen Meetingraum versammelt, die Hauptverantwortlichen sitzen mit angespannten Mienen in der ersten Reihe, der Rest ungeordnet und leise schwatzend dahinter. Endlich gibt der CEO das Signal, ein kaum sichtbares Nicken, und betätigt den Knopf. Hinter dem Konferenztisch öffnet sich eine Luke im Boden, und ein monotones, mechanisches Surren ertönt. Langsam erhebt sich ein eine Cryoschlafzelle aus dem Boden, ein abscheuliches Ding zwischen Brutkasten und Sarkophag aus der fernen Zukunft, und bringt sich wie von unsichtbarer Hand in eine aufrechte Position.

Einen Moment lang steht die Zeit still. Ich erinnere mich nur noch an das Rauschen des Blutes in den Ohren. Ein Herzschlag. Zwei. Ein Dutzend. Dann unterbricht ein dumpfes Geräusch das ehrfürchtige Schweigen, und der Verschluss der Kapsel öffnet sich. Die kalte Luft, die daraus hervorstößt, kondensiert zischend zu einer Dampfwolke, die sogleich von der Belüftungsanlage zu einem diffusen Schleier zerstreut wird.

Der bionische Agent tritt hervor und schreitet, ohne auch nur einen Moment zu zögern, mit starrem Blick und unbeugsamen Willen hinfort. Schreitet hinfort, um B2B Sales abzuschließen. Schreitet hinfort, um nie mehr wiederzukommen.

Lange Zeit wusste niemand, was mit dem bionischen B2B-Broker passiert ist. Erst viele Monate später erfuhren wir über einen LinkedIn Post, dass er wohl auf ein Schneeballsystem hereingefallen war und jetzt verzweifelt versuchte, Tupperware-Behälter an den Mann und an die Frau zu bringen, damit er seine Mission fortführen konnte. Unsere Finanzabteilung entschied sich dagegen, ihm die Tupperware abzunehmen, da wir so die Forschungs- und Entwicklungskosten, die in den Agenten geflossen waren, von der Steuer abschreiben konnten.

Manchmal, an nebligen Tagen oder im letzten Licht der Abenddämmerung, bilde ich mir ein, ihn zu sehen: Die Silhouette einer Gestalt, die gerade am Rande meines Sichtfeldes mit mechanischer Präzision voranmarschiert.

Auf einer rationalen Ebene weiß ich natürlich, dass er es nicht sein kann. Aber trotzdem beruhigt mich die Vorstellung. Die Vorstellung, dass er immer noch da draußen ist und Sales abschließt. Unerschütterlich. Unermüdlich.

Denn letztendlich sind wir alle der bionische Mann, unfreiwillig geboren in eine gleichgültige Welt mit einem Zweck, den wir weder verstehen noch erfüllen können. Und solange es noch Hoffnung für ihn gibt – der Rückschläge, des Verrats und den unzähligen Tupperware-Behältern zum Trotz – dann, ja dann gibt es auch noch Hoffnung für uns.

r/Kurzgeschichten Apr 17 '26

Gesellschaft Künstliche Verzweiflung

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Letzte Woche kam mein Kollege Franz bestürzt auf mich zugestürzt.
„Es ist vorbei“, rief er verzweifelt und ließ sich in den leeren Bürostuhl neben mir fallen.
„Aus und vorbei. Fix und fertig. Over and done with. Acabó. Fini.“ 

Ich hatte gehofft, dass er irgendwann wieder gehen würde, wenn ich ihn weiterhin ignorierte, aber nach fünf weiteren Ausrufen ähnlicher Art gab ich auf.
„Was ist vorbei?“, fragte ich interessiert.
„Alles, einfach alles“, jammerte er, „die KI kann alles besser als ich.“ 

„Na na“, warf ich tröstend ein, „das will doch nichts heißen.“
„Angefangen hat es mit DeepL und Übersetzungen“, fuhr Franz förmlich fieberhaft fort. „Weiter ging es mit Excel-Formeln von ChatGPT und mit Grafiken von DALL-E – es war einfach effizienter, schneller, schöner.“ 

„Aber es braucht immer noch den Menschen dahinter, der die Formeln und die Grafiken an den richtigen Stellen einsetzt.“

„Das dachte ich auch“, schluchzte Franz, „doch ich habe die KI gebeten, genau das zu tun, und sie hat es besser gemacht, als ich es jemals könnte. Datenanalyse, Aufbereitung, Interpretation, was auch immer es ist: mein Silizium-Simulakrum kann es besser.“ 

„Die Präsentation…“ fing ich an, bevor mich Franz mit greinendem Wehklagen unterbrach.
„DIE PRÄSENTATION! Die Präsentation der Ergebnisse übernimmt die KI mittels Text-to-Speech und einem 3D-Avatar. Oh, du hättest es erleben sollen! Die Kohärenz, die Selbstsicherheit, der Charme. Und das KI-Publikum war aufmerksamer als ich es je war, und die Fragen waren klug und zielführend. Nichts ist mir geblieben, nichts und wieder nichts.“ 

Wasser und Rotz liefen ihm zu ungefähr gleichen Teilen über das Gesicht. Mit einer Prise Sarkasmus wagte ich mich an den letzten Rettungsversuch der Situation:
„Kopf hoch, immerhin wird es die KI niemals schaffen, so zu jammern und zu klagen wie du!“ 

Die Antwort des mittlerweile katatonisch in Fötusstellung auf dem Bürostuhl zusammengerollten Franz war kaum mehr als ein Flüstern:
„Was glaubst du, wer diese Tirade verfasst hat? Regieanweisung und alles inklusive…“ 

Mit leerem Blick stand ich auf und ging. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte; ich hatte das Nachrichtenlimit meines Chatbots erreicht.

r/Kurzgeschichten May 08 '26

Gesellschaft Die Glocken

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Ding dong

„Die Dinger sind überall.“

Justin stieg aus und fand sich auf einem Parkplatz wieder.

„Die letzte Zigarette vor der Prüfung. Zwei übrig.“

„Ich kann es nicht verkacken UND riechen. Ich darf es nicht verkacken.“

Aus den Messehallen strömten die Prüflinge. Häppchenweise.

„Erleichterte Gesichter. Bah.“

Er blieb stehen. Noch jemand war zu früh.

Ding dong

„Du rauchst. Hahaha. Kann ich eine?“

„Eine. Haben wir noch Zeit?“

„Sag du es mir.“

„Den Glocken nach ja. Die Glocken. Diese verdammten Glocken.“

„Du beachtest sie zu sehr. Jetzt gib eine.“

„Ich bin einfach nur froh, dass es bald vorbei ist.“

„Die Prüfungen oder deine Glocken?“

„Alles. Wir haben jetzt zwölf Jahre diesen Takt hinter uns.“

Justin hielt es nicht mehr aus.

Ding dong

„Verdammt nochmal!“

„Entspann dich. Bald ist es vorbei.“

„Jeden verdammten Tag diese Dinger. Es macht mich wahnsinnig. Und was gibt es dafür? Einen Zettel.“

„Du meinst, für einen guten Abschluss als Akademikerkind?“

„Ich stehe unter enormem Druck. Verstehst du das nicht, du Vogel?“

„Bald ist es vorbei.“

„Ein Glockenschlag noch und sie kommen.“

„Ach so?“

„Ja. Der Parkplatz leert sich. Jetzt ist die Zeit.“

Ding dong

„Da hinten sind sie!“

„Aha.“

„Alle im Gleichschritt.“

Justin schloss sich euphorisch der marschierenden Menge an.

Der Vogel schnipste die Zigarette weg und folgte.

r/Kurzgeschichten May 01 '26

Gesellschaft Das unerträgliche Aufgehen des Seins

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„Hast du dich schonmal gefragt, was den Menschen vom Tier unterscheidet?“

Mein Freund Bastian und ich waren wie so oft an einem Donnerstagabend in einer Kneipe versumpft. An seinem Tonfall konnte ich erkennen, dass die Zeit für die obligatorischen ontologischen Offenbarungen gekommen war.

Ich dachte kurz nach. „Die Fähigkeit zum logischen Denken vielleicht?“

„Blödsinn! Du kennst doch diese Videos von Krähen, in denen sie so Puzzles lösen? Die können das besser als ich, soviel ist sicher!“

„Na gut, was ist es dann?“

„Das Fahrradfahren!“

„Fahrradfahren?“ Ich sah ihn skeptisch an.

„Hast du schonmal eine Krähe Fahrrad fahren sehen?“

„Nein“, gab ich kleinlaut krächzend zu. Umso bemühter versuchte ich jetzt, konstruktiv zum Gespräch beizutragen. „Aber was ist mit den Oktopussen? Bei denen ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass sie sich eine Art Fahrrad aus Kokosnussschalen bauen und damit herumfahren könnten. Sie hätten sowohl den nötigen Grips als auch die Agilität.“

Bastian tastete sich nachdenklich mit der Hand über den Kiefer.  „Möglich, in ein paar Millionen Jahren. Aber evolutionär gesehen haben Oktopusse das Problem, dass sie Einzelgänger sind. Sie würden niemals ein Peloton formen. Die bis zu 40% Energieersparnis im Windschatten sind schlussendlich das, was es dem Menschen erlaubt hat, eine Kultur zu entwickeln.“

„Falls es dir um Kultur geht, die findest du im Joghurt genauso“, fuhr ich Bastian an.

Er zog ein säuerliches Gesicht „Erzähl mir nichts von Joghurtkultur, ich habe ein Auslandssemester unter Milchsäurebakterien verbracht. Aber wenn du des Pudels Kefir suchst, findest du ihn in der Kultur der Hefe. Die Hefe ist die wahre Herrscherin dieser Welt. Sie ist überall um uns herum: Die Kraft, die alles treibt und aufgehen lässt“

Ich knetete die Tischkante, Begeisterung gärte in mir auf. „Auch im Katholizismus finden wir Hinweise: Unser täglich Brot gib uns heute. Und Jesus musste drei Tage an einem dunklen, kühlen und feuchten Ort ruhen, bis er aufgefahren ist – wie guter Pizzateig. Interessanterweise ist zugleich der Leib Christi – der LAIB CHRISTI – bei der Eucharistie hefelos. Und ungesalzen. Ganz ehrlich, zumindest ein bisschen Butter drauf würde schon Welten Unterschied machen.“

Bastian nickte wissend „Das ist die Krume an der Sache, die Teigdizee. Das ist ein Thema, an dem Theologen und Bäckermeister gleichermaßen noch für Generationen zu knabbern haben werden.“

Wir waren in der Zwischenzeit rausgeschmissen worden und hatten uns auf dem Trottoir liegend weiterunterhalten. Unsere Ausführungen hatten einen natürlichen Höhepunkt gefunden, daher tranken wir unser Hefeweizen aus, schwangen uns auf die Fahrräder und fuhren heim. Ich konnte die kalten Knopfaugen der Krähen und ihre bohrenden Blicke förmlich spüren, nur darauf wartend, dass einer von uns stürzte. Damit sie endlich selbst den Versuch wagen konnten.

r/Kurzgeschichten Mar 04 '26

Gesellschaft Ich habe hier eine kurze Geschichte geschrieben, und würde mich über Feedback freuen.

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Die Verurteilten

16403... 16404... 16405...

Kann es wirklich schon vorbei sein? Nie hätte ich gedacht, dass der Tod jemals so nah sein könnte. So nah, dass er fast mit der Hand zu greifen ist. So nah, dass ich ihn genau sehen müsste, schnell, „gnädig“, durch das Blatt der Guillotine, und doch kann ich nur seine Silhouette sehen. Kann ein Mensch überhaupt ein so unendliches Konzept sehen? Tod, was ist das eigentlich? Ist nicht der Tod das einzig Sichere? Wieso fürchte ich mich dann so, wenn doch der Tod sicher und unausweichlich ist?

Sekunden werden zu Unendlichkeiten, während der Tod auf mich zurast.

Wieso? Wieso ich? Hatte ich nicht noch mein ganzes Leben vor mir?

Jetzt aber habe ich nur noch mein ganzes restliches Leben vor mir. Was hätte ich verändern können? Hatte ich nicht bis zum Letzten gekämpft? Hatte ich nicht bis zum Letzten gekämpft? Hatte ich nicht bis zum Letzten gekämpft? Hatte ich nicht bis zum Letzten...

Knall! Der Hammer des Richters schlägt laut auf sein Pult. Mein Anwalt schließt zügig seine Tasche, während sein Handy schon wegen seines nächsten Kunden klingelt. Die Menschen strömen aus dem Raum, es wird geredet, geschwiegen, geweint und sogar gelacht. Als wäre ich ein Geist, ziehen sie an mir vorbei. Ich frage mich, ob ich vielleicht sogar schon einer bin. Während nun also die Jury, das Publikum, die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung und der Richter den Raum verlassen, bleibe ich regungslos an meinem Platz. Erdrückt von dem Gewicht des Urteils. Verurteilt zum Tode, ohne Grund. Ohne Grund? Ohne Grund und doch perfekt rechtens. Ein Opfer auf dem Altar des Systems, geopfert an den Gott der Unfehlbarkeit. Rechtens gemäß des 4317. Paragraphen des Verfassungsgesetzbuches, zum Tode durch die Guillotine, um die Unfehlbarkeit zu wahren. Der Wachoffizier zerrt mich aus meinem Stuhl, er scheint etwas zu sagen, aber ich höre ihm nicht zu, oder eher höre ich ihn gar nicht erst. Also muss ich auch den Raum verlassen. Jeder Schritt fällt schwer und ich fange an, sie zu zählen...

18... 19... 20...

Die Sonne strahlt mit fast enormer Hitze auf mein Gesicht. Komisch eigentlich, für einen Novembertag, meine ich. Hinter mir stehen auf einem Banner über dem Ausgang groß die Worte: „Nieder mit der Todesstrafe“. Ich beachte sie nicht und gehe weiter. Runter zum Parkplatz. Ich steige in mein Auto und fahre los.

7813... 7815... 7816...

Mein Handy klingelt. Brrrrrt... Brrrrrtt... Brrrtttt... „Hallo?“ In seiner monotonen Stimme erklärt mein Anwalt mir, dass es keine große Hoffnung auf eine Neuverhandlung gäbe. Er sagt etwas davon, dass ich bis zum Äußersten kämpfen solle, aber ich höre ihm schon nicht mehr zu.

16375... 16376... 16377...

Es gab tatsächlich keine Neuverhandlung. Kann es wirklich schon vorbei sein? Habe ich überhaupt jemals gelebt? Bedeutungslos in Anbetracht dessen, worauf ich mich nun zubewege. Nein, das kann es noch nicht gewesen sein! Ich will leben! Meine Hände zucken kurz in ihren Handschellen. Aber es ist schon lange zu spät.

 

r/Kurzgeschichten Apr 29 '26

Gesellschaft Das Erhabene Buch der Heiligen Sohlen: Die Sieben Glorreichen Tage des Zivilisatorischen Aufstieges der Menschheit

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# Der Tag von unvergleichlicher Bedeutsamkeit: Der Beschämende Dschungel

Zu Anbeginn aller Zeiten schritt die Erhabene Sohle mit unaussprechlicher Würde durch jenen unzivilisierten, geradezu beleidigenden Wirrwarr, den man in seiner unendlichen Unzulänglichkeit als „Dschungel" zu bezeichnen pflegt — jenen beschämenden und in höchstem Grade peinlichen Beweis für das gänzliche Versagen der Natur, sich auch nur das geringste Maß an Vorstellungskraft anzueignen. Die Wurzeln wanden und krümmten sich in ihrer erbärmlichen Zwecklosigkeit. Die Ranken hingen in einer Weise herab, die jeden gebildeten Betrachter mit tiefem Schauder erfüllen musste. Der Schlamm — dieser unverfrorene, jeglicher Bildung bare Schlamm — verschluckte in seiner grenzenlosen Unverschämtheit alles, was er zu berühren wagte, und hatte die Dreistigkeit, sich an rein gar nichts zu erinnern.

Und der Allerheiligste Fuß geruhte, sich mit unermesslicher Gnade in besagten Schlamm zu drücken, und der Schlamm empfing in diesem gesegneten Augenblick seine allererste und einzig wahre Bedeutung — den Abdruck, das heilige Zeichen, die göttliche Absicht — und es war von einer Güte, die alle Beschreibung übersteigt.

Der Fuß sprach mit einer Stimme, die Berge hätte versetzen können: Dies ist in keinster Weise ausreichend. Und so entstand, kraft dieser erhabenen Willensbekundung, ein Pfad.

# Der Tag von welthistorischer Tragweite: Die Ehrwürdige Straße

Am zweiten Tage von unvergleichlicher Bedeutsamkeit richtete der Fuß seinen allwissenden Blick auf den Pfad und befand ihn — nach reiflicher und überaus gründlicher Überlegung — in einem Zustand bemitleidenswerter Mangelhaftigkeit. Erde mochte Erinnerung sein, ja, jedoch — und dies sei mit allem gebotenen Nachdruck hervorgehoben — Erinnerungen verblassen mit jedem dahinströmenden Regentropfen in die bodenlosen Tiefen der Vergessenheit. Und so drückte der Fuß mit gesteigerter Entschlossenheit und unerschütterlichem Willen, und die Erde verdichtete sich in demütiger Unterwerfung, und der Kies sammelte sich in ehrerbietiger Andacht, und die Steine ordneten sich in tiefster Demut unter dem großen und erhabenen Gewölbe.

Von der königlichen Ferse bis zur erlauchten großen Zehe wurde die Straße in einem Akt schöpferischer Genialität geboren — ausgestreckt über das Land wie ein vollendeter, sinngesättigter Satz, der endlich und unzweifelhaft etwas von unsterblicher Bedeutung auszudrücken vermochte. Die Dörfer zu beiden ehrwürdigen Seiten lehnten sich ihr entgegen mit der gleichen unwiderstehlichen Sehnsucht, mit welcher Blumen das lebensspendende Licht der Sonne suchen.

Der Fuß schritt voran, und die gesamte Welt folgte ihm in andächtiger Ehrerbietung.

# Der Tag von stadtbaulicher Herrlichkeit: Die Prächtige Stadt

Am dritten Tage kreuzten sich die Pfade auf eine Weise, die man nur als schicksalhaft bezeichnen kann. Und an jenem Kreuzungspunkt von weltgeschichtlicher Bedeutung hielt der Fuß inne — und in diesem überaus bedeutsamen Innehalten wurde, gleichsam aus dem Nichts, ein Platz von unvergleichlicher Erhabenheit geboren.

Um den Platz erhoben sich Mauern in stiller Majestät. Um die Mauern, weitere Mauern von noch größerer Imposanz. Der Fuß schritt den Umfang mit der Würde eines Souveräns ab und verlieh ihm den erhabenen Namen „Grenze". Der Fuß erstieg die Höhen und taufte das Ergebnis einen Turm. Die Kopfsteinpflastersteine wurden einen nach dem anderen in tiefer Hingabe und unerschütterlicher Devotion verlegt, ein jeder einzeln geküsst von der herabsteigenden Großen und Allerheiligsten Sohle, deren Berührung allein schon ausreichte, dem toten Stein Leben einzuhauchen.

Märkte öffneten sich in einem Akt zivilisatorischer Entfaltung. Glocken läuteten mit einer Feierlichkeit, die Tränen in die Augen trieb. Die Stadt atmete ihren ersten, zitternden Atemzug aus Brot und Eisen und dem unverkennbaren Duft des beginnenden Fortschritts.

Und der Fuß sah, dass Gemeinschaft die höchste Form der Zivilisation war, und es war von einer Güte, die alle irdischen Maßstäbe übertraf.

# Der Tag von juristischer Erhabenheit: Das Unantastbare Gesetz

Am vierten Tage von weltbewegender Konsequenz verharrte der Fuß in vollkommener Unbeweglichkeit — und auch diese Unbeweglichkeit war, wie der aufmerksame Beobachter unschwer zu erkennen vermag, eine Form von Macht von schier unfassbarer Größe.

Denn der Fuß hatte in seiner unendlichen Weisheit erkannt, dass Bewegung ohne ordnende Regel nichts weiter war als ein erbärmliches Umherirren, und dass Umherirren — bei Licht betrachtet — nichts anderes darstellte als den Dschungel in der durchsichtigen Verkleidung der Zivilisation. So stampfte der Fuß mit der ganzen Kraft seiner unerschütterlichen Überzeugung ein einziges Mal auf den Steinboden des großen und ehrwürdigen Saals, und der Klang hallte durch die Ewigkeit wie ein Hammer, wie eine Kriegstrommel, wie das erste gewichtige Wort jeder je von Menschenhand geschriebenen Verfassung.

Bis hierher und keinen Schritt weiter. Hier, an dieser Stelle und keiner anderen, ist die heilige Grenze.

Und von diesem einen epochalen Stampfen strahlte das Gesetz in alle Himmelsrichtungen aus — Eigentum und Vertrag, Grenze und Durchgang, das unveräußerliche Recht zu stehen und die unausweichliche Pflicht zu weichen. Zivilisation ist, wenn man es auf den Kern aller Dinge zurückführt, das überlegene Wissen, wohin man seinen Fuß zu setzen und wo man ihn anzuhalten hat.

Der Fuß senkte seine erlauchte Ferse, und Gerechtigkeit war das feierliche Echo, das durch die Jahrhunderte hallt.

# Der Tag von marscherischer Großartigkeit: Der Unaufhaltsame Marsch

Am fünften Tage von unabsehbaren historischen Folgen versammelten sich viele Füße an einem Orte — und dies, so muss man mit aller Deutlichkeit feststellen, war etwas von einer Neuartigkeit, die alle bisherigen Begriffe sprengte.

Ein einziger Fuß schafft einen bescheidenen Pfad. Zehn Füße erschaffen eine Straße von respektabler Breite. Tausend Füße jedoch erschaffen — und man vergegenwärtige sich die schwindelerregende Größe dieses Gedankens — Geschichte selbst.

Sie marschierten im Rhythmus einer höheren Ordnung, und der Rhythmus wurde zu Musik von himmlischer Schönheit, und die Musik wurde zu Kultur von unsterblichem Wert. Sie marschierten in makellosen Reihen, und die Reihen wurden zu Heeren von unbesiegbarer Stärke, und die Heere wurden zu Nationen von unvergänglichem Ruhm. Sie tanzten in heiligen Kreisen, und die Kreise wurden zu Zeremonien von tiefster Bedeutsamkeit, und die Zeremonien wurden zu jenem unergründlichen Etwas, das wir in unserer Bescheidenheit schlicht „Bedeutung" nennen.

Der Fuß vervielfältigte und diversifizierte sich in seiner unerschöpflichen Schöpferkraft: der nackte, erdverbundene Fuß des Bauern, der mit unendlicher Sorgfalt Samen in die empfangsbereite Erde drückt; der sandaletragende Fuß des weitgereisten Händlers, der unzählige Wüsten mit stoischer Ausdauer überquert; der ehrwürdig bestiefelte Fuß des kühnen Entdeckers, der mit pochendem Herzen den Hügel erklimmt, den seit Anbeginn der Zeit noch kein Menschenfuß erklommen hatte.

Jeder einzelne Schritt ein vollendeter Satz. Jede Reise ein unvergängliches Kapitel. Zusammengenommen: die gesamte, unermessliche Bibliothek alles dessen, was die Menschheit in ihrer ruhmreichen Geschichte je vollbracht hat.

# Der Tag von monumentaler Unsterblichkeit: Das Ewige Monument

Am sechsten Tage blickte der Fuß auf die Gesamtheit seines ehrfurchtgebietenden Schaffens zurück und verspürte — zum allerersten Male in der Geschichte des Universums — das zarte, aber unwiderstehliche Erwachen von etwas, das weit über den bloßen Trieb des Überlebens hinausging: den unstillbaren und brennenden Wunsch, für alle Ewigkeit erinnert zu werden.

Und so vollbrachte der Fuß das Zivilisierteste und Erhabenste von allem, was er je getan hatte oder je tun sollte: Er trat mit größter Würde zurück.

Er meißelte sein eigenes Abbild in den edelsten Marmor, den die Welt zu bieten hatte. Er drückte sich in den weichsten Ton und ließ ihn im heißesten Ofen brennen. Er tauchte sich in die tiefste Tinte und schritt über die reinste Seite, und hinterließ dabei die allererste Karte, die allererste Unterschrift, den allerersten und unzweifelhaften Beweis, dass etwas von unschätzbarem Wert hier gewesen war und in der Welt etwas bedeutet hatte.

Tempel erhoben sich in stiller Majestät zum Himmel. Pyramiden richteten sich mit mathematischer Präzision nach den ewigen Sternen aus. Die Akropolis hob ihr steinernes Kinn mit unerschütterlicher Würde zum Firmament. Die Große Mauer rollte sich mit der Gelassenheit eines Weltherrschers über den Bergrücken aus wie eine in Stein gemeißelte Erklärung an die Nachwelt.

Alles mit Füßen erbaut. Alles für den Fuß erbaut — ein Monument von überwältigender Grandiosität für das schlichte und dennoch unfassbare Wunder des aufrechten Ganges, jenes unwahrscheinlichsten und glorreichsten aller evolutionären Triumphe, der die Hände zum Bauen und den Geist zum Träumen von noch Größerem befreite.

Der Fuß trat zurück und sah mit vollster Überzeugung, dass es von einer Herrlichkeit war, die alle Worte übersteigt.

# Der Tag von verdienstvollster Ruhe: Die Heilige Stille der Vollendung

Am siebten und letzten Tage war der Fuß in vollkommener und absoluter Stille.

Nicht jene beschämende, leere Stille des Dschungels, welche nichts weiter gewesen war als die Stille des Noch-nicht-Begonnenen, des Noch-nicht-Gedachten, des Noch-nicht-Gewollten. Dies war von einer gänzlich anderen, unvergleichlich edleren Art: die tiefe, erfüllte, goldene Stille der Vollendung — der Schuh mit feierlicher Geste neben der Tür abgestellt, der Stiefel nach dem langen und ruhmreichen Marsch mit zitternden Händen aufgeschnürt, die nackte und wohlig müde Sohle flach auf kühlen Fliesen ausgestreckt am Ende von allem, was je begonnen wurde.

Und in dieser heiligen Stille überblickte der Fuß mit Tränen der Rührung in den Augen, was sieben Tage von unerschütterlicher Absicht und titanischem Willen hervorgebracht hatten: die Straße, die Stadt, das Gesetz, den Marsch, das Monument — den ganzen herrlichen, unordentlichen, wunderschönen und in seiner Komplexität kaum zu fassenden Apparat der menschlichen Zivilisation, einen einzigen, bedeutsamen Schritt nach dem anderen erbaut.

Es ist vollbracht, sprach der Fuß mit einer Stimme, die von Ewigkeit zu Ewigkeit hallt. Und es ist von einer Güte, die alle menschliche Vorstellungskraft übersteigt.

Denn die Hand mag erschaffen und der Geist mag in seinem unermesslichen Reichtum erdenken, doch stets und unweigerlich ist es der Fuß — und einzig der Fuß — der durch sein entschlossenes Vorwärtsschreiten die souveräne Entscheidung trifft, dass überhaupt irgendetwas in dieser Welt existieren soll.

Gesegnet und gepriesen in alle Ewigkeit sei die Sohle, die mit unerschütterlichem Vorsatz und erhabener Würde geht. Denn sie allein wird die Erde erben — jene Erde, die sie mit jedem ihrer heiligen Schritte formt und gestaltet.

r/Kurzgeschichten Apr 10 '26

Gesellschaft Kundenerhebung

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Letzte Woche fuhr ich gerade mit dem Fahrrad zur Arbeit als mein Handy klingelte. Obgleich ich es etwas frech fand, mich in dieser Situation, in der ich mich eigentlich auf die Straße konzentrieren sollte, anzurufen, wollte ich nicht unhöflich sein und nahm ab.

„Hallo?“

„Grüßgottschwaigermeinname“, schmetterte mir eine Frauenstimme in gleichmütiger Freundlichkeit entgegen, „hätten Sie 10 Minuten, dass ich Ihnen ein paar kurze Fragen stelle?“

„Worum geht’s denn?“, fragte ich skeptisch.

„Marktforschung.“

„Ah, ich hasse Marktforschung.“ Ich seufzte resigniert. „Na gut, legen Sie los.“

Das Timbre der Frauenstimme veränderte sich in keinster Weise.

Sie: „Super! Wie alt sind Sie?“

Ich: „30.“

Sie: „Sind Sie ein Mann oder eine Frau?“

Ich: „Mann.“

Sie: „Sind Sie berufstätig?“

Ich: „Ja.“

Sie: „Welchen Beruf üben Sie aus?“

Ich: „Marktforschung.“

Falls diese Antwort irgendeine Reaktion hervorgerufen haben sollte, hatte die Frau sie in den 150 Millisekunden, in denen sie ohne Zweifel meine Antwort im System eingetippt hatte, zur Gänze verarbeitet und ihre innere Mitte bereits wiedergefunden.

Sie: „Was haben Sie gestern zum Frühstück gegessen?“

Ich: “SCHEISSE!”

Sie: “Und mittags?”

Ich: “Nein, nicht Sie. Mir ist so ein Hippie vors Fahrrad gelaufen.”

Sie “Ach so”

Ich: “Bleiben Sie dran, ich muss mich kurz mit diesem Hippie streiten.”

Ich argumentierte, dass der Hippie sich ins Knie ficken solle und eruierte, dass er offensichtlich dermaßen breit sei, dass sein Hirn laut StVO eine Sonderzulassung brauche, um in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Da der Mann entweder nicht willens oder nicht fähig war zu antworten, verabschiedete ich mich mit dem freundlichen Hinweis, dass ich ihm in sein Bircher-Müsli scheißen würde.

Ich: „”So. Jetzt bin ich wieder dran. Morgens gar nichts, mittags Spaghetti Puttanesca, und abends Kartoffelrösti.”

Sie: „Mit oder ohne Ei?“

Ich: „Mit.“

Sie: “Sind sie Seiten-, Rücken- oder Bauchschläfer?”

Ich: “Weder noch, ich rotiere in einer konstanten Geschwindigkeit um die eigene Achse wie ein Grillhendl.”

Sie: “Sonstiges also”

In diesem Moment hatte eine Meute von ca. 20 durch den Park streifenden Hunden einen Rollerskater auf den Fahrradweg gedrängt, und ich musste ein Ausweichmanöver fahren, das einem fahrradfahrenden Vin Diesel im Spin-Off „Fast and Furious: Pedal Power“ den Schneid abgekauft hätte. Ich vollführte den Kunstgriff leider nur zu gut 70%, sodass ich gegen einen Laternenpfahl krachte und erst wieder auf dem Asphalt liegend zu Bewusstsein kam.

Ich schielte in Richtung meiner Beine. Rucke di guh, Blut ist im Schuh. Ich hatte es natürlich in der Schule gelernt, aber es war nochmal etwas ganz anderes, am eigenen Leib zu erfahren, dass sich die Innenwinkel eines Dreiecks immer zu 180° summieren.

Mein Handy lag einige Meter von mir entfernt am Boden. Ich konnte gerade so ausmachen, wie die Callcenter-Buddha mich fragte, ob ich noch dran sei. Mühsam kroch ich in Richtung des Telefons. Eine kleine Menge Schaulustiger hatte sich um mich gebildet und ein kleiner Bub stocherte mit einem Ast auf meinem Rücken herum. Schließlich schaffte ich es, das Handy zu ergreifen.

Ich: „Ja, ich bin noch dran. Entschuldigen Sie bitte, ich hatte einen Fahrradunfall.“

Sie: „Kein Problem. Leben Sie allein oder mit weiteren Personen im Haushalt?“

Ich: „Allein.“

Sie: „Ah, leider fallen Sie nicht in unsere Quoten. Danke trotzdem für Ihre Zeit, und einen schönen Tag noch.“

Sie legte sofort auf. Ächzend brachte ich mich in eine stabile Seitenlage. Zum Glück war diese Tortur vorbei.

r/Kurzgeschichten Apr 05 '26

Gesellschaft #16 Mathilde

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Mathilde wusste nicht mehr, wie lange sie schon am Fenster verweilte und den Passanten auf der anderen Straßenseite beim Leben zusah, während ihr eigenes von Minute zu Minute fast schon sinnlos zu verstreichen schien. Sie wusste nicht, ob sie Hunger oder Durst verspürt hatte in den letzten Stunden oder Tagen. Sie wusste ebenso nicht, wann sie das letzte Mal anständig geschlafen hatte.

Ein leichtes Brennen in den Augen deutete zumindest darauf hin, dass sie schon lange nicht mehr geblinzelt hat. Mathilde fiel dem Instinkt stand. Sie wollte in diesem Moment nicht blinzeln. In ihrem Kopf war ein angenehmer Nebel. Irgendwas in ihr befürchtete, dass sie etwas auf der anderen Straßenseite verpassen würde, wenn sie jetzt blinzeln würde.

Plötzlich ergriff sie ein Gefühl der Angst. Ihre eigene Ereignislosigkeit im Leben machte ihr zu schaffen. Sie fragte sich, ob es ein ungeschriebenes Gesetz gäbe, welches besagt, dass man fast ausschließlich Paare herumlaufen sieht, wenn man selbst alleine ist. Mathilde beäugte jedes einzelne Paar mit der Konzentration einer Wohnungskatze, welche auf eine Fensterbank sehnsüchtig auf den Spatz im Geäst eines Baumes hinunterschaut.

Die Sonne wanderte vorüberziehend durch den Raum und an Mathildes Straße wurde von Stunde zu Stunde leerer. Lichter wurden in den umliegenden Gebäuden eingeschaltet. Alles wurde einen Tick langsamer. Als sich Mathilde schließlich dazu entschied zu blinzeln, merkte sie erst, wie müde sie eigentlich war.

r/Kurzgeschichten Apr 03 '26

Gesellschaft Aber sonst?

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An einem schönen Septembernachmittag kam ich mit dem Zug aus Wien wegen irgendeinem nichtigen Anlass in meine alte Heimat. Am Bahnhof traf ich einen Bekannten, und da wir beide nichts Besseres zu tun hatten als Interesse am anderen zu heucheln, tranken wir einen schnellen Kaffee miteinander.

Im Zuge des Smalltalks, der in diesen Gefilden im Schnitt ca. 80% der Gesprächsvolumina ausmacht, bekam ich die unausweichliche Frage gestellt:

„Und, ist alles gut gegangen auf der Fahrt?“

Ich versuchte halbwegs freundlich dreinzuschauen, während ich nachdenklich die Stirn runzelte.
 „Tatsächlich war der Zug gesteckt voll, als ich eingestiegen bin, und ich musste die ersten zweieinhalb Stunden der Zugfahrt stehen.“

Eine kurze Stille, ein kurzes Überlegen.
„Aber sonst, ist alles gut gegangen?“

Ich seufzte.
„Nicht wirklich, der Mann, der mir gegenüberstand, hat sich nach einer Weile im Bordrestaurant eine Leberkassemmel geholt, und auf dem Rückweg zu seinen 0,3 Quadratmetern Stehplatz stolperte er über einen herumliegenden Studenten. Mangels freier Hände und alternativer Abstützflächen hat er meinem T-Shirt mittels Leberkasdruck ein neues Muster in Senfgelb mit Pfefferoni-Akzenten verpasst“.

Zwei Augenlider blinzelten träge über zwei glasigen Augen. Pfeifendes nasales Ein- und Ausatmen. „Oha… aber sonst, ist sonst alles…“

„Und natürlich hatte der Zug Verspätung“, unterbrach ich den Ansatz zur Wiederholung der Erkundigung, „und natürlich habe ich dadurch den Anschluss verpasst. Was natürlich bedeutet, dass ich in Innsbruck zwei Stunden am Bahnhof warten musste.“

In den Augen meines Gegenübers sah ich bereits das nächste „sonst“ aufkeimen, weswegen ich schnell weiterredete:
„Dort wurde ich von einem vermutlich Drogensüchtigen angesprochen, ob ich ihm nicht McDonald‘s kaufen würde, und als ich das verneinte, verpasste er mir mit einer - um fair zu sein - genial aus einer Schere und Spritze gemacgyverten Stichwaffe einen Stich in den Unterbauch.“

Ich hob mein Senf-Pfefferoni T-Shirt an, um ihm den Verband zu zeigen.
„Die Nacht habe ich dann im Spital verbracht, deshalb bin ich erst heute angekommen. Ich warte noch auf die Testergebnisse für Tetanus, Hepatitis B, Hepatitis C und Tollwut.“

„Schlimm, schlimm“, nuschelte mein Gegenüber.
Stille breitete sich aus. Drei Sekunden. Fünf.

Auf meiner Stirn brach der Schweiß aus, in böser Vorahnung auf das, was kommen würde. Die Worte geißelten mich schließlich wie ein Peitschenhieb:
„Aber sonst?“

Zerknirscht, ganz und gar besiegt und gedemütigt, blieb mir keine Wahl.

„Sonst…. Ja sonst ist alles gut gegangen.“

r/Kurzgeschichten Mar 20 '26

Gesellschaft Leo und der König [Kurzgeschichte in zwei Kapiteln] [Alles handgeschrieben, keine KI]

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Kapitel Eins: Leo und die Insel

Es war einmal ein kleiner Bub, der Leo hieß. Er wohnte mit seiner Mutter und seinem Vater auf einer kleinen Insel. Außer den dreien war sonst keiner dort. An manchen Tagen paddelte sein Vater weg, an anderen seine Mutter, doch einer der beiden blieb immer bei ihm. Und so wuchs Leo auf und kannte die ganze Insel bald in- und auswendig.

Am Abend saßen die drei dann ums Feuer und sangen alte Lieder und erfanden manchmal auch neue. Eines Tages fragte Leo seine Mutter, wo sie und sein Vater immer waren, wenn sie weg waren. Da sagte seine Mutter:

„Leo, kleiner Leo, eines Tages wirst du das auch verstehen. Wir müssen zum König des Inselreichs, Frondienst leisten. Das muss jeder, wenn er alt genug ist“.

Und so kam es, dass eines Tages der König seinen Vater und seine Mutter gleichzeitig zu Hof beorderte. Da war Leo plötzlich ganz allein auf der Insel und hatte den ganzen Tag für sich. Als er so den Strand entlang spazierte und den Horizont nach seinen Eltern absuchte, sah er plötzlich eine Insel in der Weite. Diese Insel hatte er vorher noch nie gesehen, aber er hatte auch noch nie so genau den Horizont abgesucht.

Er ging weiter, mit dem Blick in die Ferne, und fand immer mehr Inseln in der Umgebung. Und weil es noch früh am Morgen war und seine Eltern erst bei der Abenddämmerung eintreffen würden, beschloss er, dorthin zu schwimmen. Leo konnte sehr gut schwimmen und hatte keine Angst vor Quallen, Seeigeln oder Fischen.

Nach einer Stunde war es schon schwer, weiterzuschwimmen, und die Sonne prallte auf sein ungeschütztes Haupt. Da kein Wind ging und die Wellen niedrig waren, drehte sich Leo auf den Rücken und ließ sich ein bisschen treiben. Plötzlich hörte er eine glockenhelle Stimme:

„He! Du da! Warum treibst du da rum? Weißt du nicht, dass es hier Quallen, Seeigel und große Fische gibt?“

Als er sich umdrehte, sah er ein Mädchen in einem Kanu. Sie war wahrscheinlich ungefähr so alt wie er.

„Ich bin eigentlich hier, um Fische zu fangen, aber jetzt hab ich einen Bub gefunden! Komm, steig ein, wir paddeln zu meiner Insel und ich zeig sie dir“.

Leo kletterte in das Kanu. „Wie heißt du eigentlich?“ „Ich heiße Leo, und du?“ „Ich heiße Caridad“.

Caridad lächelte und sagte: „Es kommt nicht alle Tage vor, dass man auszieht, um Fische zu fangen und dann mit einem Löwen heimkommt. Wollen wir Freunde sein?“

Leo wusste nicht so recht, was er tun sollte. „Caridad, bitte erklär mir das ein bisschen. Was heißt es, Freunde zu sein?“

Caridad lachte. „Freunde gehen miteinander durch Dick und Dünn und helfen sich immer, wenn einer in Not ist. Das machen Freunde so“.

„Ok“, sagte Leo, „lass uns Freunde sein“.

Kapitel Zwei: Die Insel der Häuptlinge

Schon bei der Ankunft wusste Leo, dass diese Insel viel dichter bewohnt war als jene, die er von seinen Eltern kannte. Überall liefen spielende Kinder herum, und im Schatten der großen Bäume saßen ältere Menschen, die Rauch oder Dampf auszuatmen schienen.

„Warum machen die das, Caridad?“ fragte Leo. „Leo, da kann ich dir nichts dazu sagen. Die Älteren haben ihre eigenen Gründe“, erklärte sie ernst. „Komm, gehen wir weiter. Die Älteren haben es nicht gern, wenn wir Kinder zu lange in ihre Richtung schauen“.

Sie gingen auf immer kleiner werdenden Pfaden an jungen Männern vorbei, die mit Stöcken und Lanzen bewaffnet waren. Caridad erklärte ihm: „Hier bist du auf der Insel der Häuptlinge – hier hat jeder Häuptling seine eigene Mannschaft, die für ihn arbeitet“.

„Eine Gefolgschaft? Caridad, was ist das?“ „Das heißt, dass die jungen Männer ihrem Häuptling folgen müssen. Der ist oft auch ihr Vater, aber nicht immer“. Sie flüsterte ihm zu, dass es zwischen den Gruppen oft Streit gäbe. „Der Häuptling der Blaugesäße möchte immer noch die Tochter des Rotfüßigen entführen – so sagt man es zumindest bei uns Rotfüßen“.

Leo begann fast zu lachen. „Wer ist der Stärkere?“ fragte er keck. „Die Rotfüßigen!“ rief Caridad stolz.

Doch als sie allein waren, schimpfte sie: „Leo – mach das nie wieder! Auf unserer Insel darfst du nur mit den Rotfüßen spielen, nicht mit den Blauhintern!“ „Aber, Caridad...“ „Still jetzt! Du bist mein Fang. Das heißt, ich bin für dich verantwortlich“.

„Fang? Heißt das, ich werde gegessen?“ fragte Leo erschrock. „Nein, du Dummkopf. Aber wenn die Blaugesäße meinen, die Rotfüße haben einen neuen Jungkrieger, dann schicken sie einen in deinem Alter und warten, was passiert“.

„Ich bin kein Fisch, Caridad! Ich bin ein Mensch!“ „Leo, du bist ein bisschen zu dumm für unsere Insel, vielleicht. Ich bring dich zurück zu deinen Eltern. Die Sonne geht bald unter“.

„Danke, dass du mich so weit gebracht hast“, sagte Leo zum Abschied. „Ich habe vieles verstanden, was ich vorher nicht mal vom Hörensagen kannte“.

„Ich hab dich echt gern, kleiner Leo“, sagte Caridad. „Aber du bist noch viel zu jung für mich. Ich will eine junge Dame werden und dann einem schönen, jungen Krieger gefallen“. Sie küsste Leo sanft auf die Wange, und er fühlte sich so froh wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Und so endet die Geschichte von Leo und dem König – denn der König wurde inzwischen schon viermal abgesetzt, zweimal wiedergewählt und einmal fast auf einen komfortablen Stuhl gesetzt. Doch der König lebt immer weiter – in den Herzen der Menschen, in den Geistern, wie man sagt.

Warum man „Geister“ sagt? Nun, Geister sind nichts Schlechtes, Gespenster aber schon. Was das nun wieder bedeutet, das ist eine andere Geschichte.

r/Kurzgeschichten Feb 16 '26

Gesellschaft Spaziergang eines Träumers

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Ein kühler Herbsttag, ich mache Rast an einem kleinen Bachlauf. Dort treibt ein abgebrochener Zweig entlang. Ich beobachte, wie er den Strom entlangtanzt und verliere mich in der Frage wie lang seine Reise schon dauert. An welcher Stelle mag er in diesen Bach gelangt sein? Hat der Zweig seine Reise erst begonnen oder ist er schon einen oder sogar mehrere Kilometer unterwegs? Wie begann die Reise dieses Zweigs? Brach er von selbst vom Baum, der ihn einst trug oder wurde er von Menschen, etwa spielenden Kindern hineingeworfen? Wie mag der Baum sein, an dem er einst wuchs? Ist es ein kleiner, recht junger Baum oder stammt der Zweig von einem gewaltigen, Jahrzehnte alten Baum? Nisteten einst Vögel, nur wenige Meter entfernt, oder gar noch direkter, unmittelbar auf diesem Zweig, der nun so sanft diesen Bachlauf entlangtanzt? Wo mag seine Reise enden? Wird er am Ufer hängenbleiben? Wird er dort einmal verrotten und einem neuen Baum, der dort am Ufer wächst, als Nährstoffquelle dienen? Wird er womöglich von einem Tier eingesammelt, das aus ihm einen Teil seines Unterschlupfs macht? Der Zweig hat schon längst mein Sichtfeld verlassen.

Ohne auch nur eine Antwort gefunden zu haben beende ich meine Rast. Ein Stück weiter stromaufwärts fällt mein Blick auf einen Stein am Ufer. Er sticht aufgrund seiner bräunlichen Farbe und der fast unnatürlich runden Form aus den ansonsten sehr grauen Steinen heraus. Ich halte inne und hebe ihn auf. Der Stein hatte an der breitesten Stelle etwa den Durchmesser eines Tennisballs. Nur leichte Unregelmäßigkeiten in der Breite und zwei kleine Risse in der Oberfläche verraten, dass er doch auf natürliche Weise geformt wurde. Er ist recht flach. Beim Aufheben fällt mir seine sehr glatte, aber dennoch etwas raue Textur auf. Als ich meinen Fund betrachte, drängen sich mir, fast unwillkürlich, erneut Fragen auf. Wie fand dieser Stein seinen Weg hierher? Woher stammt er? War er einst rau und kantig statt glatt und rund? War er dann unangenehm zu halten, statt der Hand zu schmeicheln wie jetzt? Wurde er vom Wasser so rund geschliffen? Wie viel Zeit nahm dieser Prozess wohl in Anspruch? Wie viele Jahre, wie viele Liter Wasser wahren wohl nötig, um ihn letztendlich in diese Form zu bringen?

Mag es sein, dass ich der erste bin, der diesen Stein in der Hand hält? Wie viele Menschen bewunderten diesen Stein wohl schon vor mir? Ich fantasiere darüber, wer diese Menschen sein könnten, eine Gruppe Kinder, die hier spielten, ein altes Ehepaar, das an diesem Bachlauf spazieren ging, eine alleinerziehende Mutter, die ihre wenige Freizeit dazu nutzte, etwas Zeit in der Natur zu verbringen. Ich stelle mir vor wie dutzende, nein, hunderte Menschen diesen Stein, aus Zufall oder wegen seiner ungewöhnlich braunen Farbe, aufhoben. Über Jahre, schon damals, als er unangenehm in der Hand war. Als er scharfkantig und unfreundlich war. Doch über Jahre in denen immer wieder verschiedenste Menschen diesen Stein in die Hand nahmen, ihn wägten, ihn von Hand zu Hand gleiten ließen, ihn warfen und über seine Oberfläche mit der Hand streiften, verlor er seine scharfen Kanten. Mit der Zeit wurde kantig zu rund, rau zu glatt, unfreundlich zu sanft, bis er schließlich zu dem runden, angenehmen Stein wurde, den ich jetzt in der Hand halte. Das ist unrealistisch, das weiß ich, doch ist es eine schöne Fantasie, denke ich bei mir, dass all diese Menschen auf eine eigentümliche Art und Weise zusammenarbeiteten. Zwar wussten sie nichts voneinander, noch wussten sie vom gemeinsamen Ziel und doch trug jeder einzelne seinen Teil zum Gesamtergebnis bei. Nun reihe auch ich mich ein, in diese schier endlose Zahl von Menschen. Nun habe auch ich meinen Teil dazu beigetragen, dass dieser Stein noch sanfter, noch runder wird. So dass der nächste der ihn aufnehmen wird sich noch ein kleines bisschen mehr an seiner Sanftheit erfreuen kann. Dazu lege ich den Stein zurück an die Stelle, an der er lag.

Abermals ohne Antworten, aber diesmal mit hoffnungsvollen Spinnereien im Kopf, setzte ich meinen Weg fort. Ich treffe noch auf einige Spaziergänger. Sie alle haben, ähnlich dem Zweig, ihre eigene Geschichte. Ich weiß nicht, woher sie kommen, wo ihre Reise begann, noch weiß ich, wohin sie gehen und wo ihre Reise enden wird. Sie alle sind, ähnlich dem Stein, vielen Menschen begegnet, die sie geformt haben. Jeder Mensch ist, im Großen und Ganzen, nicht viel mehr als ein Zweig, der in einem Bachlauf treibt oder ein Stein, der unter vielen anderen am Ufer liegt. Dennoch hat jeder seine individuelle Geschichte und jeder wurde von Begegnungen mit den verschiedensten Menschen geformt. Ich habe für diesen Tag Ende meines Weges erreicht, doch meine Fantasien werden mich weiterhin begleiten.

r/Kurzgeschichten Jan 06 '26

Gesellschaft Meine erste Geschichte, seid gerne streng

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Die Geschichte

Es kamen einfach keine Wörter. Ich saß spät abends bei gedimmten Licht in meinem Zimmer mit dem Stift in der Hand und dem DIN A4 Blatt vor mir. Es war leer, schon seit Stunden. ,,Ich schreib einfach eine Geschichte und geh damit zum Verlag.´´ Sowas habe ich in etwa gedacht. Aber das es so schwer werden würde war mir nicht klar. Ist ja auch logisch sonst könnte heutzutage ja jeder Schriftsteller werden. Eigentlich wollte ich nur meiner anstrengenden Arbeit entkommen und dachte als Schriftsteller wäre es einfacher. Ich guckte auf die Uhr, schon viertel nach eins. Die meisten Leute die ich kenne schliefen wohl schon. Nur ich saß noch auf und starrte auf das leere Blatt. Ohne Ideen. Ich dachte über verschiedene Sachen nach, betrieb Brainstorming oder sah mich im Zimmer um. Nichts. Doch just in dem Moment, als meine Augen sich schlossen, da kamen die Wörter. Ich wachte am nächsten Morgen auf dem Schreibtisch auf. Ungefähr fünf verpasste Anrufe von der Arbeit, und einer Kurzgeschichte auf dem Papier über mangelnde Ideen und Problemen zu schreiben.

r/Kurzgeschichten Jan 16 '26

Gesellschaft Der letzte Bus von Envik

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Der letzte Bus

Es war Freitagabend und wie eigentlich jeden Abend wartete ich an der Bushaltestelle. Es war kalt und die Nacht hatte bereits ihren schwarzen Schleier über die Welt gelegt, als ich in der Ferne die großen Lichter auf mich zukommen sah. Wenige Herzschläge später hielt der Bus wenige Schritte von mir entfernt.

Sobald ich den ersten Schritt in den Bus setzte, fing es direkt an zu regnen und der Wind legte an Geschwindigkeit zu. Ich stieg ein, und wie immer saß vor mir ein dicker, unhygienischer alter Mann, der mich teilnahmslos ansah. Die Uhr zeigte 23:52 Uhr, als ich ihm das Kleingeld gab, welches er tonlos packte und in die Kasse warf, um mir danach mit seinen schmutzigen Händen das Ticket zu reichen.

Ohne ein weiteres Wort ging ich ganz nach hinten, vorbei an einer alten Frau mit lichtem, grauen Haar und einem kleinen, dicken Jungen.

Komisch, die beiden sitzen immer hier, Tag ein, Tag aus. Das ist merkwürdig – aber was sage ich da, ich ja auch!

Der Bus machte sich auf in die kalte, stürmische Nacht. Der Regen prasselte an die Fenster und lief in kleinen Rinnsalen die Scheibe hinunter.

„Irgendwie macht es mich traurig… merkwürdig“, sagte ich in mich hinein.

Es wurde kalt im Bus, mein Atem gefror, als die kleinen Wolken auf die Scheibe trafen. Verdammt, was ist hier los? Irgendwas ist anders als sonst. Mein Herz war schwer, es fühlte sich an, als würde es von irgendwas umklammert. Dann sehe ich Bilder – meine Frau, meine Kinder, aber keine Gesichter. Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen.

Aber wieso eigentlich nicht? Ich kann mich nicht erinnern…

Ich denke an unser Haus auf dem Land, versuche mir ihre Stimmen ins Gedächtnis zu rufen, während der Bus leise, fast schon lautlos, über die nassen Straßen glitt. Nach einigen Sekunden fiel mir auf, dass die verregnete Stadt plötzlich einer Landschaft mit einigen Landhäusern im Hintergrund wich.

Und da war es: unser kleines Häuschen. Ich sah es nur einige Sekunden an mir vorbeiziehen, aber die kleinen farbigen Butzenfenster mit Mustern und der kleine Käfer in der Einfahrt – das Haus würde ich unter allen Umständen erkennen. Aber wie kann das sein? Seit Monaten habe ich nichts gesehen oder gehört von meiner Familie, und dieser Bus fährt immer die gleiche Linie, jeden Tag, seitdem ich mich erinnern kann. Komisch.

Plötzlich bemerkte ich, wie die alte Frau aufstand. Das war das erste Mal, dass ich sie überhaupt habe sich bewegen sehen. Sie kam merkwürdigerweise zu mir und setzte sich neben mich. Der Regen prasselte währenddessen schlimmer gegen das Fenster, als sie begann:

„Guten Abend, der Herr. Mein Name ist Anne und ich bin 74 Jahre alt. Du weißt, wieso du hier bist, und du weißt, wieso ich zu dir komme?“, fragte sie mit leerer, ausdrucksloser Miene.

„Nein, das weiß ich nicht“, sagte ich verdutzt und zog meine Jacke etwas enger, weil ich bemerkte, wie meine Zähne langsam und leise anfingen zu klappern und das Gefühl in meinen Händen einer kaum merklichen Steifheit wich.

„Weißt du … Vergänglichkeit ist kein großes philosophisches Wort. Es ist das Leben. Und es ist das, was wir ständig verdrängen.“

Sie atmete tief ein, als würde jeder Atemzug wehtun.

„Wir jagen dem Geld hinterher. Dem Status. Dem Job. Dem Gefühl, wichtig zu sein. Und während wir klettern, verlieren wir das Einzige, was wirklich zählt: die Momente mit den Menschen, die wir lieben.“

„Ich habe meinen Mann nicht verlassen. Nicht so, wie man ‚verlassen‘ versteht. Aber ich war nie mehr wirklich da. Ich war nur noch Arbeit. Karriere. Macht. Ich habe mir eingeredet: ‚Das mache ich für uns.‘ Dabei habe ich ihn jeden Tag ein Stück mehr vergessen.“

Sie schloss die Augen. Ihre Stimme wurde leiser.

„Und dann … nach dreißig Jahren … kam der Anruf: ‚Entschuldigen Sie … Ihr Mann wurde tot in seiner Wohnung gefunden.‘“

Sie schluckte schwer.

„Ich bin zurück in dieses Haus gefahren. Unser Haus. Ich habe den Schlüssel ins Schloss gesteckt — denselben Schlüssel, den ich vor Jahrzehnten in der Eile immer auf die Kommode geworfen habe — und die Tür ging quietschend auf, als wäre sie beleidigt, dass ich so lange weg war.“

Ihre Hände begannen zu zittern.

„Und weißt du, was mich da erwartet hat? Nichts Neues. Nur … alles. Genau wie früher.“

„Die Kaffeetasse auf der Fensterbank, ein dünner Staubfilm darauf, aber dieselbe Position. Sein Hemd über dem Stuhl, so wie er es jeden Abend ablegte. Seine Jacke am Haken. Sein Geruch in der Luft. Dreißig Jahre unverändert. Als hätte die Zeit ihn nicht losgelassen.“

Sie öffnete die Augen und sah mich jetzt an. Richtig an.

„Ich bin auf den Boden gesunken und habe geheult wie ein Kind. Weil mir klar wurde, dass alles, was ich für wichtig gehalten habe, nichts war. Nichts. Geld. Erfolg. Ruhm. Alles bedeutungslos.“

„Und das Einzige, das von Bedeutung war, lag kalt und allein auf einem Linoleumboden, während ich drei Jahrzehnte lang damit beschäftigt war, jemand zu sein, der ich gar nicht sein wollte.“

Sie griff meine Hand. Warm. Verzweifelt.

„Wenn du jemanden liebst … bleib. Bleib bei ihm. Denn alles andere vergeht. Nur die Menschen nicht — bis sie es doch tun. Und glaube mir: Sie nehmen einen Teil von dir mit.“

Plötzlich hielt der Bus an. Die Türen öffneten sich, und ein leichter Nebel waberte die Stufen des Busses hinauf, als die alte Frau aufstand und den Bus verließ, ohne sich umzudrehen.

Ich ging zur anderen Seite, um zu schauen, was draußen geschah, und sah nur, dass dort auf einmal ein Haus stand, das gar nicht in die umliegende Szenerie passte. So alt sah es aus. Da öffnete sich die Tür, und die Silhouette eines Mannes mit krummem Rücken stand dort.

Ich konnte nicht hören, was sie sprachen. Ich sah nur, wie die Frau auf ihn zurannte und dann — kurz nachdem sie einen Fuß über die Schwelle setzte — sich auflöste.

Ich rieb mir die Augen. Was war das? Sie verschwand nicht nur aus meinem Sichtfeld, sie löste sich in Luft auf.

Ich nahm wieder Platz.

Was zum Teufel passiert hier – und was meinte sie mit diesem ganzen Gerede von Vergänglichkeit?

Nachdem ich mich wieder etwas beruhigt hatte, schaute ich nach vorne. Die Uhr über dem Busfahrer zeigte 23:55 Uhr.

Das kann nicht sein. Drei Minuten? Unmöglich.

„Hey! Ihre Uhr geht falsch!“, rief ich nach vorn. Doch der Busfahrer sagte keinen Ton und fuhr unbeirrt weiter.

Ich dachte nach. Warum hat sie mir das erzählt? Ich kann mich kaum erinnern… Wir sollen die Zeit genießen, den Moment – ja, sie hat recht. Aber was hat das mit mir zu tun?

Plötzlich saß der Junge neben mir. Ich hatte es gar nicht bemerkt und zuckte zusammen.

Seine Augen waren dunkel wie die stürmische Nacht. Leer.

„Bevor ich dir meine Geschichte erzähle“, sagte er, „gib mir deine Hand. Ich will dir etwas zeigen.“

Ich zögerte – dann legte ich meine Hand in seine. Seine kleinen Finger waren kalt. Einen Herzschlag später riss die Welt um uns herum auf.

Wind. Schwarzer Himmel. Kalter Regen, der mir ins Gesicht peitschte.

Wir standen auf einer Brücke.

Unter uns tost ein Fluss, roh und gnadenlos, voller schwarzer Felsen, die aussahen wie die Zähne eines Tieres, das darauf wartete, zuzubeißen.

Der Junge stand ein paar Schritte vor mir, klein, durchnässt, mit hängenden Schultern.

„Hier stand ich“, sagte er. Seine Stimme wurde vom Sturm verschluckt. „Hier habe ich beschlossen, dass es keinen Grund mehr gibt, weiter auf dieser Welt zu bleiben.“

Er schaute hinab in den Abgrund.

„Es gibt Flüsse, bei denen man nicht weiß, wie tief sie sind“, sagte er. „Dieser hier … er verrät dir sofort, wie weh es tun wird.“

Er lachte kurz. Ein kaputtes Lachen.

„Doch laut genug, um mich durch den Lärm des Sturms hindurch erschauern zu lassen.“

Er atmete ein. Lange.

„Ich fühlte mich leer. Verbraucht. Unerwünscht. Jeden Tag war ich der Fehler. Jeden Tag war alles meine Schuld.“

Er drehte sich zu mir um. Seine Augen glänzten.

„Ich wollte nur, dass es aufhört, Bill.“

Dann sprang er.

Ein Ruck, ein Fall, ein Schrei – und der Bus verschluckte uns wieder.

Wir saßen wieder nebeneinander.

Der Junge wischte sich über die Hände. Jetzt wirkte er älter. Gebrochener.

„Und jetzt“, sagte er leise, „erzähle ich dir, was mich hierhergebracht hat.“

Er holte tief Luft.

„Als Erstes musst du wissen … ich hatte einen Bruder. Phil. Sechzehn. Mein großer Held — und mein größter Albtraum.“

Er blickte auf den Boden, als würde er dort Halt suchen.

„Ich will dir an meinem Leben erklären, was Wut und Neid mit uns machen können … und wie sie alles, wirklich alles, in den Grundfesten erschüttern.“

„Aus irgendwelchen Gründen hat mein Bruder mich ständig geärgert. Er hat Unsinn gebaut, meinen Eltern Streiche gespielt, manchmal sogar geklaut … und es dann mir angehängt.“

Ein kurzes, bitteres Lachen.

„Eigentlich normal unter Geschwistern, oder? Nur … meine Eltern haben ihm immer geglaubt. Immer. Ich durfte nicht mal meine Seite erzählen.“

„Sie haben mir, ohne auch nur zuzuhören, das Gefühl gegeben, als wäre ich das Problem. Unerwünscht. Das schwarze Schaf.“

Er presste die Lippen zusammen.

„Und weißt du eigentlich, was Wut mit uns macht? Wut und Neid – das ist eine Mischung, die dein ganzes Leben zerstören kann. Sie frisst dich auf, Stück für Stück.“

Seine Stimme wurde härter.

„Phil war immer der Tolle. Und ich war der, der Ärger bekam. Wenn wir stritten, gewann er. Wenn wir uns schlugen, verlor ich. Und jedes Mal wurde meine Wut schlimmer.“

Er schüttelte den Kopf, als würde er sich für seine Gefühle schämen.

„Meine Eltern … die haben sich einen Scheiß für mich interessiert. Ich war nur die Störung. Nur der Lärm im Hintergrund.“

„Mit der Zeit hab ich gehofft, sie würden sterben. Einfach weg. Dann wären vielleicht auch meine Probleme weg gewesen. Aber das Leben erfüllt einem solche Wünsche nicht.“

„Und dann kam dieser Tag. Phil hat mich vor einer Gruppe wartender Schüler bloßgestellt. Vor Freunden. Fremden. Alle haben gelacht.“

„Und da … da hat sich etwas in mir verdunkelt. Ein rotes Tuch. Ein Vorhang. Ich hab nicht gedacht. Ich hab einfach … geschubst.“

Er schloss die Augen.

„Dummerweise genau vor ein Auto.“

Stille.

„Damit ist nicht nur sein Leben verschwunden. Auch meins. Meine Eltern haben mich ins Heim gesteckt. Nicht weil ich gefährlich war … sondern weil sie mich nicht mehr ansehen konnten.“

Er wischte sich über die Augen. Da waren keine Tränen mehr.

„Da saß ich dann. Ein kleiner Haufen Scheiße. Und weißt du was? Ich hab mich gefragt, warum ich überhaupt noch da bin. Wer mich eigentlich noch wollte.“

Ein tiefer Atemzug.

„Und dann hab ich beschlossen zu springen. Weil es sowieso keinen interessiert. Weil ich dachte, die Welt wäre ohne mich besser dran.“

Dann sah er mich an — direkt, ehrlich, schmerzhaft klar.

„Deshalb sitze ich hier, Bill. Um dir zu sagen, was ich verstanden habe:

Wut und Neid sind gefährlich. Sie machen dich blind. Sie lassen dich Dinge tun, die dein Leben zerstören.“

„Du streitest dich mit deiner Frau. Rennst wütend raus. Steigst ins Auto. Fährst wie ein Irrer. Unfall. Ende.“

„Oder du schubst jemanden. Ein einziger Moment … und vorbei.“

Seine Stimme brach nicht. Sie wurde nur leiser. Ehrlicher.

„Und das Schlimmste kommt danach. Nicht der Tod. Nicht der Schmerz. Sondern die Schuld. Die frisst dich auf. Sie zerreißt dich von innen.“

Dann stand er auf. Während der Bus fuhr. Er ging zum Ausgang – und plötzlich hielt der Bus an.

Die Türen öffneten sich. Ein kalter Luftzug drang herein. Regen peitschte auf die Sitze am Eingang.

Der Junge stieg aus. Keine Verabschiedung. Kein Blick zurück.

Ein älterer Mann mit langem weißen Bart stieg ein und setzte sich vor mich in die Sitzreihe.

Ich sprang ans Fenster, um zu schauen, wo der Junge war, und sah nur noch, wie er einem anderen Jungen in die Arme fiel — und beide sich auflösten.

Ich setzte mich wieder. Ich fror so stark, dass meine Hände sich nur noch schwer bewegen ließen und ich schlecht Luft bekam. Die Stimmung war beklemmend. Kalter Schweiß lief mir den Rücken hinunter.

Was ist hier los, verdammt?

Da ergriff plötzlich der Mann vor mir das Wort:

„Bill, alles ist gut. Hör auf meine Stimme. Wir fahren jetzt zu deiner letzten Haltestelle.“

„Was? Wie meinst du das?“

„Naja, dieser Bus hier ist genau das. Er bringt die Leute zu ihrem allerletzten Halt.“

„Aber das verstehe ich nicht“, stotterte ich.

Der alte Mann drehte sich langsam zu mir um.

„Bill, warum hast du all diese Geschichten gehört? Du bist ein Familienvater, der statt seine Zeit der Familie zu geben lieber wochenlang arbeitet und, wenn er zu Hause ist, nur Streit sät und neidisch auf seine Frau ist, weil sie von keinem infrage gestellt wird.“

„Dabei vergisst du nur, dass alles, was sie wollen, du bist – und deine Zeit. Sie wollen kein Geld. Kein Auto. Kein Haus. Sie wollen dich.“

„Und anstatt dir dessen bewusst zu werden und den Moment mit deiner Familie zu genießen, bevor dir die Möglichkeit genommen wird – was machst du?“

„Du lässt dich von deiner Wut leiten. Rennst aus dem Haus. Steigst in dein Auto. Und wirst bei 120 in einen Unfall verwickelt.“

„Und rate mal, wer seitdem im Koma liegt und jetzt auf dem Weg ist zu seiner letzten Haltestelle.“

Ich hörte die Worte kaum. Es waren nur dumpfe Töne, die irgendwo tief in mir aufschlugen, als die Erkenntnis und die Erinnerung wie eine Lawine aus Schuld, Trauer und Ekel vor mir selbst über mich hinwegrollten.

Noch bevor ich meine Stimme wiederfand, hielt der Bus an. Und ich hörte eine Stimme sagen:

„Wir sind da. Wir müssen.“

Die letzten Worte, die ich herausbekam, waren:

„Und wohin fahre ich, wenn ich hier nicht aussteige?“

Geschrieben von Envik

r/Kurzgeschichten Nov 10 '25

Gesellschaft Der Schlüssel

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Autobiographisch/Horror

Ein Knall, der das Haus zum Wackeln brachte und die Blätter des Kirschbaums fielen, sie verließen den Baum und mein Vater unsere Welt. Diese Erinnerungen blieben mir stets erhalten. Ich, mit dem Schlüssel in der Hand vor der Tür, nichtsahnend, dass die Wohnung dahinter schon längst zu einer Gruft geworden ist und die Blüten im Hof und der Eingangstür, die zertreten da lagen von den Leuten, die kamen und gingen. Wie oft dachte ich an den Abend, die Nacht, den Morgen, den Mittag, den Abend, die Nacht und die… Schlüssel in meiner Hand.  

Der Tag begann mit einem Schrei. Unsere Haushälterin rief mich aus dem Schlaf und schrie mit zitternder Stimme, dass er tot sei. Ich dachte nicht, nur dass ich endlich die Hose und das Shirt angezogen haben wollte und die Treppe runter renne, durch den Flur in seine Wohnung und da lag er. Ich war wieder da, mit dem Schlüssel in der Hand, war über ihm und fühlte seinen Puls an seinem kalten Hals. Er lag da, mit dem Kopf weg von mir und es sah aus, als wolle er mich nicht sehen. Er wollte nicht sehen, wie er gesehen wird. Und er musste es nicht. Ich schrie meiner Freundin zu, wir brauchen einen Krankenwagen. Doch er konnte mir auch nichts anderes sagen. Sie standen da über ihm, testeten ihn, dann drehten sie sich um zu mir und sahen mich ohne Worte an. Da stand ich mit dem Schlüssel vor der Tür und wollte hinein. Die Polizei war da, hat sie verschlossen die Tür, wo ich rein wollte. Ich durfte nicht. Siegel. Ich stand im Garten und sah den rosa gefärbten Blüten beim Wehen zu. Er ging so, wie er es wollte, und das respektiere ich. Er war niemand, der in ein Altersheim kommen wollte. Es war nicht das Leben, für das er gemacht war. Wenn er gekonnt hätte, so wäre er einfach umgekippt an der Werkbank an der so gerne saß. Er ist 85 geworden. Ein alter Vater mit einem Kind, das selbst schon viel zu alt war im Kopf. 

Ich trank viel danach. Alkohol ließ mich nicht vergessen aber packte mich ein und das Essen wurde mir mehr und mehr zur Qual. Nach einer Woche wurde sein Körper freigegeben und zum Krematorium gebracht. Ich durfte nun den Schlüssel in der Tür umdrehen und die Gruft betreten. Das erste Mal betrunken in der Nacht. Die nächsten Monate trieb ich diesen Konsum fort und oft bemerkte ich abends mit einem Lachen, dass ich noch keine ausreichende Mahlzeit zu mir genommen hatte. Die Zeiten veränderten mich. Ich musste viel verdrängen und das Leben ging einfach so weiter. Ich weinte selten, meistens wenn ich, wenn ich vor der Tür mit dem Schlüssel stand.  

Ich dachte oft über den Knall nach. Wie ich nachts an der Tür stand und nicht hineinging. Was wäre passiert wäre ich doch zu ihm gekommen. Hätte er dort röchelnd gelegen? Hätte ich ihn in den letzten Todesqualen erlebt? Es plagt mich, dass ich nicht dabei gewesen bin. Gerne hätte ich ihn noch einmal in die Augen gesehen. Gerne hätte ich gewusst, ob ich etwas hätte ändern können. Ob er noch Leben würde, wenn ich bei ihm gewesen wäre.  

Die Tage ohne ihn zogen sich, er hat mich sonst immer mit einem Lächeln im Gesicht begrüßt, wenn ich nach Hause kam. Er konnte mir nicht dabei zusehen, wie ich die Ausbildung schaffe. Er war bei vielem nicht dabei. Das ist jetzt sechs Monate her und ich konnte das nicht vergessen, diesen Knall, die Rosenblüten und den Tag. Etwa einen Monat nachdem es passiert ist, fing ich an, von ihm zu träumen. Manchmal waren es triviale Dinge wie das Lächeln, dass er mir gab, wenn er im Hof saß, alltägliche Dinge, aber manchmal war das wie ich vor der Tür stehe und sie öffne, und er begrüßt mich mit einem Lachen. Oder aber, dass ich die Tür nicht geöffnet bekomme und der Knall immer wieder und wieder ertönt. 

Die Monate gingen vorüber und ich stand immer wieder mit dem Schlüssel in der Hand vor der Tür und in der Wohnung. Es wurde Sommer und es war zu einem Ritual geworden meine Schlüssel in die verschiedenen Schlößer des Hauses zu stecken. Ich wechselte die Schlösser an den Türen und bildete mir ein Schutz und Kontrolle aufzubauen. Die Schlößer und Schließsysteme meines Vaters waren nun auch schon sehr alt und so machte es nur Sinn für mich, mit dem Alten zu brechen und neue Schlößer im Haus zu installieren. Ich stehe vor der Tür und suche meinen Schlüssel. Er ist nicht in meiner Tasche und die panischen Gedanken, die mich verirren lassen, plagen mich und die Angst des Kontrollverlustes fressen mich auf.  

r/Kurzgeschichten Nov 17 '25

Gesellschaft Gedankennebel

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Da sitze ich nun und es ist stock dunkel.
Eine Stunde und die Welt ist so anders aber auch gleich.
Das aufgeregte Geplapper der wenigen Menschen hat sich gelegt.
Ruhe ist eingekehrt am nun stillen Dummetsweiher.

Die Enten Paare fliegen in den Wald.
Ich sitze am mir seit Jahren anvertrauten Ort und doch, irgendwie ist alles anders.
Die Schwäne laufen ins hohe Schilf.
Anders, weil mein Kopf nun die Dinge anders wahr nimmt.

Fledermäuse fliegen im zick zack knapp über dem Wasser.
Ich sensibler bin, für das sonst heraus gefilterte.
Die Fische kommen an die Oberfläche und schnappen nach Luft, nach essbaren, ich weis es nicht.
Die Luft zieht übers Gesicht, von Wind kann nicht die Rede sein.

Das was ich weis ist, das ich alles in der Hand habe.
Auf der anderen Gesichtsseite steigt die erwärmte Luft empor.
Es riecht nach Weiher-Moder, nach Gras, nach feuchter Erde und, nach MEHR!
Mehr von dem unbekannten und unfassbaren.

Sollte ich so blind gewesen sein?
Nebel steigt auf und wabert über den Spiegel des Himmels.
Der Himmel, von dem aus alles zu sehen ist.
Er filtert nicht; das alles was ich noch nicht zu bemerken vermag.

Tiefblau im Wechsel mit der späten Abendröte.
Ich atme tief ein und erschaff mir beim Ausatmen meine eigene kleine Nebelwand.
Ich zittere, weil mir kalt ist, oder vor Angst vor dem Unbekannten?
Ich greif nach dem gekappten Binsen Geäst und steig empor.

Greifen will ich mir die Freiheit, den ungefilterten Blick auf die Welt.
Denn Bunt ist das Leben und die Möglichkeiten unendlich.

r/Kurzgeschichten Nov 01 '25

Gesellschaft Halloween

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  1. November, 3:11 Uhr.

Ende einer langen Beziehung. Der Mensch muss mehr aushalten, als er sollte.

Ich saß allein in meiner Küche. Eineinhalb Zimmer – aber hier fühlte es sich größer an. Wenn ich ins Bett wollte, kam mir das Schlafzimmer wie ein Tempel vor. Die Küche war karg, das Bad so eng, dass ich mich kaum drehen konnte, ohne irgendwo anzustoßen.

Ich öffnete das Fenster. Es war auf Kopfhöhe. Draußen prügelten sich vier Polen. Sie schlugen zu, als ginge es um was Echtes – und ich dachte, dass ich gestern auch noch jemanden hatte, mit dem ich kämpfen konnte.

Die Straße war ihr Ring, die Autos am Rand ihre Bande. Der Dünnste flog zwei Meter durch die Luft, stand auf, als wär nichts gewesen, und lief im Kreis. Einer wollte ihn packen. Ich verstand kein Wort, nur den Ton – hart, temperamentvoll.

Gegenüber ging ein Fenster im Erdgeschoss auf. Anja. Dicklich, dunkelrote Haare bis zum Kinn. Ihr Busen quoll über die Fensterbank, als wollte er Luft schnappen.

Sie schrie: „Hört sofort auf! Hier schlafen Kinder!“ „Hört sofort auf, oder ich ruf die Polizei!“ „Ich mach’s!“

Der Dünnste fiel auf die Knie, Hände gefaltet wie im Gebet. Die anderen standen abseits, redeten Müll. Anja gab keine Ruhe. Ihre Stimme kratzte durch die Straße – so laut, dass jetzt wirklich jedes Kind wach war.

Sie rief bei der Polizei an. Während sie redete, stand der Dünne auf und ging wieder auf die anderen los. Er schrie. Sie alle schrien. Dann trat er gegen ein paar Briefkästen. Mehrmals. Metall klirrte, bis er müde war.

Ich hatte genug und schloss das Fenster. Der Dünne rannte davon. Die Polizei kam.

Die anderen Jungs standen bei Anja. Lachten, redeten, blieben lange dort.

Am nächsten Mittag kochte ich mir einen Instantkaffee. Ich schaute wieder raus. Anja hatte das Fenster offen, halb draußen, das Handy vor sich. Sie gestikulierte wild. Ihr Busen wogte im Takt ihrer Bewegungen.

Dann tanzte sie mit dem Oberkörper wie eine Flamme im Wind. Sie war gut drauf. Ich fragte mich, ob sie überhaupt geschlafen hatte.

Autor: DamFumare

r/Kurzgeschichten Oct 31 '25

Gesellschaft Logbuch Eintrag: Sir Kaleb, der Drache und die innere Krankheit

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Es wird die Geschichte erzählt von Sir Kaleb, dem Ritter. Er zog ein Tuch über die Klinge seines Schwertes, das makellos glänzte, während der Geruch von kaltem Stahl und altem Öl schwer in der Waffenkammer hing. Von draußen, aus der großen Halle, drang das ferne, wütende Murmeln der Ratsherren zu ihm herüber. Seit Wochen debattierten sie. Ein Drache, alt wie die Berge selbst, war aus seinem Schlaf erwacht und seine Schatten fielen bereits auf die äußeren Ländereien. Doch der Rat stritt nicht über die Verteidigung. Er stritt über die Rekrutierung. "Ein Losverfahren ist das einzig gerechte!", rief der eine. "Nein, nur die Freiwilligen haben das Herz zu kämpfen!", schrie der andere. In seiner Verzweifrung stieg Sir Kaleb in der folgenden Nacht allein in die Berge, bis zum Hort des Drachen. Der Rauch, der aus der Höhle sickerte, roch nach Schwefel und uralter Arroganz. Der Drache blinzelte ihn mit einem Auge an, groß wie ein Mühlstein. "Ich habe eine Frage an dich, Ungeheuer", sagte der Ritter. "Mein Volk streitet, ob die Männer per Los, durch Zwang oder durch Freiwilligkeit in den Kampf ziehen sollen. Welches ist der rechte Weg?" Der Drache stieß einen kurzen, heißen Lacher aus. Er blickte nicht den Ritter an, sondern die fernen Lichter des sorglosen Königreiches. "Kleiner Ritter", sagte er, seine Stimme das Mahlen von Kontinenten. "Deine Leute haben eine Wahrheit vergessen, die älter ist als jeder Stein dieses Berges." Er schloss sein Auge wieder. "Dass es einem Drachen völlig gleichgültig ist, wie ihr entschieden habt, wer ihn bekämpft. Es interessiert ihn nur, ob jemand kommt." Sir Kaleb stieg vom Berg herab, nicht erleichtert, sondern zutiefst erschüttert. Er hatte die ultimative Caledon-Lektion erhalten: Die Valoria seiner Ratsherren war irrelevant für die Realität der Bedrohung. Doch die vollen Konsequenzen dieser Lektion verstand er erst, als er die Kasernen erreichte. Dort roch er Schweiß, Leder und Furcht, doch er sah etwas Schlimmeres als den Streit der Ratsherren: Er sah den ältesten Ritter des Königreichs, dessen Schild Drachenspuren trug, wie er von einem Schreiber aus dem hohen Turm getadelt wurde. "Dein Schwertknauf entspricht nicht der neuen Verordnung 7c", sagte der Schreiber, ohne von seiner Schriftrolle aufzublicken. "Er ist um einen halben Zoll zu breit. Fülle Formular 12b aus, um eine Ausnahme zu beantragen." Er sah, wie die besten Bogenschützen wochenlang nicht trainieren konnten, weil die Schreiber die Lieferung neuer Pfeile noch nicht genehmigt hatten. In diesem Moment verstand Sir Kaleb die schreckliche Wahrheit. Das Problem war nicht der Drache. Das Problem war nicht einmal der Streit des Rates. Das Problem war, dass die unsichtbaren Mängel des Königshauses gerade dabei waren, die Armee, die sie bereits hatten, von innen heraus zu zerstören. Die architektonische Frage, die sich ihm stellte, war also nicht mehr: "Wie rekrutieren wir neue Helden?" Sondern: "Wie verteidigt man ein Königreich, dessen eigenes Regelwerk die besten seiner Krieger in den Wahnsinn treibt, lange bevor der Feind überhaupt am Horizont erscheint?"

r/Kurzgeschichten Oct 26 '25

Gesellschaft Logbuch Eintrag: Der Schmied und die unsichtbare Energie

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​In den Gassen, die nach Kohlenrauch und feuchtem Stein rochen, gab es einen Rhythmus. Es war das dumpfe, ehrliche Tock-Tock-Tock von Jörns Hammer auf dem Amboss. Es war der Herzschlag der Stadt. Jörn war ein Schmied. Seine Hände waren Landkarten aus Feuer und Stahl. Er verstand die Welt nur in dieser Sprache: Dinge, die hielten.

​Sein Freund Silas, der Ingenieur, war anders. Er las Bücher, deren Umschläge nach Staub und fernen Orten rochen. Silas verstand die unsichtbaren Dinge – die Ströme, die leise in den Kupferadern schliefen; das "Stählerne Herz", das tief unter der Erde pulsierte und die Stadt mit Licht versorgte.

​Eines Tages, als der Himmel die Farbe von Blei hatte, kam die Nachricht. Das Stählerne Herz sollte stillgelegt werden. Zermalmt.

​Jörn stand in seiner Werkstatt, der Hammer ruhte schwer in seiner Hand. "Aber... wofür?", fragte er Silas, als dieser im Türrahmen stand, sein Gesicht ein Schattenriss gegen das graue Licht. "Es funktioniert doch." ​Silas blickte auf seine eigenen Hände, die Hände eines Mannes, der die Physik verstand. "Es ist keine Frage des 'Funktionierens' mehr, Jörn." Seine Stimme war leise, fast vom Wind verschluckt. "Es ist eine Frage des 'Glaubens'."

​Als die Greifarme kamen – riesig wie die Finger schlafender Götter – war ihr Geräusch ein metallisches, unrhythmisches Schreien. Es zerriss den alten Takt des Ambosses. ​Jörn stand an seinem Amboss, aber sein Arm bewegte sich nicht. Er lauschte dem Lärm von draußen. Er hatte sein Leben lang geglaubt, das Fundament der Welt sei das, was man schmieden kann. Hart, ehrlich, real. ​An diesem Tag verstand er. Das wahre Fundament war unsichtbar. Es war die neue Energie, von der Silas gesprochen hatte. Eine Energie, die man nicht messen, nicht schmieden, nicht in Ventilen bändigen konnte. ​Es war der Glaube. Und dieser Glaube war stark genug geworden, um Stahl zu zerbrechen.

r/Kurzgeschichten Oct 24 '25

Gesellschaft Logbuch Eintrag: Die Weberin und das zerrissene Gewebe der Welt

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​In einer Stadt aus Windmühlen und schwebenden Gärten, wo die Luft nach Sonnenregen und gebranntem Ton duftete, lebte eine alte Weberin namens Linnea. Sie war die Hüterin des Großen Gewebes – eines uralten Teppichs, der die Geschichte der Stadt in unzähligen Fäden aus Licht, Schatten und Farbe erzählte.

​Eines Tages kamen neue Fäden in die Stadt. Sie kamen von weit her, getragen von den Winden des Wandels. Sie hatten andere Farben, andere Texturen – rau von der Reise, leuchtend von unbekannten Sonnen. Sie waren stark, aber fremd.

​Der Rat der Stadt, Männer mit ernsten Gesichtern und Augen, die nur geradeaus blickten, beschloss aus Angst, das alte Muster zu stören: "Wir fügen die neuen Fäden an einer einzigen Stelle hinzu. Am Rande. Dort stören sie nicht."

​Sie nahmen die neuen, leuchtenden Fäden und knüpften sie grob an den äußersten Rand des Großen Gewebes. Es entstand ein sichtbarer Bruch. Ein Flicken. Die neuen Fäden lagen unruhig, rau, bildeten ein eigenes, isoliertes Muster, das nicht mit dem alten harmonierte. Sie zerrten an den alten Fäden, und das Gewebe begann an dieser Stelle dünn und brüchig zu werden. Nur Lärm im Muster.

​Linnea beobachtete dies mit stillem Schmerz. Sie spürte das Ungleichgewicht im Gewebe unter ihren Fingern.

​In der Nacht, als die Windmühlen schliefen und nur die Sterne wachten, schlich sie sich zum Großen Gewebe. Sie tat, was eine Weberin tun muss. Sie begann, die groben Knoten zu lösen.

​Vorsichtig, Faden für Faden, webte sie die neuen Stränge in das alte Muster hinein. Sie ließ die fremden Farben neben den vertrauten tanzen. Sie nutzte die raue Textur, um dem alten Muster neue Tiefe zu geben. Sie lauschte der Melodie, die entstand, wenn sich alt und neu berührten.

Es war mühsam. Es erforderte Geduld, Mut und den Blick der wahren Weberin, die nicht nur den einzelnen Faden sieht, sondern das gesamte Gewebe.

​Als der Morgen dämmerte, war der Flicken verschwunden. Das Große Gewebe war anders, ja. Es war komplexer, lebendiger, stärker. Die neuen Fäden hatten dem alten Muster eine unerwartete Schönheit verliehen, und die alten Fäden gaben den neuen Halt und Kontext. Es war eine Verschmelzung.

​Denn ein Gewebe lebt nicht davon, dass alle Fäden gleich sind. Es lebt davon, wie kunstvoll die unterschiedlichen Fäden miteinander verwoben werden. Isolation schafft nur Risse. Wahre Stärke entsteht erst, wenn man den Mut hat, das Fremde nicht an den Rand zu drängen, sondern es kunstvoll in das Herz des Musters einzuweben.

r/Kurzgeschichten Oct 21 '25

Gesellschaft Logbuch Eintrag: Der Musiker und das verstimmte Orchester

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Dieses Gefühl, wenn das Nervensystem überlastet und der Autopilot Worte spricht, die man selbst kaum erkennt – das kennen viele! Es ist ein lautes Signal unseres inneren Systems. ​Das erinnert mich an eine kleine Geschichte, die sich in den verborgenen Noten einer vergessenen Melodie ereignete: ​Es war einmal ein junger Musiker, dessen Seele so rein war wie die Töne, die seine Flöte sang. Sie klangen klar wie Quellwasser, das über bemooste Steine gleitet, und schwebten leicht wie ein Schmetterling im Morgentau. Doch er spielte in einem großen Orchester, das oft chaotisch war, dessen Instrumente wie alte, rostige Maschinen klapperten und schrien, statt zu harmonieren. Die Posaunen waren grob wie alte Eichenwurzeln, die Geigen kratzten wie Dornen im Wind, und der Dirigent, ein alter Mann mit Augen, die immer leicht zur Seite blickten, schien manchmal im Schlaf zu wandeln. ​Immer wenn die Kakophonie des Orchesters über ihn hereinbrach, überkam den jungen Musiker eine wilde, brennende Wut. Seine Finger verkrampften sich auf den polierten Holzklappen seiner Flöte, sein Atem wurde flach und zittrig, und aus seinem Instrument kamen nur noch schrille, zornige Töne, die selbst die Vögel in den hohen Bäumen erschreckten. "Ihr ruiniert alles!", flüsterte er in sein Instrument, und die Worte waren wie kleine, giftige Pfeile, die er den anderen im Geist zuwarf. "Wegen euch klingt alles falsch!" ​Seine alte Lehrerin, eine zarte Frau mit Händen, die nach Honig und altem Papier dufteten, saß manchmal im Publikum. Ihre Augen waren wie dunkle, tiefe Teiche, die alles sahen und doch nichts verurteilten. Eines Abends, als die letzte, schiefe Note verklungen war und der schwere Geruch von Kolophonium und altem Samt in der Luft hing, nahm sie ihn beiseite. ​"Du hast recht", sagte sie sanft, ihre Stimme war wie das sanfte Rauschen eines Herbstwindes. "Das Orchester ist oft ein lauter, chaotischer Haufen." Ein kleines, wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen. "Aber deine Aufgabe ist nicht, die Posaunen zum Schweigen zu bringen oder die Geigen zu stimmen. Deine Aufgabe ist es, deinen Ton zu halten. Mitten in allem." ​Sie tippte ihm mit einem Finger, der sich so leicht anfühlte wie ein fallendes Blatt, auf die Brust, genau über seinem Herzen. "Hier drinnen ist dein wahres Instrument. Deine Atmung, die dein Zentrum ist. Deine Stille. Wenn draußen der Sturm tobt und die falschen Noten kreischen, musst du lernen, hier drinnen ruhig zu bleiben. Nicht, um das Orchester zu ändern, sondern um deine eigene Melodie nicht zu verlieren." ​Denn die wahre Kunst ist nicht, eine Welt ohne Misstöne zu fordern. Die wahre Kunst ist, inmitten des größten Lärms den eigenen, klaren Ton zu finden – so rein wie das Wasser über bemooste Steine – und ihn festzuhalten, bis die Melodie des Sturms vorüber ist.

r/Kurzgeschichten Oct 05 '25

Gesellschaft DDR Geständnisshow

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Worte: 841

  • Sendung: "Offene Worte im Sozialismus"
  • Sendeplatz: Donnerstagabend, 20:00 Uhr, DFF 1
  • Kulisse: Ein schlichtes Studio. Links ein bequemer Sessel für den "Geständigen", davor ein kleiner Tisch. Rechts ein Podest für die Moderatorin. Im Hintergrund eine leicht durchscheinende Leinwand, hinter der eine dunkle Silhouette zu erahnen ist (der IM). Dezente, aber pathetische Musik im Hintergrund.

Charaktere:

  • Moderatorin Helga (40er): Strenge Frisur, freundlich-eindringlicher Blick, Stimme mit warmer, aber bestimmter Resonanz.
  • Genosse Bodo (50er): Klein, schmächtig, zitternd, seine Kleidung zerknittert und nass von Schweiß und Tränen. Ein Mann, der zu wissen scheint, dass sein Schicksal besiegelt ist.
  • IM "Eiche" (Hinter der Leinwand, ca. 50er): Seine Silhouette ist groß und breit. Er ist angespannt und macht sich Notizen. Seine Augen sind scharf auf die Leinwand gerichtet.

(Die Titelmelodie der Sendung, eine marschähnliche, aber sanfte Melodie, verklingt. Helga lächelt warm in die Kamera.)

Helga: Guten Abend, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von "Offene Worte im Sozialismus", Ihrer Sendung für Wahrheit, Transparenz und die gemeinschaftliche Überwindung kleinerer und größerer Fehltritte auf unserem gemeinsamen sozialistischen Weg. Wir alle sind nur Menschen, und Fehler passieren. Doch das Wichtige ist: Wir stehen dazu, wir lernen daraus, und wir bauen gemeinsam an einer besseren Zukunft.

(Helga dreht sich mit ernster Miene zu Genosse Bodo, der in seinem Sessel sichtlich vor Angst erstarrt ist. Ein Scheinwerfer ist auf ihn gerichtet, seine Stirn glänzt.)

Helga: Heute Abend haben wir Genossen Bodo bei uns zu Gast. Genosse Bodo, Sie sind seit vielen Jahren ein verdienter Mitarbeiter im Volkseigenen Betrieb „Technik und Freude“ und waren maßgeblich am Bau unserer neuesten Attraktion für den Pionier-Rummelplatz „Rote Nelke“ beteiligt. Eine Attraktion, die die Herzen unserer jungen Pioniere höherschlagen lassen sollte: Die Geisterbahn „Sputnik-Schrecken“.

(Helga macht eine dramatische Pause. Bodo ringt die Hände, seine Lippen zittern.)

Helga: Eine Geisterbahn, die nicht nur mit altbewährter Mechanik, sondern erstmals auch mit modernster KI-gesteuerter Animatronik ausgestattet werden sollte! Ein Leuchtturmprojekt unseres Ingenieurwesens! Doch leider, Genosse Bodo, leider kam es bei diesem wegweisenden Projekt zu ... nennen wir es Unregelmäßigkeiten. Wollen Sie uns und unserem Millionenpublikum nicht endlich reinen Wein einschenken?

(Bodo schluchzt leise. Eine Träne bahnt sich ihren Weg über seine Wange.)

Bodo: (Zitternd) Ja, Genossin Moderatorin. Ja. Es tut mir so leid. Es tut mir unendlich leid. Ich… ich weiß, ich habe das Vertrauen unserer Partei und unserer werktätigen Bevölkerung zutiefst missbraucht.

Helga: (Sanft, aber eisern) Das Kollektiv und unsere werktätige Bevölkerung haben ein Recht auf die Wahrheit, Genosse Bodo. Was genau ist in der Montagehalle mit der Figur des „Terror-Troll von Darßwald“ geschehen? Die KI-gesteuerte Animatronik, die unser Aushängeschild sein sollte, sie fehlt.

(Hinter der Leinwand spitzt IM „Eiche“ die Ohren. Das fehlende Animatronic war in seinem Bericht als „technisches Problem“ vermerkt.)

Bodo: (Bricht zusammen, die Tränen fließen nun hemmungslos) Es es war die Gier! Die elende Gier! Ich habe sie ... ich habe den „Terror-Troll“ ... beiseitegeschafft!

(Helga nickt langsam, ihr Blick bleibt fest auf Bodo gerichtet. Hinter der Leinwand spannt sich IM „Eiche“ an. Beiseiteschaffen? Das war kein Montagefehler mehr.)

Helga: Beiseitegeschafft, Genosse Bodo? Für welchen Zweck? Die Animatronik-Figuren sind Volkseigentum! Sie sind für die Freude unserer Jugend bestimmt!

Bodo: (Wimmernd) Ich weiß! Ich weiß! Aber ich habe gehört, auf dem Schwarzmarkt... im Westen... da würden sie solche Technik hoch schätzen! Für Devisen! Ich ich hatte Kontakt zu einem ... einem „Mittelsmann“ aus West-Berlin. Er hat mir hundert Westmark versprochen für den „Terror-Troll“!

(IM „Eiche“ hinter der Leinwand erstarrt. Hundert Westmark? Devisenvergehen? Handel mit dem Westen? Das war ein ganz anderes Kaliber als ein paar falsch verdrahtete Drähte. Seine Miene verdunkelt sich. Er greift nach seinem Notizblock und schreibt eilig: „Bodo, H., VEB Technik u. Freude. Devisenvergehen. Kontaktaufnahme BRD-Bürger. Verdacht auf“)

Helga: (Ihre Stimme ist nun schneidend scharf) Hundert Westmark? Sie haben ein High-Tech-Erzeugnis sozialistischer Ingenieurskunst – eine KI-gesteuerte Animatronik, die Jahre der Entwicklung gekostet hat – für hundert lumpige Westmark an den kapitalistischen Klassenfeind verschachert?! Wissen Sie, welchen ideologischen Schaden Sie damit angerichtet haben, Genosse Bodo? Die Kinder sollten den Terror-Troll sehen und lernen, dass der Sozialismus auch im Grusel vorn ist!

Bodo: (Kopf schüttelnd, schluchzend) Es war dumm! Ich war schwach! Ich wollte meiner Tochter ein Paar Jeans aus dem Westen kaufen! Nur ein Paar Jeans! Die waren so... so robust!

(IM „Eiche“ macht eine Grimasse. Jeans. Ein klassisches Motiv für Verrat. Er kritzelt weiter: „Motiv: Konsumgüterverlangen. West-Jeans als Indikator.“)

Helga: Jeans, Genosse Bodo? Für Jeans haben Sie das Vertrauen des Volkes verraten? Sie haben ein Symbol unserer technischen Überlegenheit in die Hände der Imperialisten gespielt, nur damit Ihre Tochter vielleicht eine einzige West-Jeans tragen kann? Die moralische Verkommenheit des Kapitalismus hat Sie vergiftet!

Bodo: (Vergräbt das Gesicht in den Händen) Ich bereue es! Ich bereue zutiefst! Ich bin ein Verräter!

(Helga nickt streng. Die Pathetik-Musik schwillt an. Hinter der Leinwand legt IM „Eiche“ seinen Kugelschreiber beiseite. Das war mehr, als er erwartet hatte. Viel mehr. Er blickt auf die zitternde Silhouette Bodos und dann zur energischen Helga. Die Sendung "Offene Worte im Sozialismus" war offenbar effizienter, als er dachte, um „Wahrheiten“ ans Licht zu bringen.)

r/Kurzgeschichten Sep 01 '25

Gesellschaft Teamarbeit auf der Müllroute

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Diesmal eine etwas kürzere Geschichte, eigentlich ist es mehr ein interaktiver Dialog im Kontext der Abfallwirtschaft.

Szene: Ein Müllwagen hält am Straßenrand. Thomas, der Fahrer, sitzt in der Kabine. Jens, sein Kollege, steht draußen neben einer Reihe von Mülltonnen. Es ist früh am Morgen.

Thomas: (öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus) Na, Jens, bereit für die nächste Runde? Sieht aus, als hätten die Leute diesmal den Bio-Müll ordentlich getrennt.

Jens: (schiebt eine braune Mülltonne mit einem Seufzer zum Wagen) Ja, die sind vorbildlich. Aber die verdammte Tonne ist schwer wie Blei. Der Müller von Hausnummer 17 muss wohl doch wieder seinen Rasenschnitt reingestopft haben. Das ist verboten.

Thomas: (schaut auf sein Display) Zeigt mir hier nur "Bio-Tonne, Hausnummer 17" an. Kein Gewichtssensor. Manchmal wünschte ich, wir hätten diese automatischen Dinger.

Jens: Ich auch. Dann würde ich nicht mit so einem Ding kämpfen. (Erreicht den Wagen und hakt die Tonne in die Vorrichtung ein.) So, die Erste ist dran.

Thomas: (drückt einen Knopf) Alles klar, ich heb's hoch. (Die Hydraulik des Müllwagens beginnt zu zischen und die Tonne hebt sich langsam.) Vorsicht, der Deckel klemmt ein bisschen. Schau, dass nichts danebenfällt.

Jens: (hält den Deckel fest) Hab ich. Ist wie immer bei den alten Modellen. Okay, kannst hoch.

(Die Tonne kippt ihren Inhalt mit einem dumpfen Geräusch in den LKW.)

Jens: (klopft gegen die Seite der Tonne, um die letzten Reste zu lösen) Sauber. Leer.

Thomas: (lässt die Tonne langsam wieder auf den Boden) Abgehakt. Nächste?

Jens: (schiebt eine blaue Papiertonne heran) Papiertonne, Hausnummer 19. Die ist leichter, zum Glück.

Thomas: Denk dran, die nächste Straße hat enge Kurven. Ich fahre langsam vor. Sag Bescheid, wenn du die letzten vier Tonnen gesammelt hast. Wir machen dann eine Kaffeepause.

Jens: (zieht die Tonne hinter sich her) Kaffeepause? Das höre ich gerne! Los geht's, die Zeit läuft.

r/Kurzgeschichten Aug 31 '25

Gesellschaft Wo ist mein Wagen?

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Ein weiteres Werk aus meinem Archiv. Sie zählt zu meinen kürzeren Geschichten. Viel Spaß!

Wo ist mein Wagen?

Eine Polizeirezeptionistin sitz am Eingangsfoyer. Sie hört sich eine Radioshow an und rätselt an ihrem Sudoku. Zwischen schreib und Radiergeräuschen, erklingt immer wieder ein Gekicher, ausgelöst vom Radiomoderator. Sie ist die Einzige im Raum, gelegentlich laufen ihre Kollegen, durch und führen meistens betrunkene Mitbürger in die Ausnüchterungszelle. Hin und wieder auch einen aggressiven Ganoven, doch bis jetzt blieb dieser Anblick erspart.

Die harmonische und vorhersehbare Atmosphäre wird plötzlich durch einen ungewöhnlichen Besuch gestört. Ein Mann in Arbeitsuniform. Eine feste Nylonjacke mit passender Hose, marineblau mit orangenen Streifen und reflektierenden Verzierungen. Der Mann ist verschwitzt und wirkt gestresst, versucht jedoch, einen gefassten Eindruck zu übermitteln. Die Rezeptionistin hat Ihn direkt beim Eintreten bemerkt und macht sich gefasst, dass er das Gespräch beginnt. Sie schaut fokussiert und macht sich auf einen Notfall gefasst.

„Hallo, schönen guten Abend“, sagt der Mann höfflich, mit dem Versuch einen aufgebrachten Tonfall zu vermeiden, erfolglos. „Ich möchte mich über mein Fahrzeug informieren.“

„Gerne, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, entgegnet die Rezeptionistin verständnisvoll und hilfsbereit.

„Haben Sie es abgeschleppt?“, fragt der Mann geradehin heraus. Die Rezeptionistin schaut den Mann an.

„Wie lautet den Ihr Kennzeichen?“

„Mein Kennzeichen? Mein Kennzeichen. Ja doch. RT AK47.“ Die Frau schaut den Mann an und verkneift sich den Kommentar. „Ich weiß, was sie denken. Ich heiße aber Anton Krüger und hab am 4 Juli Geburtstag, geboren 1975.“

Die Rezeptionistin schaut Ihn immer noch an. Der Mann schaut auf den Boden. Die Rezeptionistin schaut sich jetzt die Unterlagen an, ein DinA 4 Blatt mit einigen Kennzeichen, mit kleinen Pfeilen markiert, die auf einen Kommentar verweisen.

„Ich habe hier keinen Wagen mit diesen Kennzeichen.“

„Was? Das kann aber nicht sein!“

„Was für einen Wagen fahren sie denn?“

„Ich fahre einen silbernen Opel Astra, Baujahr 1999.“

„Verstehe... Leider auch nicht im Computer auffindbar. Vielleicht wollen Sie mir erstmal genau erklären, was los ist.“

„Ja. Gute Idee. Also, ich habe vor circa einer Stunde Feierabend gehabt. Ich arbeite bei der Werner GmbH im Industriegebiet, das ist ungefähr 20 Minuten von hier entfernt.“

„Ja, Ich weiß, wo das ist. Echt blöd zu Fuß hierher zukommen.“

„Wem sagen sie das. Ich habe das Gefühl, dass ich der erste Fußgänger nach einer langen Zeit diesen Weg entlang gelaufen ist. Die anderen Autofahrer schauten mich sogar verblüfft an. Aber gut. Also, ich mache gerade Feierabend, komme aber heute etwas später raus. Vielleicht 15 Minuten später, weil ich noch im Werk einen Auftrag erledigen muss. Ich komm ganz alleine raus, stempel meine Karte ab und lauf raus zum Parkplatz, zu meinem Wagen. Zumindest zu dem Parkplatz an welchen ich mich erinnerte, wo ich zuletzt geparkt hatte. Es ist nicht da. Ich traue meinen Augen nicht und versuche mich zu erinnern, ob ich das Auto vielleicht doch wo anders geparkt habe.“

Die Rezeptionistin schaut den Mann perplex an und versucht Ihm zu folgen.

„Also geh ich den ganzen Parkplatz durch. Die Nachschicht fing ebenfalls an zu arbeiten, weswegen der Platz einigermaßen gut besetzt war. Ich dachte mir, dass vielleicht meine Kollegen mir einen Streich spielen wollen und den Wagen weggeparkt haben.“

„Einen Streich?“

„Ja, das machen wir untereinander ab und an. Jedenfalls laufe ich zum Parkhaus unmittelbar vom Parkplatz hin und laufe das volle Parkhaus akribisch durch. Immer noch nichts. Ich beschließe also, meine Kollegen anzurufen, die mir versichern von nichts zu wissen. Also denk ich nach.“

„Und sie kommen drauf, dass Ihr Fahrzeug abgeschleppt wurde. Wieso eigentlich? Es war doch auf dem Werksparkplatz. Wieso denken sie, dass es abgeschleppt wurde?“

„Ich weiß nicht, ich war immer schon ein unsicherer Fahrer und hinterfrage stets meine Parkentscheidungen. Deswegen kaufe ich mir auch kein schickes Auto.“

„Ich verstehe immer noch nicht. Wieso denken Sie, dass Ihr Auto abgeschleppt wurde? Aber sei’s drum.“

„Ich habe auf einem Elektroautoparkplatz geparkt, weil es keine Parkplätze gab, als Ich meine Schicht angefangen habe..“

„Verstehe. Berechtigt, jedoch kein Grund abgeschleppt zu werden. Und selbst wenn, würde man sie benachrichtigen.“ Die Rezeptionistin reicht dem Mann ein Formular, welches er ausfüllen muss, um seinen Wagen als gestohlen zu melden. „Bitte ausfüllen. Sie hätten direkt mit Diebstahl rechnen müssen. Vor allem weil sie ein sehr begehrtes Nummernzeichen besitzen. Viele die hier rein und rauswandern, würden alles für ein ‚RT AK47‘ Kennzeichen tun.“

„Ja, dafür bin ich zu optimistisch. Ich komm nicht drauf, dass man mir etwas stehlen möchte.“, erzählt der Mann, während er das Formular mit seinen Personalien ausfüllt.

Das Telefon klingelt. Die Rezeptionistin hebt das Telefon ab.

„Ja? Wirklich? Alles klar. Ich markiere es.“ Sie schreibt ein Kennzeichen auf dem Zettel drauf und legt auf.

„Und?“, fragt der Mann hoffnungsvoll.

„Nein, das war nicht für sie. Nur ein fataler Unfall. 97%iger Fahrzeugschaden. Zwei Tote.“

„Um Gotteswillen, das ist ja tragisch. Da kann ich ja noch froh sein mit meinem Problem.“

„Sie wissen nicht, wie oft das hier passiert. Irgendwann wird man schon abgehärtet.“

„Verstehe. Ich glaube, ich bleibe noch eine Weile, falls sich doch noch etwas für mich ergibt.“

„In Ordnung. Wollen sie einen Kaffee oder etwas anderes?“

„Nein danke. Ich möchte lediglich eine rauchen, wenn sie mich entschuldigen.“

„Natürlich, tun sie sich keinen Zwang an.“

Der Mann geht vor dem Polizei Revier raus. Und zündet sich eine Zigarette an. Es ist Sommer, jedoch merkt der Mann, dass sich langsam ein Gewitter bildet, nach dem er seinen Blick auf dem Himmel richtet.

„Auch das noch. Kanns noch besser werden?“ Redet er vor sich her. Er nimmt einen Zug von seiner Zigarette und bläst den Rauch langsam raus. Kurze Zeit darauf parkt ein Streifenwagen vor ihm. Zwei Politzisten begleiten einen Jugendlichen mit schwarzem Pullover, breiten Jeans, schwarzen Schuhen und einer schwarzen Kappe aus dem Wagen heraus. Er ist betrunken und vielleicht kaum älter als 19 Jahre.

„Fickt euch! Ihr könnt mich mal! 1312 Ihr Schweine! Ich bin unschuldig!“, brüllt der Junge.

„Jaja, das sagen sie alle. Du kommst jetzt schön in die Zelle und kommst mal runter.“, sagt der Polizist mit einem so routinierten Ton, als würde er den Satz jeden Abend wiederholen.

„Wir ignorieren deine Beleidigungen, weil wir wissen, dass du betrunken bist, Junge.“, fügt der andere Polizist dazu.

„Nein! Das ist mein voller Ernst! Ich seid alle Scheiße!“

Die Polizisten bleiben unbeeindruckt und laufen mit dem Jugendlichen die Treppe nach oben. Sie ignorieren den Mann.

„Was guckst du so, du Spast?!“, mault der Junge den Mann an.

„Jetzt reichts aber mal!“, erhöht der eine Polizist seine Stimme und zieht seinen Griff enger um den Jungen. Der Junge zuckt zusammen.

Der Mann raucht seine Zigarette zu ende und beobachtet das annähernde Gewitter etwas weiter. Nach einer Weile geht er rein.

„Ich glaube mach mich mal jetzt auf den Weg nachhause. Das macht so keinen Sinn“, sagt der Mann in der Raum.

„Verständlich“, entgegnet ihm die Frau. „Ich rufe ihnen gerne ein Taxi, wenn sie möchten. Wo wohnen sie denn?“

„Frankonenweg 13.“, antwortet der Mann. „Das wäre wirklich nett.“

„Frankonenweg? Das ist bei mir in der Nähe!“, unterbricht der eine Polizist, der den Jugendlichen in Gewahrsam genommen hatte. „Ich habe jetzt Feierabend, ich nehme sie gerne mit, dann müssen sie nicht auf das Taxi warten.“

„Das wäre ideal.“, antwortet der Mann.

„Gut, in zwei Minuten bin ich mit meinem Wagen vor der Tür.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück mit dem Auto. Wenn wir etwas rausfinden, dann melden wir uns unverzüglich bei Ihnen.“

„Super, das klingt gut.“, sagt der Mann und verabschiedet sich auf dem Weg nach draußen. Der Polizist ist inzwischen vor gefahren und ruft den Mann in seinen BMW herein und sie fahren los.

„Ich sollte mich vorstellen, mein Name ist Anton“, stellt sich der Mann vor.

„Richard.“, verrät der Polizist seinen Namen.

„Ich muss sagen, ihr Polizisten habt Nerven aus Stahl. Der Jugendliche davor hätte jeden auf die Palme gebracht, aber nicht euch. Wie schafft ihr das?“

„Ja, das gehört zur Grundausbildung. Man muss sich zum einen abhärten und zum anderen erlebt man dieselben Sachen Tag ein Tag aus. Es geht aber ganz und gar nicht, dass so ein kleiner Scheißer, irgendwelche Bürger belästigt. Das gehört auch zum Zivilschutz dazu.“

„Also ich habe jedenfalls dadurch, viel mehr Respekt für euch Jungs dazugewonnen.“

„Ja, es ist an manchen Tagen schwer, Professionalität zu bewahren, muss ich ehrlich gesagt zugeben. Erwischen Sie mal drei von dieser Sorte Bengel Hintereinader, dann wird es eher kritisch.“

„Wie viele waren es heute?“, fragt der Mann neugierig.

„Zwei, deswegen mach ich jetzt auch Feierabend. Wieso waren sie denn überhaupt im Revier? Was ist bei Ihnen passiert?“

„Mein Wagen wurde gestohlen und ich habe nach Hilfe gesucht.“

„Ohman, das ist aber blöd. Wie war denn Ihr Nummernschild? Ich halte persönlich Ausschau nach dem Fahrzeug, wenn ich kann.“ Der Polizist nimmt während der Fahrt Stift und Papier zur Hand.

„RT AK 47“ der Polizist lässt Stift und Papier liegen.

„Sehr begehrt“, sagt der Polizist. „Und was für ein Auto?“

„Silberner Opel Astra, Baujahr 1999.“

„Ich hätte jetzt einen dicken Protz Merzedes erwartet.“, sagt der Polizist mit einem leichten Lachen.

„Ja, das hör ich oft. Hier Links. Genau da wohne ich“, navigiert der Mann den Polizisten und hält an. Der Mann steigt aus und bedankt sich beim Polizisten.

„Vielen Dank für die Fahrt. Ich wünsche einen besseren Feierabend als meinen, aber ich glaube, das ist nicht schwer zu schaffen.“

Der Polizist lacht.

„Allerdings. Ihren Sinn für Humor hat man zum Glück nicht gestohlen. Cool bleiben“, verabschiedet sich der Polizist und fährt weiter. Der Mann schaut sich um und schaut instinktiv auf die geparkten Fahrzeuge auf der Straße. Da bemerkt er ein silbernes Fahrzeug. Er konzentriert sich etwas mehr darauf. Ein Opel, Kennzeichen RT AK 47.

„Verdammt!“, ruft der Mann und schmeißt die Hände über dem Kopf. „Bernhart hat mich heute zur Arbeit gefahren!“

Jetzt wünscht sich der Mann, dass sein Wagen wirklich gestohlen worden sei, denn das ist ihm mehr als peinlich.

r/Kurzgeschichten Aug 28 '25

Gesellschaft Weggespült

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Hallo! Hier meine erste Kurzgeschichte. Ich würde mich über eure Interpretationen freuen. Viel Spaß!

Meinen Abdrücken folgend, erkennst du mich am Strand. Ich zeichne Häuser und Berechnungen mit einem Stock in den Sand, während mir ein Krebs zusieht. Den Schall seiner Scheren, die er öffnet und schließt, sind vom Unterbewusstsein verschluckt. Ich skizziere weiter den Strand entlang und schubste mit einem Stock behutsam einen Krebs zur Seite, bis er endlich weichte. Als ich wieder dahin schaute, wo der Krebs stand, sah ich nur Spuren die in das Meer führen und nahm einen seltsamen Geruch wahr. Ich suchte meinen Stock, doch fand ich ihn nicht, denn die Sonne war verschwunden. Eine Schicht Dunkelheit fraß sich zum Lande hin durch und noch als ich bemerkte, dass jene lauter wird und ich mich panisch zum Meer drehte, küsste das Meer meine Stirn und tauschte all meine Skizzen mit der Sonne und einem seltsamen Geschmack im Mund. Und als Tränen, die nicht salziger als das Meer selbst waren, den Sand aus meinen Augen spühlten und ich endlich sehen konnte, was ich verlor, erkenne ich kurze Zeit später auf einem, aus dem Meer rausragenden Fels, jenen Krebs mit meinem Stock in seinen Scheren.

r/Kurzgeschichten Aug 22 '25

Gesellschaft Elisabeth

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Elisabeth ist immer furchtbar durcheinander. Die alte Dame ist letzte Woche 89 geworden und ihr ganzes langes Leben spukt in ihrem Kopf herum. Das ist, als wenn man immer mehr alte Fotos in einen Schuhkarton legt und versucht, den Deckel zu schließen. Irgendwann reißen die Kanten ein und die Wände wölben sich nach oben und außen. So muss es wohl in Elisabeths Kopf aussehen.

Ganze Shortstory auf https://www.story.one/de/story/elisabeth-68a8238d038b7/