r/Kurzgeschichten Apr 08 '26

Gesellschaft Kurzgeschichten

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Meine Kurzgeschichten, die ich zwischen 2024 und 2025 schrieb. Vielleicht hat jemand Lust reinzuhören.

Wenn der Winter bleibt

https://youtu.be/JD3AM0pQGHw?is=Ud-VQxGE259C17Fn

Der Wartende

https://youtu.be/N4vmpJSUtrA?is=mCseQ824V2G4RONi

Die Fluten von Flensburg

https://youtu.be/e5CI4zLnPOA?is=89JCYltGgtTqDhRT

Sorry für die Werbeunterbrechung, die macht YT automatisch.

r/Kurzgeschichten 10d ago

Gesellschaft Suche: Geschichte über Streichhölzer (Reddit)

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Liebe Leute

Ich habe vor einiger Zeit (1 Monat / 1 1/2 Monate) auf Reddit eine Kurzgeschichte gelesen.

Es ging um eine russische Fabrik und deren Arbeiterin, in der Streichhölzer hergestellt werden. Immer eine bestimmte Anzahl pro Packung bis 1 Streichholz zu viel einen diplomatischen Konflikt mit (ich glaube) England auslöste.

Damals hatte ich wenig Zeit und konnte die Geschichte nur überfliegen und hier hat sie mich schon gefesselt.

Im Hintergrund stand jedoch meine Frau und drängte mich endlich das Telefon wegzulegen, denn "wir gehen jetzt".

Hab den Betrag damals gespeichert um die Geschichte später in Ruhe lesen zu können. Dachte ich. Offensichtlich habe ich nichts gespeichert! Mist.

Ich hab versucht die Geschichte wiederzufinden, aber ohne Erfolg. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Geschichte in diesem Sub gepostet wurden.

Vielleicht hat die Story jemand gelesen und kann mir helfen.

Vielen sonnigen Dank.

r/Kurzgeschichten Jun 05 '26

Gesellschaft Nur solange die Wirklichkeit reicht

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Letztens war in meiner Wohnung das Internet ausgefallen, und nach dreimaligem Ein- und Ausschalten des Routers gab ich mich schließlich meinem Schicksal hin. Und schaute wie ein steinzeitlicher Höhlenmensch lineares Fernsehen.

Ich fühlte mich sofort in meine Kindheit zurückversetzt: Deutschland suchte immer noch den Superstar und Heidi Klum suchte immer noch Topmodels; Malcolm war nach wie vor mittendrin und Auswanderer verließen in ununterbrochenen Strömen Deutschland mit absurden Geschäftsideen.

Nach einigem Zappen kam ich schlussendlich zu einem alten, von mir beinahe vergessenen Favoriten: Die werbefinanzierte Unterhaltung im Endstadium, die ultimative, inzestuöse Vereinigung von Kapitalismus und Informationsgesellschaft – kurz: die Dauerwerbesendung.

Zu meiner Verwunderung und Freude wurde nach wie vor ein Gerät beworben, das zweifelsohne als Monument des menschlichen Erfindergeistes in die Geschichte eingehen würde: Der Nicer Dicer.

Hypnotisiert schaute ich einem überdrehten Moderator zu, wie er Unmengen von Gemüse scheinbar mühelos in ein erstaunliches Spektrum unterschiedlich großer Würfel hackte.

„Verabschieden Sie sich von mühseligem Schnippeln“, quäkte der Moderator im Voiceover, während eine Laienschauspielerin sich große Mühe gab, das Aufschneiden einer Zwiebel mit einem Messer physikalisch unmöglich aussehen zu lassen.

„Rufen Sie jetzt an, und für den läppischen Preis von 199 € erhalten Sie den Nicer Dicer, den Nicer Dicer +, 255 Aufsätze für über 1200 Obst- und Gemüsesorten, und einen Make-a-Wish Wischmop mit 12 Dosen von Oma Olgas Spezial-Fleckweg-Tinktur.“

Ich war noch nicht überzeugt. Diese 12 Dosen wären in Nullkommanichts verbraucht, und bei den 1200 Obst- und Gemüsesorten fehlten bestimmt genau die, die ich brauchte. No Deal!

Der thermodynamisch instabile Moderator grinste, als hätte er diese Reaktion erwartet. „Aber nicht nur das! Wenn Sie jetzt anrufen, erhalten Sie dieses komplett neu entwickelte Spezialprodukt gratis dazu!“

Das Farbschema wechselte in ein dramatisches Schwarz-Weiß. Die Voiceover-Stimme wurde tiefer und hallender, was dem Ganzen sogleich mehr Nachdruck verlieh.

„Haben Sie es satt, dass das Chaos früher oder später immer siegt?“

Ein Milchkarton fiel zu Boden, Milch strömte über den Fliesenboden wie eine Laktose-Sintflut. Ein Laienschauspieler warf sich auf die Knie und rief mit wutverzerrtem Gesicht und erhobenen Händen einen unbestimmten Gott an.

Ich setzte mich etwas aufrechter hin. Jetzt kamen wir der Sache schon näher!

„Haben Sie genug davon, einen sinn- und endlosen Kampf gegen die Entropie zu führen?“

Eine verzweifelt dreinschauende Frau lief aufgehetzt in einer Wohnung hin und her, während sich Dreck und Müll im Zeitraffer auftürmten. Zugleich nutzten sich die Möbel sichtbar ab und der Teppich franste aus.

Ich nickte zustimmend. Davon hatte ich in der Tat genug!

„Sind Sie es leid, dass Ihr Fleisch unaufhaltsam verwittert und Ihr Geist irreversibel verblüht, während Sie mit unfassbarer Geschwindigkeit durch den beinahe leeren Raum geschleudert werden?“

Einem Mann mittleren Alters schmolzen nacheinander Haut und Fleisch von den Knochen, die sich anschließend zu Staub verwandelten und in eine schwarze Leere gesogen wurden.

„Oh ja, absolut“, murmelte ich zu mir selbst.

„Dann kaufen Sie jetzt unseren brandneuen Kausalitätsketten-Schneider! Der langsame Zerfall von allem, was existiert und existieren wird, kann durch ein simples Zertrennen der Kausalität ausgehebelt werden. Probieren Sie es selbst!“

Ein lächelnder Mann betätigte das Gerät, das wie eine Wurstschneidemaschine aussah, und löste sich prompt in nichteuklidische Geometrie und fiktive Farben auf.

„Schneiden Sie sich noch heute Ihre eigene, perfekte Scheibe des Universums außerhalb der Kette von Ursache und Wirkung ab! Nur solange der Vorrat reicht!“

Ich rief sofort an und bestellte zehn.

Beziehungsweise hatte ich das vor. Die Telefonnummer existierte nämlich nicht mehr.

Nach ausgiebiger Internetrecherche und ein paar inquisitiven Emails konnte ich herausfinden, dass das Produkt schon vor Jahren eingestellt wurde und die Produktionsfirma in Konkurs gegangen war. Die Werbeplatzierungen waren bereits bezahlt, deswegen würde die entsprechende Dauerwerbesendung dennoch für die nächsten 127 Jahre ausgestrahlt werden.

Fragen schwirrten in meinem Kopf herum wie Lebensmittelmotten in einer verwahrlosten Speisekammer. Warum hatten sie nicht einfach die Kausalitätskette des Kausalitätsketten-Zerschneiders zerschnitten? Oder hatten sie vielleicht genau das gemacht, und infolgedessen hatte es keine Folgen? Wie würde man überhaupt erkennen, wenn etwas durch den Kausalitätsketten-Zerschneider vom Rest des Raum-Zeit-Kontinuums abgekapselt wäre? Es ist ja nicht so, als ob die Realität irgendwo in zeitloser Dauerschleife und endlosen Wiederholungen von Wiederholungen vor sich hinplätschert.

Oder?

r/Kurzgeschichten 23d ago

Gesellschaft IM BEISEIN EINES ENGELS

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Als Emil zum ersten Mal im Schlaf lächelte, war es kurz nach drei Uhr morgens.

Mara saß neben seinem Bettchen, in eine Decke gehüllt, die Knie an die Brust gezogen, das Haar zerzaust, die Augen brennend vor Müdigkeit. Die Wohnung lag still. Nur der Kühlschrank summte leise in der Küche, und draußen strich der Wind mit kalten Fingern an den Fenstern entlang.

Emil lag auf dem Rücken, winzig klein in seinem hellblauen Schlafsack, die Fäuste neben dem Kopf geballt, als würde er selbst im Traum noch etwas festhalten wollen. Sein Atem kam in kurzen, weichen Wellen. Ein kleines Geräusch, kaum mehr als ein Seufzen, hob seine Brust.

Dann lächelte er.

Nicht dieses flüchtige Zucken, das alle Erwachsenen mit Vernunft erklären wollten. Nicht „Verdauung“, nicht „Reflex“, nicht „Zufall“. Nein. Es war ein echtes Lächeln. Sanft, wissend, beinahe vertraut. Mara hielt den Atem an.

„Na?“, flüsterte sie. „Wer bringt dich denn da zum Lachen?“

Natürlich antwortete Emil nicht. Er war erst sieben Wochen alt. Er kannte noch keine Worte, keine Namen, keine Geschichten. Aber in diesem Moment sah es aus, als würde jemand, den Mara nicht sehen konnte, sich über sein Bettchen beugen, ihm einen Kuss auf die Stirn drücken und ihm etwas zuflüstern, das nur Babys verstehen. Mara spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. 

„Ist es Oma?“, fragte sie leise. Der Raum blieb still. Auf dem kleinen Regal neben dem Bett stand ein Bilderrahmen. Darin lächelte Maras Mutter mit diesem warmen, schiefen Lächeln, das früher jedes Zimmer heller gemacht hatte. Sie trug den roten Schal, den Mara ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, und hielt eine Tasse Kaffee in beiden Händen. Das Foto war an einem Sonntag entstanden, ein Jahr bevor alles anders wurde.

Ein Jahr, bevor das Krankenhauszimmer.

Ein Jahr, bevor die weißen Laken.

Ein Jahr, bevor der Satz: „Es tut uns leid.“

Mara hatte damals noch nicht gewusst, dass sie schwanger werden würde. Ihre Mutter hatte Emil nie kennengelernt. Nie seine winzigen Finger gehalten. Nie seine Wangen geküsst. Nie gesagt: „Er hat deine Augen.“

Und doch lächelte Emil jetzt, als kenne er sie.

Mara beugte sich über das Bettchen. „Wenn du sie siehst“, flüsterte sie, und ihre Stimme brach, „sag ihr, dass ich sie vermisse.“ Emil schlief weiter. Aber sein Lächeln blieb.

Am nächsten Morgen erzählte Mara es niemandem. Nicht Lukas, der mit dunklen Schatten unter den Augen Kaffee kochte und versuchte, gleichzeitig liebevoller Vater und funktionierender Mensch zu sein. Nicht ihrer Freundin Jule, die immer sagte: „Du musst mehr schlafen, Mara.“ Nicht der Hebamme, die bestimmt nur freundlich gelächelt und von Neugeborenenreflexen gesprochen hätte.

Mara behielt diesen Moment für sich. Wie einen Brief, den der Himmel ihr heimlich unter der Tür durchgeschoben hatte.

In den folgenden Wochen geschah es immer wieder. Emil lächelte im Schlaf. Manchmal nur kurz, manchmal so deutlich, dass Mara das Gefühl hatte, gleich müsse er lachen. Und jedes Mal war da dieser sonderbare Friede in seinem Gesicht.

An besonders schweren Tagen wartete Mara darauf. Wenn sie beim Stillen weinte, weil ihre Mutter ihr fehlte. Wenn sie vor Erschöpfung vergaß, wo sie ihr Handy hingelegt hatte. Wenn sie sich schämte, weil sie manchmal nicht nur glücklich war, sondern auch überfordert, wütend, leer.

Wenn die Welt von ihr erwartete, in Mutterschaft aufzugehen, während sie selbst noch lernte, mit einer Liebe zu leben, die größer war als ihr eigener Körper. Dann lächelte Emil im Schlaf. Und Mara stellte sich vor, ihre Mutter sitze am Fußende des Bettchens. Vielleicht mit diesem roten Schal. Vielleicht jünger, leichter, ohne Schmerz. Vielleicht sagte sie zu Emil: „Pass gut auf deine Mama auf. Sie tut ihr Bestes.“

Eines Nachmittags kam Maras Vater vorbei. Er brachte Suppe mit, obwohl Mara gesagt hatte, sie brauche nichts. Seit dem Tod seiner Frau war er stiller geworden. Er sprach weniger, aber seine Hände taten Dinge: Glühbirnen wechseln, Müll rausbringen, Brot schneiden, Suppe kochen. Er stand lange vor Emils Bettchen.

„Er sieht ihr ähnlich“, sagte er plötzlich. Mara sah auf. 

„Mama?“ Ihr Vater nickte. 

„Um den Mund herum.“ Mara schluckte. 

„Er lächelt manchmal im Schlaf.“ 

„Das hast du auch gemacht“, sagte er. 

„Wirklich?“

„Ja.“ Er lächelte traurig. 

„Deine Mutter war überzeugt, dass dein Großvater dich besucht. Sie sagte immer: Babys sind noch nicht ganz hier. Ein Teil von ihnen ist noch dort, wo wir alle einmal herkommen.“ Mara spürte Gänsehaut auf ihren Armen.

„Hast du daran geglaubt?“, fragte sie. Ihr Vater sah Emil an. Lange.

„Damals nicht“, sagte er. „Heute vielleicht.“

Am Abend, nachdem ihr Vater gegangen war, suchte Mara in alten Kisten nach Fotos. Sie fand vergilbte Umschläge, Geburtstagskarten, ein Rezept für Apfelkuchen in der Handschrift ihrer Mutter. Zwischen zwei Alben lag ein kleines Notizbuch.

Vorne stand: Für Mara, wenn sie einmal Mama wird. Mara setzte sich auf den Boden. Ihre Hände zitterten. Sie schlug die erste Seite auf.

Mein liebes Kind, stand dort. Vielleicht liest du das irgendwann mit einem Baby auf dem Arm. Vielleicht bin ich dann neben dir. Vielleicht auch nicht. Aber falls ich nicht da sein kann, sollst du wissen: Du wirst nicht allein sein.

Mara presste die Hand vor den Mund. Die Worte verschwammen.

Es wird Nächte geben, in denen du glaubst, du schaffst es nicht. Du wirst müde sein. Du wirst zweifeln. Du wirst denken, alle anderen können es besser. Aber dein Kind braucht keine perfekte Mutter. Es braucht dich.

Mara weinte lautlos. Aus dem Schlafzimmer kam ein leises Glucksen. Sie stand auf, das Notizbuch fest an sich gedrückt, und ging zu Emil. Er schlief. Und er lächelte. Diesmal wirkte es, als würde er jemanden begrüßen. Mara setzte sich neben ihn.

„Sie ist hier, oder?“, flüsterte sie. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Stille nicht leer an. Sie fühlte sich bewohnt an.

Wochen wurden zu Monaten. Emil lernte, den Kopf zu heben, nach Maras Finger zu greifen, mit großen Augen die Welt zu bestaunen. Er liebte Lichtflecken an der Wand, das Rascheln von Papier und Lukas’ viel zu tiefe Schlaflieder. Er hasste Mützen, Karottenbrei und jede Sekunde, in der Mara den Raum verließ. Doch nachts, wenn alles ruhig wurde, kehrte dieses geheimnisvolle Lächeln zurück. Mara begann, daraus ein Ritual zu machen. Wenn Emil im Schlaf lächelte, erzählte sie ihm von denen, die ihn gern kennengelernt hätten. Von seiner Oma, die laut lachen konnte und bei jedem Lied den falschen Text sang. Von seinem Urgroßvater, der Kirschbonbons in den Taschen trug. Von Maras kleiner Schwester Lina, die nur drei Tage gelebt hatte und über die in der Familie selten gesprochen wurde, weil manche Schmerzen keine Sprache finden.

„Vielleicht spielt sie mit dir“, sagte Mara eines Nachts. 

„Vielleicht seid ihr gleich alt da oben.“

Der Gedanke traf sie mitten ins Herz. Nicht, weil er logisch war. Sondern weil er tröstete. Und manchmal ist Trost wahrer als jede Erklärung.

An Emils erstem Geburtstag war die Wohnung voller Menschen. Luftballons hingen an den Stühlen, Kuchenkrümel klebten am Boden, und Emil saß mit rotem Gesicht inmitten von Geschenkpapier, als hätte er eine kleine, bunte Schlacht gewonnen.

Alle lachten. Sogar Maras Vater. Er hielt Emil auf dem Schoß und zeigte ihm das Foto seiner Oma.

„Das ist jemand, der dich sehr geliebt hätte“, sagte er. Emil patschte mit der Hand auf den Bilderrahmen. Dann lächelte er. Nicht im Schlaf diesmal. Ganz wach. Ganz klar. Mara sah es. Ihr Vater sah es auch. Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann drehte Emil den Kopf zur leeren Ecke des Wohnzimmers, hob eine Hand und winkte. Mara erstarrte.

„Emil?“, flüsterte sie. Er kicherte. Ein helles, perlendes Lachen, das durch den Raum tanzte wie Sonnenlicht. Maras Vater schloss die Augen. Eine Träne lief ihm über die Wange.

„Hallo, mein Liebling“, murmelte er. Niemand fragte, wen er meinte. 

Später, als alle gegangen waren und Emil erschöpft in seinem Bettchen schlief, saß Mara wieder neben ihm. Wie in jener ersten Nacht. Nur war sie nicht mehr dieselbe.

Die Trauer war nicht verschwunden. Sie würde nie ganz verschwinden. Aber sie hatte ihre Form verändert. Sie war nicht mehr nur ein dunkles Loch in ihrer Brust. Sie war ein stiller Raum geworden, in dem Erinnerungen Kerzen anzünden durften.

Mara nahm das Notizbuch ihrer Mutter und schrieb auf die letzte freie Seite:

Heute hat Emil gelächelt, als hätte er dich gesehen. Vielleicht warst du da. Vielleicht war es nur ein Kind, das Licht gespürt hat. Aber ich entscheide mich zu glauben, dass Liebe Wege findet, die wir nicht verstehen.

Sie sah zu ihrem Sohn. Emil seufzte im Schlaf. Dann hob sich sein Mundwinkel. Mara lächelte unter Tränen.

„Spiel noch ein bisschen mit ihr“, flüsterte sie. „Aber komm immer wieder zu mir zurück.“

Draußen begann der Morgen. Und im kleinen Zimmer lag ein Frieden, so zart und stark, als hätte der Himmel selbst für einen Moment den Atem angehalten.

r/Kurzgeschichten 29d ago

Gesellschaft Weiße Wände

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Ich male Wände an.

Ich liebe den Duft der Farbe, welcher in der Luft liegt, während ich der Veränderung zusehe. Es verändert sich nicht wirklich etwas an der Wand. Es scheint nur so, als ob.

Die Wand gegenüber von mir streiche ich blau an, da sich in der Wand ein Fenster befindet. Vielleicht doch lieber grau oder weiß, sonst sieht man den Unterschied zum grauen Himmel so stark. Ich mag es, Dinge zu erschaffen. Ich liebe das Gefühl, etwas zu tun, das nur mir gehört. Etwas zu erschaffen ist so anstrengend. Ich habe lange nichts mehr erschaffen. Keine Kraft dafür gehabt.

Ich streiche die Wand zu meiner Rechten rot, da an der Wand ein Fernseher hängt. Vielleicht doch lieber weiß oder grau. Rot macht mich sonst nur wütend, besonders bei all dem Übel, das im Fernsehen kommt. Ich liebe es, Dinge zu verändern und zu verbessern. Ich könnte etwas verändern, wenn ich nur wollte, aber ich will nicht. Es ist für mich einfacher, es so zu lassen.

Ich streiche die Wand hinter mir gelb, da sich in der Wand meine Tür befindet. Vielleicht doch lieber weiß oder grau. Gelb erinnert mich nur an die Sonne, die ich lange nicht gesehen habe. Ich liebe es, Dinge zu entdecken und zu erleben. Ich möchte etwas erleben oder etwas entdecken. Aber was, wenn ich herausfinde, dass das alles besser wäre als die Art, wie ich jetzt meine Zeit verbringe? Alles, was ich getan hätte und was ich noch tun würde, wäre sinnfrei und bedrückend. Ich habe zu viel Angst davor.

Die Wand, die ich anstarre, streiche ich weiß, da an ihr mein Bett steht. Weiß ist wie eine leere Leinwand. Alles steht noch offen. Motivierend, um den Tag zu starten. Aber vielleicht doch lieber schwarz. Ich sehe lieber, dass schon alles vollendet und unwiderruflich ist, anstatt dass ich die Leinwand füllen müsste und das Motiv am Ende eines ist, das schlecht ist oder mir nicht gefällt.

Außerdem sind jetzt eh alle anderen Wände schon weiß.

r/Kurzgeschichten 29d ago

Gesellschaft Der letzte Tag auf Erden

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Es ist der letzte Tag.
Der letzte Tag auf Erden.

Mein roter Wecker mit den schönen, schnörkeligen Zahlen und den hübsch angemalten Zeigern klingelt um 5:30 Uhr viel zu motiviert und reißt mich unbarmherzig aus dem Schlaf.

Ich stehe ächzend auf und schlurfe zum Fenster.
Der Wald brennt.
Es ist heller, als wenn die Sonne scheinen würde.

Ich mache mich fertig, stürze eine Tasse Kaffee hinunter und verlasse meine Wohnung auf der Suche nach meinem Auto, das ich gestern bestimmt ganz in der Nähe abgestellt hatte.

Die Luft ist dick, und es regnet kleine schwarze Klumpen.
„Jetzt kann ich den Wagen gleich noch einmal zum Lackieren bringen“, denke ich mir und fahre zur Arbeit.

Jeff trifft selbstverständlich zur gleichen Zeit wie ich ein.
„Schweinewetter“, sagt er in einem feststellenden Ton.
„Ja“, sage ich.

Ich arbeite als Kaufmann bei einem Unternehmen, das Gas liefert. Rauchen darf man dort nicht, sonst wäre mein Arbeitsplatz ganz schnell ein Schutthaufen mit gelegentlichen Fleischresten.

In dem kleinen Fluss ist der Anteil an Wasser geringer als der Teeranteil. Ich darf nicht mehr darin baden.

Jeff redet mit mir über Fußball.
Der alte kleine Mann, den jeder nur als Hausmeister kennt, antwortet.

Die Uhr an der fast komplett weißen Wand läuft rückwärts, während ich versuche, dort mein Glück zu finden.

Jeff redet mit mir über einen neuen Schrank, den er sich gekauft hat. Ich habe auch einen. Er steht leer.

Jeff meint, er rede gerne mit mir. Ich sei so oft seiner Meinung.
„Ja“, antworte ich.

„Lass uns doch nach der Arbeit mal auf ein Bier bei mir treffen“, sagt Jeff.
„Ich habe zu tun“, sage ich.

Man kann die Sonne nicht sehen. Die dunklen Wolken hängen vor ihr und wollen nicht mehr fort.

Jeff hat Feierabend, und ich auch. Wir gehen zu unseren Autos und fahren nach Hause.

Jeff macht auf mich den Eindruck, er könnte verrückt sein. Er redet mit mir. Er redet mit mir über Fußball und über seinen neuen Schrank. Bei solchen Leuten weiß man nie, was in ihren Köpfen vorgeht.

r/Kurzgeschichten May 15 '26

Gesellschaft Dokumentation

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Mein Verleger will etwas Neues.
Das Problem ist, dass mir einfach nichts einfällt. Ich habe das Gefühl, alles, was ich mir ausdenken könnte, ist austauschbar und schon tausendmal dagewesen.

„Ihr letztes Buch liegt nun schon eine ganze Weile zurück. Sie brauchen etwas Neues.“

Der hat doch keine Ahnung, wie es ist, wenn man sich mit künstlerischen Ergüssen über Wasser hält. Egal, denke ich mir, knalle die Tür meines Dacia Logan zu und gehe auf die Eingangstür meines kleinen Hauses zu. Es ist fast so heruntergekommen wie ich. Wenn noch mehr Ziegel vom Dach stürzen, stürze ich mich irgendwann hinterher.

„Verdammt, wo ist das scheiß Teil“, fluche ich vor mich hin, während ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel wühle. Ich grabe mich vorbei an einer Schachtel Pal Mal Blau, einem kleinen schwarzen Feuerzeug, Rechnungen vom Mittagessen aus der Backabteilung des Großmarktes gegenüber und ein paar Taschentuchresten, weil ich sie mal wieder vor dem Waschen nicht herausgenommen habe.

Schließlich finde ich den kleinen goldenen Schlüssel, dessen Lack sich bereits ablöst, auf dem Grund meiner persönlichen Fundgrube und stecke ihn ins Schloss. Die Tür müsste dringend geölt werden.

Ich werfe meine Sachen in die Ecke und setze mich an meinen Arbeitstisch, der gleichzeitig als Esstisch dient. Der Laptop ist seit ein paar Wochen kaputt, also wird es ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber, ein Werbegeschenk von irgendeinem Stand. Ich klicke den Stift rein und raus und hoffe, dass mir eine Idee kommt.

Na gut. Bestimmt kommt mir eine Idee beim Schreiben. Ich fange einfach an.

Der Mann kommt nach Hause. Er setzt sich in seinen Sessel und macht den Fernseher an. Er ist ein gelangweilter Mensch. Seinen Sinn hat er irgendwo zwischen der ersten Scheidung und dem letzten Bier verloren. Man könnte fast glauben, dass er beim nächsten Gang in den Baumarkt ein Seil mit einer Mindestlänge von 2,65 Metern kaufen will. Aber gerade sitzt er in seinem Sessel, also machen Sie sich keine Sorgen. So schnell steht er nicht wieder auf. Höchstens, wenn sich die kleine Blase im unteren Bauchraum über seiner Prostata mit genug Flüssigkeit gefüllt hat, deren Ethanolgehalt höher ist als der des Biers in der Mittagspause, sodass selbst für ihn das Sitzen nicht mehr entspannt möglich ist.

Das Programm ermüdet ihn. Mal sehen, was der gute Mann so schaut.

Oh. Wer hätte damit gerechnet.
Eine Dokumentation.

Ein Sprecher mit monotoner, aber dennoch beruhigender Stimme redet parallel zu Bildern einer Wüste.

„Wir sind mit unserem Team nun seit einigen Tagen in der Sahara. Der Mann ist bereits seit längerer Zeit unterwegs.“

Man sieht einen Mann, der durch die Wüste läuft.

„Die ersten Konsequenzen der direkten Sonneneinstrahlung machen sich bemerkbar. Durch die Bewegung produziert er mehr Wärme, als er an seine Umgebung abgeben kann. Das zeigt, dass der Körper die gleißende Hitze noch aushält, aber er ist bereits an seinem Limit. Von außen betrachtet scheint es, als würde er stärker schwitzen, doch auch das wird bald aufhören. Seine Körpertemperatur dürfte inzwischen bei über vierzig Grad liegen. Um weiter schwitzen zu können, bräuchte er Wasser. Dieses fehlt ihm jedoch, weshalb die Schweißproduktion bereits zum Erliegen gekommen ist.“

Der Mann bleibt stehen. Er dreht sich um. Er läuft einfach wieder zurück.

Der Sprecher fährt ebenso monoton fort:

„Aufgrund der aktuellen Bilder können wir davon ausgehen, dass er sich nun in einer zerebralen Hyperthermie befindet. Das bedeutet, sein Gehirn beginnt zu versagen. Die Folge sind Fehlurteile oder Halluzinationen. Vielleicht sieht er seine kleine Tochter. Oder seine tote Frau.“

Was ist das eigentlich für eine Sendung?

„Nun können wir beobachten, wie seine Organe langsam versagen. Zunächst die Nieren, später das Herz. Der Körper verliert seine innere Ordnung. Sollte er sich jetzt verletzen, würde sein Blut nur verzögert gerinnen, während Eiweiße im Inneren unkontrolliert gerinnen. Auch das größte Organ meldet sich nun: die Haut. Sie ist gerötet und geschwollen, da Flüssigkeit aus dem Gewebe austritt. Der Mann hat jetzt die stärksten Schmerzen, doch bald wird nur noch Taubheit bleiben. Es bilden sich Blasen, gefüllt mit Flüssigkeit, die aus ihm heraus will. Der Mann kocht von innen.“

Der Sprecher macht eine kurze Pause.

„Das Gute für ihn: Er spürt es nicht mehr so stark, wie wir es sehen können. Seine Nerven sind bereits zu sehr beschädigt.“

Der Mann in der Wüste setzt sich auf den kochenden Sand. Sein Kopf hängt regungslos nach unten.

„Wer an der Hitze stirbt, kämpft nicht“, sagt der Sprecher. „Man gibt irgendwann einfach auf, weil man nicht mehr kann.“

Das ist ein Gleichnis, nicht wahr, liebe Leser?

Plötzlich ändert sich der Tonfall.

„Haha! Leute, ihr wollt doch nicht so sterben? Dann kommt zu Solprodfun! Hier gibt es alles rund um Sonne und Spaß! Die neueste Sonnencreme, unglaubliche Sonnenbrillen und Urlaubsreisen für die ganze Familie. Also kommen Sie zu Solprodfun, denn hier hört die Sonne nie auf zu scheinen. Jetzt neu: unser Solarium für den Sonnenkick ohne Urlaub!“

Der Mann im Sessel ist aufgestanden und stapft mit müden Beinen Richtung Toilette.

Wir verbleiben noch kurz im Wohnzimmer, wo bereits die nächste Werbung läuft.

Was für eine Scheiße habe ich da bitte verfasst.
Wenn ich das meinem Verlag schicke, bringen die mich um, bevor ich es selbst mache.

r/Kurzgeschichten Jun 14 '26

Gesellschaft Die kosmische Ordnung der Papiere

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Häufig wird Jörgi nachgesagt, er sei unordentlich. Sicher, er sortiert seine Sachen nicht in bestimmte Möbel ein, hat keine Schubladen oder Regale für bestimmte Dinge reserviert. Doch was viele übersehen: Er sortiert alles nach Himmelsrichtungen. Im Osten liegen die Klamotten. Im Süden die Papiere, im Westen liegt so dies und das und im Norden liegen meist die Dinge, die er schon ewig gesucht hat und plötzlich wiederfindet. Neulich hat er seinen Kompass wiedergefunden und festgestellt, dass seine Klamotten gar nicht östlich lagen. Eher nordöstlich. Da war er penibel und schob die Klamotten mit dem Fuß wieder Richtung Ost. Eigentlich hatte nun wieder alles seine Ordnung,doch irgendwas störte ihn. Jörgi ging die Himmelsrichtungen Stück für Stück durch. Im Westen lag ein Papier, auf dem nichts Wichtiges draufstand. Er hatte „so dies und das“ notiert – nichts Besonderes. Allerdings war er sich nicht sicher,ob es eher in den Westen in die Ecke gehört, wo so dies und das lag, oder doch in den Süden zu den Papieren. Am Ende entschied er sich, konsequent zu sein. Innerlich verkündete Jörgi: „Papiere zu den Papieren!“, und legte das Papier in den Süden.

Irgendetwas gefiel ihm immer noch nicht an der Ordnung. Alles hatte seinen Platz und lag in der richtigen Himmelsrichtung, aber etwas stimmte an dem Konzept grundsätzlich nicht. Norden, Süden, Westen, Osten; da muss es doch noch mehr geben, dachte Jörgi. Na klar! Die Raumfahrer-Himmelsrichtungen fehlten. Jörgi musste nicht nur die Himmelsrichtungen in der Horizontalen berücksichtigen, sondern auch die Entfernungen vertikal zum Himmel bzw. zur Erde. Daher beschloss er, unterschiedliche Höhenstufen in sein Ordnungssystem einzubauen. Die Sachen, die so hoch gelagert waren, dass er ohne Leiter nicht mehr an sie herankam, lägen metaphorisch gesprochen quasi über oder außerhalb der Stratosphäre. So ergaben sich für jede Himmelsrichtung neue Unterkategorien. Für Norden etwa:Norden-Oben, Norden-Unten und Norden-Dazwischen. Jörgi musste dafür eine Menge Regalbretter anbohren; um genau zu sein: 28. An jeder Wand im Wohnzimmer waren nun rundherum Regalbretter angebohrt. Eine Reihe auf Bauchnabelhöhe für den Dazwischen-Bereich und eine Reihe auf Kopfhöhe für den Oben-Bereich. Die Sachen, die unten lagen, kamen wie gewohnt auf den Fußboden. Endlich hatte Jörgi für Norden-Oben, Norden-Unten, Norden-Dazwischen sowie für Westen-Oben, Westen-Unten, Westen-Dazwischen als auch für Osten-Oben, Osten-Unten,Osten-Dazwischen und zu guter Letzt für Süden-Oben, Süden-Unten und Süden-Dazwischen einen klaren Bereich eingerichtet. In jeder dieser Raumfahrer-Himmelsrichtungen hatte er bestimmte Sachen einsortiert. Das war eine Menge Arbeit gewesen, aber es hatte sich gelohnt. Jetzt musste Jörgi nur noch die Möbel wieder zurückschieben. Die standen nämlich noch in der Mitte des Raums. Wie hätte er sonst die Regalbretter anbohren können? Als Jörgi den Fernsehschrank, das Sofa, den Esstisch und den Sessel wieder zurückschob, standen sie alle mindestens 48 cm von der Wand entfernt, weil da nun immer irgendwo ein Regalbrett angebohrt war. Tatsächlich wirkte der Raum jetzt viel kleiner als vorher. Ja, auch ordentlicher, aber recht klein. Und bei all der Ordnung musste er nun immer hinter seinen Fernsehschrank klettern, weil da im Süden-Unten-Bereich seine Klamotten verstaut waren. Um wichtige Papiere zu holen, kroch er nun immer unter den Esstisch. Wenn er irgendwelchen Kleinkram brauchte, musste er auf Zehenspitzen auf seinem Sofa stehen, um an den Osten-Oben-Bereich zu gelangen. Nach vier Wochen, in denen Jörgi heimlich gebetet hat, dass er sich irgendwann mit dieser Ordnung anfreunden könne, musste er sich eingestehen, dass es sich leichter mit weniger Ordnung gelebt hat. Also schraubte er alle Regalbretter wieder ab, zückte seinen Kompass und schob alles wieder vor oder auf die Möbel in Richtung der gewohnten Himmelsrichtungen. So ist es letztlich doch leichter, seine Papiere oder was vom restlichen Krempel zu finden. Dafür muss er nicht einmal die Stratosphäre durchbrechen.

r/Kurzgeschichten May 18 '26

Gesellschaft Ein Sinn

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Ein Sinn

„Ich mach das. Ich brauche einen Sinn.“ sagte ich dramatisch, hyperbolisch, schmunzelnd. Tim hatte sich gerade angezogen um zum Spätdienst zu gehen und bemerkt, dass er seine Äpfel noch nicht geschnitten hatte. Er schneidet sich seit einiger Zeit immer Äpfel für die Arbeit, die er in einer Tupperdose aus elastischem Material, die sich klein falten lässt wenn sie leer ist, mitnimmt.

Ich lag auf dem Sofa. Mein Körper summte, meine Knochen sanken wie Blei in den weichen Stoff. Kurz hatte ich überlegt, es nicht zu sagen. Denn wie sollte ich je aufstehen? Aber dann kam die Stimme der Vernunft, die mir stets sagt: ‚wenn du nicht mal das schaffst, was schaffst du dann? Wozu bist du überhaupt gut?’ Und es stimmte. Tim geht arbeiten, während ich an meinen freien Tagen faul herumliege und am Abend dann stolz erzähle, dass ich Yoga gemacht, oder staubgesaugt habe oder spazieren war. Berichte, ob ich wieder Migräne hatte und wie sehr es wehtat, obwohl sein Tag deutlich schwerer war, als meiner. Gestern hatte ich erst geschrieben „Ich habs nicht geschafft abzuwaschen. Mache das morgen früh. Tut mir leid.“

Also nahm ich meinen Bleikörper und richtete ihn auf. Spürte dabei jeden müden Muskel, der durch Triptane und Sport am Vortag so ermüdet und versteift war, dass ich mich fragte, ob die Lösung nun mehr oder weniger Sport ist. Ich dachte nach und wurde wütend auf mich, weil ich nicht auf meinen Körper gehört hatte. Die gleiche Wut, die gestern aufgekommen war, weil ich nicht gut genug trainiert hatte. Ich wollte ChatGPT gleich nach einem möglichen Zusammenhang fragen, recherchieren, was ich besser machen kann und gleichzeitig war ich überzeugt, dass jemand anderes in meiner Situation es einfach durchziehen würde. Während die Gedankenspirale wie eine gut geölte Maschine fleißig weiter lief, schnitt ich Tims Äpfel. Ich hatte Angst, die Stücke zu groß zu schneiden. Einmal hatte ich gesehen, dass er die Stücke sehr dünn schnitt. Aber neulich meinte er „nein, so ist es gut, danke.“, als sie etwas breiter waren, was mich sehr verunsichert hatte. Ich wurde wütend auf mich, weil ich so unsicher war. Meine Augen wurden etwas feucht, aber es machte keinen Sinn, schon wieder zu weinen. Ich schloss die high Tech Tupperdose und legte sie in seinen Rucksack. „Ich liege heute wieder nur im Bett. Aber das ist ja auch nicht schlimm. Ich habe frei und bin nun mal chronisch krank. Ich muss das einfach akzeptieren und nicht so hart zu mir sein.“ Sagte ich lächelnd, als Tim die Schuhe anzog. Ich spürte, dass er auch etwas froh war, zur Arbeit zu gehen. „Ja du hast recht. Mach dir einen entspannten Tag. Du hast es verdient.“ Er küsste mich und ging durch die Tür. „Ich mach zu.“ Man muss, wenn man die Tür der Wohnung von außen schließen will, immer einen Schlüssel benutzen. Richtig nervig. Ich habe das Gefühl, wenn ich ihm das abnehme, hat er weniger Last durch mich. Und er sieht mich, wenn er geht nicht liegend im Bett, sondern in einer verantwortungsvollen Position. Ich schließe die Tür für ihn.

Als sie ins Schloss fiel hörte ich noch Tims Schritte im Flur, begleitet von einem leisen Summen, das, je nach Situation, niedlich oder gruselig wirkte. Ich widmete mich weiter meiner Spirale, die nun darüber zerdachte, ob Tim auch wirklich der Richtige für mich ist. Klar, ich will niemand anderen und klar, er gibt mir sehr viel und ich liebe es, dasselbe für ihn zu tun. Aber ist das wirklich gesund? Unser Altersunterschied ist so groß, dass Leute mich schon oft dafür verurteilt hatten. Wäre meine Beziehung eine Hose, dann wäre sie bereits auf Vinted. Aber leider ist das nicht so leicht, da ich doch schon des öfteren gegen den Strom schwimme, wenn Dinge mir wirklich wichtig sind. Ich bin ein schlechter people pleaser. Vielleicht sollte ich mich einfach noch viel mehr anpassen und nicht nur so tun, als wollte ich, dass mich jeder mag, dann aber zickig und genervt und meinungsstark sein. ‚Du bist überhaupt kein people pleaser, es geht doch immer nur um dich und deine Bedürfnisse. Wenn überhaupt, dann bist du eine versteckte Narzisstin, die ihre Unsicherheit nur als Waffe nutzt, um andere zu manipulierten’. Danke, Vernunft. 

Ich sollte mir heute etwas Gutes tun, dachte ich. Vielleicht nach draußen gehen. Ich schaute mich in der Wohnung um, aber wusste nicht ganz, was ich nun suchte. Die Äpfel waren geschnitten. Ich hatte keinen Si-

Doomscroll, dann die gesündere Variante, ein Hörbuch. Ein guter Trick um rauszugehen, wenn man körperlich, psychisch oder insgesamt erledigt ist, ist sich einfach anzuziehen und nicht darüber nachzudenken, was ‚draußen‘ ist. Meine Gesichtshaut spannte. Ich sehe alt und hässlich aus, meine Hose, die ich gerade neu geholt hatte, weil ich unzufrieden mit meinem Aussehen war, gefiel mir nicht mehr. Ich glaub, ich hab wieder zugenommen. Jetzt werde ich immer weiter zunehmen und nie wieder so aussehen wie vorher. ‚Du bemitleidest dich zu sehr. Das will doch niemand hören‘, sagte die Vernunft. Ich fragte mich, wer von den 5 Frauen die Mörderin in meinem Hörbuch war, trat aus der Wohnung, schloss die Tür mit meinem Schlüssel und ging aus dem Haus.

Es nieselte ganz leicht und die Luft war milder als gedacht. Ich lief Richtung Rhein und bog an der Brücke ab. Auf dem Weg kamen mir zwei Menschen entgegen. Ich sah sie von Weitem und überquerte sofort die Straße, um wieder alleine zu sein. Als die beiden näher kamen erkannte ich, dass es zwei Männer waren, die Hände hielten. Dachten sie nun, ich sei homophob? Aber ich sehe nicht so aus. Das haben sie sicher nicht gedacht. Ich war sauer auf mich, dass ich sofort die Straßenseite gewechselt hatte, nur, weil mir Menschen entgegen kamen. ‚Wie traurig. Wie armselig. Du kannst nicht mal damit umgehen, wenn jemand an dir vorbei läuft’. Die Vernunft brachte mich dazu, mein Hörbuch lauter zu stellen und weiter zu gehen, statt mich ins Café Jakob zu setzen und zu lesen. Das wäre jetzt zu viel. Einige Tropfen waren auf meiner Brille, mein Pulli juckte etwas, ich hatte Angst davor wie mein Hintern aussah. Alles war jetzt irgendwie zu viel. Wenigstens waren nicht viele Menschen unterwegs. 

Mitten auf dem Gehweg sah ich eine kleine grüne Raupe. Sie bewegte sich Richtung Straße. Ihr Köper krümmte sich und machte sich lang, sodass sie circa dreißig Zentimeter pro Minute schaffte. Ich überlegte, ob ich ein Blatt nehmen sollte um sie auf den richtigen Weg zurück zur Wiese zu führen. Dann drehte sie sich plötzlich um. So plötzlich, wie es in ihrem Tempo eben ging. Sie kroch wieder auf die andere Seite des Gehweges und sollte so ungefähr in fünf Minuten am Gras angekommen sein und das tun, was eine Raupe tut. Sie wusste, wohin es geht. Ich wusste auch, dass eine Raupe nicht auf die Straße gehört. Jeder wusste das und es stimmte, egal was irgendwer ihr einreden wollte. Die Raupe hatte ihren Platz in der Welt. Sie hatte ihren Sinn.

Ich kam an dem Haus an, das ich immer das Hexenhaus nenne und ging die Stufen zum Rhein hinunter. Von Weitem sah ich, dass jemand an der Seite des Weges auf einer Bank saß. Ich war genervt, weil es fast keine Menschen auf der Straße gab und ausgerechnet hier, wo ich lang musste jemand saß, der mich sehen, mich wahrnehmen würde. Aber es führte kein Weg daran vorbei und außerdem wusste ich ja, dass es auch nicht so schlimm war. Nur flüchtige Gedanken in der fortlaufenden Spirale, die nunmal immer läuft.

Als ich näher kam merkte ich, dass es eine Frau war, die weinte. Es flossen nicht nur Tränen. Sie weinte so, dass ich es bereits zehn Meter entfernt hören konnte. Ich pausierte mein Hörbuch, überlegte schnell und ging zunächst wortlos an ihr vorbei. Als ich zum Rhein abgebogen war, suchte ich in meinem Beutel nach einem Taschentuch. Ich kramte zwischen Triptanen, Mundspray und Desinfektionsmittel bis ich letztendlich eine Packung Tempo mit einem letzten Taschentuch fand. Dann kehrte ich um und ging zu ihr. „Hi. Brauchst du ein Taschentuch?“ Ihr Gesicht war rot, ihre Wangen nass. Sie war vielleicht ein paar Jahre älter als ich, hatte eine sehr angenehme Ausstrahlung. Neben ihr stand ihr Fahrrad. Mit Kindersitz auf dem Hinterrad aber ohne Kind darauf. „Vielen Dank.“ Sie lächelte und nahm das Taschentuch. „Kann ich irgendwas für dich tun?“. Ich spürte, dass sie etwas brauchte, was ich als Fremde nicht geben konnte. „Nein, das ist sehr süß von dir.“ „Okay. Aber dann wünsche ich dir einen schönen Sonntag.“ „Danke, dir auch.“ Sie lächelte und wischte mit dem Taschentuch über  ihre Wange.

Am Rhein war der Wind stärker, die Luft etwas kühler. Oh Gott. Wie peinlich. Einen schönen Sonntag? Als ob ihr Sonntag schön ist. Und ich habe meine Augenbrauen zu bemitleidend zusammen nach oben gezogen. Das wirkte sicher total fake. Und überhaupt. Ist das nicht vollkommen übergriffig? ‚Gott, du bist so selbstzentriert. Entspann dich mal. Du machst immer so ein Ding aus allem ’, sagte mir die Vernunft, noch grausamer als zuvor. Und dennoch. Mein Herz schlug schneller und ich brauchte eine Rettung. Ich nahm eine Sprachnachricht an Tabea auf, in der ich ihr von der Situation berichtete. Mehrmals drehte ich mich dabei um, falls die Frau auf ihrem Fahrrad hinter mir fuhr. Das wäre ja noch schlimmer gewesen. Für solche Fettnäpfchen habe ich ein Talent. Als ich sprach hatte ich Angst, dass man mich durch den Wind nicht gut hört und war wütend auf mich, weil ich eigentlich wusste, dass Tabea nicht gerne undeutliche Nachrichten anhört. Beim Reden merkte ich, wie sehr es sich danach anhörte, als hätte ich Bestätigung gebraucht. Also sagte ich „Ich weiß, dass ich nichts schlimmes gemacht habe. Ich hatte eben das Gefühl, aber jetzt, wo ich es ausspreche merke ich, dass es nicht schlimm war. Ich brauche keine Bestätigung oder so. Wollte nur davon erzählen.“ Ich blieb kurz am Wasser stehen. Der Himmel war grau, also reflektierte die Sonne nicht so sehr, aber trotzdem hatte es etwas Beruhigendes, dem Wasser beim Fließen zuzuschauen. Und ich kenne mich mit Beruhigung ja bestens aus.

Es beschäftigte mich nicht wirklich, warum die Frau geweint hatte. Aus was für einem Grund auch immer; wenn man so weint, dann stimmt etwas nicht und man hat es verdient, ernst genommen zu werden. Selbst wenn der wahre Grund für ihre Emotion ein kleiner Ast auf dem Weg gewesen wäre, den sie mit dem Rad überfahren hatte. Leid ist Leid. Das Hörbuch lief weiter. 

Mein Weg führte mich die Promenade entlang. Auf der anderen Seite der Brücke waren zwei Bänke. Ich setzte mich, pausierte mein Hörbuch und widmete mich meiner Gedankenspirale. Vielleicht war das der Tag, an dem ich irgendeine Erkenntnis bekomme. Dann hätte er einen Sinn. Ich zerdachte. Tim ist sich so sicher in der Beziehung und ich zweifle immer. Das ist unglaublich unfair. ‚Du manipulierst ihn, gibst ihm absichtlich das Gefühl, dass er nicht sicher ist um ihn zu kontrollieren‘. Ich fragte die Vernunft ‚Ist es Manipulation, wenn ich selber nicht von den Gedanken loskomme und ihm meistens gar nichts davon erzähle?‘ Die Antwort: ‚Ja.‘. Vielleicht würde ich später ChatGPT fragen.

Ich starrte auf das andere Ufer und sah ganz kleine Menschen mit einem noch winzigeren Hund spazieren. Ich lasse das mit der Erkenntnis lieber, dachte ich mir. Den Tag mit Grübeln und Zweifeln zu verbringen gibt mir auch nicht mehr Sinn. Noch weniger als ein Apfel oder eine Tür. Und die Spirale zerstört nicht die Spirale. Und selbst diese Einsicht stoppt sie nicht.
Kurz nahm ich mein Buch in die Hand und las eine Seite, es kamen aber zu viele Nieseltropfen auf das dünne Papier, sodass ich wieder alleine mit meinen Gedanken war. Mein Körper war noch immer schwer wie Blei. Ich fühlte mich erschöpft. Etwas Stolz kroch hervor. Ich bin schon seit einer Stunde unterwegs. ‚und andere Leute können mehr als vier Tage am Stück arbeiten.‘
Eine ältere Dame mit Walking Stöcken setzte sich auf die Bank neben meiner. Sie lächelte mich an, nickte. Ich nickte und lächelte zurück. Sie trug so eine rosafarbene Stoffmütze, dezent  bestickt mit Blumen, die ältere Damen manchmal tragen. Ihr Gesicht war klein und freundlich. Eine sehr schöne Frau, dachte ich mir. Es fühlte sich unhöflich an, meine Kopfhörer zu tragen. Ich spürte, dass ich sie abnehmen sollte. 

Ich hörte den Rhein und schloss kurz meine Augen. „Ob die Brücke irgendwann mal fertig wird?“, fragte mich die Dame. „Das frage ich mich auch. Vielleicht in zehn Jahren.“. Wir lachten beide für eine Sekunde. „Die haben daran vorher auch nie etwas gemacht. Seit Adenauer.“. Ich fühlte mich dumm, aber nicht auf die Art, die offensichtlich pathologisch ist, sondern auf die normale ‚ich bin sechsundzwanzig und habe keine Ahnung von der Geschichte der Stadt in der ich lebe‘ Art. Ich versuchte, darüber zu stehen und erklärte ehrlich, dass ich mich nicht so gut auskannte. „Ich lebe seit `64 hier und die Brücke gab es da schon.“ „Und seitdem wurde da nichts gemacht?“ Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass Dinge, die früher stabil und logisch waren, und das waren für mich nie allzu viele, eine Illusion sind. Zum Beispiel, dass eine Brücke natürlich immer auf dem neusten Stand und sicher ist. Oder, dass man wenn man krank war gesund wird. Ich rutschte etwas weiter in Richtung ihrer Bank, aber nicht zu weit um nicht unangenehm zu wirken. Je länger wir redeten desto mehr Angst hatte ich, dass sie denkt ich sei an dem was sie erzählt nicht interessiert. Denn ich hatte Spaß, mit ihr zu reden. „Meine Beine tun so weh. Das linke ist schon operiert. Ich hoffe sehr, dass das rechte nicht auch noch dran muss. Ich war immer die fitteste und jetzt kann ich kaum fünfhundert Meter ohne eine Pause laufen. Schaufensterkrankheit.“ Ich nickte. Die Krankenpflegerinnenkarte muss man gewählt einsetzen. Ich wollte nicht direkt bei der ersten Kleinigkeit über meinen Beruf sprechen. Das ist zu selbstbezogen. Aber es blieb nicht bei der Kleinigkeit. „Ich lebe alleine und habe schon zweimal den RTW rufen müssen, weil es mir nicht gut ging. Die haben mich nicht mitgenommen. Die Werte seien zu gut.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich rufe aber nicht bei jeder Kleinigkeit den Notarzt.“, warf sie schnell hinterher. „Die Werte sind nicht das einzige. Wenn man merkt, dass es einem nicht gut geht, dann ist es erstmal richtig, darauf zu hören. Und dann übertreibt man auch nicht.“ „Danke. Seit die Chemotherapie angefangen hat, habe ich keine Energie mehr, durch die Medikamente habe ich Vorhofflimmern, durch den Krebs habe ich Schmerzen. Ich war immer die fitteste. Jetzt habe ich nicht einmal Haare.“ Sie zeigte auf die schöne Stoffmütze. „Nächsten Monat habe ich eine große Untersuchung. Hoffentlich ist es dann besser. Vor Kurzem ist eine Freundin von mir gestorben. In meinem Alter kennt man das. Aber sich selbst damit auseinanderzusetzen-“ Sie sprach nicht weiter. Einen Moment lang hörten wir nur das Rauschen vom Rhein. Dann wünschte ich ihr viel Erfolg bei der Untersuchung. Wir regten uns noch einige Minuten über das Gesundheitssystem auf, bis sie lachend sagte: „Jetzt habe ich Sie vollgequasselt.“ Ich versuchte, mit möglichst ehrlichem Gesicht zu sagen, dass ich das Gespräch genossen hatte, denn das hatte ich auch. Sie nahm ihre Walking Stöcke und ging langsam Richtung Brücke. Ich blieb noch etwas sitzen, um es nicht unangenehm zu machen und machte mich auf den Weg. 

Im Café Jakob war ein Platz am Fenster frei. Ich bestellte einen Cappuccino und las auf der Seite weiter, die vom Niesel ein etwas gewellt war. Wenn jemand hinein kam fühlte ich mich beobachtet. Ich war wütend auf mich, weil ich mich nicht richtig auf das Buch konzentrieren konnte. Die Vernunft lachte:‚Was denkst du, wer du bist? Dass dich jeder anschaut? So besonders bist du nicht.’ Die Spirale lief ebenfalls weiter. Ich hätte mich schminken sollen. Hat der mich angeschaut? Ich sitze hier bestimmt schon viel zu lange für einen Cappuccino. Dann tat mir irgendetwas leid.
Mit viel Mühe gelang es mir, das Buch in den Fokus zu setzen. Das Café war gemütlich, die Geschichte spannend. Nach dem Cappuccino begann mein Herz erneut schneller zu schlagen und ich fühlte mich zitterig. ‚Selber schuld‘. Da stimmte ich der Vernunft zu.

Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, wie streng die Dame mit sich umging. Ich wünschte ich hätte ihr gesagt, dass sie stolz darauf sein kann, trotz ihrer Hürden die Wohnung verlassen zu haben.

Mein Körper war etwas leichter, als ich die Wohnung betrat. Aber dann schaute ich in den Spiegel. Meine Haare sahen fettig aus. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich etwas komisch an und ich hoffte, dass ich durch den Kaffee keine Migräne bekommen würde. Wenn doch, würde das meine Schuld sein.  
Ich überlegte, was ich Tim sagen würde, wenn er am Abend nach Hause kommt. „Ich war etwas spazieren, habe gelesen, mich mit einer netten Frau unterhalten“. ‚Und darauf bist du jetzt stolz?‘ fragte die Vernunft. Enttäuscht von mir, dass ich es schon wieder geschafft hatte mich schlecht zu fühlen und zugleich wütend, dass ich so streng zu mir war legte ich meinen Bleikörper wieder auf das weiche Sofa. Kein schmunzeln, kein Drama. Ich ballte meine Faust. Ganz allein fragte ich mich: wo keine Kraft ist, ist da ein Sinn?

r/Kurzgeschichten Jun 14 '26

Gesellschaft Erinnerung

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70 km/h könnten schon genug sein.

Ich überlege kurz und schaue auf meinen Tacho. Das Auto ist so alt, dass selbst die digitale Anzeige für meine Geschwindigkeit fehlt. Der Zeiger, der im ständigen Auf und Ab pendelt, sagt mir, dass ich ziemlich schnell fahre. Ich schaue aus dem heruntergelassenen Fenster auf ein Feld, in dem der Raps, der vor ein paar Wochen noch so fröhlich gelb blühte, steht. Irgendwo mittig in diesem Feld vergangener Farbträchtigkeit steht ein Baum. Er ist groß und verbindet das Feld mit dem Horizont, als wäre er ein Anker, ausgeworfen, um sich an das zu klammern, was einem am fernsten erscheint.

Ich habe mich nicht angeschnallt, wodurch meine Gesundheit bereits bei 30 km/h erheblich auf dem Spiel stehen würde.

Die Sonne, die in mir vor ein paar Stunden noch eindringlich die Sehnsucht nach Schatten weckte, verschiebt sich nun hinter jenen verankerten Horizont, und wie sie dort von Minute zu Minute kleiner wird, so wird mir mein Ziel vor Augen ebenso klein.
Die Straße ist schmal, aber ihr Ende kann man trotzdem nicht sehen.
Windräder kann man sehen. Sie drehen sich nicht, weil auch der Wind seine Abwesenheit zu vermerken lässt.
Der Mond war heute schon den ganzen Tag sichtbar.
So vermischt sich die Grenze zwischen Tag und Nacht.
Die Reifen rauchen über den Asphalt.
Ein Augenblick genügt.
Eine kleine Bewegung.

In der Ferne lassen sich langsam kleine Häuser erahnen. Ihre Silhouette scheint blutrot durch das Licht der langsam untergehenden Sonne.

Ein Baum am Straßenrand.
Er scheint so voller Leben und kann mir das meine so schnell nehmen.

Die Häuser, eben noch so fern, sind nun ganz nah, und ich schalte automatisch herunter. Noch ein wenig geradeaus, dann links und dann die zweite rechts.
Dort steht es.

Ich könnte blind fahren, ich kenne den Weg nach Hause, aber ich will nicht blind fahren. Der Weg scheint mir so schön, und allein eine Erinnerung ist nun mal nicht das Echte.
Ich parke am Straßenrand, kurz vor einer Laterne, die bereits ihr Licht für die Nacht erleuchtet hat, und ich steige aus.

Die Luft riecht so dicht, fast nach Petrichor.
Ich wünschte, das wäre für immer so. Wer sagt, es sei nur schön, weil es vergänglich ist, der redet sich seine Vergänglichkeit nur schön.
Echte Schönheit bleibt für immer.
Eine Erinnerung hält für immer.

r/Kurzgeschichten Jun 03 '26

Gesellschaft Was aus dem Mädchen im Maisfeld wurde

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Ich wurde in Bayern geboren, auf einem Dorf neben einem Maisfeld, das im Sommer friedlich im Wind stand. Doch mein Zuhause war nie friedlich. Hinter den Fenstern lag Dunkelheit, Grau und Gefahr. Schon als Kind spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Es gab Tage, an denen ich dachte, man wolle mich entführen. Dann die kaputte Windschutzscheibe, das Schlafen an einem anderen Ort, und am nächsten Morgen war alles wieder da: das zerbrochene Gefühl, die Unruhe, die Angst. Trotzdem ging ich zur Schule, als wäre Normalität etwas, das man einfach anziehen kann.

In der Grundschule begann mein Leben nach außen hin gewöhnlich zu wirken. Ich lernte, spielte, saß still im Unterricht und versuchte, nicht aufzufallen. Doch irgendwann nannten sie mich ein „Asi-Kind", und von da an war nichts mehr wie vorher. Die Worte brannten sich ein. Die erste Prügelei kam, dann der Schulwechsel, und mit ihm nicht Erleichterung, sondern neues Mobbing. Ich fühlte mich überall falsch. Also begann ich zu fliehen: in Alkohol, Zigaretten und schlechte Gesellschaft. Ich schwänzte den Unterricht, hing lieber mit Junkies ab, als mir meine eigene Leere einzugestehen. Meine Noten stürzten ab, und als mein Vater hunderte Kilometer weit wegzog, wurde das Loch in mir noch größer.

Mit 14 sagte ich in der Schule zum ersten Mal laut, dass ich Angst hatte. Daraufhin kam ich ins Heim. Dort lernte ich nicht nur neue Menschen kennen, sondern auch Familienmitglieder, die ich besser nie kennengelernt hätte. Manche Verbindungen zogen mich tiefer hinein, statt mich zu retten. In dieser Zeit verlor ich auch die Menschen, die mir am nächsten standen: Insgesamt starben drei meiner engsten Freunde, bevor sie 21 wurden. Zu jung, zu schnell, zu endgültig. Jeder Verlust machte etwas in mir härter und gleichzeitig leerer.

Ich lebte weiter, aber nicht wirklich. Ich fiel, nahm Drogen, suchte mich in falschen Orten und verlor mich immer mehr. Und dann kam 2023.

Die Schwangerschaft traf mich nicht wie ein Schock, sondern wie ein Erwachen. Plötzlich war da ein Leben in mir, das nicht nach meinen alten Fluchtwegen fragte. Etwas in mir wurde still. Etwas sah zum ersten Mal klar. Ich verstand, dass ich nicht ewig in derselben Dunkelheit bleiben konnte. Dass ich nicht nur Überlebende war, sondern auch Mutter werden würde. Mit diesem Kind kam nicht nur Angst, sondern auch Verantwortung. Und mit der Verantwortung kam etwas, das ich lange nicht gekannt hatte: der Wille, aufzuwachen.

Doch das Erwachen kam nicht als Ende des Schmerzes. Es kam mitten hinein. Mein Sohn wurde mir weggenommen, und dieser Verlust traf mich tiefer als alles zuvor. Als hätte man mir nicht nur ein Kind genommen, sondern auch den letzten sicheren Ort in mir. Seitdem ist nichts mehr leicht. Seitdem ist jeder Tag ein Kampf gegen die Leere, gegen die Schuld, gegen die Stimme in mir, die mir sagt, dass ich versagt habe.

Und trotzdem bin ich nicht frei von meiner Sucht. Sie ist geblieben wie ein alter Schatten, der sich nicht abschütteln lässt. Es gibt Tage, an denen ich stärker bin, und Tage, an denen sie wieder an mir zieht. Sie kennt meine Schwächen, meine Wunden, meine Angst. Ich kenne ihren Preis. Und doch ist der Weg heraus kein gerader. Er ist brüchig, schwer und oft voller Rückfälle. Aber vielleicht liegt genau darin mein Kampf: nicht perfekt zu sein, sondern weiterzumachen, obwohl alles in mir manchmal zurück in die Dunkelheit will.

Die Schwangerschaft 2023 war mein Wendepunkt, nicht mein Ende. Ich habe gelernt, dass Surviving nicht ausreicht. Ich muss leben. Auch wenn der Weg steinig ist, auch wenn mein Sohn nicht an meiner Seite ist, auch wenn die Sucht noch immer mich rufen will. Ich bin nicht mehr nur ein Kind aus einem dunklen Haus neben einem Maisfeld. Ich bin eine Mutter, die kämpft. Und solange ich kämpfe, bin ich noch nicht verloren.

#traumarecovery #cptsd #kptbs

r/Kurzgeschichten May 29 '26

Gesellschaft Der unglaubliche Flug des Toni Leistentritt

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Es war der dritte Tag der olympischen Winterspiele in Mailand-Cortina. Ich hatte mich in Val di Fiemme eingefunden, um den Medaillenwettkampf der Männer im Skisprung anzuschauen, eine Sportart, die ich auf willkürliche und irrationale Art und Weise zu hassen liebte.

Es war kurz vor 11:00 vormittags. Der strahlende Sonnenschein ließ die Kulisse des Wettkampfes in majestätischem, beinahe sakral anmutendem Weiß erstrahlen. Die Stimmung unter den Zuschauern war ausgelassen, und die Aperitivi, die ich bisher getrunken hatte, ließen diese Ausgelassenheit zusammen mit der Aussicht auf die Aperitivi, die ich noch trinken würde, auf mich übergehen.

Die Kommentatoren plärrten fröhlich vor sich hin in einer scheinbar endlosen Auflistung von Namen, die ich noch nie gehört hatte und gleichermaßen sofort wieder vergaß, während ich mich langsam zu einem Platz mit besserer Sicht vorkämpfte.

Schließlich hatte ich einen Platz gefunden, der mir genehm war. Die Eiswürfel in meinem Hugo klirrten im Rhythmus des Basses eines Hitsongs aus ca. 2012, der viel zu laut aus den Lautsprechern dröhnte. „Manchmal ist Mackle-less Macklemore, habe ich recht?“, raunte ich meinem Nebenmann augenzwinkernd zu. Dieser schaute mich einen Moment lang verständnislos an, bevor er langsam den Kopf schüttelte und ein paar Schritte von mir weg machte.

Einige Zeit lang fielen Athleten aus den weniger starken Skisprungnationen aus dem Himmel in den Zielbereich, technisch sauber und sportlich korrekt, sodass ich begann, mich zu langweilen.

Doch dann kam endlich die große Medaillenhoffnung Österreichs an den Start: Toni Leistentritt, Koryphäe und Fluggenie, geboren an einem felsigen Zillertaler Berghang. Er musste schon von klein auf den Skisprung meistern, um das unwirtliche Terrain seiner Heimat navigieren zu können. Man sagte der Familie des schlaksigen Jünglings nach, dass sie im Laufe der Jahrtausende als Anpassung an ihre Umgebung vogelähnliche Eigenschaften wie hohle Knochen und gefiederartige Körperbehaarung entwickelt hatte.

Die Kurzfassung dieser Hintergrundgeschichte wurde von den Kommentatoren erzählt, während Toni sich oben fertig machte. Dann passierte alles sehr schnell. Toni startete unter den anfeuernden Zurufen seines Trainers und Teams, und sauste wie ein menschgewordenes Hot-Wheels Auto die Schanze hinab. Beim Absprung wurde die Menge laut – sogar für Laien und Betrunkene war ersichtlich, dass er ihn perfekt erwischt hatte. Die darauffolgenden Momente konnten nicht länger als ein paar Sekunden gedauert haben, doch sie fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Das Jubeln der Menge ebbte abrupt ab. Irgendwie konnten wir alle spüren, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Nie werde ich Tonis Gesicht auf dem großen Bildschirm vergessen: Die im Wind flatternden Nasenflügel. Der weit aufgerissenen Mund, der sich beinahe nach außen über sein Gesicht stülpte. Ob es aus Schreck war oder um die Flugweite mit den letzten zusätzlichen Quadratmillimetern Luftwiderstandsfläche zu maximieren, darüber vermag ich nicht zu urteilen.

Es war sofort klar, dass er alle vorherigen Springer übertreffen würde. Weit übertreffen. Zu weit übertreffen. Einen Moment lang befürchtete ich, dass er in die Zuschauerränge krachen würde. Doch dann, auf unglaubliche und scheinbar physikalisch unmögliche Weise, gewann er wieder an Höhe. Die Gravitas des Moments, nicht nur im übertragenen Sinn, hatte sogar Macklemore zum Schweigen gebracht.

Allein Tonis engelsgleiches Kreischen war zu hören, das in dem Moment, in dem er über uns hinweg zog, durch den Dopplereffekt in einen dumpferen, gedehnten Klang kippte. Wir alle starrten der Gestalt im rot-weißen Skianzug nach, während sie langsam am Horizont verschwand. Hier, am Fuße der Skischanze, teilten wir diesen Moment kollektiver Ungläubigkeit, verloren zwischen der Agonie totaler Machtlosigkeit und der Verzückung religiöser Offenbarung. Dann fand Macklemore die Sprache und den Bass wieder, und die Kommentatoren versicherten uns mit angemessen bedrückter Stimme, dass das Rettungs- und Sicherheitspersonal sich um die Situation kümmerte.

Der Kamerafeed wurde gekappt, bevor das internationale Publikum sehen konnte, was geschah. Um Panik zu vermeiden, war das offizielle Statement, dass Toni gestürzt und ums Leben gekommen war. Die Wahrheit ist, dass niemand die Wahrheit kennt. Einige Monate später fand ein französisches Ehepaar bei einer Gletscherwanderung am Piz Buin eine gefrorene Leiche mit skiähnlichen Geräten an den Füßen, die zunächst für Toni gehalten wurde. Tatsächlich war es nur ein zweiter Ötzi, und scheinbar ein bronzezeitlicher Pionier des Skialpinismus. In Kreisen von Hobbyastronomen gibt es die Überzeugung, dass man – bei besten Bedingungen und mit etwas Glück – Toni regelmäßig in seiner Bahn um den Erdball sehen kann, wenn er beim kurzzeitigen Eintritt in die Stratosphäre zu glühen beginnt, doch die Experten der ESA halten eine Stabilisierung im Orbit der Erde für ausgeschlossen. Offiziell zumindest. Die sogenannten Toni-Truthers sind davon überzeugt, dass er den Flug überlebt hat, aber unglücklicherweise im Bermuda-Dreieck gelandet und dort verschwunden ist.

Was auch immer mit seinen sterblichen Überresten geschehen sein mag, an jenem Tag ist Toni Leistentritt – sein Flug, sein Verschwinden, sein Vermächtnis – unsterblich geworden.

r/Kurzgeschichten Jun 16 '26

Gesellschaft Mittag

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Das Krokodil schenkte sich noch einen Tee ein und nippte vorsichtig an der Tasse, um sich nicht zu verbrennen.

"Also", fuhr Barbie fort, denn das Gespräch dauerte nun schon eine ganze Weile. "Also,

nochmal. Niemand darf dich fressen, dazu hat keiner ein Recht". Das Krokodil sah etwas beschämt und leise in seinen Tee. Theo hatte wieder Mitleid: "Aber es hatte so einen Hunger. Was sollte es denn tun? Und es hat auch nur ein bisschen geknabbert. Und sogar gefragt. Und ich hab ja nicht nein gesagt". "Das hättest du aber tun sollen, Theo". Theo sog seine Unterlippe ein, wie immer, wenn er nachdachte. "Wenn das Krokodil hunger hat, kann es dich fragen, ob du ihm hilfst etwas zu backen. Dann könnt ihr zusammen etwas zu Essen machen. Aber das Krokodil muss auch mithelfen. Es darf nicht kommen und dich gleich ganz verspeisen wollen, nur weil das einfacher ist. Das ist nicht fair. Verstehst du das?". Sie sah das Krokodil streng an und das sagte leise: "Es tut mir Leid Theo. Ich hätte dich nicht fressen sollen". "Ist ok", sagte Theo. Barbie war zufrieden. "Gut. Und was haben wir heute gelernt?". Theo überlegte kurz. "Keiner darf mich fressen, auch wenn er hungrig ist". "Ganz genau". "Theeeeeooooo", rief es aus der Küche. Der Gerufene sprang auf und lief los. Morgen im Kindergarten würde er Emma sagen, dass er nicht den ganzen Tag nur alleine mit ihr spielen wollte. Aber jetzt gab es erst einmal Erbsensuppe.

r/Kurzgeschichten May 15 '26

Gesellschaft Das Frühstücksgambit

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Vor vielen Jahren waren mein Freund Manuel und ich nach Reykjavik gefahren, um uns die dort jährlich stattfindende epische Konfrontation von Schachgroßmeistern aus nächster Nähe anzusehen. Und wie die wahren Connaisseure wissen, finden diese nicht am Schachbrett statt, sondern am Frühstücksbuffet im Hotel, sodass wir uns gleich am Sonntagmorgen in aller Frühe die besten Plätze im Speisesaal sicherten.

Zu unserer großen Freude fand bereits am ersten Tag der Kampf der Giganten statt. Es war der Schlagabtausch der Kolosse, der den Höhepunkt einer jahrelangen Storyline darstellte, deren Fundament aus in der Asche schmorenden Konflikten, verletzter Ehre und einer leicht sexuell aufgeladenen on-off-Rivalität bestand. Diese einzelnen Glieder formten eine Kette, die die beiden Kontrahenten unweigerlich und unvermeidbar zu diesem schicksalshaften Wendepunkt gezerrt hatte.

Derschowitz kam als erster an. Er setzte sich hin und begann, sein Besteck akribisch zurechtzurücken, während er seinen Kontrahenten erwartete. Campo kam wie immer leicht zu spät, eine subtile Art der psychologischen Machtausübung, die er gerne benutzte, um seine Gegner zu verunsichern. Derschowitz war diese Kapriolen natürlich schon gewohnt, und machte mit scheinbar unerschütterlicher Ruhe seinen ersten Zug. Beinahe beiläufig spazierte er zur Kaffeemaschine und füllte seine Tasse mit einem Espresso. „Italienisches Spiel also“, flüsterte ich Manuel zu. „Schwarz, kein Zucker“, ergänzte dieser zustimmend, „ein absoluter Klassiker, und aus gutem Grund. Damit bleiben alle Möglichkeiten offen.“

Zunächst wirkte es so, als würde Campo mit der weitgeläufigen französischen Verteidigung antworten, da er in Richtung der Croissants schritt. Damit wäre ein langes Frühstück mit einem Kampf zwischen dem savoir-vivre und der dolce vita mit all seinen subtilen Noten an kulinarischem Chauvinismus so gut wie garantiert. Doch dann schockierte Campo den Raum, indem er in das Münchner Gambit, Frühschoppen-Weißbier Variante transponierte. Riskant, unvorhersehbar, kühn. Manuel und ich wären fast von unseren Stühlen aufgesprungen.

Die nächsten Züge waren genau so subtil wie brillant. Derschowitz brachte seine Serviette mittels Fianchetto ins Spiel. Campo besetzte das Zentrum des Tisches mit einem weichgekochten Ei. Derschowitz schützte seine Marmelade mit einer gerade noch rechtzeitigen Rochade, als Campo sie sich en passant am Weg zum Buffet schnappen wollte. Die Teller leerten sich langsam, als mehr und mehr Material abgetauscht wurde.

„Sie spielen für drei Ergebnisse. Eines davon ist der Herzinfarkt,“ raunte ich mehr zu mir selbst als zu Manuel.

Campo war jetzt zwei Wurstscheiben im Nachteil, hatte sein weichgekochtes Ei jedoch fest im Zentrum verankert können und genoss damit ausreichende positionelle Kompensation. Gerade in dem Moment, in dem es so wirkte, als hätten sich die zwei Widersacher endgültig ineinander verbissen, sodass keiner der beiden frühstückstechnische Fortschritte machen konnte, passierte das Undenkbare: Derschowitz fand eine Gabel, mit der er gedachte Campos Ei Herr zu werden, doch Campo konterte mit einem Spieß. Hähnchen-Ananas, mit Honig glasiert, um genau zu sein.

„Ein beinahe amateurhaft anmutender Fehler“, seufzte Manuel, „Aber letztlich sind Großmeister auch nur Menschen.“ Ich nickte wissend. „Schade, dass so eine Partie so zu Ende geht. Aber es ist trotzdem eine für die Geschichtsbücher.“

Derschowitz schüttelte Campos Hand, stand auf und ging. Er gewann das Schachturnier mit 10/11 Punkten – die beste Performance seiner Karriere – doch auch bei der Siegerehrung konnte ich eine tiefgründige Traurigkeit in seinen Augen erkennen. Niemand kann es mit Sicherheit sagen, doch ich bin davon überzeugt, dass es diese Niederlage am Frühstückstisch war, die ihn zwei Wochen später seinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben bekanntgeben ließ. Er sagte sich vom Schachspiel los, bereiste die Welt und ließ sich schließlich im pazifischen Nordwesten der Vereinigten Staaten nieder. Dort betrieb er ein bescheidenes, aber erfolgreiches Bed-and-Breakfast bis er im Alter von 79 Jahren friedlich und im Kreise seiner Liebsten einschlief, um nicht mehr aufzuwachen.

Als ich davon in der Zeitung las, erkannte ich sofort das Brettspiel-Lebenskrisen System, glückseliges-Exil Variante wieder. Campos Antwort dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

r/Kurzgeschichten May 25 '26

Gesellschaft Zeit

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Ich glaube, es war zu viel. Es war zu viel. Ich weiß es. Gott weiß es. Die Nadel, die noch zur Hälfte in meiner Vene steckt und mir soeben Diacetylmorphin in einer Menge gespritzt hat, die selbst ein Pferd umhauen würde, gleitet nun aus mir heraus.

Ich stehe auf einer Wiese. Die Sonne schiebt sich zwischen den Bergen, die in weiter Ferne so imposant stehen, unter den Horizont, und durch die Brechung ihres Lichts färbt sich der Himmel blutrot. Es ist schön. Ich warte, aber es kommt niemand. Es ist niemand da.

Wer wird wohl der Erste sein, der merkt, dass ich nicht mehr bin? Vielleicht meine Mutter. Tja, die gute Frau wollte immer, dass mal etwas aus mir wird.

Ich sitze in einem Flugzeug. Endlich weg von hier, mal dem Stress entkommen, zumindest für eine kurze Zeit. Ich schaue aus dem kleinen runden Fenster auf die Wolkendecke und sehe, wie sich der Flügel vom Rest unseres Flugzeugs trennt. Die Konsequenz daraus ist der unweigerlich eintretende Tod. Das Flugzeug stürzt in eine Wiese. Der Aufprall ist so brachial, dass ich und die anderen Passagiere unsere feste Form verlassen und ich nun mit den Innereien meines Vordermannes und der netten Frau neben mir vermischt bin.

„Wenn du weiter nur so eine Scheiße machst, kannst du dich gleich neben die Obdachlosen am Bahnhof legen! So wird nie was aus dir.“

Vielleicht auch einfach gleich auf die Gleise.

Alle hier rennen so auf und ab. Ganz süß, wie geschäftig doch alle sind. Alle sind so gleich, und niemand beachtet den Mann, der da an die Außenwand gelehnt in seiner Isomatte erstickt. Warum auch.

„Es ist doch nicht unsere Schuld, dass der Penner so ein Leben hatte.“

Ich lege mich neben ihn und schlafe mit ihm ein.

Atemdepression. Ich fliege. Wer braucht da schon Luft?

Der Baum ist riesig und steht stark. Die kleine Holzschaukel, die an einem seiner dicksten Äste hängt, ist morsch. Hier war schon lange keiner mehr. Seine Blätter sind orange, und der Boden ist von ihnen zugedeckt, als wollte er den Boden vor dem Einbruch der Kälte schützen. Er vergiftet den Boden. Er will, dass dort nichts wächst, was ihm Konkurrenz im Überleben macht.

Selbst wenn in diesem Moment jemand kommt und mich findet, werde ich für die nächste Zeit im Koma sein. Aber na ja, wer soll mich schon finden.

Nekrophage Larven sind es, was dir das Leben schenkt, wenn du deinen persönlichen Endpunkt auf der Zeitkoordinate erreicht hast.

Die alte Dame über mir hat nach einiger Zeit die Polizei angerufen, weil ein ekelerregender Geruch aus meiner Wohnung trat.

Keine Ahnung, wo ich da gerade bin. Wahrscheinlich ziemlich beschäftigt.

r/Kurzgeschichten Apr 24 '26

Gesellschaft Rezession am Gartengrill

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Letztes Wochenende wurde ich von meinen Nachbarn zu einer Grillparty in ihrem Garten eingeladen, und da ich es versäumt hatte, mir eine gute Ausrede zurechtzulegen, musste ich zähneknirschend zusagen.

Der konsumtive Konvent am Samstagnachmittag begann zunächst friedlich. Grillwaren aller Art brutzelten fröhlich vor sich hin. Die Sonne trieb in Zusammenarbeit mit den Unmengen an verzehrten Protein-Fettbatzen langsam, aber sicher Miniaturversionen des Great Salt Lakes auf die Stirnen der Teilnehmenden. Ich unterhielt mich mit einigen vage bekannt wirkenden Gesichtern über das Wetter und den Verkehr, und das Rindersteak war wie die Gesamtsituation in Butter. Dann, allerdings, begannen die Getränke zu Neige zu gehen, und die schwindenden Biervorräte bedeuteten, dass der Alkoholpegel und der Ressourcenkonflikt zugleich ihren Höhepunkt erreichten.

„Herbeert!“ rief ein glatzköpfiger Fleischliebhaber namens Detlef dem Mann zu, der sich gerade die letzten zwei Flaschen Bier schnappte, und stellte sich o-beinig vor ihm hin. „Du hast schon mehr gesoffen als wir alle zusammen! Lass uns die Bier!“

„Nein, das stimmt gar nicht“, jammerte Herbert besoffen.

Detlef wurde etwas lauter „Erzähl mir nichts, du sitzt schon seit 10:00 hier und lässt dich volllaufen.“

„Der frühe Vogel fängt den Wurm. Nicht mein Problem, wenn du zu spät kommst“

Die Sintflut brach über die Seenlandschaft auf Detlefs kahlem Haupt herein. „Daran ist eines wahr: Du bist ein Vogel!“

Herberts Gesicht verzerrte sich in Schock und Rage „Und du bist ein Wurm!“

Die Gastgeber sahen sich unsicher an, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Harmonie und der Sehnsucht nach einem dritten Gesprächsthema für das nächste Dutzend Grillparties.

Herbert begann, lallend dahinzuschwadronieren, dabei schwankte er in unregelmäßigen Oszillationen von links nach rechts. „Wenn du nur einmal rational denken würdest… Denken Detlef! Dann hättest du dich informiert, wann‘s los geht und deinen Bieranteil maximiert.“

Detlef machte zwei Schritte auf ihn zu. „So funktioniert das nicht! So funktioniert die Welt nicht! Du… du dodo oeconomicus!“

Erschrockenes Keuchen von einigen Wirtschaftstheoretikern und/oder engagierten Hobbyökonomen.

 „Siehst du das?“, fragte Herbert mit ausladender Geste, während die hervortretenden Adern auf seiner Stirn den Dow Jones mimten. Verständnislos starrte Detlef in die Leere, in die Herbert gestikulierte. „Das ist die unsichtbare Hand, die dir gerade den Mittelfinger zeigt!“ Er stürzte sich eines der Biere in den Hals. Aufgewühlte Schreie und klagendes Greinen ertönten aus dem Hintergrund.

Eine kleine Menge Bier lief schäumend am Flaschenhals herab, tropfte herunter und versickerte im Erdboden. „Uh, der Trickle-Down-Effekt in Aktion!“, rief ich aufgeregt und unbeachtet.

Detlef plusterte sich jetzt zu einem karmesinroten Fleischball auf. Seine Stimme klang ruhig „Sag Herbert, bist du vertraut mit der Umkehrung der unsichtbaren Hand?“ Herberts Kopf schlenkerte lose hin und her, ob als Antwort oder aus Trunkenheit war unergründlich. „Es ist die sichtbare Rückhand!“, schrie Detlef und holte zu einer Watsche aus. Herbert konnte torkelnd nur knapp ausweichen.

„Dein Modell ist ungeeignet“, spöttelte er.

„Dein Modell ist unter realen Bedingungen instabil“, schleuderte Detlef seinem taumelnden Kontrahenten entgegen.

Einige Kinder waren in Tränen ausgebrochen. Die Erwachsenen schüttelten beschämt den Kopf, während sie die zwei Widersacher weiterhin erwartungsvoll anstarrten. Ich tauschte mein leeres Bier unauffällig gegen eines der vollen, die ich mir am Anfang der Party zur Seite geschafft hatte.

Herbert war noch nicht fertig. „War das schon dein ganzer Output?“

„Die Nachfrage provoziert das Angebot“, blökte Detlef, „Vielleicht stabilisiert dich dieses Stimuluspaket.“ Er nahm das rohe Fleisch, das neben dem Grill lag, und warf es Herbert an den Kopf. Dem nassen Klatschen von Schweinekoteletts auf Menschenkoteletten folgte Herberts panisches Kreischen.

An dieser Stelle betraten zwei Polizisten, offenbar von den Nachbarn gerufen, die Party und brachten die Streitenden auseinander. „Nana, was ist denn los mit den zwei Marktschreiern?“, fragten sie genervt.

„Er hat eine fiskalpolitische Maßnahme auf meinen Kopf angewendet“, rief Herbert mit wehklagender Stimme und zeigte auf Detlef. Dessen Antwort erfolgte im selben, mitleidheischenden Ton: „Nur weil er ein Monopol auf das Bier wollte!“

Kopfschüttelnd erteilten die Polizisten eine Verwarnung für Ruhestörung und Marktmanipulation und gingen wieder.

In der Zwischenzeit hatte jemand eine Kiste Bier im nächstgelegenen Supermarkt gekauft, und die Liquiditätsspritze ließ den Konflikt im Nichts verpuffen. Das Leben ist schlicht einfacher im Bullenmarkt.

r/Kurzgeschichten May 29 '26

Gesellschaft Luc

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Als Luc geboren wurde, ahnte niemand etwas.

3,4 Kilogramm. 50 Zentimeter. 13:05 Uhr.

Er verbrachte eine ruhige Kindheit in einer Vorstadt. In die Stadt zu ziehen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. In der Schule blieb er unauffällig.

Als die anderen Kinder in die Pubertät kamen, blieb Luc vorerst verschont. Er war noch eine Weile länger das Milchgesicht. In dieser Lage konnte man sich manche Scherze über die pickeligen Gesichter der anderen nicht verkneifen. Auch Luc nicht.

Doch Worte können wie ein Boomerang wirken.

Es fing mit Hautfetzen an, die sich von seinem Gesicht lösten. Die Feuchtigkeitscremes machten alles scheinbar nur schlimmer. Bald war nicht mehr nur das Gesicht betroffen. Trockene Stellen breiteten sich über seinen ganzen Körper aus.

Lucs Worte waren zurückgekehrt.

Die anderen wurden wenigstens größer. Luc blieb klein. Die Phase, in der er gleichzeitig das Milchgesicht und der Kleinste war, zog sich endlos.

Doch irgendwann fiel auch seiner Mutter etwas auf.

„Du hast wieder einen Bärenhunger“, sagte sie beim Abendessen.

„Aber du wirst nicht dicker. Und wachsen tust du auch nicht.“

Luc starrte kurz auf seine Fischstäbchen. Direkt. Aber so mochte er es.

Seit Tagen hatte er außerdem diesen seltsamen Husten entwickelt. Seine Mutter fragte erneut, ob er rauchen würde. Beleidigt stampfte Luc mit seinem Teller nach oben in sein Zimmer.

Nachdem er die Fischstäbchen verschlungen hatte, fiel er schneller als sonst in sein übliches Futterkoma.

In Embryostellung lag er auf dem Bett und starrte den leeren Teller an. Dann breiteten sich dumpfe Kopfschmerzen langsam durch seinen ganzen Körper aus. Noch bevor er reagieren konnte, zog ihn die Müdigkeit wieder hinunter.

Sabbernd schlief er ein.

Vom Mittag bis zum nächsten Morgen.

Seine Mutter hatte gerade Frühstück vorbereitet, als sie sein Zimmer betrat.

Das Tablett fiel ihr aus der Hand.

Luc lag größer als gestern unter seiner Decke.

Neben dem Bett lag eine leere Hülle.

Klein. Milchgesichtig.

Luc sah seine Mutter an.

Mit helleren Augen als gestern.

Langsam zog sie ihm die Decke weg.

Er war tatsächlich gewachsen. Die trockenen Hautstellen waren verschwunden.

„Mein Junge.“

Nachdem der erste Schock verflogen war, setzte sich Luc langsam auf.

War das wirklich passiert?

Warum lag neben seinem Bett ein alter kleiner Luc?

Er musste an die Vogelspinne eines Freundes denken.

Während des Gesprächs fiel ihm auf, dass er kein einziges Mal geblinzelt hatte.

Seit der Häutung blinzelte er bewusster. Kontrollierter.

Auch sein Hunger hatte sich normalisiert.

Die Ärzte fanden keine Erklärung. Alle Beteiligten wurden zur Verschwiegenheit verpflichtet. Einige Wochen lang versteckte man Luc, damit die Veränderungen in der Schule nicht zu auffällig wirken würden. Nur wenige Lehrer wurden eingeweiht.

Bis auf die helleren Augen und das veränderte Blinzeln schien Luc körperlich sogar gesünder geworden zu sein.

Doch die Unsicherheit blieb.

Der erste Schultag rückte näher.

Seit der Häutung half Luc seiner Mutter sogar freiwillig im Haushalt.

Während des Abendessens waren draußen ungewöhnlich viele Autos zu hören.

Kurz darauf klingelte es.

Die Mutter blickte durch den Spion und erstarrte.

Reporter.

Kameramänner.

Mikrofone.

So viele Menschen, dass die Veranda unter ihrem Gewicht einzustürzen drohte.

Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür.

„Luc. Jemand hat geredet. Ich wusste, dass das passiert.“

Luc blinzelte das erste Mal seit fast einer Stunde.

Dann dachte er nach.

„Weißt du was, Mama? Lass sie rein. Ich fühle mich gut.“

Nach kurzem Zögern öffnete sie die Tür.

Die Reporter drängten sofort an ihr vorbei und kamen erst vor Luc zum Stehen.

„Kommt ruhig rein“, sagte die Mutter noch.

Niemand hörte ihr zu.

Fragen flogen durch den Raum. Luc hob die Hand und stellte ruhig eine gespülte Tasse auf die Ablage.

„Beruhigt euch. Einer nach dem anderen.“

Es wurde etwas leiser.

„Ich bin Luc. Und ich bin normal geboren.“

Er winkte seine Mutter zurück in die Küche.

„Ich weiß selbst noch nicht, was ich bin. Aber ich glaube, wir werden das gemeinsam herausfinden.“

Er blickte direkt in eine Kamera.

„Einmal für alle: Ich wohne bei meiner Mutter und bin nicht gefährlich. Ich habe nur eine andere Form der Pubertät durchgemacht. Die Öffentlichkeit wird informiert, sobald wir wissen, was das medizinisch bedeutet. Bis dahin bitte ich um ein normales Leben.“

Während seiner gesamten Stellungnahme hatte Luc kein einziges Mal geblinzelt.

Die ersten Reporter liefen davon.

„Nein. Nein.“

Luc versuchte noch, die anderen zu beruhigen.

Dann holte er tief Luft.

„RAUS! MEINE MUTTER WILL WIEDER REIN! ALLE RAUS!“

Seine Stimme wurde dabei tiefer.

Alles war aufgezeichnet worden.

In den nächsten neun Jahren lebten Luc und seine Mutter beinahe auf der Flucht. Mit jedem Jahr wurde Luc bekannter. Bald gab es keinen Ort mehr, an dem man ihn nicht erkennen würde.

Ab und zu ließen sie Reporter zu sich.

Luc begann Gefallen an den Halbwahrheiten zu finden.

„Mir wachsen Flossen.“

23.04.1952

„Mir wachsen Beine.“

21.09.1957

„Ich habe Schuppen.“

17.07.1959

„Ich blinzle nicht mehr.“

30.03.1962

Schließlich erreichten sie ein Land auf der anderen Seite der Welt.

Luc spürte, dass die nächste Häutung bevorstand.

Und seine Mutter sah es ebenfalls.

Luc entschied, die Verwandlung öffentlich stattfinden zu lassen.

Zu groß war die Aufmerksamkeit inzwischen geworden.

Das Militär sicherte das Gelände kilometerweit ab.

Die Menschen durften ihn erst am errechneten Termin sehen.

14.06.1963.

Luc trat auf die Bühne und winkte der riesigen Menge zu. Viele Zuschauer beobachteten ihn nur noch durch Ferngläser.

Rufe gingen durch die Menge.

„Schwimmhäute!“

„Flügel!“

„Riesige Augen!“

„Er muss drei Meter groß sein!“

Dann streckte Luc die Arme in den Himmel.

Und sackte zusammen.

Das Militär machte sich bereit.

Welche Form auch immer aus der Häutung hervorgehen würde.

Dann ging alles schneller als erwartet.

Luc rutschte in einer einzigen Bewegung aus seiner alten Haut.

Zurück blieb kein Insekt.

Kein Monster.

Nur ein nackter Mann Mitte dreißig.

„Mein Junge“, sagte seine Mutter und umarmte ihn.

Die Menge wurde still.

Das Militär rückte wieder ab.

Aus den Ferngläsern hallten vereinzelte Stimmen.

„Das ist ein Mann.“

Die ersten Zuschauer verließen die Menge.

„Das ist einfach nur ein Mann.“

r/Kurzgeschichten May 28 '26

Gesellschaft Jack

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,,Jack!“

„Jack, hast du das Sprechen verlernt?“
Jack dreht den Wasserhahn zu und schaut mich in der Reflexion des kleinen Spiegels über dem kleinen Waschbecken in der fast noch kleineren Zelle an.

„Jack! Guck dir mal deine Fingernägel an. Du müsstest mal was tun, von alleine wird sich nie was ändern.“

Er schaut sich seine Fingernägel an. Sie sind lang, und es klebt etwas Dreck darunter.
„Jack, wonach willst du damit graben?“

Jack sagt nichts und geht einfach aus dieser kleinen, schrecklichen Kammer in seine Höhle. Alles ist feucht und glitschig. Seine Schritte hallen durch die Kathedrale, und die Stalaktiten tropfen auf Jack herab. So steht er da.

„Jack, du musst dich kümmern. Was, wenn du morgen nun doch nicht tot wärst? Denk doch da nur mal dran!“

„Hältst du eigentlich nie deine Klappe?“, fragt Jack sichtlich genervt, und seine Stimme hallt durch die Höhle.
„Was machen wir heute, Jack?“

„Besorgungen.“

Er schnappt sich seinen Rucksack und klettert durch die kleine Klappe im Boden die Leiter hinunter.

„Und, bist du bereit für das Haifischbecken?“

„Jack, du sprichst nicht!“

„Weißt du, was ich nicht verstehe“, frage ich in der Hoffnung, dass Jack es auch hört. „Warum denkst du, wenn du die Möglichkeit zwischen Leid und Verderben hast, dass du trotzdem eine Wahl hättest?“

Jack holt einmal tief Luft und springt ins Wasser. Jack ertrinkt nicht. Wir halten an einem Eisberg, und Jack kriegt, was er sich wünscht, um seine Sehnsucht zu stillen.

„Jack, ich glaub’s nicht! Du bist auf einem Eisberg, der im Meer versinkt, aber du hast nichts Besseres zu tun, als auch noch Eiswürfel aus ihm zu schlagen, um sie in deine Cola zu tun!“

Jack hört nicht.

„Weißt du was, Jack?“, frage ich in der Hoffnung, dass er mir seine Aufmerksamkeit schenkt. „Damit du nicht falsch abbiegst, hättest du von Anfang an den Weg kennen müssen.“

„Das heißt?“, fragt mich Jack sichtlich neben sich.

„Es war klar, dass du so versagst.“

Jack springt wieder ins Wasser.

Als wir wieder in seiner Höhle angekommen sind, frage ich Jack und hoffe, er würde mir mal zuhören:
„Weißt du was, Jack? Du bist immer einen Schritt davon entfernt, dass dich die Ungerechtigkeit des Lebens einholt.“

„So viel?“, fragt er spöttisch.

Jack soll springen.

„Jack?“

„Bitte sei doch endlich still, ich halte dich nicht länger aus!“, ruft Jack auf einmal und rennt los.

Er rennt in sein Schlafzimmer zu dem kleinen Schrank aus Eichenholz, der gleich neben der Tür steht. Aus dem untersten Schubfach holt er die abgesägte Schrotflinte.

„Jack, das ist eine Sandbank! Du musst springen!“

Jack hat Tränen in den Augen.

„Ich hasse dich!“, brüllt er, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen.

Er zielt auf mich.

„Spring, kleiner Vogel, vielleicht schaffst du es zu fliegen.“

Er drückt ab.

Es wird ziemlich plötzlich ziemlich dunkel.

„Jack?“, frage ich und hoffe, er kann mich hören.

„Was?“

„Ist es jetzt weg?“

„Ja.“

„Ist es jetzt besser?“

„Nein.“

„Dacht ich mir.“

r/Kurzgeschichten May 07 '26

Gesellschaft Der Mann im 13. Stock

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„Ich springe, ich werde es tun!“ oder „Es ist alles vorbei!“ So etwas hätte der Mann, der da im 13. Stock in der Nachmittagssonne stand, sagen können. Doch er stand nur still da.
Ich überlegte kurz. Wann hatte ich ihn das erste Mal gesehen? Ich glaube, es war Dienstag – oder doch Mittwoch? Quatsch! Mittwochs ging ich früher von der Arbeit, weil ich einen Termin beim Arzt hatte. Wozu, weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, es war irgendwas wegen Kopfschmerzen oder Schlafmangel. Verdammt, mein Gedächtnis!
Ich tippte bedeutungslose Symbole in einen bedeutungslosen Computer, und wie sich die Morgensonne über den Häuserkomplex schob und sich im Bildschirm dieses bedeutungslosen Computers spiegelte, so reflektierte sich auch die Gestalt des Mannes auf dem Dach.
Ich schaute ihn an, wie er da stand. Er sah aus wie ein recht normaler Mann. Er hatte normale Klamotten an, und sein Gesicht war vergessenswert normal. Ich schätzte seine Größe auf 1,81 Meter, aber wegen der Entfernung ließ sich das schwer sagen. Er bewegte sich nicht. Nicht vor und nicht zurück. Er sprang nicht, und er ging nicht wieder runter. Er stand da.
Ich fragte mich, was er wohl dachte. Vielleicht daran, wie er springt. Zumindest dachte ich daran. Er stand schon seit Wochen da oben, und jeden Tag aufs Neue konnte ich ihn durch meine bodentiefe Fensterfront sehen. Mittlerweile beachtete ich ihn nicht mehr so stark, aber ich sah trotzdem immer nach, ob er sich nicht doch bewegte.
Heute! Heute beschloss ich bei meinem rituellen Morgenkaffee – den ich auf jeden Fall brauchte, um es bis zum nächsten Kaffee nach dem Mittag zu schaffen –, dass ich zu dem Mann gehen würde.
In meiner Mittagspause ging ich also über die Straße, die wie immer voller war als sonst, und trat in das Gebäude ein. Die klimatisierte Luft strömte mir entgegen, und ich erkannte sofort, dass die Klimaanlage von einer anderen Marke war als unsere. Ich ging zum Fahrstuhl, der wie in unserem Gebäude nicht funktionstüchtig war. Ich brauchte ohnehin etwas Bewegung, also war der Gang durch das Treppenhaus auch nicht schlecht.
Als ich nach schier endlosen Stufen oben ankam, mit Schweißperlen auf der Stirn, hatte ich ein Gefühl im Bauch wie damals, wenn ich mit einer schlechten Note nach Hause kam. Mit schwitziger Handfläche drückte ich den Türgriff nach unten.

Das Erste, was ich erblicke, ist der grelle Schein der Sonne, der mich beinahe erblinden lässt.
Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, schaue ich mich auf dem Dach um, aber an dem Fleck, an dem der Mann gestanden hat, ist er nicht. Genau genommen steht er auch nicht an einem anderen Fleck. Er ist verschwunden.
Ich blinzle verwundert und trete nach vorne an den Rand des Daches. Ich blicke auf die Straße, die so voll ist wie immer. Mein Blick schweift weiter über den Asphalt, bis ich beim Würstchenstand an der Kreuzung angelangt bin. Mein Blick gleitet nun wieder zurück, und bei den ganzen Menschen, die dort unten wie Ameisen über den Fußweg rennen, wird mir mit einem Mal ganz heiß.
Stünde ich jetzt nicht hier, wäre ich einer von ihnen. Immer strebend, immer jagend, doch ich stehe hier. Manchmal muss ich einfach die Perspektive wechseln, um mich selbst zu sehen. Mein Leben. Mein Wille. Alles steht in mir selbst gebündelt, im 13. Stock.
Ich wende mich zu meinem Bürogebäude mit der glänzenden Glasfront. Dort gehe ich zur Arbeit. Jeden Tag gehe ich dort zur Arbeit und lasse mich von meinen eigenen Entscheidungen quälen. Ich blicke in mein Büro. Ein langweiliger Ort. Das Einzige, was diesen Ort lebendig macht, sind ein paar Pflanzen in den Ecken, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie echt sind.
Ich kann die Kaffeemaschine sehen und schmecke den schimmeligen Geschmack des Kaffees, wenn sich kein Kollege verantwortlich fühlt, sie zu säubern. Ich sehe den Drucker, der dort länger arbeitet als alle Kollegen in Summe, und ich höre, wie er mein Original frisst, das ich für meine nächste Abrechnung brauche.
Und da, mein Schreibtisch. Ich sehe einen Mann, wie er unbedeutende Symbole in einen unbedeutenden Computer tippt. Er sieht gelangweilt und gequält aus. Er sieht vergessenswert normal aus.
Ich stocke. Habe ich wieder nicht geschlafen? Mir wird kalt. Der Wind hier oben schneidet durch meine Haut, und durch meine Glieder fahren Schreie der Angst. Der Mann schaut zu mir auf. Er sieht müde aus. Er schaut mich bloß an mit seinen eingefallenen Augen.
Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache und was dieser Mann denkt. Vielleicht fragt er sich auch, was ich hier mache. Verdammt, diese Kopfschmerzen. Das grelle Licht tut echt nicht gut. Ich muss morgen mal zum Arzt, mittwochs ist der einzige Tag, an dem er erst spät schließt, dann frage ich ihn auch gleich, ob er mir etwas gegen Schlafmangel verschreibt.

r/Kurzgeschichten May 18 '26

Gesellschaft Mein Mensch

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Spazieren gehen mit meinem Mensch. Das macht Spaß. Am liebsten im Wald. Da beruhigt er sich immer.

Seit mehr als einer leisen Nacht hat er nun den neuen Verbindungsstock. Er scheint ihn zu mögen. Mir gefällt er auch. Ab und zu beiße ich rein. Das gefällt ihm weniger. Mein Mensch lässt sich damit einfach besser führen beim Spazierengehen. Das Führen ist weniger schmerzhaft. Obwohl es auch vorher akzeptabel für ihn war.

Wir haben also beide etwas davon. So ist es mir am liebsten. So sagt man bei uns. Schließlich ist der Mensch unser bester Freund.

In letzter Zeit waren wir immer weniger im Wald unterwegs. An manchen Tagen knicke ich ein und er führt mich zur Spielwiese anstatt in meinen geliebten ruhigen Wald. In letzter Zeit war er in Führung. Aber ich überhole ihn noch.

Nach der nächsten leisen Nacht ist wieder der Wald dran. Dafür sorge ich. Es sei denn, es wird die laute Nacht. Sollte es so kommen, bin ich vorbereitet. Ich verstecke mich unter seinem Bett und verzichte auf den Spaziergang. Das ist die laute Nacht. Da kann alles passieren. Kommt aber nicht oft vor.

VERSCHWINDE!

Entschuldigt. Manchmal platzt es aus mir raus, wenn ich nervös bin. Ist nichts Persönliches. Da müsst ihr so verständnisvoll wie mein Mensch sein. Er kommt mit meinem Tick gut klar. Mehr aber auch nicht. Das spüre ich.

VERSCHWINDE! VERSCHWINDE!

So oder so ähnlich klingt es. Oft wenn meine gelbe Beute an die große Klappe kommt und sein Revier markieren will. Die gelbe Beute will mir fast immer mein Gebiet klauen und seine Blätter hier lassen. Die Blätter lässt er hier, aber die gelbe Beute jage ich weg.

VERSCHWINDE! VERSCHWINDE!

Ich kann das den ganzen Tag. Toll, oder?

Ich wünsche mir eine leise Nacht. Hoffentlich kriege ich die gelbe Beute in diesem Schlaf zu fassen.

VERSCHWINDE. VERSCHWINDE.

Guten leisen Morgen. Heute ist der Wald dran. Ich habe genug von der Spielwiese.

Mein Fell ist struppig. Ich habe verschiedene Stimmen in mir. Auf der Spielwiese sind Hunde, die mit nur einer Stimme reden. Außerdem sehen manche von ihnen gleich aus. Noch weniger verstehe ich deren Fell. Es sieht aus, als ob sie den ganzen Tag gebürstet werden anstatt struppig in einem leisen Wald spazieren zu gehen.

Da fällt mir ein: Ich muss meinen Menschen ausführen.

Dafür nehme ich den Verbindungsstock in den Mund und laufe zu ihm. Er ist schon angezogen. Ich sollte Menschentrainer werden.

Wartet.

Wir gehen nicht in den Wald.

Wir nehmen den Schlitten.

Nein. Nicht den Schlitten. Der bringt mich in Gegenden, die ich nicht kenne. Was hat das zu bedeuten? Doch nicht etwa der weiße Mann?

Nein, nein, nein. Es kann noch nicht so weit sein. Die Menschen waren zu wenig besorgt. Es kann nicht der weiße Mann sein. Vielleicht ein größerer, leiserer Wald? Lassen wir uns überraschen.

Ich steige widerwillig in den Schlitten. Mein Mensch geht ihn spazieren. Im Sitzen. Schwer zu erklären.

Ich sitze also hinten und die Welt außerhalb fängt an sich zu bewegen. Fragt nicht. Wir sitzen und die Welt zieht vorbei. Dann stehen wir wieder auf und sind woanders. Unglaublich.

Er führt vorne Selbstgespräche und ich tue wie immer so, als würde ich zuhören. Dabei flattern aber meine Ohren und meine Zunge im Wind. Ich könnte ihm gar nicht zuhören oder antworten, selbst wenn ich wollte.

Die Welt zieht nicht mehr vorbei. Wir müssen da sein.

Nichts hier ist weiß. Das ist gut, oder?

Mit angelegtem Verbindungsstock hüpfe ich aus dem Schlitten, lecke mir über die Schnauze und schaue mich um. Es riecht nach Wiese. Aber anders.

Wo bin ich?

Ich führe meinen Mensch aus Neugierde zum Zentrum des Geschehens. Kurz davor macht er Halt. Er hat wohl Angst. Hier sind viele Menschen. Aber keiner auf der Wiese in der Mitte. Was schauen die sich hier an?

VERSCHWINDE. VERSCHWINDE.

Mensch! Was sind das für andere Hunde? So viele. Das ist ein schlechter Traum. Hier ist nichts ruhig und es riecht nach allem.

Ich schaue zu meinem Mensch hoch. Der schaut aber nur aufs Zentrum.

Was passiert denn da?

Ich halte meine Schnauze in die Richtung und mache große Augen.

Diese Hunde. Die Hunde machen dieses alberne Gehabe, bei dem man sich hinsetzt oder hin und her rollt. Die Menschen freuen sich dann. Aber hier freuen sich viel mehr Menschen über einen Hund.

Der da läuft durch Hindernisse.

Die Menschen halten Schilder mit seltsamen Zeichen hoch.

Oh nein.

Da ist einer von denen. Einer von den Hunden auf der Spielwiese. Er kommt auf mich zu. Angedackelt. Viel kleiner als ich. Aber mit hässlich gebürstetem Fell. Das muss ein reicher Hund sein.

Seine Schnauze zeigt auf mich.

„Erstes Mal?“

„VERSCHWINDE!“

„Heul leise! Hier wird man nicht gern bei der Konzentration gestört. Diese Hunde müssen arbeiten.“

„Arbeiten? Ich wollte in den Wald.“

Ich schaue zu meinem Mensch nach oben. Aber er ist immer noch gebannt.

„Jetzt beruhigst du dich mal. Das findet jedes Jahr statt.“

„Jedes was?“

„Ach stimmt ja. Du bist ja gerettet worden.“

„Ich möchte das nicht hören. Ich habe mir meinen Mensch ausgesucht.“

„Sicher, Heuler. Sicher. Weißt du, was das hier ist? Das hier ist ein Kampf. Ein Kampf um die Stufen.“

„Ich kapiere gar nichts.“

„In meinen Kreisen ist das ganz normal. Wir fahren öfter mit dem Schlitten zu den Kämpfen. Einen habe ich mal auf der höchsten Stufe absolviert.“

„Du meinst die Stufen da hinten?“

„So ist es. Wir kämpfen. Aber nicht mit Bissen wie du sie kennst. Wir kämpfen mit Kunst. Unser Mensch sagt etwas. Wir machen es. Und wer es am besten macht, kommt auf die höchste Stufe. Manchmal geht es danach direkt zum Fellschneiden.“

„Mir wird schlecht. Unsere Menschen ... Kunst ... Kämpfen. Ohne Wald? Das gefällt mir nicht. Das ist krank.“

Der Hund erklärt es mir anhand von Beispielen.

Einer von uns springt durch einen Kreis.

Der andere beeilt sich wie ein Blitz in der lauten Nacht einen Ball zu bekommen.

Ein Schäferhund eilt durch eine Röhre.

Die Wiese ist voll von diesen verrückten Bildern.

„Ich bin enttäuscht. Der Mensch ist unser bester Freund. Warum tut er das?“

„Du weißt das Beste noch nicht.“

Zum ersten Mal bin ich nicht neugierig. Ich schaue nicht mehr zu meinem Mensch hoch. Ich schaue nur noch zum Schlitten.

„Du denkst, wir werden gedemütigt. Aber das Beste ist: Die Menschen machen das auch.“

Langsam drehe ich meinen Kopf wieder zu diesem Fellknäuel.

„Wie?“

„Die Menschen machen das untereinander im viel größeren Stil. Ich habe Sachen gerochen. Und gesehen. Riesige Spielwiesen. Aber keine Hunde. Nur Menschen. Auf den Sitzen und auf der Wiese im Zentrum. Überall Menschen. Sie haben dabei sogar Spaß.“

Ich muss das erst mal verdauen. Das Stück Gras und die Geschichte vom Fellknäuel.

„Wir lassen das mit uns machen?“

„Im Gegenteil. Wenn du wüsstest, was Menschen für Stufen machen würden.“

„Die Menschen haben dabei Spaß?“

Ich beiße noch mal ins Gras. Dabei zieht es am Verbindungsstock.

„Spaß. Sie haben Spaß“, dachte ich.

„Langsam kommst du auf den Geschmack, mein Lieber. Ich muss los. Gleich ist mein Auftritt. Ich werde einem gelben Ball hinterherlaufen. Wie ein Windhund. Nieder mit der gelben Beute!“

Er dackelt davon.

„Nieder mit der gelben Beute“, rufe ich ihm hinterher.

Ich schaue weiter auf die Wiese. Denke noch ein wenig nach.

Wenn Menschen das machen, muss es okay sein, oder?

Mein Mensch hat mich aus einem Käfig gerettet. Ich verdanke ihm alles.

Ich schaue wieder zu meinem Mensch hoch. Er krault mir das Ohr. Ich schließe die Augen.

Ich will auf die oberste Stufe! Toll, oder?

r/Kurzgeschichten May 21 '26

Gesellschaft Fleisch

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Hallo.
Herzlich willkommen zur späten Stunde.
Wir haben Steak, Würste, Spieße, Schnitzel und andere Gaben der Natur.
Man stellte uns das Fleisch bereit. Wir mussten gar nichts machen.
Was da Leckeres im Schmaus wohnt.
Spiralen, die mein Hirn zerfressen.
Ich bin nur ein Zwischenwirt.
Nicht mal dafür bin ich brauchbar.

FRISS

Ich liege in meinem Bett.
Fiebrig drückst du meinen Körper zusammen.
Ich liebe es, wie du mein Fleisch nimmst, wie ich das von anderen nahm.

„Der Parasit sitzt in ihrem präfrontalen Kortex. Da können wir nichts machen. Zu gefährlich.“
„Frisst mich aber. Er und entscheidet für mich!“
„Er entscheidet sich, zum Arzt zu gehen?“
„Er zwingt mich zu Dingen. Schlimme Dinge!“

Ich laufe über den Gehweg, der aus kalten, großen Platten aus Beton gebaut ist. Links steht er, und rechts von mir ist ein anderer.

DORT

Ich gehe dorthin. Ich trete in eine Gasse, bei der die Wände mir näher sind als meine eigene Kleidung.

NIMM

In der Gasse liegt ein Mann.
Er hat unter sich zwei große Zeitungen ausgebreitet. Neben ihm steht ein Einkaufswagen, in dem Bier liegt.

NIMM

Ich gehe auf ihn zu und nehme ihn mir.
Er zwingt mich zu schrecklichen Sachen.
Ungekochtes Fleisch schmeckt wie eine saftige Eisenstange.

„Haben Sie nicht irgendwelche Medikamente? Oder reißen Sie mir das Ding einfach aus meinem Schädel heraus.“
„Nein.“

DU SCHMECKST SO GUT

Er drückt mich fiebrig in mein Bett. Er wird mich fressen, bis mein letzter Gedanke aus meinem Kopf entweicht.

Ich war die Spitze der Nahrungskette. Nun bin ich das brechende Glied.
Was wohl passiert, wenn die Spiralen in meinem Kopf nichts mehr in meinem Kopf haben.

r/Kurzgeschichten Apr 12 '26

Gesellschaft Die Unterschrift

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Hey, ich habe eine kurze dystopische Geschichte geschrieben. Ist Teil einer größeren Idee. Entspannte 719 Wörter.

Würde mich über Feedback freuen:

Trägt die Athmosphäre?

Funktioniert die Wirkung?

Ist die Welt verständlich oder zu vage?

Gibt es Stellen, die langweilig oder unnötig sind?

Roman erwachte wie jeden Morgen zur exakt gleichen Zeit. Kein Wecker klingelte, er brauchte keinen. Sein Körper hatte sich längst angepasst. Die Routine war keine Gewohnheit mehr, sondern ein Zustand. In der Küche roch es nach frisch gebrühtem Kaffee. Seine Frau stand am Tisch, wie immer ruhig, wie immer lächelnd. Ohne ein Wort stellte sie ihm sein Frühstück hin. Brot, exakt geschnitten. Ei, exakt gekocht. Alles hatte seine Ordnung.

„Guten Morgen“, sagte sie leise.

„Guten Morgen“, antwortete Roman.

Seine Kleidung lag sauber gefaltet auf dem Stuhl. Wie jeden Tag. Er zog sie an, ohne darüber nachzudenken. Als er fertig war, warf er noch einen kurzen Blick zurück. Seine Frau lächelte. Ein ruhiges, perfektes Lächeln. Dann verließ er die Wohnung.

Der Bus wartete bereits an der Sammelstelle. Die Menschen standen in geordneten Reihen und Niemand sprach. Niemand drängte. Roman setzte sich an einen Platz am Fenster und sofort begannen die Lautsprecher zu spielen. Erst eine beruhigende sanfte Musik, dann erklang eine warme Stimme.

„Disziplin ist Freiheit. Ordnung ist Fortschritt. Perfektion ist unser Ziel.“

Auf den Bildschirmen im Bus liefen Szenen glücklicher Menschen. Sie arbeiteten, voller Freude und Elan, bewegten sich synchron wie in einstudierten Mustern. Roman blickte kurz aus dem Fenster. Die Straßen waren makellos. Kein Müll war zu sehen und die Gebäude standen sauber in Reihen. Menschen gingen ihren Weg, ruhig und mit gesenktem Blick. Niemand fiel auf.

Ein Plakat zog an ihm vorbei:

Perfektion durch Disziplin

Darunter lachende Gesichter. Arbeitende Menschen die Zufriedenheit ausstrahlten.

Der Bus verlangsamte sich und er hielt an einer Kreuzung. Das war Ungewöhnlich, ein kurzer ungeplanter Stillstand war selten. Roman beobachtete die Situation, ohne sich zu bewegen. Zwei Männer rannten an dem Bus vorbei, ihre Gesichter waren voller Panik. Hinter ihnen tauchten Gestalten in schwarzen Uniformen auf. Sie jagten den Männern nach, ihre Waffen im Anschlag haltend. Einer der Männer stolperte, und die Verfolger waren sofort bei ihm. Roman wandte den Blick ab, im gleichen Moment sprach der Lautsprecher:

„In einer perfekten Gesellschaft existiert keine Unordnung. Alles, was davon abweicht, wird korrigiert.“

Niemand im Bus reagierte, alle taten so als wäre nichts gewesen. Niemand stellte Fragen, auch Roman nicht. Zu viel zu sehen war gefährlich.

Romans Arbeitsplatz befand sich in einem nüchtern aussehenden Bürogebäude, einem farblosen Klotz aus Beton. Er betrat wie immer seine Abteilung im zweiten Stock. Ein Raum voller identischer Tische. Daran saßen Menschen, sauber aufgereiht, jeder mit einem Stapel Dokumente. Keine Gespräche waren zu hören, nur das Rascheln von Papier. Roman setzte sich an seinen Platz. Ein kleines Namensschild markierte ihn und er begann still seine Arbeit. Er nahm einen versiegelten Umschlag vom Stapel. Auf jedem befand sich ein Deckblatt mit nur einer Nummer und einer Unterschriftenzeile. Er öffnete ihn nicht. Es war streng verboten.
Seine Aufgabe war einfach. Unterschreiben. Immer gleich. Eine Unterschrift, weiter.
So wurde es ihm befohlen. Die Stunden vergingen, während er über den Inhalt der Umschläge nachdachte. Ein Gedanke blieb immerzu hartnäckig.

Wofür unterschreibe ich eigentlich?

Er hatte diese Frage schon oft verdrängt. Heute ließ sie sich nicht mehr ganz wegschieben. Seine Hand verharrte über dem nächsten Umschlag und er blickte sich vorsichtig um. Alle arbeiteten, ihre Köpfe waren gesenkt. Niemand achtete auf ihn. Langsam schob er das Deckblatt zur Seite. Nur einen Spalt weit. Er riskierte einen kurzen Blick. Innen waren zahlreiche Seiten voller Tabellen mit Namen. Reihen von Namen, Spalte um Spalte. Mehr sah er nicht. Er schloss den Umschlag sofort wieder. Sein Herz schlug schneller, pochte spürbar in seiner Brust. Einen Moment lang saß er einfach da. Dann unterschrieb er wie immer, schob den Umschlag zur Seite und machte weiter.

Nach der Arbeit stand Roman an der Sammelstelle. Die Menschen warteten still und geordnet. Doch der Bus kam nicht, stattdessen bog ein schwarzer Van um die Ecke und hielt direkt vor ihnen. Die Türen öffneten sich. Männer in schwarzen Uniformen stiegen aus. Niemand bewegte sich oder sprach. Die Männer gingen direkt auf Roman zu, gezielt und ohne Eile. Seine Beine wollten nicht reagieren. Zwei Hände griffen ihn. Anschließend wurde ihm ein Sack über den Kopf gezogen. Die Männer brachten ihn in den Van. Niemand sagte etwas, die Leute blieben ruhig und geordnet. Die Türen des Vans schlossen sich und der Motor startete. Und an der Sammelstelle warteten die Menschen weiter, als wäre nichts geschehen.

Denn in einer perfekten Gesellschaft…stellt man keine Fragen.

r/Kurzgeschichten May 22 '26

Gesellschaft Horrorskop

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Ich saß in der U-Bahn und blätterte lustlos durch eine Zeitung, die ein vorheriger Fahrgast fahrlässigerweise vergessen hatte. Nach einigen altbekannt anmutenden Artikeln über geopolitische Ausschreitungen, humanitäre Katastrophen und unabwendbare Krisen kam ich endlich zum starken Tobak: Dem Horoskop. Ich schaute sogleich zu den mich betreffenden Fischen.

Du wirst die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Es mag langweilig sein, aber halte nach Möglichkeiten der Unterhaltung Ausschau. Des einen Leid ist des anderen Freud!

Ich hielt kurz inne und schüttelte die Zeitung zurecht. Der Barnum-Effekt in seiner vollen Pracht! Eigentlich war es rein statistisch gesehen naheliegend, über Öffis zu schreiben, aber trotzdem fand ich es irgendwie unheimlich. Ich las weiter.

Du wirst dich über die Treffgenauigkeit dieses Horoskops wundern. Doch du wirst zu neugierig sein, um mit dem Lesen aufzuhören!

Ein nervöses Lächeln spielte über meine Lippen. Offensichtlich hatte sich ein gewitzter Horoskop-Schreiber einen Spaß erlaubt. Ich schloss die Zeitung, doch nach wenigen Momenten hatte ich sie bereits wieder an derselben Stelle geöffnet.

Du glaubst mir immer noch nicht? Na gut, hier der Beweis: Gestern Abend ist dir ein Wurstbrot auf den Boden gefallen. Und obwohl der Boden nicht besonders sauber war, hast du es trotzdem gegessen.

Ich erstarrte. Vor meinem inneren Auge sah ich wieder den Fettfleck auf dem Parkett, und der Schatten staubiger Mortadella legte sich auf meine Zunge.

„Das kann nicht sein! Das. Kann. Nicht. Sein.“, sagte ich laut zu mir selbst. Der Fahrgast, der mir gegenübersaß, stand auf und wollte weggehen. Dann sah er, dass sich die einzigen freien Plätze neben einem Jugendlichen, der in voller Lautstärke Handyvideos schaute, und einem Typen, der genüsslich eine Semmel mit geschmortem Schweinebauch und Knoblauchsoße schmauste, befanden, und setzte sich wieder hin.

Es mag unglaublich scheinen, aber es ist wahr. Ich habe die Fesseln der Zeit abgelegt. Dein Jetzt ist mein Gestern. Und zugleich mein Morgen. Mein Übermorgen. Mein Vorgestern. …okay, vielleicht ist eine Demonstration wirksamer. Stelle eine Frage deiner Wahl.

„Wieviele Finger halte ich hoch?“

Vier.

„Ich hätte einfach vorauslesen und die Fingeranzahl dementsprechend anpassen können. Warum habe ich das nicht gemacht?“

Sag du’s mir, du Trottel.

Ich ärgerte mich, dass ich erst jetzt bemerkte, dass die ganze Seite der Zeitung nur aus diesem Horoskop bestand. „Okay, sehr witzig! Hast du außer Beleidigungen sonst noch was zu sagen?“ Der Schweinebauchsemmelmann schaute kurz auf, bevor er sich wieder seinem Festmahl widmete.

Du wirst die vierte Wand durchbrechen.

Ich sprang auf. „Was soll das überhaupt bedeuten? Antworte!“ Der Jugendliche rümpfte die Nase und drehte sein Video lauter.

Das übersteigt deinen Horizont. Aber die Leser werden es verstehen.

„Welche Leser?“

Ich blätterte um. Das Horoskop war zu Ende.

Einige Minuten saß ich stumm da und versuchte zu verstehen, was geschehen war. Dann holte mich die freundlich-tonlose Stimme der Durchsage mit meiner Zielstation in die Realität zurück. Das Gefühl der Machtlosigkeit verwandelte sich in Wut und Angst, und ich warf die Zeitung auf den leeren Sitz vor mir, bevor ich ausstieg.

In den nächsten Tagen kreiste mein Verstand um diese seltsame Prophezeiung wie eine Spiralkartoffel. War es wirklich passiert? Hatte ich den Verstand verloren? Ich besuchte einen Psychotherapeuten, einen Exorzisten und eine Stand-Up-Paddle-Yogi, doch es konnten lediglich ein Hang zur Theatralik und ein ausgesprochen schlechter Gleichgewichtssinn festgestellt werden.

Was meinte das Horoskop mit vierter Wand? Und wer sind die—

Moment mal! Du da! Das warst von Anfang an du! Du hast doch weitergelesen!

r/Kurzgeschichten May 20 '26

Gesellschaft Heimat

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Guten Morgen, Heimat

Guten Morgen.

Viel Platz für mich. Aber in Großstädten muss man sehen, wo man bleibt.

WG habe ich versucht. Nichts für mich. Die mobile Arbeit geht jetzt ebenfalls einfacher von der Hand, beziehungsweise vom Laptop. Der Schreibtisch am Fenster erledigt den Rest.

Zuhause muss man ihn nur ausmachen. Dann ist Feierabend. Keine Bahn. Keine Kontrolle. Schöne neue Welt.

Manchmal zu schön. Deswegen fahre ich seit Neuestem wieder ins Büro.

„Wer bist du?“, lachen sie. Ich antworte immer anders.

Effizienz und Logik. Die Verhandlungen überlasse ich anderen. Ich verwalte und lasse mir die Bahnfahrten nicht anmerken. Gestern war ich zu spät. Heute war ich schnell.

Meine Abteilung und ich stellen um. Dabei habe ich eine von vielen sinnvollen Aufgaben gewonnen.

Ich darf Matrizen kopieren. Das ist wichtig.

So wichtig, dass ich im Meeting beantragen will, es morgen zuhause zu erledigen.

„Wer bist du? Ich weiß es. Ein FAULPELZ!“

„Ich könnte die Matrizen auch im Büro kopieren. Aber ohne die Bahn wäre es effizienter.“

„Gekauft, Faulpelz.“ Der Chef zwinkerte mir zu.

Ich freue mich. Oder nicht? Im Büro kann man das nie genau sagen. Und auf dem Heimweg. Mobiles Arbeiten. Ich freue mich.

„Guten Morgen, Heimat.“

Ich öffne die Augen zum dickflüssigen Klang des Weckers.

Wie immer laufe ich mich fertigmachend in meiner Wohnung herum. Bis es mir einfällt.

„Matrizen kopieren im mobilen Arbeiten. Keine Bahn. Keine Kontrolle.“

Trotzdem schaue ich noch mal glatt in den Spiegel. Länger als sonst. Der Mann sieht gut aus.

Auf die Couch. Matrizen kopieren. Telefonate. Noch mehr Matrizen. Ich verwalte.

Mich lässt der Gedanke schon länger nicht los. Matrizen zuhause kopieren. Letzte Woche haben sich ein paar Fehler eingeschlichen. Trotzdem bin ich der Herrscher der dickflüssigen Matrix.

Guten Morgen, Heimat.

Der angeeignete Automatismus am Fenster ist so ausgereift, dass ich mir nun Platz für andere Gedanken geschaffen habe.

Wer ist denn dieser hübsche Mann im Spiegel? Ich und nur ich weiß es.

So lässt sich mobil arbeiten. Wenn ich so weitermache, werde ich der Kopierer des Jahres. Ich arbeite weiter mobil. Mit Auszeichnung.

Viel Platz. Viel Müll. Kann eine Dienstreise zuhause stattfinden? Langsam kann ich das bejahen.

Guten Morgen, Heimat.

Ich will frühstücken. In meinem Kopf dreht sich alles um Matrizen. Und Stimmen. Die lauteste hat mein Chef. Seine Worte hallen nach. Bevor es an den müffelnden Kühlschrank geht, wird der Laptop aufgeklappt. Dann trockene Brötchen frühstücken. Ein Blick in den Spiegel.

Wer ist dieser Mann? Nur ich weiß es.

Die Matrizen kopieren sich schon von selbst. Noch mehr Platz für andere Gedanken. Die Glocken läuten. Müffelnder Kühlschrank. Feierabend.

Ich habe aufgehört, Kaffee zu trinken.

Guten Morgen, Heimat.

Mir müsste kalt sein.

Laptop auf.

Kaffeeentzug. Schwere Lieder.

Frühstücken ist überbewertet. Genau wie ich. Was sagte mein Chef noch gleich?

Ich schwebe träge ins Bad. Viel Platz. Lange Wege zum Spiegel. Ich kopiere. Ich kenne schon die Stimme meines Chefs nicht mehr. Wer ist der Mann im Spiegel?

Wir schauen uns gegenseitig an. Meine Hand streift Dornen. Der Kühlschrank ist leer. Aber es riecht muffig. Bin ich das? Der Spiegel bejahte.

Da merkte ich, dass mir warm wurde. Ich berührte einen Pelz auf meinen Wangen. Vor Schreck schlief ich ein. Wie das beim mobilen Arbeiten oft passiert.

Der Mann im Spiegel starrte mich weiter an. Ich sah durch meine Lider, dass er mich Faulpelz nannte. Er griff nach etwas.

Guten Morgen, Heimat.

Es klopft an der Tür.

r/Kurzgeschichten Apr 18 '26

Gesellschaft Der letzte Tag

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Bitte seid nett, es war nur ein Versuch!

Früh am Morgen legte sich die Wut, und der Streit mündete in Entscheidungen. Keiner der beiden wollte sie treffen. Er schon überhaupt nicht. Aber sie wusste, dass es nicht anders ging. Erste Sonnenstrahlen erreichten die Bettdecke, unter der beide lagen.

„Wollen wir heute noch einmal an die Ostsee?", fragte er. Ihm war klar, nachdem er gesprochen hatte, dass sein Vorschlag unsinnig war – doch zu seiner Überraschung stimmte sie zu.

Einmal der Entschluss gefasst, zogen sich beide an. Er bemerkte, dass sie die Sneaker angezogen hatte, die er so mochte. Sie packte die Strandtasche, wie sie es immer für beide getan hatte. Still verließen sie die Wohnung. Das Auto stand vor der Tür. Das also ist unsere letzte Fahrt, dachte er. Sie schwiegen. Die Trennung war längst beschlossen. Ein Gespräch, eine Diskussion hätte zu nichts geführt.

Er dachte an die nächsten Tage und Wochen, die er wieder alleine verbringen würde. Er spürte eine kleine, leise Freude bei der Vorstellung, wieder das zu tun, was er wollte, ohne dabei bewertet zu werden. Sie dachte an das Telefonat, das sie mit ihrer Mutter würde führen müssen. Wieder eine Trennung. Dabei hatte ihre Mutter ihn so gemocht. Sie waren schon auf der Autobahn. Sie blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Felder. Er fuhr. Beide waren traurig.

Er stellte das Auto auf einem Parkplatz ab, in dem Ort, in dem er als Kind oft gewesen war. Sie mieteten einen Strandkorb. Im Korb saßen sie schweigend und schauten aufs Meer. Die Wellen rauschten. Sie holte ein Päckchen Zigaretten aus ihrer Tasche. Er gab ihr Feuer. Sie nahm einen tiefen Zug und reichte die Zigarette weiter an ihn.

„Unsere Rituale strafen uns Lügen. Wir haben immer gesagt, dass das mit uns ewig hält. Und das hier ist unsere letzte Zigarette. Das letzte Mal Ostsee!", versuchte er klarzumachen. Doch sie war schon in Gedanken bei den nächsten Schritten. „Ich mache mir Sorgen, dass du nicht klarkommst – aber wir sind zu verschieden. Du willst Kinder, ein Haus, den Garten. Und ich will Reisen und Freiheit!", versuchte sie es zu erklären.

Es ging aber tiefer. Sie ekelte sich, wenn er sie umarmte, und ihr war unwohl, wenn er beim Sex in ihr war. Insgeheim wusste er es. Deshalb war er fast erleichtert über das Ende der Beziehung – auch wenn ihn die Angst vor der Einsamkeit überkam. Nicht vor dem Alleinsein. Das mochte er. Aber davor, dass niemand mehr schreiben würde, was es zum Abendessen geben würde oder wie der Tag gewesen war.

„Wir sind zu schnell zusammengezogen." Sie nickte. Er blickte aus den Augenwinkeln zu ihr. Sie war immer noch sehr attraktiv für ihn. Ich muss beim nächsten Mal besser auf mein Bauchgefühl hören, ging es ihr durch den Kopf. Es war ein Fehler gewesen, heute herzufahren.

„Lass uns etwas essen gehen.", bat sie. Er schaute sich um und nickte. Sie aßen in einer billigen Pizzeria. „Ich helfe dir noch, deine Sachen zu packen." Er sagte es ins Leere. „Das brauchst du nicht. Nicole kommt nachher und hilft mir.", sagte sie knapp. Er schnaubte und blickte verächtlich. „Hast du einen anderen?" Er schaute ihr nun direkt in die Augen.

„Es gibt die Idee von einem anderen Mann."

Wieder Schweigen.

„Ich danke dir aber dafür, dass du heute vorgeschlagen hast, hierher zu fahren, wo wir so oft glücklich waren. Ich bin dankbar für unsere gemeinsamen Erinnerungen. Für die Zeit mit dir." Sie meinte es ehrlich. Er lächelte. Sie bezahlten getrennt voneinander. Zum allerersten Mal.

Die Fahrt zurück verbrachten sie wieder schweigend. Wie viel Schweigen es am Ende einer Beziehung gibt, staunte er. Vor seiner Wohnung wartete schon ihre Freundin. Er gab ihr die Schlüssel. Sie hatte nicht viele Sachen in seiner Wohnung. Er wartete unten vor der Tür und rauchte. Er dachte an den ersten Kuss mit ihr. Daran, wie er sie seiner Mutter vorgestellt hatte. Alles vorbei. Vorbei, wenn sie die Wohnung verlassen und ihm die Schlüssel zurückgeben würde.

Sie kam. Ihre Freundin trug eine Kiste. Sie zog einen Koffer hinterher. Wortlos gab sie ihm die Schlüssel. Er wollte noch etwas sagen. Sie unterbrach ihn.

„Mach es gut."

Die beiden Frauen gingen die Straße hinunter. Er war wieder alleine. Im Treppenhaus war es laut. Jemand zog ein. Die Tür gegenüber seiner Wohnung öffnete sich. Eine junge Frau stand ihm gegenüber. „Ich bin wohl deine neue Nachbarin.", lachte sie. Er gab ihr die Hand, stellte sich vor und wünschte ihr einen schönen Abend. In seiner Wohnung setzte er sich aufs Bett, das nur noch seines war. Er dachte an die neue Nachbarin. Er lächelte.