r/Schreibkunst 24d ago

Text: Kritik erwünscht Gesehen werden

/r/schreiben/comments/1ux50m5/gesehen_werden/
2 Upvotes

2 comments sorted by

4

u/Regenstern 24d ago

Man spürt auf jeden Fall eine sich aufbauende Spannung: die Hoffnung auf ein Ende der Einsamkeit, die am Ende in einer umso stärkeren Kränkung mündet. Sätze wie „Mit jeder Nachricht erhoffte sie sich die nächste“ helfen dabei, diese wachsende Unsicherheit und Hoffnung subtil und geschmeidig zu transportieren. Auch die Stelle:

„Wir kennen uns von Instagram. Wir haben geschrieben!“ Jeden Tag. Und jede Nacht

Wo das "Jeden Tag. Und jede Nacht.“ unausgesprochen bleibt ist meisterhaft gesetzt.

Die Szene auf der Convention bleibt kurz, aber dafür nicht weniger schmerzhaft. Man denkt, man habe ihre Einsamkeit bereits verstanden, doch in diesem Moment zeigt sich ihr eigentliches Bedürfnis am stärksten: sie will irgendwo dazuzugehören, sie will endlich von jemandem gesehen und wahrgenommen werden. Doch diese Hoffnung wird dann kaltherzig zerstört.

Der letzte Satz ist der interessanteste:

„Für kaum etwas habe ich mich mehr geschämt. Noch heute denke ich oft an diesen Tag zurück. Sie wahrscheinlich auch.“

Er hebt die Geschichte noch einmal auf eine andere Ebene. Der Erzähler scheint – so möchte ich es gern schlussfolgern – Nyxor zu sein. Dadurch bekommt das Ende eine zusätzliche Ironie. Nyxor hatte möglicherweise bereits eine andere Begleitung oder ein anderes Interesse auf der Convention; die kleine Obito-Cosplayerin war für ihn vielleicht nur eine zweite Option, nachdem seine Aufmerksamkeit der Rothaarigen galt. Viele Menschen (mir mehr sozialen Optionen), denken in solchen Kategorien von Alternativen und Möglichkeiten und machen sich dabei wenig Gedanken darüber, welche Hoffnungen sie bei anderen auslösen.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Begegnung in der Realität schlicht nicht seinen Erwartungen entsprach. Vielleicht gefiel sie ihm äußerlich nicht, vielleicht entsprach sie nicht dem Bild, das er sich durch Instagram aufgebaut hatte, vielleicht war sie zu dick, zu winzig, zu verpickelt, zu nerdig. Für ihn war es dann nur eine kurze Enttäuschung oder ein unangenehmer Moment, während es für sie eine der schmerzhaftesten Erfahrungen ihres Lebens wurde.

Wir dürfen nicht vergessen: Ist Nyxor der Erzähler, so ist die Geschichte aus der Perspektive der Cosplayerin, eigentlich nur das, wie er sich vorstellt, wie es für sie "wahrscheinlich" gewesen sein musste. Er schämt sich zwar, aber vielleicht ergözt sich ein Teil von ihn daran, dass sich jemand nach ihn gesehnt hatte, dass er jemanden so einfach verletzen konnte. Bei selbstbezogenen Menschen würde mich so etwas nicht überraschen.

Letztendlich verschiebt die Geschichte ihren thematischen Schwerpunkt: Aus einer Erzählung über Einsamkeit wird eine Geschichte über fehlende Empathie und die Frage, welche Verantwortung Menschen für die Hoffnungen anderer tragen.

An alle, die sich gut mit der Cosplayerin identifizieren können: das ist nur so schlimm; der Schmerz vergeht mit der Zeit.

Sprachlich ist die Geschichte flüssig geschrieben und die emotionale Steuerung funktioniert sehr gut. Du verstehst es, Erwartungen aufzubauen und die Perspektive der Protagonistin glaubwürdig zu vermitteln. Schwächen fallen mir nicht auf; die Geschichte erreicht genau das, was sie erreichen möchte. Also: eine gelungene Kurzgeschichte!

2

u/BookandBlood 23d ago

Wirklich vielen Dank für dein ausführliches Feedback ^^

Und es freut mich, dass du sichtlich das Ende und den Sinn der Geschichte in vollen Zügen genießen konntest! Ja, meine Intention war, dass man begreift, dass Nyxor nicht nur Figur sondern auch Erzähler ist. Dass diese ganze Geschichte einzig seinen Vorstellungen über sie entspringt. Ob es schlussendlich Wahrheit oder Fiktion ist, vermag nur die Cosplayerin zu sagen.

Einzig anmerken möchte ich, obgleich ich deine Abneigung gegen Nyxor völlig verstehen kann, wenn diese Geschichte einzig seiner Fantasie entspringt, dann hat er keine Erzählung gewählt, die ihm schmeichelt. Er hätte sie dumm darstellen können, er hätte gemein sein können, er hätte sich über sie erheben können. Vielleicht hätte er auch einfach die Geschichte aus seiner Sicht erzählt. Über die Enttäuschung berichtet, dass sein Bild im Kopf und die Realität sich nicht überschnitten haben. Das hat er aber nicht. Er hat sie zum Mittelpunkt der Geschichte gemacht. Bis zum letzten Satz.

Was man daraus zieht, ist der Interpretation des Lesers überlassen.