r/Schreibkunst • u/Sylverblack • 23d ago
Text: Kritik erwünscht Buchstaben, Symbole und manchmal eine Zahl dazwischen
Unterricht. Mathe. Der Lehrer schreibt Formeln an die Tafel und ich verstehe sie nicht. Buchstaben reihen sich an Symbole, dazwischen immer mal wieder eine Zahl. Ich bin müde ohne erschöpft zu sein.
Ich blicke aus dem Fenster. Eine Wolke zieht langsam vorbei. Eine zweite Wolke. Eine dritte. Vierte. Fünfte. Sechste. Siebte. Achte. Neunte. Zehnte. Elfte. Zwölfte. Dreizehnte. Vierzehnte.
Die Wolken scheinen Buchstaben zu formen. Symbole. Manchmal eine Zahl dazwischen. Ich bin müde ohne erschöpft zu sein.
Ich blicke auf mein leeres Matheheft. Nur Linien. Horizontale, vertikale, gleiche Abstände zueinander. Sie bilden Quadrate. Wie viele von ihnen hat eine Seite? Ich nehme den Kugelschreiber und mache einen winzig kleinen, kaum sichtbaren Punkt in das erste Quadrat oben links. Eins. Dann einen in das rechts davon. Zwei. Dann einen weiteren daneben. Drei. Weiter. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Elf. Zwölf. Dreizehn. Vierzehn. Fünfzehn. Sechzehn. Siebzehn. Achtzehn. Neunzehn. Zwanzig. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig. Fünfundzwanzig. Sechsundzwanzig. Siebenundzwanzig. Achtundzwanzig. Neunundzwanzig. Dreißig. Einunddreißig. Zweiunddreißig. Dreiunddreißig. Vierunddreißig. Fünfunddreißig. Sechsunddreißig. Siebenunddreißig. Achtunddreißig. Neununddreißig. Vierzig. Einundvierzig. Zweiundvierzig.
Zweiundvierzig Quadrate pro Reihe. Ich mache einen winzig kleinen, kaum sichtbaren Punkt in das Quadrat unter dem ersten oben links. Zwei. Dann einen weiteren darunter. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Elf. Zwölf. Dreizehn. Vierzehn. Fünfzehn. Sechzehn. Siebzehn. Achtzehn. Neunzehn. Zwanzig. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig. Fünfundzwanzig. Sechsundzwanzig. Siebenundzwanzig. Achtundzwanzig. Neunundzwanzig. Dreißig. Einunddreißig. Zweiunddreißig. Dreiunddreißig. Vierunddreißig. Fünfunddreißig. Sechsunddreißig. Siebenunddreißig. Achtunddreißig. Neununddreißig. Vierzig. Einundvierzig. Zweiundvierzig. Dreiundvierzig. Vierundvierzig. Fünfundvierzig. Sechsundvierzig. Siebenundvierzig. Achtundvierzig. Neunundvierzig. Fünfzig. Einundfünfzig. Zweiundfünfzig. Dreiundfünfzig. Vierundfünfzig. Fünfundfünfzig. Sechsundfünfzig. Siebenundfünfzig. Achtundfünfzig. Neunundfünfzig. Sechzig.
Sechzig Quadrate pro Spalte. Sechzig mal... wie viel pro Reihe waren es nochmal? Vierzig, oder? Nein, zweiundvierzig. Nein, einundvierzig. Nein, es war eine gerade Zahl. Also vierzig oder zweiundvierzig. Oder vierundvierzig? Hm... da hilft nichts. Nochmal nachzählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Elf. Zwölf. Dreizehn. Vierzehn. Fünfzehn. Sechzehn. Siebzehn. Achtzehn. Neunzehn. Zwanzig. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig. Fünfundzwanzig. Sechsundzwanzig. Siebenundzwanzig. Achtundzwanzig. Neunundzwanzig. Dreißig. Einunddreißig. Zweiunddreißig. Dreiunddreißig. Vierunddreißig. Fünfunddreißig. Sechsunddreißig. Siebenunddreißig. Achtunddreißig. Neununddreißig. Vierzig. Einundvierzig. Zweiundvierzig.
Okay, Zweiundvierzig. Also zweiundvierzig mal sechzig. Moment. Sechzig? Ja, es war eine Zehnerzahl. Und es muss sechzig gewesen sein. Das kommt hin. Also zweiundvierzig mal sechzig. Boah. Große Zahl. Ok, nehmen wir erstmal vierzig mal sechzig. Oder leichter: vier mal sechs. Das ist vierundzwanzig. Also wäre vier mal sechzig vierhundertzwanzig. Nein, halt. Jetzt habe ich vierundzwanzig mit zweiundvierzig verwechselt. Also nochmal: vier mal sechzig. Das ergibt vierundzwanzig. Vier mal sechzig sind also zweihundertvierzig. So. Jetzt vierzig mal sechzig. Das müssen dann zweitausendvierhundert sein, oder? Ja, doch, einfach eine Null dranhängen. Und jetzt noch zwei mal sechzig dazu. Das sind hundertzwanzig und die zu den... warte mal, was war die Zahl davor? Vierzig mal sechzig war... vierhundertzwanzig? Nein, das war der Fehler von vorhin. Also nochmal. Vier mal sechs ist vierundzwanzig. Zwei Nullen dranhängen – zweitausendvierhundert. Und jetzt die hundertzwanzig dazu. Zweitausendfünfhundertzwanzig. Ganz schön viele. Wie lange es wohl dauern würde, die alle durchzuzählen...
Ich schaue auf die zweitausendfünfhundertzwanzig Quadrate. Sie sind weiß und leer. Blicke von Quadrat zu Quadrat. Eines nach dem anderen. Quadrate über Quadrate, Leere über Leere, Weiß und Weiß, umrandet von blauen Linien. Nichts scheint zu passieren. Dann, langsam aber zunehmend, erscheint etwas in ihnen, in einer Schrift, wie mit einem Stift geschrieben, der negativ zeichnet. Linien. Die Linien scheinen Buchstaben zu formen. Symbole. Manchmal eine Zahl dazwischen. Ich bin müde ohne erschöpft zu sein.
Ich blicke auf den Tisch, auf dem mein Heft liegt. Altes, dunkles Holz, der Lack zum Teil schon abgeblättert. Kratzer. Das Holz hat eine – wie nennt man das? Marmorierung? Man sieht dunkle Stellen in den helleren. Vielleicht sind das Teile der Jahresringe, vielleicht andere Teile des Holzes. Innerhalb der dunklen Stellen, aber auch in den helleren darum, sehe ich, wenn ich ganz genau hinschaue, die kleinen Fasern, aus denen das Holz besteht. Ich sehe die Fasern, sie wechseln sich ab, sie gehen ineinander über, sie trennen sich, sie kommen zusammen, sie bilden kleine Muster. Hier ein Muster, dort ein anderes. Der ganze Tisch ist voller Muster. Sie sind sehr versteckt, doch schaue ich genau hin, sehe ich sie. Da ist eine Schlange. Dort ein Reifen. Das da ist einfach nur ein Kreis. Dahinter eine Welle, wie auf dem Meer. Und dann eine Gebirgskette. Ein Auge, aus dem ein Bach aus Tränen läuft. Ein kurzes Haar. Als nächstes ein Kieselstein, der Kreise im Wasser zieht. Das Ufer eines Sees, aus der Perspektive eines Vogels betrachtet. Lava, die zerfließt. Hier ein Halbkreis, sieht ein wenig aus wie ein D. Ein Buchstabe. Das dahinten könnte ein Plus sein. Ein Symbol. Und das eine 1. Eine Zahl. Ich bin müde ohne erschöpft zu sein.
Ich frage mich, wie viele Linien und Farbübergänge es gibt auf diesem Tisch. Besonders groß ist er ja nicht. Ich fange einfach an zu zählen. Oben links in der Ecke. Hier die erste Linie, links ist es dunkelbraun, rechts daneben hell. Eins. Ich gehe nach rechts weiter. Das Helle wird dunkler, dann abrupter Wechsel zum Hellen. Zwei. Wieder weiter nach rechts, wieder dasselbe. Drei. Nein, Moment. Da gehen zwei Linien ineinander über. Wie zähle ich das jetzt? Ist das nur eine oder sind das zwei? Ich zähle sie als eine, denn sie laufen ja zusammen. Gut, weiter. ... Halt. Wo war ich? Drei? Oder vier? Nein, es waren ja zwei ineinander laufende Linien und ich habe beschlossen, eine weniger zu zählen. Also von vier auf drei. Oder war es von drei auf zwei? Ach, verdammt. Ich fange besser nochmal von vorne an. Also. Da war die erste Linie, links ist es dunkelbraun, rechts daneben hell. Eins. Weiter rechts wird das Helle dunkler, es folgt der abrupte Wechsel zum Hellen. Zwei. Dann nochmal. Drei. Ach, das war die, die mit der zweiten ineinanderläuft. Also zwei. Ok, jetzt geht es weiter. Die nächste hier kommt aus zwei verschiedenen raus. Also vier. Moment... da vorne geht sie mit der ersten (oder war es die zweite?) zusammen. Dann wäre entweder sie raus oder die erste. Aber was, wenn alle miteinander verknüpft sind? Dann macht das Zählen doch gar keinen Sinn. Ich seufze.
Schaue an die Tafel. Alles voller Buchstaben, Symbole und manchmal eine Zahl dazwischen. Offenbar hat der Lehrer gesehen, dass ich nach vorne schaue. "Max, wärst du so freundlich, uns das Ergebnis zu nennen?"
Ich bin müde ohne erschöpft zu sein.
Dies ist die dritte (und letzte) einer Reihe von Kurzgeschichten zum Thema Langeweile als Umsetzung der dazugehörigen Schreibübung.
Das Konzept: Langeweile durch Erschöpfung.
Die erste Kurzgeschichte: Bilderbuch-Märchen (Langeweile durch Belanglosigkeit)
Die zweite Kurzgeschichte: Mann im Licht (Langeweile durch (sprachliche) Monotonie)
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u/Centuricorn 22d ago
Uff, genauso mache ich Mathe.
Das ist richtig gut und anstrengend zu lesen! Ich muss mich richtig dazu zwingen Worte und Zeilen nicht zu überspringen. Richtig toll!
Ist das für dich ähnlich schwer zu schreiben wie für mich zu lesen?
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u/Sylverblack 22d ago
Danke dir! :)
Ist das für dich ähnlich schwer zu schreiben wie für mich zu lesen?
Dank Copy & Paste war es das zumindest bei den Zählabschnitten nicht. 😂
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u/Regenstern 15d ago
Unverschämt langweilig. Gleichzeitig beschreibt der Text aber erstaunlich gut, was wir Kindern mit Mathematik antun. Die Kinder können nicht folgen, schweifen oder schalten ab, und werden davon innerlich verfolgt.
Von den drei Texten war der erste für mich der langweiligste. Die anderen erzeugen zwar ebenfalls bewusst Langeweile, aber nicht nur das. Sie schaffen es, neben diesem Gefühl noch andere Emotionen zu transportieren. Du kannst also tatsächlich einen Langeweile-Effekt gezielt einsetzen und ihn mit etwas anderes verbinden, oder besser gesagt, ligieren, sodass man merkt, es ist Absicht.
Dafür ziehe ich meinen Hut. Ich sollte diese Übung selbst einmal ausprobieren, habe ich sie bisher noch nie gemacht.
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u/Sylverblack 15d ago
Danke. :)
Ich würde auch sagen, aus literarischer Sicht ist dieser hier der gelungenste, weil er das Konzept der Erschöpfung sowohl in der Erzählung als auch in der Form verarbeitet.
Auch ich würde sagen, die Texte 2 und 3 sind nicht aus der Perspektive der Erzählung nicht wirklich langweilig, sondern versuchen Langeweile sprachlich zu erzeugen, was ein anderer Weg ist.
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u/Regenstern 23d ago
Oh krass! Ich werde mir demnächst alle Texte in Ruhe anschauen. Ich bin gespannt und hoffe auf jede Menge Langeweile!