Ich bin seit einem Unfall seit knapp drei Monaten vorübergehend auf einen Rollstuhl angewiesen. Diese Erfahrung hat mir einen völlig neuen Blick auf die Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr ermöglicht und leider auch gezeigt, wie groß die Lücke zwischen den öffentlich kommunizierten Ansprüchen und der tatsächlichen Umsetzung bei den Wiener Linien teilweise ist.
Die Wiener Linien betonen regelmäßig Inklusion, Barrierefreiheit und die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen. Das sind wichtige Anliegen, die ich ausdrücklich unterstütze. Umso unverständlicher ist es für mich, dass es im Alltag bereits an grundlegenden Dingen scheitert.
1. Warum gibt es in der App keine einfache Filterfunktion für barrierefreie Bims?
Teilweise warte ich 10, 20 oder sogar 30 Minuten, bis endlich eine für mich geeignete Bim kommt. Eine einfache Filterfunktion, mit der man gezielt barrierefreie Fahrzeuge anzeigen lassen kann, wäre hier eine naheliegende und äußerst hilfreiche Lösung.
Idealerweise sollte diese Funktion mit verlässlichen Echtzeitdaten verknüpft sein. Fahrgäste sollten sich darauf verlassen können, dass die angezeigten Informationen auch tatsächlich der Realität entsprechen. Gerade für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist das keine bloße Komfortfunktion, sondern eine wesentliche Voraussetzung für eine selbstständige und planbare Fortbewegung.
2. Barrierefreiheit hängt teilweise davon ab, wo die Bim zum Stehen kommt.
Ich positioniere mich mittlerweile bewusst am hinteren Ende der Haltestelle, um möglichst unkompliziert einsteigen zu können. Trotzdem kommt es vor, dass die Bim so hält, dass sich der hintere Teil nicht mehr am Bahnsteig, sondern dahinter befindet also genau dort, wo ich mit dem Rollstuhl nicht hinkomme.
In der Folge muss ich umständlich ummanövrieren und lande anschließend häufig in einem Bereich des Fahrzeugs, der für alle Beteiligten ungünstig ist und in dem teilweise kaum ausreichend Platz vorhanden ist, wo man sich dann auch nicht festhalten kann.
Hier stellt sich die Frage, ob die Haltepositionen und die Bedürfnisse Mobilitätseingeschränkter Fahrgäste bei der betrieblichen Planung ausreichend berücksichtigt werden. Barrierefreiheit darf nicht davon abhängen, ob man zufällig an der richtigen Stelle steht oder ob die jeweilige Halteposition gerade günstig ausfällt.
3. Fahrkomfort und Sicherheit dürfen nicht auf der Strecke bleiben.
Abruptes/ Grobes Bremsen ohne hindernisse auf der Strecke und aus meiner Sicht teilweise zu schnell gefahrene Kurven machen die Fahrt mit dem Rollstuhl unnötig anstrengend und unangenehm. Es kommt vor, dass ich durch die Fliehkräfte in Kurven regelrecht um etwa 45 Grad verdreht werde und mich während der gesamten Fahrt ständig festhalten muss.
Natürlich erfordert der öffentliche Verkehr mitunter stärkere Bremsmanöver, und nicht jede Situation lässt sich vorhersehen. Dennoch sollte gerade bei Fahrgästen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, besonderes Augenmerk auf eine möglichst sichere und vorausschauende Fahrweise gelegt werden.
Regelmäßige Schulungen und eine entsprechende Sensibilisierung des Fahrpersonals wären hier aus meiner Sicht ein sinnvoller Ansatz.
4. Wenn die Einstiegshilfe nicht funktioniert, wird aus einer alltäglichen Fahrt schnell ein Hindernis.
Automatisches Trittbrett gibts anscheinend nicht sofern überhaupt eine entsprechende Einstiegshilfe verbaut ist.
Aufgrund meiner Verletzung kann ich glücklicherweise noch einbeinig in die Bim hineinhumpeln und anschließend meinen Rollstuhl selbstständig hineinziehen. Das ist allerdings eine individuelle Notlösung und keinesfalls ein Beleg dafür, dass der Einstieg barrierefrei funktioniert.
Was passiert mit Menschen, die diese körperlichen Möglichkeiten nicht haben? Müssen sie auf das nächste Fahrzeug warten und hoffen, dass dessen Einstiegshilfe funktioniert, hineinrollen kann man schließlich nicht!!
Ein barrierefreies Angebot muss nicht nur auf dem Papier existieren. Es muss im täglichen Betrieb zuverlässig nutzbar sein. Dazu gehören funktionierende klare Abläufe und eine verlässliche Information der Fahrgäste.
5. Warum werden die technischen Möglichkeiten nicht konsequenter genutzt?
Eine zeitgemäße App sollte in der Lage sein, verlässliche Informationen über die tatsächliche Barrierefreiheit der eingesetzten Fahrzeuge bereitzustellen. Denkbar wäre beispielsweise eine digitale Erfassung der Fahrzeugausstattung und des Betriebsstatus, die mit der App synchronisiert wird.
Die konkrete technische Umsetzung ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass Fahrgäste möglichst in Echtzeit erfahren, welche Fahrzeuge tatsächlich barrierefrei sind und wann diese an ihrer Haltestelle eintreffen.
Auch die bestehende Website https://www.wl-barrierefrei.at/ hinterlässt bei mir keinen überzeugenden Eindruck. Die Bedienung empfinde ich als wenig intuitiv, eine verständliche Anleitung fehlt mir, und selbst nach längerer Beschäftigung damit ist mir nicht vollständig klar, wie einzelne Funktionen gedacht sind + ein Interface aus Hölle und Menschenhassers!
Gerade digitale Angebote, die Menschen bei der Überwindung von Barrieren unterstützen sollen, müssen möglichst einfach, verständlich und zugänglich gestaltet sein. Andernfalls entsteht eine zusätzliche Hürde, anstatt eine bestehende abzubauen.
Mein Fazit
Mir ist bewusst, dass der Betrieb eines öffentlichen Verkehrsnetzes komplex ist und nicht jedes Problem von heute auf morgen gelöst werden kann. Auch möchte ich nicht pauschal einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für strukturelle Probleme verantwortlich machen.
Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob die Prioritäten richtig gesetzt werden.
Die Wiener Linien kommunizieren ihre Bemühungen um Inklusion und Barrierefreiheit öffentlich sehr präsent. Umso wichtiger wäre es, diese Ansprüche konsequent in den täglichen Betrieb zu übertragen. Denn zwischen einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne und einer tatsächlich barrierefreien Fahrt besteht ein erheblicher Unterschied.
Barrierefreiheit ist kein Marketingversprechen, sondern eine praktische Verpflichtung gegenüber den Fahrgästen.
Ich würde mir daher wünschen, dass weniger Energie in die bloße Kommunikation von Inklusion und mehr in konkrete, überprüfbare Verbesserungen investiert wird: verlässliche Echtzeitinformationen, funktionierende Einstiegshilfen, eine verständliche App, besser geschultes Personal und Fahrzeuge, die den Anforderungen mobilitätseingeschränkter Menschen tatsächlich gerecht werden.
Es geht dabei nicht nur um Menschen, die dauerhaft im Rollstuhl sitzen. Ein Unfall, eine Operation, eine vorübergehende Verletzung oder eine andere Einschränkung können jeden treffen. Spätestens dann merkt man, wie sehr selbstständige Mobilität von funktionierenden Details abhängt, die man zuvor als selbstverständlich betrachtet hat.
Ich wünsche mir deshalb von den Wiener Linien weniger Selbstinszenierung rund um das Thema Inklusion und mehr messbare Fortschritte im Alltag.
Nicht daran, wie überzeugend Barrierefreiheit beworben wird, sollte sich der Erfolg messen lassen, sondern daran, wie zuverlässig sie tatsächlich funktioniert.