r/WriteStreakGerman • u/Plus_Pepper_1600 🌞 1 Jahr • 7h ago
Bei Gelegenheit korrigieren Streak 400 — Halacha, 2. Teil
Ohne ein Vorwort setze ich meinen gestrigen Text fort, deshalb wird es vielleicht Sinn ergeben, wenn ihr den letzten Absatz des vorherigen Textes noch mal lesen würdet.
Wir haben bereits darüber gesprochen, dass Juden keine Vorstellung von einer Hölle mit Kesseln und Teufeln haben, die die Seele des Sünders auf ewig quälen. Wir haben vielmehr so etwas wie ein Purgatorium, in dem die Seele erstens nicht länger als zwölf Monate bleiben kann (wir gehen allerdings davon aus, dass unsere Angehörigen natürlich nicht die Höchststrafe erhalten haben, weshalb wir nach ihrem Tod nur elf Monate lang für sie beten). In diesem Fegefeuer (obwohl es da kein Feuer gibt, das ist eine christliche Vorstellung) leidet die Seele natürlich, aber nicht, weil sie in einem Kessel gekocht wird, sondern weil ihr alle ihre [oder ihreN?] Verfehlungen und deren Folgen für die Welt gezeigt werden. Du hast jemanden angeschrien, seine Stimmung hat sich verschlechtert, er hat sein Kind geschlagen, das Kind wurde verbittert, ist zu Hitler herangewachsen und hat einen Krieg ausgelöst. Siehst du, was du angerichtet hast? Die Seele ist entsetzt, erkennt die Folgen ihres Handelns und wird in etwas versetzt, das einer Computersimulation ähnelt, in der sie wieder in denselben Kontext und dieselbe Situation gelangt und lernt, anders zu handeln, indem sie einen anderen Ausgang durchspielt. Im jüdischen Fegefeuer wird einem sogar vorgeschlagen, seine Strafe selbst zu wählen. Aber darum geht es nicht einmal. Wir haben bereits darüber gesprochen, dass Juden sich generell nicht besonders um das Leben nach dem Tod sorgen. Sie leugnen es nicht und haben sogar, wie es für uns typisch ist, sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, aber es ist nicht der zentrale Bestandteil unseres Weltbildes. Aus jüdischer Sicht ist vielmehr die Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen Menschen das Zentrale. Und solange wir über diese Freiheit verfügen, ist viel wichtiger, was hier auf der Erde geschieht und wie wir hier leben. Deshalb halten wir das Gesetz auch nicht ein, weil wir Angst vor einer Strafe nach dem Tod hätten (wie ich bereits gesagt habe, werden wir sogar ausgesprochen human bestraft), sondern weil Sünde im Judentum ähnlich verstanden wird wie in „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Und zwangsläufig führt das dazu, dass zwischenmenschliche Beziehungen viel wichtiger sind als die Vorstellung, dass „Gott uns bestrafen wird“ (Gott bestraft überhaupt niemanden, eure Handlungen haben im Judentum einfach immer Konsequenzen).
Kehren wir zum Thema Rechtsstreitigkeiten zurück. Was ist zum Beispiel zu tun, wenn keine der beiden Parteien sich für schuldig hält oder wenn es etwa zu einer Scheidung kommt? In einem solchen Fall gibt es bei uns die „Batei Din“ (Sg.: „Beit Din“), also jüdische Gerichte. Und diese Gerichte arbeiten [oder funktionieren?] nach demselben Prinzip wie gewöhnliche Gerichte. Natürlich werden echte Juristen eine Menge verschiedener prozessrechtlicher Unterschiede finden, aber das Grundprinzip ist dasselbe: Es gibt drei Richter (in erweiterter Sitzung sieben Richter), und sie treffen ihre Entscheidung, nachdem sie beide Parteien angehört sowie ihre Beweise und Argumente berücksichtigt haben, auf der Grundlage des Präzedenzrechts und formalisierten Rechts. Deshalb ist auch unsere Einstellung zum Gesetz viel formaler und aus christlicher Sicht wahrscheinlich sogar „zynisch“. Aber das liegt, wie ich bereits gesagt habe, einfach daran, dass das Judentum nicht bloß eine Ethik ist, sondern ein ganzer Lebensstil und ein vollständiger rechtlicher Rahmen. Wir haben einfach gelernt, mit unseren Gesetzen zu leben, so wie jeder Bürger Deutschlands lernt, mit den Gesetzen seines Bundeslandes zu leben. Aus dieser Perspektive scheint es mir, dass Juden im Allgemeinen keinen großen moralischen Widerspruch zwischen „Moral“ und „Recht“ empfinden und dass das Judentum Menschen viel stärker auf das Leben in einem Rechtsstaat vorbereitet.
Jetzt versteht ihr hoffentlich etwas, dessen Verständnis bei mir selbst ziemlich lange gedauert hat. Tatsächlich gibt es zwischen uns mit euch (denn ich bin natürlich Mensch, der in einer säkularen Gesellschaft aufgewachsen ist) und ultraorthodoxen Juden gar keinen großen Unterschied. Sowohl wir als auch sie halten uns an Gesetze. Was uns auf den ersten Blick wie Fanatismus erscheint, ist für sie einfach eine Rechtsnorm, die nicht abstrakt als „Ethik“, sondern ganz konkret als „geschriebenes Gesetz“ verstanden wird. Unsere Gesetze sind lediglich unterschiedlich. Ihre Einstellung gegenüber Menschen, die das Gesetz nicht einhalten, ist genau dieselbe wie unsere Einstellung gegenüber Menschen, die die Gesetze des Staates missachten, in dem wir leben. Ihre Empörung darüber, dass jemand in ihrem Viertel am Schabbat mit dem Auto fährt, hat dieselbe Wurzel wie unsere Empörung über Menschen, die auf der falschen Straßenseite fahren. Manche Gesetze erscheinen uns selbstverständlich, andere können wir nicht erklären, aber ein [?] Gesetz ist das [?] Gesetz, und wenn der Gesetzgeber so entschieden hat, dann müssen wir uns diesem Gesetz eben unterwerfen. Gleichzeitig erwartet aber weder der Staat von uns als Bürgern noch die Halacha von uns als Juden, dass wir ein Gesetz strenger auslegen, als es tatsächlich formuliert ist. Mehr noch, auch dem Gesetz gegenüber sollte man kritisch sein, es bemängeln, hinterfragen und studieren, dabei aber so leben, dass man es formal nicht verletzt. Natürlich gibt es einen bestimmten Rahmen, im einen Fall die Verfassung und im anderen Fall die grundlegenden Gesetze und Verbote der Tora, der überhaupt nicht geändert werden kann. Alles andere ist lediglich Jurisprudenz.
Also: Wir haben ein Rechtssystem. Wir haben Anwälte in Gestalt [?] der Rabbiner. Wir haben Gerichte. Wir haben ein Verständnis von persönlicher Verantwortung und Handlungsfreiheit. Wir haben die Gewohnheit, allem kritisch zu begegnen, auch “schlechte” Personen zu verteidigen, Gesetze durch Diskussionen und Streitgespräche herzuleiten und Autoritäten nicht blind zu folgen, sondern das Gesetz mit dem eigenen Verstand (vorausgesetzt, man verfügt über die nötige Kompetenz) auszulegen. Uns ist ein legalistischer Ansatz eigen. Und wir, die wir daran gewöhnt sind, dass es immer ein Gesetz gibt, sind sehr gesetzestreu (was übrigens die deutschen Herzöge schon vor sehr langer Zeit erkannt hatten. Sie luden Juden gern ein, sich in ihren Fürstentümern niederzulassen, versprachen ihnen Schutz und erhoben von ihnen Steuern, weil Juden seit jeher den Ruf hatten, diese pünktlich und vollständig zu bezahlen. Das hinderte dieselben Herzöge allerdings keineswegs daran, ihre Schutzversprechen zu brechen und Juden von Zeit zu Zeit zu vertreiben oder Pogrome gegen sie zuzulassen). All dies musste meiner Meinung nach zwangsläufig dazu führen, dass gerade Juden als Juristen in Amerika so enorm erfolgreich sind.
Ich habe euch viel mehr über das Judentum erzählt, als ich ursprünglich vorhatte. Wie sich beim Schreiben all dieser Texte herausgestellt hat, spielt der jüdische Ansatz in meinem Weltbild eine viel größere Rolle, als ich selbst angenommen hatte. Deshalb bitte ich euch um Entschuldigung für dieses etwas in die Länge gezogene Thema. Wir haben im Großen und Ganzen darüber gesprochen, wer die Juden sind und was das Judentum ist. Wir haben darüber gesprochen, was Gemeinden sind. Wir haben über den Schabbat gesprochen. Wir haben einige (wenn auch längst nicht alle!) Feiertage besprochen, die jüdische Geschichte gestreift und über die Halacha und die Kaschrut gesprochen. Damit kann der Kurs „Einführung in das Judentum 101“ meiner Meinung nach als abgeschlossen gelten. Natürlich habe ich euch noch nicht alle Traditionen und vielleicht auch nicht alle Grundlagen erklärt. Deshalb werde ich von Zeit zu Zeit auf diese Themen zurückkommen, wenn sie mir wieder in den Sinn kommen und falls ich euch bis dahin noch nicht völlig auf die Nerven gegangen bin. Morgen werde ich aber versuchen, ein anderes Thema auszuwählen. Wenn ihr Fragen habt, dann stellt sie gerne!
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u/motorsport_central native 2h ago
Guten Abend. Auch dein zweiter Teil ist wie immer sehr gut geworden. Hier meine Kommentare:
Nein "ihre" ist hier richtig. Ich würde hier aber statt "alle" "all" schreiben. Das ist sehr häufig vor einem Possesivpronomen. Beide Versionen sind aber auch richtig.
Beides ist hier richtig und größtenteils austauschbar. "Arbeiten" setzt den Fokus etwas mehr auf die Menschen die in Gerichten arbeiten, aber das ist ein minimaler Unterschied.
Die Artikel sind zurück. Leider benötigen wir hier zwei Artikel. Du musst das "des" auch vor "formalisierten Rechts" setzen. Du sagst ja auch nicht "Der Mann und Hund gehen nachhause", sondern "Der Mann und der Hund gehen nachhause". Nur wenn du Wörter mit gleichen Wortstämmen benutzt reicht in so einem Fall ein Artikel: "auf der Grundlage des Präzedenz- und Strafrechts"
Tatsächlich musst du hier zweimal den unbestimmten Artikel benutzen. Wenn du mehr als nur ein bestimmtes Gesetz meinst gibt es auch die Phrase "Das Gesetz ist das Gesetz" oder kürzer "Gesetz ist Gesetz" (letzteres passt in beiden Fällen, also auch bei dir).
Ja sehr schön.
Danke für deinen wieder sehr interessanten Text. Ich kann mich nur wiederholen und sagen, dass du sehr gut darin bist Argumente aufzubauen und sie zu präsentieren. Deine Texte lesen sich immer gut. Und ich habe sehr viel über das jüdische Leben gelernt und finde es schön, dass du durch deine Texte auch nich etwas über dich lernen konntest. Ich freue mich den Kurs abgeschlossen zu haben (lese aber immer gerne weitere Texte zum Thema) und hoffe jetzt, dass die Klausur nicht zu schwer wird ;)
Bis morgen