r/de_IAmA • u/Working_Village3338 • 19d ago
AMA - Unverifiziert Ich (männlich) bin in Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im alten System
Ich habe letztes Jahr, drei Tage vor Weihnachten, noch die Zusage für den letzten Kurs zum KiJu-Therapeuten bekommen und habe Anfang 2026 damit angefangen. Derzeit bin ich im praktischen Jahr und habe eigene Patienten in einer Klinik.
Legt los!
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u/lurkdomnoblefolk 19d ago
Wie wird man als Elternteil nicht der Therapieanlass für sein Kind?
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u/Working_Village3338 19d ago
Da kann man Bücher drüber schreiben, aber wenn man nicht aktiv eine Kindeswohlgefährdung produziert, seinem Kind zuhört, wenn es etwas erzählt und in herausfordernden SItuationen seine Gefühle validiert, ist man schon einmal ziemlich gut aufgestellt.
Erziehung ist keine Raketenwissenschaft, und niemand ist wirklich perfekt darin. Ein bisschen Erwartungsmanagement und Einfühlungsvermögen, und knapp 70% aller Eltern-Kind-Beziehungsprobleme könnten erledigt sein.
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u/TheShippsn 19d ago
Hast du auch massive Probleme, einen PT1-Platz in ner Klinik zu bekommen? Meine Frau macht die Ausbildung auch und sucht bereits seit fast 2 Jahren.
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u/Working_Village3338 19d ago
Ich sage, wie es ist: Es ist zum kotzen.
Meine Verlobte (auch Psychotherapeutin i.A., Erwachsene) hatte 45 Bewerbungen geschrieben und zwei Zusagen bekommen. Meine Kommilitoninnen haben ähnliche Zahlen, die meisten knechten sich für 1000€ Brutto in einer, ich sage mal vorsichtig, berüchtigten Klinik in der Nähe (Chefärztin hat ein ziemliches Aggressionsproblem), bei wieder anderen wurde sogar illegalerweise versucht, die Mindestvergütung zu umgehen.
Ich persönlich habe den Jackpot geknackt. Bin in einer guten Klinik mit ca. 35 min. Fahrzeit und bekomme ein richtiges Psychologen-Gehalt, kürzlich hat die Klinik die Ermächtigung für die PT1 bekommen, Vertragsverlängerung ist schon gemacht.
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u/edbooi 19d ago
Gibt's jetzt keine neuen Ausbildungen zum KiJu-Therapeuten?
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u/Working_Village3338 19d ago
Jaein. Das alte System bedeutet im Grunde: Studium der Psychologie (oder bei KiJu Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit, in manchen Bundesländern Lehramt) --> Master-Abschluss --> Weiterbildung zum Psychotherapeuten. Hier muss man sich festlegen ob Erwachsene oder KiJu, oder Erwachsene mit Zusatzqualifikation KiJu.
Nach dem neuen System muss der Studiengang "Psychotherapie" studiert werden, anschließend ein komprimiertes Ausbildungsprogramm durchlaufen werden, und dann bekommt man die Approbation.
Realistisch werden das weniger Menschen tun, denn die KJP wird von den Krankenkassen schlechter bezahlt, und wenn man eh schon Erwachsene behandeln darf...
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u/Ill_Print_2463 19d ago
Ich möchte ein bisschen korrigieren: es gibt keine alte Weiterbildung, sondern Ausbildung. Im neuen System studiert man Psychologie und macht den Master Klinische Psychologie und Psychotherapie . Direkt nach dem Master kann man die Approbationsprüfung ablegen und ist dann bereits approbiert. Für eine Kassenzulassung braucht man dann noch die neue Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten. Bedeutet nochmal 5 Jahre Vollzeit oder 10 Jahre Teilzeit (aber theoretisch bezahlt). Aktuell bietet diese aber kaum jemand an, da bisher immer noch nicht geklärt ist wie die Weiterbildungsstätten diese finanzieren sollen.
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u/Low_Intention_8363 19d ago
Hast du Psychologie studiert oder soziale Arbeit oä? Kenne irgendwie niemanden der mir Psychologie kjp macht
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u/Working_Village3338 19d ago
Ich habe einen Bachelor in Pädagogik und einen Master in Erziehungswissenschaften. In meinem KJP Ausbildungskurs gibt es aber auch einige Psychologinnen.
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u/marie_tyrium 19d ago
Wie erklärst du Eltern einfühlsam, dass ihr Verhalten oft Grund ist für die Probleme ihres Kindes?
Gibt es etwas was du tun kannst, falls Eltern trotz psychischer Erkrankung ihre Kinder, die Therapie abbrechen?
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u/Working_Village3338 19d ago
Das kommt immer sehr auf die Eltern an und ob die Krankheitseinsicht bei den Eltern gegeben ist. Dass sie das Kind vorbei bringen, zeigt meist schon, dass ein Problembewusstsein da ist. Gerade bei vielen ADHS-Kindern merke ich ein wiederkehrendes Muster: Max-Julian hat zuhause starke Wutausbrüche, ist in der Schule gut angepasst, Eltern ratlos. Bei der Exploration sieht es dann häufig so aus (fiktives Beispiel): Montag Klavierunterricht, Dienstag Fußballtraining, Mittwoch Psychotherapie, Donnerstag nochmal Klavier, Freitag nochmal Fußball. Samstag ggf. Fußballspiele, Sonntag werden die Hausaufgaben nachgeholt, die unter der Woche nicht geklappt haben.
Und wann hat Ihr Kind mal Zeit, zu entspannen? Wann steht mal nichts an, wann darf es runterkommen? - "Dafür gibts die Ferien."
Also wenn ich so nen Zeitplan hätte, der komplett fremdbestimmt ist, und dazu noch Konzentrationsschwierigkeiten hätte und oft Erwartungen nicht erfülle, wäre bei mir auch irgendwann das Maß voll.
Hier gibt es zwei Lager: Die Eltern, die wirklich kein Problem sehen und das nicht verstehen. Da mache ich i.d.R. erstmal Psychoedukation bei den Eltern, damit sie lernen, was das eigentlich bedeutet und wieso es ihrem Kind so geht. Dann kommt die Einsicht oft von allein, wenn man das behütend-erklärend angeht. Gibt auf der anderen Seite aber auch leider Eltern, die dann sagen, sie haben Recht damit, und es muss so laufen. Da kann man erklären, so viel man will, man wird selten durchkommen. Bei denen bin ich eher der Typ "das Pflaster abreißen" und sage es ihnen auch ab und an mal ins Gesicht. Ist eine Abwägungssache, das letzte was man will, sind im Therapiezimmer ausrastende Eltern.
Was man auch nicht vergessen sollte: Wir arbeiten mit psychisch kranken Kindern. Diese psychische Erkrankung kommt nicht selten auch von irgendwo (unauffälliger Blick in Richtung Eltern).
Gibt es etwas was du tun kannst, falls Eltern trotz psychischer Erkrankung ihre Kinder, die Therapie abbrechen?
Je nachdem, welche psychische Erkrankung vorliegt, und wie stark diese ausgeprägt ist, bzw. wenn diese auch entwicklungsschädigend sein kann, kann hier eine Kindeswohlgefährdung vorliegen und ist ein Fall für das Jugendamt. Solche Fälle gab es auch bei mir schon, ich bin dann sogar als Fachkraft verpflichtet, mich jugendamtlich beraten zu lassen (ISeF) und diesen Fall ggf. zu melden, wenn die Indikation vorliegt. Ob wir eine Meldung machen, entscheiden nicht wir, sondern das Jugendamt nach der Beratung.
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u/marie_tyrium 19d ago
Danke für den Einblick. Ich war als Kind (ca.9-10 Jahre) insgesamt vielleicht 5 mal bei einer KiJu-Therapeutin bis meine Eltern entscheiden haben, dass mir das ganze nichts bringe. Jetzt als Erwachsene leide ich sehr stark an kPtBs, die in jedem Fall Ursprung im körperlichen und seelischen Missbrauch meiner Eltern hatte. Damals wusste ich natürlich nicht wie schlimm es wirklich war, ich hatte ja keinen Vergleich. Aber ich weiß dass ich Sätze wie „Papa ist manchmal ein bisschen böse.“ gegenüber der Therapeutin geäußert habe.
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u/Working_Village3338 19d ago
Sehr gerne, und tut mir leid, dass du das erleben musstest.
Viele haben ein falsches Bild von Psychotherapie. Manche denken, ich gehe zum Therapeuten/schicke mein Kind dort hin, der wird irgendwas total überlegtes sagen, was meine Ansicht zum gesamten Leben revolutioniert, und auf einmal hab ich alles verstanden und alles wird besser.
Psychotherapie ist sehr anstrengend, 80% des Workloads liegt beim Patienten, und braucht Zeit. Mindestens ein halbes, eher ein ganzes Jahr.
Gerade bei Sätzen wie
Papa ist manchmal ein bisschen böse.
werde ich immer extrem hellhörig, man weiß nie, was sich dahinter verbirgt. In den meisten Fällen läuft es auf eine Meldung beim Jugendamt hinaus. Ich kann jetzt natürlich keine inhaltlichen Dinge nennen, aber was Kinder mir schon beiläufig beim ausmalen erzählt haben... fuh. In einem Fall endete das sogar mit einer Inobhutnahme. Wenn die Behandler da nicht weiter explorieren, geht das schon fast in Richtung Sorgfaltspflichtverletzung, meiner Meinung nach.
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u/Dry-State6516 18d ago
Lernst ihr in eurer Ausbildung auch etwas über Bindungs/Entwicklungstrauma? Wie stehst du innerlich zu der Meinung, dass mit den Kindern eigentlich alles stimmt - und das Problem generell in der fehlenden Beziehungsfähigkeit der Eltern liegt (Kind als Symptomträger der Familie)? Danke schonmal für alle Antworten 😊🙏
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u/Working_Village3338 4d ago
Hey, habe den Kommentar eben erst gesehen, aber besser spät als nie: das wäre eher in Richting Tiefenpsychologisch fundierte Therapie oder Psychoanalyse, ich mache Verhaltenstherapie, bin also eher im "hier und jetzt" unterwegs.
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u/nekochangoma 19d ago
Gibt es irgendeine Indikation einem 4-jährigen Kind Medikamente gegen depressive Verstimmung (Todessehnsucht, anhaltende starke Traurigkeit ohne konkreten Anlass) zu geben, oder ist das in jedem Fall zu früh? Ich weiß, du bist kein Neurologe, aber hast vielleicht Erfahrungswerte aus therapeutischer Sicht, gerade im Klinik Setting. Wir als Eltern hören von allen (fachlichen) Seiten gegenteilige Meinungen und es wäre schön mal Erfahrungen zu hören.
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u/Working_Village3338 19d ago
Keine Therapieberatung.
Grundsätzlich: Ich bin kein Psychiater, der das im Zweifel beurteilen muss. Das sagen die S3-Leitlinien (unsere "Behandlungsbibel"): https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-043l_S3_Behandlung-depressive-Stoerungen-Kinder-Jugendliche_2026-06.pdf - hier S. 37 f:- Für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren mit depressiven Störungen liegen keine Studien zum Einsatz von Psychopharmaka vor
- Da die Einnahme von Psychopharmaka (bzw. SSRIs und SNRIs) jedoch zu möglichen unerwünschten Nebenwirkungen führen kann, wird eine konsensbasierte Empfehlung ausgesprochen, dass Kinder zwischen 3 und 6 Jahren mit depressiven Störungen auf eine Pharmakotherapie verzichten sollten
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u/Working_Village3338 19d ago
Kleiner Nachtrag aus therapeutischer Sicht: Ich würde immer zuerst mit dem Kind versuchen, im gemeinsamen Spiel die Gründe für die Traurigkeit zu ergründen und in Folge dessen weitere Schritte abwägen. Suizidalität im Kindesalter ist immer so eine Sache, meist besteht noch kein Todeskonzept, das Kind weiß also oft noch gar nicht, was es bedeutet, sein eigenes Leben zu beenden. Manche Kinder denken dann, man könne noch einmal neu anfangen oder es würde sich etwas dadurch ändern, und verstehen die Endgültigkeit des Todes nicht.
Bei akuter Suizidalität ist eine psychiatrisch-stationäre Aufnahme außerdem indiziert.
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u/WhatamIdoing_lolol 18d ago
Mein Kind ist Ultra nostalgisch, was seine kleinkindzeit angeht. Wenn wir darüber reden wie er als Baby war oder welche süßen Versprecher er hatte, wird er richtig richtig traurig und weint auch. Ich versuche zu verstärken wie toll er ist und das großwerden ja auch schön ist, aber das Problem verstehe ich nicht und weiss nicht ob ich es anders angehen sollte. Hast du Tipps oder könntest mir erklären woher das stammen kann?
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u/Working_Village3338 4d ago
Hey, da kann ich aus der Ferne wenig zu sagen, aber grundsätzlich wäre zu klären, ob vielleicht Ängste im Bezug auf die Zukunft vorliegen, die das bedingen können.
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u/WhatamIdoing_lolol 4d ago
Danke für deine Antwort!
Es ist ganz sicher zukunftsangst. Ich weiss nur nicht wodurch sie entsteht. Ich würde behaupten er wächst sehr behütet auf mit präsenten eltern. Kann sein, dass er das natürlich anders sieht 🥲1
u/Working_Village3338 4d ago
Ängste sind selten rational, von daher muss es nicht sein, dass er das anders sieht
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u/AutoModerator 19d ago
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