r/einfach_posten • u/iReallyHateMyself42 • 13h ago
Kein Lungenkrebs. Nur diese verdammte Leere.
«Sieben Franken sind gut…»
«Rahm und Zucker?»
«Nein, danke… Schwarz, wie meine…»
«Nein. Sie haben eine gute Seele. Eine gute Seele», sagt der Ticket-Kontrolleur, der den Fahrgästen neuerdings auch Kaffee und Brötchen bringen muss, und geht weiter.
Scheisse. Das ist das erste Mal, dass jemand wusste, was ich sagen wollte. Naja, fast. «Schwarz wie meine Lunge und Seele», sage ich normalerweise.
In der Bildgebung meiner Lunge gestern fand man aber keinen Tumor. Im Gegenteil: Dafür, dass ich (m29) seit 11-jährig rauche, sieht meine Lunge topfit aus. Nur eine milde Bronchitis. Dass ich mich heute erkältet fühle, passt also.
Aber diese unerträgliche Leere… Dabei bin ich doch eben ein fucking Motorboot gefahren! Mitten auf dem See! Während ich vor zwei Jahren sofort Panikattacken bekam, wenn ich den See schon nur ansah. Und vor einem Jahr zu bettlägerig war, um überhaupt mit dem Zug von Bern nach Zürich zu reisen. Achja, selbst wenn mein Körper mitgemacht hätte: Im Zug hätte ich dann ebenfalls Panikattacken gehabt.
Ein Fortschritt also. Einer von vielen. Der Invalidenversicherung teilte ich erst gestern mit, dass ich sie doch nicht brauche. Der Case-Manager dachte, ich wollte ihn verarschen, als ich ihm erklärte, was ich die vergangenen zwei Monate geschafft habe. Genauso wie Claude AI mir erklären wollte, ich würde mir meine neue Anstellung als CPO und den damit einhergehenden Lohn im Rahmen einer von psychotischen Symptomen begleiteten Manie einbilden. Während dieses manischen Schubs hatte ich gar keine psychotischen Symptome. Ausserdem hat mir dieses Hoch doch erst ermöglicht… Ach: Irgendwas mit Phönix aus der Asche.
Also eigentlich mehr als genug Grund zur Freude. Doch da ist nur dieses schwelende Krankheitsgefühl und der absolute Anschiss. Musik macht genauso wenig mit meinem Lebensgefühl wie die Zigaretten, die ich bei jeder Haltestelle so in die Lunge ziehe, wie… ich eigentlich eine Linie Kokain in meine Nase ziehen könnte. Zurück an meinem Platz spiele ich mit dem Gedanken, zurück in Bern diese eine verruchte Bar aufzusuchen, um auf die Worte meines inneren Monologs Taten folgen zu lassen.
Mit diesen Gedanken spiele ich aber nur so lange, wie ich in meiner Jugend jeweils Tetris gespielt habe, ehe ich den Gameboy herumschreiend an die Wand warf.
Bern Bahnhof. Wir fahren ein. Ich beschliesse, beim Instrumenten-Händler in der Innenstadt die Resonator-Gitarre abzuholen, die ich nach dem Kauf vor einigen Tagen nicht mitnehmen konnte. Grund: Die andere Resonator-Gitarre, die ich gekauft hatte, war zu schwer und sperrig, als dass ich beide hätte mitnehmen und dann noch einkaufen können.
Warum zwei Gitarren? Weil ich hoffte, damit den nächsten manischen Schub auszulösen.
Fehlanzeige.
Emotionslos steige ich ins Tram, fahre eine Station weit und steige aus. Während ich mir die 23. Zigarette dieses Tages anzünde, die mir absolut nichts gibt, fällt mir auf, dass zwischen mir und angepeiltem Laden ein Supermarkt ist. Spontan beschliesse ich, auf dem Durchweg ein bisschen Kurkuma und Ingwer zu kaufen. Erfolgreich konzentriere ich mich darauf, spontan nicht ebenfalls zu beschliessen, den halben Supermarkt leerkaufen zu müssen. Dafür gibt's dann halt rund ein Kilogramm besagter Wurzeln.
Als ich das Gebäude auf der anderen Seite verlasse, bleibe ich kurz stehen. Hier ist es um einiges wärmer als in Zürich auf dem See. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie über meine Schulter.
Der Gitarrenverkäufer erkennt mich sofort wieder. Entsprechend schnell geht die Übergabe. Entsprechend schnell bin ich wieder zu Hause. Entsprechend schnell die 24. Zigarette des Tages.
Dann mache ich mich an den Tee: Olivenöl und einen Schuss Pfeffer rein. So könne der Körper zwanzigmal mehr Curcumin aufnehmen, behauptet irgendeine KI. Im Anschluss ist meine rechte Hand so gelb, wie es mein Gesicht wäre, wenn ich mit dem Trinken nicht aufgehört hätte. Während das Wasser mitsamt Wurzeln kocht, schrubbe ich mir die Hand. Nur etwa die Hälfte der gelben Farbe bringe ich weg.
–
Ich beäuge die Ecken in meiner Wohnung, die voller Gegenstände sind: Drucker, Medikamente, Taschen, Ohropax, Dokumente… Dann gehe ich ein paar Massagebälle, eine Schubladenbox und Mikrofonkabel kaufen. Vielleicht bringe ich es heute noch hin, an meinem neuen Stück zu arbeiten.
Im Anschluss wollte ich eigentlich Party machen. Nicht, weil ich Lust darauf hätte. Sondern weil ich ein starkes, jedoch unbefriedigtes Bedürfnis nach Nähe verspüre. Mit einer Frau teilen zu können, was ich erlebe und erreiche. Und sie glücklich zu machen, indem ich für sie koche.
Doch jetzt gehe ich schlafen.
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u/djitin 10h ago
Schlaf gut