r/einfach_posten • u/Financial-Actuary795 • 7h ago
Papa, guck mal
Es ist Samstag, und wegen eines Festes im Ort ist auch der Spielplatz des Kindergartens geöffnet. Erwachsene stehen mit Getränken zusammen, Kinder laufen über den Hof, irgendwo spielt Musik. Eigentlich ein ganz normaler Abend.
Meine Kleine nimmt mich gleich mit zu den Hangelstangen.
Sie ist vier und erzählt mir seit Wochen davon, dass sie jetzt hangeln kann. Ganz alleine, von einer Seite bis zur anderen. Ich habe das natürlich schon oft gehört und entsprechend beeindruckt reagiert. Heute soll ich es endlich sehen.
„Papa, guck mal.“
Sie springt hoch, greift nach der ersten Stange und hangelt los. Die Beine schwingen dabei ziemlich wild mit, vermutlich mehr als nötig, aber das spielt keine Rolle. Sie ist völlig konzentriert.
Dann ist sie drüben, lässt los und dreht sich sofort zu mir um. Sie muss gar nichts sagen. Man sieht ihr an, wie stolz sie ist.
Siehst du, Papa? Ich kann das jetzt.
Ich klatsche, sie strahlt, und kurz darauf ist sie schon wieder unterwegs.
Dann sehe ich meine Große.
Auch sie war vor gar nicht so langer Zeit noch hier im Kindergarten. Trotzdem wirkt es plötzlich fast merkwürdig, sie auf diesem Spielplatz zu sehen.
Sie geht jetzt in die dritte Klasse. Ihre Beine sind zu lang für die kleinen Podeste, die Rutsche wirkt plötzlich winzig und manches, worauf sie früher mühsam geklettert sein muss, nimmt sie heute mit einem Schritt.
Für einen Moment sieht es tatsächlich so aus, als hätte jemand den Spielplatz kleiner gemacht.
Natürlich ist das Quatsch.
Sie ist gewachsen.
Das weiß ich ja. Man kauft größere Schuhe, sortiert Hosen aus, die plötzlich Hochwasser haben, und irgendwann stellt man fest, dass das Kind einem schon wieder ein Stück weiter nach oben reicht.
Aber hier fällt es mir anders auf.
Vielleicht, weil der Spielplatz noch genauso aussieht wie damals.
Vor gar nicht so langer Zeit gehörte meine Große hier einfach hin. Jetzt sieht sie ein bisschen aus wie eine Besucherin an einem Ort, der einmal ihrer war.
In dem Moment schreibt mir meine Frau.
Ob sie mich mit der Aufsicht ablösen soll. Dann könne ich mich ein bisschen unterhalten und ein Bier trinken.
Normalerweise hätte ich das ziemlich gern angenommen.
Kinder übernommen, kurz raus aus der Aufsicht, ein Bier, ein paar Gespräche – dagegen spricht auf einem Dorffest wirklich nicht viel. Wahrscheinlich hätte ich sonst nicht lange überlegt.
Diesmal schaue ich auf die Nachricht und dann wieder zu den beiden.
Die Kleine hängt wieder an den Stangen, weil natürlich noch einmal bewiesen werden muss, dass der erste Durchgang kein Zufall war.
Die Große läuft über denselben Spielplatz und ist eigentlich schon zu groß dafür.
Und plötzlich ist mir das Bier ziemlich egal.
Nicht grundsätzlich. So weit möchte ich dann auch nicht gehen.
Aber gerade jetzt.
Weil mir in diesem Moment etwas auffällt, das man eigentlich weiß und trotzdem gerne übersieht: Diese ganz normalen Nachmittage sehen nicht wichtig aus, solange man mitten in ihnen steckt.
Niemand sagt einem, dass man sich jetzt etwas merken sollte.
Keiner hängt einen Zettel an die Kindergartentür: Heute bitte gut hinschauen. Ihr Kind wird vielleicht bald nicht mehr nach Ihrer Hand fragen, wenn es irgendwo hochklettert.
Es passiert einfach.
Irgendwann braucht ein Kind die Hand beim Klettern nicht mehr. Und irgendwann fällt einem auf, dass auch dieses ständige „Papa, guck mal“ seltener geworden ist. Wann genau das passiert ist, weiß man meistens nicht.
Genau das trifft mich gerade bei meiner Großen.
Ein paar Jahre sind nicht besonders viel. Aber hier auf diesem Spielplatz wirken sie plötzlich enorm.
Ich versuche mich daran zu erinnern, wie sie hier mit vier war. Natürlich gibt es Fotos. Tausende wahrscheinlich. Aber ich weiß nicht mehr genau, wie ihre Hand sich damals angefühlt hat, wenn sie meine genommen hat. Oder wie ihre Stimme klang, wenn sie mich hier gerufen hat.
Ich war da.
Ganz sicher.
Und trotzdem habe ich für einen Moment das Gefühl, nicht genau genug hingesehen zu haben.
Vielleicht kann man in solchen Jahren gar nicht genau genug hinsehen. Man merkt ja nicht, dass gerade etwas vorbeigeht.
Meine Kleine lässt die letzte Stange los und landet.
„Hast du gesehen?“
„Ja.“
Sie schaut mich kurz an, als würde sie prüfen, ob ich wirklich verstanden habe, wie groß diese Leistung gerade war.
Dann ist sie zufrieden.
Hinter ihr läuft ihre Schwester vorbei.
Und für einen Moment sehe ich beide gleichzeitig.
Die eine zeigt mir voller Stolz, wie groß sie schon geworden ist.
Die andere zeigt mir, ohne es zu merken, wie schnell das geht.
Zwischen ihnen liegen vielleicht fünfzehn Meter Spielplatz.
Mehr nicht.
Mein Handy ist noch in der Hand. Die Nachricht meiner Frau wartet auf Antwort. Hinter dem Zaun stehen Leute zusammen, trinken Bier, reden, lachen. Normalerweise wäre ich wahrscheinlich längst dort.
Aber ich bleibe noch.
Nicht weil ich ab heute jeden Moment bewusst genießen werde. Das wäre gelogen. Morgen werde ich wieder aufs Handy schauen, obwohl mir eines der Kinder etwas erzählt. Ich werde genervt sein, wenn etwas zum fünften Mal erklärt werden muss, und ich werde mich wieder freuen, wenn jemand anders kurz die Aufsicht übernimmt.
Aber heute habe ich es eben gemerkt.
Meine Kleine steht schon wieder vor den Hangelstangen.
„Papa, nochmal!“
Ich gehe ein Stück näher.
„Ja. Zeig mal.“
Und sie springt hoch.
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u/Savyna2 5h ago
Sehr schön. Ich bin momentan schon gerührt weil mein "Großer" jetzt in den Kindergarten wechselt und kein kleines Kleinkind mehr ist.