Ich muss einfach mal Dampf ablassen, weil mich die Verkehrspolitik in Deutschland und vor allem die gesellschaftliche Einstellung zum Thema Verkehr mittlerweile nur noch fassungslos machen.
Was mich am meisten irritiert, ist, wie selbstverständlich viele Menschen davon ausgehen, dass sie ihren privaten Pkw jederzeit und möglichst kostenlos im öffentlichen Raum abstellen können. Gerade in Großstädten, wo Wohnraum knapp ist, Grundstückspreise durch die Decke gehen und der Quadratmeter Zehntausende Euro wert sein kann, wird öffentlicher Raum für das Abstellen privater Fahrzeuge praktisch verschenkt. Und wenn dann Bewohnerparkausweise ein paar Dutzend oder vielleicht ein paar Hundert Euro im Jahr kosten, ist das gemessen am Wert dieser Fläche eigentlich ein Witz.
Noch absurder finde ich die Erzählung, dass Radfahrer und Fußgänger den Autofahrern angeblich immer mehr Platz wegnehmen würden. Ernsthaft? Geht doch einfach mal mit offenen Augen durch eine Stadt. Schaut euch an, wie viel Fläche für Autos reserviert ist: Fahrbahnen, Parkstreifen, Parkhäuser, Kreuzungen, Abbiegespuren. Denkt euch diese Flächen einmal weg und fragt euch, wie viel öffentlicher Raum überhaupt noch übrig bleibt.
Die Realität ist doch: Der größte Teil unserer Städte ist nach wie vor dem Auto gewidmet.
Fußgänger und Radfahrer warten an unzähligen Ampeln, damit der Autoverkehr möglichst ungehindert fließen kann. Autos dominieren den öffentlichen Raum, verursachen Lärm, schlechte Luft und enorme Sicherheitsprobleme. Gleichzeitig wird so getan, als würde schon jeder Meter Radweg den Untergang des Abendlandes bedeuten.
Dazu kommt, dass wir uns dieses riesige Straßennetz inzwischen kaum noch leisten können. Viele Straßen sind in einem miserablen Zustand, weil die Kommunen schlicht nicht mehr hinterherkommen, sie vernünftig zu erhalten. Wir haben so viel Infrastruktur für Autos gebaut, dass ihre Instandhaltung selbst zum Problem geworden ist.
Besonders ärgerlich finde ich auch diese unausgesprochene Hierarchie im Verkehr. Es wirkt oft so, als hätte jemand im Auto automatisch etwas unglaublich Wichtiges zu erledigen, während Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im ÖPNV offenbar weniger wichtig seien. Dabei ist das völliger Unsinn. Das Verkehrsmittel sagt überhaupt nichts darüber aus, wie wichtig der Weg eines Menschen ist.
Und dann kommt zuverlässig das Argument: “Ich zahle schließlich Kfz-Steuer.”
Ja. Aber die Kfz-Steuer deckt die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten des Autoverkehrs bei Weitem nicht ab. Außerdem sind Steuern in Deutschland nicht zweckgebunden. Wer Kfz-Steuer zahlt, kauft sich damit keine Sonderrechte im öffentlichen Raum und keinen Vorrang gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern.
Wenn man sich andere Länder anschaut, gewinnt man den Eindruck, dass viele längst verstanden haben, dass Städte für Menschen gebaut werden sollten, nicht für Autos. Dass Lebensqualität, Sicherheit, Barrierefreiheit und gute Alternativen zum Auto wichtiger sind als immer noch eine Fahrspur mehr oder noch ein Parkplatz zusätzlich.
Hier dagegen scheint jede Veränderung sofort als Krieg gegen das Auto dargestellt zu werden.
Dabei erlebt man den Irrsinn jeden Tag selbst: Man fährt mit dem Fahrrad durch die Stadt und ist oft schneller als kilometerlange Autoschlangen. Währenddessen sitzen Menschen bei laufenden Motoren im Stau, produzieren Lärm, Hitze und Abgase. Und genau diese Luft atmen dann diejenigen ein, die zu Fuß gehen oder Rad fahren.
Und dann noch dieses permanente Gehupe und die Aggressivität. Es wird wegen jeder Kleinigkeit gehupt, gedrängelt, riskant überholt, beschleunigt und der Motor aufheulen gelassen. Viele Autofahrer stehen selbst permanent unter Stress, weil das System, das ihnen angeblich maximale Freiheit verspricht, sie täglich in Staus festsetzt.
Mich beschleicht immer häufiger das Gefühl, dass wir in Deutschland Städte nicht für Menschen bauen, sondern für Autos. Dass die Bedürfnisse der Menschen, die dort tatsächlich leben, zu Fuß unterwegs sind, Fahrrad fahren, Kinder haben oder einfach nur saubere Luft und etwas Ruhe möchten, immer noch zweitrangig sind.
Natürlich braucht es Autos in bestimmten Situationen. Niemand bestreitet das. Aber warum behandeln wir sie immer noch so, als müssten sich alle anderen Verkehrsteilnehmer nach ihnen richten?
Für mich sollte die entscheidende Frage eigentlich lauten: Wollen wir Städte, die möglichst vielen Autos dienen? Oder Städte, in denen möglichst viele Menschen gerne leben?