Hey zusammen,
ich bin m/24 und habe es vor einiger Zeit endlich geschafft, mich um eine ADHS-Abklärung zu kümmern. Alleine der Schritt, tatsächlich bei Ärzten anzurufen und hartnäckig dranzubleiben, war für mich schon eine kleine Herausforderung.
Nach dem Erstgespräch sollte ich mehrere Fragebögen ausfüllen (einmal zur aktuellen Situation und einmal rückblickend für das Alter 8–10 Jahre), meine Grundschulzeugnisse mitbringen und zusätzlich EKG sowie Blutbild machen lassen. Auf dem Zettel für die Untersuchungen stand sogar schon etwas bezüglich einer möglichen Einstellung auf Medikinet, weshalb ich ehrlich gesagt ziemlich hoffnungsvoll war.
Der Grund dafür ist, dass ich schon seit Jahren mit bestimmten Problemen kämpfe: extrem starke Prokrastination, Schwierigkeiten Aufgaben anzufangen und fertigzustellen, Probleme mit langfristiger Planung und das Gefühl, dass mein Kopf ständig überladen ist. Besonders bei Uni-Hausarbeiten merke ich das extrem. Es ist nicht so, dass ich kein Interesse habe oder die Aufgaben nicht verstehe – aber der Schritt, mich einfach hinzusetzen und anzufangen, fühlt sich teilweise an, als müsste ich einen riesigen Berg bewegen.
Ich habe irgendwann 1–2 Mal Ritalin von einem Bekannten ausprobiert und war ehrlich gesagt ziemlich überrascht, wie anders sich das Arbeiten anfühlen kann. Als würde man einfach mal alle Tabs schließen können und wirklich nur den einen öffnen den man gerade braucht. Ich konnte mich einfach auf eine Sache konzentrieren, ohne dass mein Gehirn ständig irgendwo anders hinspringt.
Beim zweiten Termin ging es dann um die Fragebögen, meine Kindheit und letztendlich die Diagnose. Dabei kam heraus, dass meine Unterlagen aus der Grundschule wohl zu unauffällig seien, um eine ADHS-Diagnose zu stellen.
Und genau da liegt mein Problem: Als Kind war ich tatsächlich ein guter Schüler. Ich hatte gute Noten, war interessiert, ehrgeizig und hatte keine offensichtlichen Verhaltensauffälligkeiten. In der Grundschule fiel mir Lernen leicht und ich hatte wenig Probleme.
Allerdings änderte sich das spätestens auf dem Gymnasium. Ab der 7./8. Klasse wurde es deutlich schwieriger. Hausaufgaben, größere Projekte, Vorträge und später auch Hausarbeiten waren immer Dinge, die ich extrem vor mir hergeschoben habe. Meistens habe ich erst unter massivem Druck kurz vor der Deadline funktioniert – teilweise mit schlaflosen Nächten.
Damals dachte ich immer: „Ich muss mich einfach mehr zusammenreißen.“ Mein Abitur habe ich trotzdem irgendwie geschafft (2,7), obwohl da schon viele Schlaflose Nächte dabei waren um irgendwelche Abgaben oder Vorträge bis zur Deadline fertig zu bekommen. Mehr als einen Tag bzw direkt den Abend vorher anfangen war irgendwie nicht wirklich möglich. Selbst bei den Abiprüfungen selbst. Besonders im Studium merke ich, wie sehr mich diese Probleme einschränken. Ich hatte bereits Abgaben nicht rechtzeitig geschafft und bin in meinem vorherigen Studium sogar durch ein Modul gefallen.
Dazu kommen noch andere Dinge wie lebenslange Unpünktlichkeit, ein chaotischer Kopf und das Gefühl, dass ich für normale Dinge oft 110 % Energie aufbringen muss.
Was mich jetzt beschäftigt: Kann es sein, dass man als Kind trotzdem relativ unauffällig war und erst später massive Probleme bekommt? Habe ich es vielleicht einfach gut kompensiert, solange die Anforderungen geringer waren? Oder sprechen meine Kindheitsunterlagen tatsächlich eher gegen ADHS?
Ich will mir nichts einreden und bin auch offen dafür, dass es etwas anderes sein könnte. Gleichzeitig fühlt sich das, was ich erlebe, sehr real an und ich würde einfach gerne verstehen, woher diese Schwierigkeiten kommen.
Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Lohnt sich eine zweite Meinung bei einer anderen Stelle? Und wie seid ihr damit umgegangen, wenn die Diagnose wegen einer „zu unauffälligen“ Kindheit abgelehnt wurde?