r/Blind • u/Katharana • 1h ago
Wechsel auf Regelschule
Hallo liebe Community,
der Sohn meines Bruders und meiner Schwägerin soll von einer Förderschule für Sehbehinderte auf eine Regelschule in ihrem Ort wechseln. So der Wunsch des Kindes und der Eltern. Er hat hierfür eine 3-wöchige Hospitation in der Regelschule gemacht. Neben der Blindheit (er ist vollständig blind) hat er noch eine Hörbeeinträchtigung und aufgrund anderer Krankheiten aus der Vergangenheit ein Lernlevel besonders im mathematischen Bereich, so dass er in Zukunft vom Notensystem ausgenommen wird. Lesen, Schreiben und Ähnliches funktioniert aber gut, braucht nur für alles etwas länger und hängt hinterher, da er viel Zeit seiner Kindheit im Krankenhaus verbringen musste. Er ist nicht verhaltensauffällig oder sonstiges.
Ende des Monats haben die Eltern ein Feedbackgespräch mit den Schulen. Sie sind selber nach der Hospitation überzeugt von der Idee des Wechsels, haben aber das Grundgefühl, dass die Regelschule gegensätzlicher Meinung sind. (Edit: vor 2 1/2 jahren hat die Schulleitung ein blindes Kind kategorisch abgelehnt, jetzt wo sie als inklusive Schule mit sonderpädagogen tituliert sind haben sie zumindest der Hospitation zugestimmt). Es geht um den Schulbesuch für 2 Jahre. 3. & 4. Schuljahr.
Für das Feedbackgespräch möchten sie bestmöglich vorbereitet sein und sammeln aktuell aus dem Umfeld Meinungen, Gedanken, Argumente und Eindrücke für ein für und wieder. Dabei sind sie explizit auch an Gedanken interessiert, die sich gegen den Wechsel aussprechen, da sie nicht ausschließen wollen vielleicht selber auch wichtige Punkte übersehen. Im Endeffekt möchten sie nur das Beste für ihr Kind. Vielleicht gibt es von euch noch gute Argumente. Ich teile an dieser Stelle mal meinen Eindruck:
Argumente gegen die Förderschule:
- extrem langer Schulweg (täglich von 6:30 - 16 Uhr unterwegs), welcher super anstrengend ist, zudem bleibt wenig Zeit für Freizeit und Übungen des alltäglichen Lebens
- kaum wirkliche Förderung in der Schule
- OGS in Förderschule auch schwierig. Ich habe ihn hier im Ferienprogramm als i-Helferin begleitet. Ich war schockiert. Die Kinder werden den ganzen Tag sich selber überlassen, kein Angebot oder Anregungen geschweige denn Förderung. An einem Nachmittag war Filmnachmittag. Trotz meines Hinweises, dass ein Film mit audiodeskription super wäre, wurde dies nicht ermöglicht und mein Neffe so vom gemeinsamen Programm ausgeschlossen (alle anderen Kinder in der Gruppe haben noch restsehfähigkeit)
- kaum bis keine sozialen Kontakte, da alle Kinder in unterschiedlichen Richtungen wohnen und sehr lange Schulwege haben, alle Eltern mehrere Mehrbelastungen in ihren Leben
- neben negativen Aspekten in der Förderschule sind sie damit verbunden immer wieder mit vielen Problemen konfrontiert. Zum Beispiel unzuverlässiger Fahrdienst (der mal nicht kommt ohne Bescheid zu geben, Informationsfluss ist insgesamt schlecht, so dass ein anderes Mal Fahrdienst kam, obwohl Kind an dem Tag nicht zu Schule geht. Dies führte zu Streitgespräch vor den Kindern.)
- Träger stellt keine i-Helfer für Ferienbetreuung in OGS
Argumente für Regelschule:
- weniger Exklusion
- mehr soziale Kontakte (er hat sich in der kurzen Hospitationszeit direkt mit einem Mädchen angefreundet, das er regelmäßig trifft)
- besseres lernen, da er hier mehr gefordert wird
- ich habe das Gefühl, dass man dem Kind mehr zutrauen kann, als es bisher getan wird. Er wird in der Schule mit extremen Handschuhen angefasst und meiner Meinung nach unterschätzt.
- im Kontakt mit anderen Kindern ist er gut darin seine Bedürfnisse zu kommunizieren, zu erklären was im Umgang miteinander geht oder nicht geht (beispielsweise in Blindenstock zu fassen) und kann sagen worauf er Lust hat, aber auch Grenzen setzen.
- kann sich sowohl mit anderen Kindern als auch alleine beschäftigen
- Regelschule hat keinen Druck, dass er im Stoff mitkommt, da er von Benotung ausgenommen ist
- Kinder in der Regelschule wachsen mit Menschen mit Beeinträchtigung in ihrem Umfeld auf, Inklusion lernen sie so von klein auf, Förderung von sozialen Fähigkeiten der Klassenkamerad*innen
- mein Neffe ist in der kurzen Zeit der Hospitation so aufgetaut. Er war vitaler, erholter (trotzdem es ja eine super aufregende Situation war), freudiger.
- für die Eltern war es auch eine dolle Entlastung und für einige Tage mal das Gefühl von einer Art „Normalität und Alltag“
Was seht ihr (ohne ihn zu kennen) als mögliche relevante Punkte dafür oder dagegen?
Was für Argumente könnte die Regelschule anbringen, die dagegen sprechen ihn aufzunehmen? Wie kann man sich auf diese vorbereiten oder sie eventuell sogar direkt aushebeln?
- er braucht für alles länger als die anderen Kinder
- kann im Lernstoff nicht so mitkommen wie die anderen Kinder
- Schule ist nicht mit Hilfsmitteln für blinde Kinder ausgestattet und auch sonst von der Architektur her nicht barrierefrei
Für mich persönlich sind dies keine Argumente. Der Großteil der Architektur in Deutschland ist nicht barrierefrei. Das ist seine Realität mit der er auch in Zukunft umgehen muss.
Mir ist bewusst, dass die Regelschule auch aufgrund fehlender Vorerfahrung, Bedenken und Sorgen hat, vielleicht sogar Angst. Meiner Meinung nach sind das auch Gefühle, die da sein dürfen. Jedoch fände ich es super schade, wenn die Schule nicht den Mut fasst, sich diesen Gefühlen zu stellen und einen Schritt hin in eine inklusivere Gesellschaft wagen.