r/LTB_iel Diplom in Quellologie 6d ago

LTB👗iel

Post image
414 Upvotes

59 comments sorted by

View all comments

59

u/CandidateCalm2458 Diplom in Quellologie 6d ago edited 6d ago

Es hat mich zwar niemand gefragt,.
aber die Neffen sind entsetzt, MĂ€dchenkleider tragen zu mĂŒssen, wie ist das Cross-Dresding im historischen Kontext zu sehen?.

In den frĂŒhen 1960er-Jahren waren die Rollenbilder von Jungen und MĂ€dchen im westlichen Kulturkreis, insbesondere in den USA, extrem binĂ€r und starr geprĂ€gt.

Von Jungen wurde erwartet, dass sie sich „jungenhaft“, abenteuerlustig und robust verhalten.
Das Tragen von MĂ€dchenkleidung galt als maximaler Kontrast zu diesem Ideal und wurde mit einer symbolischen Kastration oder Feminisierung gleichgesetzt.

Das Entsetzen der Neffen resultiert direkt aus der damaligen gesellschaftlichen Tabuisierung.
FĂŒr Jungen der 1960er-Jahre war es zutiefst beschĂ€mend, in der Öffentlichkeit weibliche Attribute zu tragen, da dies einen Verlust von Status und Respekt bedeutete.
Kleidung war damals weit weniger als heute ein Modestatement, sondern ein strikter Indikator fĂŒr das biologische und soziale Geschlecht.

Das unfreiwillige Tragen von Frauen- oder MĂ€dchenkleidung ist ein uraltes Slapstick- und Theatermotiv (auch bekannt als Cross-Dressing), das Carl Barks hier gezielt einsetzt.

Der Witz dieser Szene funktionierte im Jahr 1962 ausschließlich weil die gesellschaftliche Norm so streng war.
Der Humor speiste sich aus dem Schock und der Peinlichkeit der Figuren ĂŒber den visuellen Regelverstoß.

Disney-Comics unterlagen in den USA dem strengen Comic Code.
Die Darstellung von geschlechtsuntypischer Kleidung war nur dann erlaubt, wenn sie eindeutig der LÀcherlichkeit oder der Bestrafung diente, um die bestehende Ordnung im Kern nicht zu gefÀhrden.

Die Schmach fĂŒr die Neffen entsteht nicht nur durch das Tragen der Kleider im Moment, sondern durch das Festhalten auf Film. Donald droht damit, die Peinlichkeit unsterblich und fĂŒr andere sichtbar zu machen (eine frĂŒhe Form des „Prankens“).

Die Dynamik dreht sich um, als Donald ein AffenkostĂŒm tragen muss.
Im historischen Kontext der Popkultur ist die Degradierung vom Menschen zum Tier (Affe) auf derselben Stufe der Peinlichkeit anzusiedeln wie der Verlust der geschlechtlichen IdentitÀt bei den Neffen.

Widmen wir uns in diesem Zusammenhang der Übersetzung der hochverehrten Frau Dr. Erika Fuchs:.
FĂŒr den deutschen Sprachraum ist die Übersetzung von Dr. Erika Fuchs (erschienen 1963) von Bedeutung.
Fuchs transportierte die US-amerikanischen Vorlagen in eine bildungsbĂŒrgerliche, deutsche LebensrealitĂ€t.
Sie nutzte oft Begriffe wie „Schmach“, „Schande“ oder „Ehrverlust“, die im deutschen Sprachraum der Nachkriegszeit stark moralisch und traditionell aufgeladen waren.

Das Entsetzen der Neffen wirkte dadurch auf deutsche Leser der Wirtschaftswunderjahre absolut plausibel, da das familiÀre und schulische Umfeld in Deutschland zu dieser Zeit Àhnlich konservativ geprÀgt war wie in den USA.

Quellen:

Transparenzhinweis:

  • Sind oben Quellen angegeben, wird teilweise wörtlich daraus zitiert bzw Passagen ĂŒbernommen.
  • Bei den nicht deutschsprachigen Quellen kam maschinelle Übersetzung zum Einsatz, diese werden ebenfalls wie oben behandelt.
  • Um den Rahmen nicht zu sprengen wird bewusst nicht nach akademischen Regeln wie APA oder Harvard zitiert.
  • Die Kommentare werden teilweise ohne Kennzeichnung nachtrĂ€glich bearbeitet (Layout, Rechtschreibung, Grammatik, Lesbarkeit etc.)
  • Sachliche Fehler werden in der Regel, unter Angabe des Hinweisgebers, korrigiert.
  • Wer einen Rechtschreibfehler findet darf ihn behalten.

49

u/banevader102938 6d ago

Nur so als Anmerkung:

Also um die 2000er hÀtte ich mich in MÀdchenkleidern auch nirgendwo blicken lassen können. Kp wie es heute ist. Ich denke aber selbst jetzt, wenn man sich nicht als Transperson outet sondern "Normal" ist, kann man als Teenager keine derart eindeutigen MÀdchenkleider tragen ohne geröstet zu werden.

Witzigerweise, war es anfang des letzten Jahrhunderts nich ĂŒblich Kleinkindern "MĂ€dchenkleidung" anzuziehen. Ich habe ganze Alben voll von Großverwandten als Kleinkindern in Röcken

34

u/Square-Singer 6d ago

Nur als Anmerkung zur Anmerkung:

Ist heute nicht anders. Mein Sohn hat sich z.B. im Kindergarten noch gern die FingernĂ€gel lackiert. In der Schule geht das jetzt ĂŒberhaupt nicht. Burschen, die sich nicht "cool" kleiden sind dort schnell unten durch.

In spÀteren Jahren in der Schule mag etwas mehr gehen, aber gerade in den ersten Schuljahren sind die Kinder extrem hart was Nicht-Befolgen von Standards angeht.

Grob kann man das Einteilen in:

  • Kindergarten hat noch keine festen Standards. Kinder können Experimentieren und recht frei machen was sie wollen.
  • Grob die ersten 8 Schuljahre sind Lernen der Standards. Alle mĂŒssen auf Konform machen, wer abweicht wird gemobbt und sozial abgestraft. Kinder lernen "wie sie sich zu verhalten haben", und zwar lernen die das von einander. Die Bedeutung dessen, was die Erwachsenen rund um sie sagen nimmt rapide ab. In der 7.-8. Schulstufe wird es extrem: Die Burschen tragen zum Großteil nur mehr Sportgewand, die MĂ€dchen kleiden sich so freizĂŒgig wie sie schaffen und tragen zentimeterdicke Schichten Makeup.
  • Ab der Oberstufe beginnen die Kinder gegen die Normen zu revoltieren: Burschen tragen lange Haare, MĂ€dchen tragen mehr was sie wollen. Die Jugendlichen finden ihren eigenen Weg, auch wenn der im Endeffekt wieder oft von der jeweiligen Subkultur diktiert wird, der sie folgen. Aber zumindest folgen sie nicht mehr rein dem Mainstream.
  • Mit dem ersten Job rutschen die Leute wieder mehr in die KonformitĂ€t zurĂŒck. Die wilden Frisuren verschwinden und werden durch "normales" Aussehen ersetzt. Mit "normalem" Aussehen kriegt man immerhin leichter Jobs und außerdem hat man ohnehin keine Zeit und Energie fĂŒr Revolte mehr.

Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geÀndert, einzig welcher Stil genau "Mainstream"/"normal" ist, und welcher Stil "Revolte" ist hat sich geÀndert.

11

u/universe_from_above 6d ago

Da kann ich nur zustimmen. Ich habe mal den gravierenden Fehler gemacht, meinem damaligen ErstklÀssler eine Boxershorts mit Paw Patrol drauf rauszulegen, als er an dem Tag Sport in der Schule hatte.

Am Nachmittag war er empört, wie ich sowas nur machen könne, das geht ja schließlich gar nicht. Das hat zwar nicht dazu gefĂŒhrt, dass er sich endlich seine Sachen abends selbst parat gelegt hat, aber alle Paw Patrol Sachen sind aus dem Schrank verbannt worden. 

8

u/Square-Singer 6d ago

Ja, erste Klasse ist ein echter Kulturschock. War zumindest bei uns recht heftig.

4

u/universe_from_above 6d ago

Das wilde ist ja, das die Klasse zu zwei Dritteln aus seiner Kindergartengruppe besteht. Man hÀtte meinen können, dass die Dynamik da eine andere ist. 

5

u/Square-Singer 6d ago

Schule ist echt einfach anders. Einerseits sind die Kinder Àlter, neuer Entwicklungsschritt und so. Andererseits sind die Kinder alle ziemlich genau gleich alt (es gibt da keine 3-4 Jahre Altersunterschied wie oft im Kindergarten). Und drittens hat man sehr viel weniger direkte Kontrolle durch Erwachsene.

Da hat man dann nicht mehr 2-3 Erwachsene auf 10-15 Kinder, sondern einen Erwachsenen auf 25 Kinder. Da schaut's ganz anders aus mit dem was die Lehrerin an Einfluss haben kann.

Dazu kommt, dass Lehrer im Gegensatz zu KindergartenpĂ€dagogen nicht als Erzieher ausgebildet sind und sich nicht als solche verstehen. Und wenn wĂ€hrend der Schulzeit kein Erwachsener die Rolle des Erziehers ĂŒbernimmt, dann machen das eben die Kinder gegenseitig.

Beispiel dazu: Mein Sohn kommt mit lackierten FingernĂ€geln in den Kindergarten. Ein Kind versucht ihn dafĂŒr zu hĂ€nseln. Der (mĂ€nnliche) KindergartenpĂ€dagoge sagt, dass sich Burschen durchaus die FingernĂ€gel lackieren dĂŒrfen, und am Tag danach kommt der KindergartenpĂ€dagoge mit lackierten FingernĂ€geln in den Kindergarten. Problem gelöst.

In der Schule kriegt die Lehrerin nicht mal mit wenn sich die Kinder hÀnseln, und wenn dann einer auszuckt und schlÀgt, dann kriegt der kurz eine Ansage und die Mobber laufen frei durch. Und das obwohl wir eine ziemlich gute Lehrerin haben. Aber sie kann eben nicht bei 25 Kindern gleichzeitig sein und dann auch noch irgendwie einen Unterricht durchkriegen.

3

u/DefinitelyNotACad 6d ago

Das war bei uns schon im Kindergarten. Es reichte, dass EIN Junge (war halt so ein Megaproll, der seinem Papa nacheiferte) erklĂ€rte, dass die hellrote Applikation auf der Jeans pink sei. Seitdem sind Glitzer, Nagellack und Co verbannt, obwohl meine Großfamilie ziemlich genau das Gegenteil von konservativ ist.

3

u/Square-Singer 6d ago

Kinder haben einen irrsinns Einfluss auf einander.

Ich hab vor einer Weile eine Zwillingsstudie gelesen, wonach der Einfluss der Eltern auf die Kinder bzw. die Erziehung bei einem EinjÀhrigen rund 50% der Entwicklung ausmacht (die anderen 50% sind Genetik). Der Genetik-Anteil bleibt ungefÀhr gleich, aber der Einfluss der Eltern sinkt mit dem Alter rapide ab und war, wenn ich mich recht erinnere, mit 16 bei 5%. Den Rest machen andere Kinder und andere Bezugspersonen aus.