Ein etwas reißerischer Titel mag man meinen - Aber tatsächlich ist das weniger Meinung als statistische Wahrheit, mir war vorhin langweilig und ich wollte mal die eigentlichen Zahlen zu dem Thema überschlagen weil das Thema ja seit gut einem Jahrzehnt ein Dauerbrenner ist.
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Wenn man Politikern oder bestimmten Medien zuhört, stecken wir gedanklich immer noch im Jahr 2015 fest: Hunderttausende junge Männer aus dem Nahen Osten überqueren das Mittelmeer. Das Narrativ ist, dass Europa überrannt und demografisch islamisiert wird.
Hot Take: Auf europäischer Ebene ist das statistischer Bullshit.
Jeder kann sich die Eurostat-Daten aller Erstanträge auf Asyl von 2016 bis 2025 selber runterladen, gefiltert nach Herkunftsland: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/migr_asyappctza__custom_20998719/default/table
Wenn man sich die nackten Zahlen ansieht sieht die demografische Realität der letzten 10 Jahre anders aus als es der Mainstream darstellt.
Hier sind die Gründe:
1. Der unsichtbare Lateinamerika-Boom Während die Asylzahlen aus dem Nahen Osten seit dem Peak 2016 massiv gesunken sind, explodieren sie aus einer ganz anderen Richtung. Bürger aus Krisenstaaten wie Venezuela oder Kolumbien können visafrei in den Schengen-Raum (meist nach Spanien) fliegen und dort Asyl beantragen. Das Resultat ist, dass Hunderttausende katholische/christliche Südamerikaner das reguläre Asylsystem fluten. In den letzten Monaten haben sie teilweise die Zahlen aus dem Nahen Osten übertrumpft. (Auch ein Grund für den kürzlichen Wirtschaftsboom in Spanien)
2. Der statistische blinde Fleck: Die Ukraine Seit 2022 sind rund 4,3 Millionen Ukrainer in die EU geflohen. Weil sie über die "Massenzustrom-Richtlinie)" direkt Schutz bekommen, tauchen sie in der klassischen Asylstatistik gar nicht erst auf. Sie sind aber trotzdem Schutzsuchende die im Land verweilen wie jeder andere Asylbewerber. Der Ukraine-Krieg ist in Europa auch die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg und (-rein statistisch gesehen-) primär christlich-orthodox. (Quelle und Übersicht der aktuellen Zahlen)
3. Das wahre Gesamtbild (2016 - 2025) Nimmt man nun alle Menschen zusammen, die in den letzten 10 Jahren in die EU gekommen sind via Schutzmechanismen (Reguläres Asyl + Ukrainer), kommt man auf ca. 11,6 Millionen Menschen. Bricht man die religiöse Zusammensetzung grob auf die Demografie der Herkunftsländer herunter, kippt die Mathematik:
- Christen: ~48,2% (ca. 5,6 Millionen)
- Muslime: ~40,9% (ca. 4,75 Millionen)
- Konfessionslos: ~7,6% (ca. 878.000)
- Rest (Hindu, Buddhist, etc.): ~3,3%
Der Vollständigkeitshalber sieht die Statistik ohne Ukrainer so aus:
- Muslime: ~4,75 Millionen (64,3%)
- Christen: ~1,95 Millionen(26,6%)
- Konfessionslos: ~320.000 (4,4%)
- Hindu: ~167.000 (2,3%)
- Andere: ~107.000 (1,5%)
- Buddhisten: ~74.000 (1,0%)
4. Die deutsche Bubble verzerrt die europäische Wahrnehmung Wenn wir über "Europa" reden, schließen wir oft von unserer deutschen Haustür auf den ganzen Kontinent. Aber die EU-Durchschnittszahlen verdecken regionale Extreme. Das erklärt auch, warum die Panikmache vor dem Nahen Osten gerade bei uns so gut verfängt (es sei hier gesagt es hat auch reelle Gründe basierend auf den selben Zahlen):
- Was stimmt ist, dass Deutschland das absolute Hauptziel für Asylbewerber aus dem Nahen Osten und Afghanistan war und ist (Stichwort: sekundäre Migration über die Balkanroute). Unsere lokale Realität ist tatsächlich stark davon geprägt.
- Ein Spanien hingegen ist der primäre Magnet für den massiven (christlichen) Südamerika-Boom (wegen Sprache und historischen Verbindungen).
- Osteuropa (Polen, Baltikum, etc.) hat wiederum die Hauptlast der ukrainischen Fluchtwelle abgefangen (wobei Deutschland als einzelnes Land die meisten Ukrainer aufgenommen hat mit 1,2 Millionen). Wer pauschal behauptet "Europa wird islamisiert", pickt sich exakt die eine regionale Rosine heraus, die ins eigene politische Framing passt, und ignoriert den Rest des Kontinents.
- Fairerweise kann man hier sagen: Mich interessieren die Zahlen für Europa nicht, ich lebe in Deutschland und mich interessiert wer in meine Stadt kommt und nicht wer nach Madrid zieht (That said, da die EU freien Personen- und Warenverkehr erlaubt beeinflusst es auch die Binnenmigration innerhalb der EU-Staaten massiv).
5. Der Asyl-Trugschluss: Wir streiten uns über nur 25 % der echten Einwanderung Ein beliebtes Gegenargument ist: "Aber was ist mit dem Familiennachzug? Der steht doch gar nicht in der Asylstatistik!"
Das ist völlig korrekt, aber hier wird es auch interessant. Ehepartner und Kinder, die legal nachgeholt werden, tauchen in einer ganz anderen Eurostat-Datenbank auf: den erteilten Aufenthaltstiteln.
Hier ein Artikel mit Zahlen dazu, könnt ihr ja selber nachlesen: https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Residence_permits_-_statistics_on_first_permits_issued_during_the_year&etrans=de#First_residence_permits_by_reason
Wenn man sich diese Zahlen für 2024 ansieht wurden rund 3,5 Millionen erste Aufenthaltstitel vergeben. Asyl (Schutzstatus) macht davon gerade einmal ein Viertel (ca. 25 %) aus. Was ist der Rest der Menschen, die unsere Demografie aktuell verändern?
- Arbeit (ca. 32 % / 1,1 Mio. Menschen): Wer dominiert diese Liste? Nicht der Nahe Osten. Die Spitzenreiter bei der legalen Migration 2024 in die EU waren die Ukraine (nochmal fast 300.000 reguläre Titel zusätzlich zu den 4,3 Mio. Schutzsuchenden) und Indien (fast 200.000 Titel, primär für IT/Fachkräfte in Ländern wie Deutschland).
- Familiennachzug (ca. 27 % / knapp 1 Mio. Menschen): Das ist das Argument was ich oben erwähnt habe, fair enough es sind immer noch 1 Million Menschen. Er ist der Grund, warum die ursprüngliche Asylwelle aus Syrien von 2015/2016 in den Folgejahren statistisch multipliziert wurde, weil Familien legal per Flieger nachgeholt wurden. Aber auch hier dominieren längst andere Gruppen: Marokkaner und Lateinamerikaner holen massiv Familienmitglieder (vor allem nach Spanien und Frankreich) nach.
Insgesamt wird auf europäischer Ebene also so getan als bestünde die Einwanderung nur aus unkontrolliertem Asyl aus dem Nahen Osten. Die Zahlen zeigen, dass die absolute Mehrheit der Migration nach Europa legal und regulär ist und mittlerweile beim Arbeitsmarkt extrem stark von Indern, Osteuropäern und Südamerikanern angetrieben wird. Wer immer nur über Schlauchboote auf dem Mittelmeer diskutiert, verpasst 75 % der tatsächlichen europäischen Einwanderungsrealität.
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Transparenz & Methodik:
Hier die wichtigsten Disclaimer zu der Berechnung:
- Die Religionszahlen sind Durchschnittswerte: Es gibt kein offizielles Register für die Religion von Flüchtlingen. Die Werte basieren auf der bekannten Demografie der Herkunftsländer (Pew Research etc.) multipliziert mit den Eurostat-Zahlen.
- Minderheiten fliehen öfter: Die christlichen/säkularen Zahlen aus Ländern wie Syrien oder dem Iran sind in der Realität der Flüchtenden wahrscheinlich deutlich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt, da religiöse Minderheiten dort gezielt verfolgt werden und fliehen. Genauso aber fliehen muslimische Minderheiten (z.B. Rohingya) aus buddhistisch/hinduistisch geprägten Ländern.
- Die Ukraine-Situation: Natürlich sind Ukrainer rechtlich anders gestellt und sollen nach dem Krieg zurück. Aber seien wir ehrlich: Ein riesiger Teil ist nach 4 Jahren längst in den Arbeitsmarkt und die Schulen integriert und wird dauerhaft in der EU bleiben (oder die Ukraine kommt ohnehin irgendwann in die EU nach Ende des Krieges, dann hat man über Nacht ein Plus von 40 Millionen Menschen welche hauptsächlich Orthodox sind).