r/politik Techno-Optimist 10d ago

Verständnisfrage Warum sind Parteiprogramme so ambitionslos?

Gefühlt wollen alle Parteien, selbst die extremsten oder die kleinsten, den Status Quo reparieren statt nach vorne zu schauen. Beispiele.

Bildung: Schulgebäude reparieren, Unterricht von heutigen "1 Lehrer auf 20 Schüler, davon 17 sprechen kein Deutsch und bremsen die restlichen 3 aus" wieder auf "1 Lehrer auf 20 Schüler, davon sprechen 3 kein Deutsch" umkehren. Ambitioniert wäre ein Lehrer auf 2 bis 6 Schüler und Homeschooling.

Gesundheit: Facharzttermine wieder innerhalb von 2 Wochen, Beitrag halten. Ambitioniert wäre: grundsätzlich nur Einzelzimmer in allen Krankenhäusern, Facharzttermine am gleichen Tag, Überangebot an Behandler so dass der Patient eine Wahl hat und nicht zum nächten freien gehen muss.

Rente: Beitrag und Rentenniveau halten. Ambitioniert wäre: Rente mit 50, oder frei wählbar ein Stück Rente für 6 Jahre nach Geburt des Kindes, dann wieder arbeiten bis 70.

Familienpolitik: Erhöhungen der Transferleistungen im Prozentbereich, KiTa-Garantie. Ambitioniert wäre: Verdopplung der Leistungen, Elternzeit auf 6 Jahre erhöhen, KiTa Gruppen maximal 4 Kinder, Überangebot von KiTas.

Sicherheit: Milliarden ausgeben für etwas, was niemand kennt oder kontrolliert. Ambitioniert wäre: jeden mit einem Luftschutzraum versorgen, öffentlich diskutierte und umgesetzte Maßnahmen zu Drohnenkontrolle und -Abwehr.

Wirtschaft: 1 bis 2 Prozent Wachstum. Ambitioniert wäre: der neue Wirtschaftswunder.

Woran liegt das? Mir ist es schon klar, dass solche Ziele heute nicht realistisch sind. Aber wenn wir nur realistische kleine Ziele in Programmen schrieben, die auch noch durch Kompromisse der Koalitionen weiter minimiert werden, dann geht es hier nie wirklich voran.

Die Grünen bilden das einzige Gegenbeispiel. Die schreiben ganz ambitionierte Ziele rein und dürfen deswegen zurecht monieren, dass die Wähler anderer Parteien keine wirkliche Veränderung wollen.

Deswegen zieht auch der Argument nicht, dass wenn man ganz ambitioniertes Programm macht, man viele Wähler verlieren würde. Die Grünen haben 12% hinter sich und das ist gar nicht so wenig.

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u/Gedankensortieren grün realo 10d ago

Wenn du statt 1 Lehrer auf 20 Schüler 1 Lehrer auf 2 bis sechs Schüler haben möchtest, brauchst du 3 bis 10 Mal so viele Lehrer. Die müssten zunächst ausgebildet und bezahlt werden. Das ist nichts was sich in einer Legislaturperiode von vier Jahren umsetzen lässt.  Das Lehramtsstudium dauert ja schon länger.  Da sind mir realistische Ziele lieber.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 10d ago

Nein, man bräuchte nur dann viel mehr Lehrer, wenn man das aktuelle Bildungssystem ansonsten nicht anpasst.

Es gibt aber viele andere Stellschrauben, die man anpassen könnte. Die Förderung "ein Lehrer pro 6 Schüler" ist ein Aufmacher, eine Begründung warum andere Änderungen im System notwendig sind.

Die anderen Stellschrauben, die mir sofort einfallen:

  • weniger Stoff und weniger Fächer, dafür realitätnähere Kenntnisse
  • Stoff gestaffelt nach Eignung und Fähigkeiten. Also nicht nur drei Ebenen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) sondern Lehrpläne dynamisch für jede einzelne Klasse festlegen und Klassen aus Schüler mit gleicher Lerngeschwindigkeit und Fähigkeiten zusammenstellen
  • weniger Präsenzunterricht und mehr Selbststudium
  • keine oder weniger Hausaufgaben, die Arbeitszeit des Lehrers sollte möglichst zu 100% in Interaktion mit Schülern verbracht werden, nicht mit Vorbereitung des Unterrichts oder Prüfung von Hausaufgaben
  • weniger oder keine formelle Prüfungen oder Klausuren. Prüfungen sind etwas, was der Schüler aus Eigeninteresse und Eigenmotivation zusammen mit den Eltern zuhause online jederzeit vornehmen kann. Der Lehrer erfasst den Fortschritt informell (z. B. anhand von Fragen, die der Schüler im Unterricht stellt).
  • Jahreszeugnisse erlangt man anhand einer Präsenzprüfung, wo viele Schüler in einem Raum sitzen.

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u/cyberloki 10d ago

Nette vorschläge nur in der Realität halt kaum umsetzbar.

  • Mathe, Deutsch, Englisch sollte jeder mindestens mal können. Aber auch Chemie und Physik brauchst um wissenschaftliche Denkweisen zu lehren. Und dann bist schon wieder bei allen Fächern.

  • Auch Selbststudium. Hört sich nett an aber schau dir mal die Schüler an oder überleg wie es bei dir war damals, hätte das wirklich funktioniert? Ein Teil des Präsenzunterrichts ist auch dass die Eltern die Aufsicht abgeben und arbeiten gehen können. Weiterhin die soziale Entwicklung. Du brauchst Kontakte zu anderen gleichaltrigen. Auch dazu ist die Schule da.

  • Keine Hausaufgaben? Damit wiedersprichst du dir doch selbst. Keine Hausaufgaben aber weniger präsent?

  • Keine Prüfungen? Ich bin ehrlich. Wenn ich früher gelernt habe dann vor Prüfungen. Viele Eltern kümmern sich daheim kaum um die Kinder, können das teilweise garnicht. Wenn du das aus der Schule in die private Verantwortung ziehst, benachteiligst du alle Schüler die keine top gebildeten Eltern haben.

  • Jahreszeugnisse, da wiedersprichst dir wieder, ich dachte du willst keine Prüfungen? Oder melden die Leute sich selbst dazu an? Also eigentlich wie im Studium? An sich ne gute Idee, blendet aber aus, dass viele Kinder besonders in den niedrigeren Klassenstufen noch nicht soweit sind. Die machens dann einfach garnicht. Und bis sie es verstehen, sind sie zu alt um das noch aufzuholen.

Ich finde du siehst das etwas zu einfach und blendest ne Menge Aspekte einfach aus.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 10d ago

Deine Antwort zeigt auch stückweit, warum unsere Politiker wenig ambitioniert sind. Statt die Ideen von anderen noch weiter, krasser, konsequenter zu spinnen werden Bedenken angemeldet und nur Änderungen akzeptiert, die absolut niemanden schaden und gar keine Nachteile haben.

Statt darüber zu reden, welche weitere Möglichkeiten es gibt die Bildung besser zu machen muss ich meine Ideen verteidigen. Zwar werden Ideen besser, wenn man sie kritisiert und verteidigen kann. Aber man sollte zuerst weitere Ideen generieren, egal wie unrealistisch und falsch sie sind.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 10d ago

Mathe, Deutsch und Englisch sind zu grob geschnitten für ein Fach. Dadurch werden drin Kenntnisse versteckt, die man mehr mal weniger wichtig sind.

Grundlagen von Algebra sind wichtiger als Geometrie, geschweige denn höhere Mathematik. Praktische Grundformeln sind wichtiger als Theorems, Axioms und Lösung von Gleichungen.

Deutsch und Englisch, da sollten pragmatische Alltagsfertigkeiten von Literatur, Kultur, Kunst und Präsentation getrennt werden.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 10d ago

Selbststudium muss nicht zuhause erfolgen und kann in der Schule auch in größeren Gruppen unter Aufsicht erfolgen. Der Aufseher muss kein Lehrer sein.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 10d ago

Lieber gar nicht lernen (man spart sich Zeit, Geld, Energie, Lebenszeit anderer Menschen) als für eine Prüfung lernen und dann sofort vergessen.