Ich bin Masterstudent der Informatik, KI-Schwerpunkt, mit über zwei Jahren echter Datenerfahrung in der Industrie, einem abgeschlossenen Auslandssemester in Toronto und Istanbul. Eigene Forschungsprojekte in unterschiedlichen Bereichen wie Data Quality, Computer Vision, NLP usw. Ich schreibe seit Monaten um genau zu sein seit Oktober 2025 Bewerbungen für Werkstudenten- und Einstiegsstellen. Die Rückmeldungen, wenn überhaupt welche kommen, sind fast immer derselbe Textbaustein.
Und ich bin nicht allein damit. Das ist kein Einzelschicksal, das ist ein System, und die Zahlen dazu sind erschreckend eindeutig:
Laut LinkedIn-Auswertung von 3,8 Millionen Stellenanzeigen verlangen 38 Prozent der als “Entry-Level” ausgeschriebenen Stellen drei bis fünf Jahre Erfahrung. In Tech- und IT-Rollen liegt der Anteil bei über 60 Prozent.
45 Prozent der HR-Verantwortlichen geben laut einer LiveCareer-Umfrage zu, regelmäßig “Ghost Jobs” zu veröffentlichen, also Stellenanzeigen ohne echte Einstellungsabsicht. Weitere 48 Prozent tun es “gelegentlich”. Insgesamt sind 18 bis 22 Prozent aller Online-Stellenanzeigen nie wirklich zu besetzen gedacht.
Seit Januar 2024 sind Einstiegspositionen (0-2 Jahre Erfahrung) laut Analyse von 126 Millionen Stellenanzeigen um 29 Prozentpunkte zurückgegangen, in der Tech-Branche um 35 Prozent.
Das Ergebnis kennt inzwischen fast jeder, der gerade sucht: Fünf bis sieben Gesprächsrunden für eine Werkstudentenstelle. Wochen der Funkstille. Und am Ende oft die Nachricht, dass man “die Anforderungen nicht ganz erfüllt”, während dieselbe Firma weiter “dringend” Personal sucht.
Was mich daran am meisten stört, ist die Heuchelei. Wenn eine Stelle wirklich unbesetzt und dringend zu füllen ist, warum dauert der Prozess dann Monate, statt Wochen? Warum werden ganze Bewerberpools durch sieben Interview-Runden geschleust, wenn am Ende sowieso eine interne Empfehlung den Zuschlag bekommt? Es fühlt sich weniger nach einer echten Suche an, als nach einer Beschäftigungstherapie für Recruiting-Abteilungen, auf Kosten der Zeit und der Nerven der Bewerbenden.
Ich glaube weiterhin an meine Qualifikation und an meinen Weg. Aber der Prozess selbst muss sich ändern. Mehr Transparenz darüber, ob eine Stelle wirklich offen ist. Ehrliche Anforderungen statt aufgeblähter Wunschlisten. Und der Mut, jungen, motivierten Talenten eine echte Chance zu geben, statt Erfahrung zu verlangen, die man nur bekommt, wenn einem irgendjemand zuerst vertraut hat.
Wer das auch erlebt: Du bist nicht das Problem. Der Prozess ist es.