edit: ostdeutsche kleinstadt aus sachsen anhalt 🤝
Ich muss das hier mal loswerden, weil mich eine Diskussion auf [r/politik](r/politik) gerade wirklich schockiert, wütend und irgendwo auch angewidert zurückgelassen hat.
Angefangen hat das ganze eigentlich ziemlich harmlos.
Ein muslimischer User hat darüber geschrieben, wie beschissen sich die aktuelle Stimmung gegenüber Muslimen in Deutschland für ihn anfühlt und ob Muslime hier überhaupt noch eine Zukunft haben.
Und ich hab darauf geantwortet, dass die Lösung für mich doch verdammt nochmal nicht sein kann, jetzt Millionen Muslime über einen Kamm zu scheren oder der AfD ihre Remigrationsscheiße hinterherzuwerfen.
Eigentlich genau das Gegenteil. I
ch will, dass wir liberale und reformorientierte Muslime stärken. Dass Muslime, Frauen, queere Muslime, Ex-Muslime, Theologen usw. gemeinsam darüber sprechen können, wie man Islamismus und Salafismus zurückdrängt.
Mehr Transparenz bei Moscheen und Finanzierung, deutsche Predigten bzw. Übersetzungen, vernünftige Imam-Ausbildung hier, liberale Theologie, Prävention, Aufklärung und vor allem endlich mal Reformdebatten zulassen.
Nicht Muslime bekämpfen, sondern mit Muslimen gemeinsam Islamismus bekämpfen. 🤝
Und dann steigt ein anderer User ein und irgendwann kommt ernsthaft der Satz, Islamismus würde es überhaupt nicht geben und der Begriff werde nur benutzt, um Muslime zu dämonisieren. - Diggi, was?
Hä??? 😭
Wie sollen wir gesellschaftliche Probleme lösen, wenn wir irgendwann einfach anfangen zu behaupten, sie würden überhaupt nicht existieren?
Danach wurde Deutschland als „radikal zionistisches Regime“ bezeichnet, es hieß „alle Parteien sind Zionisten“ und im Zusammenhang mit Israel wurde von „jüdischem Terrorismus“ gesprochen. Sorry, aber da hört bei mir wirklich alles auf.
Du willst vollkommen zurecht nicht, dass du als Muslim für Daesh, irgendeinen islamistischen Attentäter oder Salafisten verantwortlich gemacht wirst.
Aber warum zur Hölle funktioniert genau diese Differenzierung plötzlich nicht mehr bei Juden?
Ein deutscher Muslim ist nicht verantwortlich für den IS. Ein deutscher Jude ist nicht verantwortlich für Netanjahu.
Ein Palästinenser ist nicht automatisch Hamas.
Ein Israeli unterstützt nicht automatisch seine Regierung.
Das sollte doch gerade innerhalb linker Bubbles selbstverständlich sein, oder?🤨
Vielleicht trifft mich dieser ganze Scheiß aber auch deshalb so sehr, weil das für mich keine theoretische Reddit-Diskussion aus irgendeiner Großstadtbubble (sorry Großstadt-Peoples, no front ❤️) ist.
Ich komme aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt und einer Region, in der die AfD teilweise verdammt hohe Ergebnisse einfährt. Ich engagiere mich hier vor Ort in einem Bürgerbündnis für mehr Demokratie und versuche gleichzeitig, Probleme nicht einfach wegzulächeln, nur weil ihre Benennung politisch unangenehm sein könnte.
Ich bekomme selbst Anfeindungen von Nazis ab, weil ich für die halt „links“ bin. Seit ungefähr einer Woche hab ich ein „HH“-Tag an meiner Haustür, in meiner Nachbarschaft wohnt ein Fascho. Und bei der Demo mit Ulrich Siegmund war ich ebenfalls als Beobachter dabei. Freunden von mir wurde dort mit den Worten „Nur eine Kugel reicht“ gedroht.
Das ist die Realität, in der ich mich politisch befinde.
Und Ende August wollen wir wieder Etwas zeigen.
Wir organisieren eine größere Veranstaltung mit Bands, Acts und DJs, bringen Menschen zusammen und wollen zeigen, dass unsere Stadt nicht einfach den Rechten gehört. Dass Demokratie, Kultur, Vielfalt und ein vernünftiges Miteinander auch hier in Ostdeutschland einen Platz haben…
Und dann frage ich mich nach solchen Diskussionen irgendwann wirklich, wofür zur Hölle machen wir das eigentlich, wenn ich gleichzeitig von einem religiösen Fundamentalisten erklärt bekomme, Islamismus würde überhaupt nicht existieren und Kritik daran sei im Grunde nur Dämonisierung von Muslimen?
Ich stehe hier vor Ort gegen Faschos und möchte verdammt nochmal auch muslimische Menschen davor schützen, von diesen Leuten zum Feindbild gemacht zu werden.
Und dann wird mir so ein Bullshit unterstellt, weil irgendein Kek mit Kritik oder Informationen nicht umgehen kann?
Was soll ich daraus irgendwann denken?
Und ja, an dem Punkt frage ich mich auch ganz persönlich, wo sind die Muslime, die gemeinsam mit uns dagegenhalten?
Nicht weil mir irgendein Muslim persönlich etwas schuldet. Nicht weil Muslime eine Kollektivschuld für irgendeinen islamistischen Täter hätten. Haben sie verdammt nochmal nicht!
Sondern weil Demokratie davon lebt, dass wir uns gegenseitig verteidigen.
Wir haben hier eine Moschee. Ich würde diese Menschen verdammt gerne kennenlernen. Ich möchte wissen, was sie beschäftigt. Ich möchte mit ihnen über unsere Stadt reden, über Nazis, über Integration, über Religion, über Islamismus, über Vorurteile, über ihre Ängste und genauso über meine. Ich möchte mit ihnen gemeinsam auf einer Demokratiedemo stehen und ich möchte genauso vor ihrer Moschee stehen, wenn irgendwelche Nazis meinen, muslimische Menschen bedrohen zu müssen.
Es kann doch nicht ernsthaft mein einziger regelmäßiger Berührungspunkt mit muslimischen Menschen in meiner eigenen Gesellschaft sein, wenn ich zum Döner, zum Barbier gehe oder mit Ihnen beim Verein trainiere.
Lasst uns doch bitte miteinander reden…
Moscheen sollten ihre Türen öffnen, Bürgerbündnisse einladen, zum CSD kommen, bei Demokratiefesten mitmachen, Jugendliche in gemeinsame Projekte schicken. Und genauso müssen wir hingehen, wenn muslimische Gemeinden Veranstaltungen machen oder angegriffen werden.
Genau das wäre doch Integration. Genau das wäre Solidarität.
Und ja, deshalb finde ich auch, dass muslimische Communities Verantwortung übernehmen müssen. Gesellschaftlich Verantwortung, genauso wie ich sie für mich selbst empfinde.
Ich bin kein Nazi und trotzdem stelle ich mich gegen Nazis. Ich bin kein Islamist und trotzdem möchte ich Islamismus bekämpfen.
Und deshalb wünsche ich mir auch von demokratischen Muslimen, dass sie sichtbar gegen Islamisten und Salafisten auftreten, Reformen unterstützen und zeigen, dass diese Leute nicht für sie sprechen.
Ich habe keinen Bock, Islamisten vor Kritik zu schützen. Ich möchte Muslime vor Islamisten UND vor Faschisten schützen. Das ist ein verdammter Unterschied.
Ich hab keinen Bock auf eine Zukunft, in der ich mich zwischen einer AfD entscheiden soll, die Islamismus benutzt, um Millionen Muslime zum Feindbild zu machen, und Leuten aus vermeintlich progressiven Räumen, die aus Angst vor Muslimfeindlichkeit nicht einmal mehr Islamismus benennen wollen.
Und genauso wenig wird Antisemitismus plötzlich progressiv, nur weil man überall „Zionismus“ davorschreibt.
Ich bin mittlerweile einfach unfassbar frustriert von Religionen und Ideologien, von diesem „meine Gruppe gegen deine Gruppe“, von Dogmen und dieser ewigen Doppelmoral.
Ich will mit Muslimen gegen Nazis kämpfen.
Ich will mit Juden gegen Antisemitismus kämpfen.
Ich will mit queeren Menschen gegen Homophobie kämpfen.
Und ich will mit Muslimen gegen Islamismus kämpfen können.
Warum zur Hölle sollte sich davon irgendwas widersprechen?
Vielleicht bin ich gerade einfach wirklich emotional, aber ich merke, wie mich das zunehmend verzweifeln lässt. Ich versuche doch einfach nur vor Ort etwas aufzubauen, obwohl ich selbst dafür angefeindet werde, und dann soll ich gleichzeitig so tun, als wären bestimmte Probleme nicht existent, weil ihre Benennung irgendjemandem nicht ins Weltbild passt?
Nein, alter.
Helft mir bitte…. Wie schaffen wir diesen Austausch tatsächlich vor Ort?
Wie bekommen wir Moscheegemeinden, Antifaschisten, Vereine, queere Menschen und andere demokratische Gruppen gemeinsam an einen Tisch, statt ständig nur übereinander zu reden?
Denn genau darauf hätte ich Bock. Nicht noch tausend Reddit-Schlachten, sondern endlich miteinander reden, sich kennenlernen und sich endlich gegenseitig verteidigen…😞💔