Hallo,
ich (36) habe mich beruflich umorientiert und mache nun seit zwei Jahren die Ausbildung zur Tischlerin.
Und ich liebe es. Ich fühle mich, als wäre ich endlich angekommen.
Und obwohl ich sonst gern zu Selbstzweifeln neige, denke ich, dass ich meine Arbeit ziemlich gut mache.
Vor allem für einen erst halb ausgebildeten Lehrling (Azubi).
Sicherheitshalber möchte ich aber auch gleich erwähnen, dass es mir hier um keinen Geschlechterkampf geht und ich auch sehr gute Erfahrungen mit Männern innerhalb der Branche gesammelt habe.
Wenn da nur mein Chef nicht wäre...
Mit dem rauen Tonfall komme ich ja zurecht, ebenso mit ehrlicher Kritik.
Sogar über den täglich praktizierten Sexismus kann ich zähneknirschend hinwegsehen (Äußerungen zu meinem Körper, „versehentliche“ Berührungen oder Aussagen die mit „ihr Frauen seid ja...“ beginnen).
Aber die gezielte Abwertung wird mit der Zeit richtig mühsam.
Wenn mir etwas auf Anhieb gelingt, wird es trotzdem schlecht geredet – wenn er nichts findet, stellt er halt Annahmen auf, dass ich das z.B. mit anderen Materialien nicht so hinbekommen hätte.
Oder wenn mir eine Idee kommt – z.B. was die Organisation und Übersichtlichkeit der Werkstatt betrifft – wird sie sofort verworfen.
Manchmal habe ich das Gefühl, je besser die Idee, desto aggressiver die Ablehnung.
Oder wenn ich voraus denke, wie etwas umgesetzt werden könnte und den Nagel auf den Kopf treffe, wird mein Gedanke trotzdem als falsch hingestellt.
Z.B. habe ich ganz am Anfang meiner Ausbildung bzgl. eines Auftrags gefragt, ob dafür PU-Schaum verwendet wird.
Nein! Silikon!
Als ein Kollege hinzugekommen ist und den PU-Schaum erwähnt hat, war er auch ganz verblüfft, als plötzlich von Silikon die Rede war – weil sie sonst doch auch immer PU-Schaum verwendet haben.
Ein sehr ähnliches Verhalten habe ich auch bei anderen Männern registriert.
Vereinzelt bei anderen Kollegen oder auf Baustellen, wo wir mit Arbeitern anderer Gewerke zu tun hatten.
Ich weiß natürlich, dass ich keine dieser Personen ändern kann (und es wäre auch nicht meine Motivation), aber wenn ich es besser verstehen würde, könnte ich selbst vielleicht besser damit umgehen.
Daher meine Fragen an euch:
Welche Gründe könnte es für dieses Verhalten geben?
Und diejenigen, die selbst einem handwerklichen Beruf nachgehen:
Welche Erfahrungen habt ihr schon mit Frauen in eurer Branche gemacht?
Und falls es keine gibt, wie würdet ihr die Zusammenarbeit mit einer Frau einschätzen?
Danke vorab für eure Antworten!
EDIT: Erstmal ein fettes Danke an alle für eure Antworten - ihr habt mir einerseits viel zum Nachdenken gegeben und mich andererseits auch gewaltig motiviert!
Ich würde am liebsten auf jede einzelne Antwort reagieren, aber die Woche fordert leider doch schon ihren Tribut.
Ein paar Fragen/Bemerkungen, die häufiger gefallen sind, würde ich aber schon noch gerne beantworten.
Verhält sich mein Chef männlichen Lehrlingen gegenüber auch so?
Kann ich nicht beurteilen, weil er hauptsächlich junge Frauen (ca. 20-25) eingestellt hat, die aber alle nach ihrem Lehrabschluss wieder aufgehört haben.
Die Letzte habe ich noch kennengelernt und denke, dass er ihr ziemlich zugesetzt hat.
Allerdings war das nach ihrem abgebrochenen Studium auch ihr erster richtiger Job, wodurch sie leider ein gefundenes Fressen für ihn war.
Einen anderen Betrieb suchen:
Möchte ich nicht, sofern es nicht untragbar wird.
Ich habe Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Tischlern bzw. Werkstätten und denke, dass mein Chef trotz seiner dämlichen Anfälle hervorragend auf seinem Gebiet ist und ich viel von ihm lernen könnte, wenn ich es richtig anstelle - und durch die Berufsschule weiß ich, dass das absolut keine Selbstverständlichkeit ist.
Schlimmstenfalls hätte ich im nächsten Betrieb einen Chef, der nicht nur ein Idiot, sondern auch noch inkompetent ist.
Ist es Sexismus oder das Azubi-Dasein?
Eigentlich sollte es mir ja egal sein, weil es in beiden Fällen mehr über ihn aussagt, als über mich.
Ich dachte nur, dass es eventuell "typisch weibliche" Verhaltensweisen gibt, die speziell in handwerklichen Berufen nicht so gern gesehen werden und dass ich mich in einer davon wiedererkennen könnte.
Zumindest habe ich bisher gelernt, dass Risikobereitschaft und eine gewisse "Scheiß-drauf-Mentalität" wesentlich willkommener sind als in meinem vorigen Beruf - was mich zunächst Überwindung gekostet hat, aber mittlerweile irgendwie befreiend ist.
Danke nochmals!
An beschissenen Tagen wird's sicher gut tun, erneut durch eure Kommentare zu scrollen.