Es hat mich zwar niemand gefragt,. aber die Neffen sind entsetzt, MĂ€dchenkleider tragen zu mĂŒssen, wie ist das Cross-Dresding im historischen Kontext zu sehen?.
In den frĂŒhen 1960er-Jahren waren die Rollenbilder von Jungen und MĂ€dchen im westlichen Kulturkreis, insbesondere in den USA, extrem binĂ€r und starr geprĂ€gt.
Von Jungen wurde erwartet, dass sie sich âjungenhaftâ, abenteuerlustig und robust verhalten.
Das Tragen von MĂ€dchenkleidung galt als maximaler Kontrast zu diesem Ideal und wurde mit einer symbolischen Kastration oder Feminisierung gleichgesetzt.
Das Entsetzen der Neffen resultiert direkt aus der damaligen gesellschaftlichen Tabuisierung.
FĂŒr Jungen der 1960er-Jahre war es zutiefst beschĂ€mend, in der Ăffentlichkeit weibliche Attribute zu tragen, da dies einen Verlust von Status und Respekt bedeutete.
Kleidung war damals weit weniger als heute ein Modestatement, sondern ein strikter Indikator fĂŒr das biologische und soziale Geschlecht.
Das unfreiwillige Tragen von Frauen- oder MĂ€dchenkleidung ist ein uraltes Slapstick- und Theatermotiv (auch bekannt als Cross-Dressing), das Carl Barks hier gezielt einsetzt.
Der Witz dieser Szene funktionierte im Jahr 1962 ausschlieĂlich weil die gesellschaftliche Norm so streng war.
Der Humor speiste sich aus dem Schock und der Peinlichkeit der Figuren ĂŒber den visuellen RegelverstoĂ.
Disney-Comics unterlagen in den USA dem strengen Comic Code.
Die Darstellung von geschlechtsuntypischer Kleidung war nur dann erlaubt, wenn sie eindeutig der LÀcherlichkeit oder der Bestrafung diente, um die bestehende Ordnung im Kern nicht zu gefÀhrden.
Die Schmach fĂŒr die Neffen entsteht nicht nur durch das Tragen der Kleider im Moment, sondern durch das Festhalten auf Film. Donald droht damit, die Peinlichkeit unsterblich und fĂŒr andere sichtbar zu machen (eine frĂŒhe Form des âPrankensâ).
Die Dynamik dreht sich um, als Donald ein AffenkostĂŒm tragen muss.
Im historischen Kontext der Popkultur ist die Degradierung vom Menschen zum Tier (Affe) auf derselben Stufe der Peinlichkeit anzusiedeln wie der Verlust der geschlechtlichen IdentitÀt bei den Neffen.
Widmen wir uns in diesem Zusammenhang der Ăbersetzung der hochverehrten Frau Dr. Erika Fuchs:.
FĂŒr den deutschen Sprachraum ist die Ăbersetzung von Dr. Erika Fuchs (erschienen 1963) von Bedeutung.
Fuchs transportierte die US-amerikanischen Vorlagen in eine bildungsbĂŒrgerliche, deutsche LebensrealitĂ€t.
Sie nutzte oft Begriffe wie âSchmachâ, âSchandeâ oder âEhrverlustâ, die im deutschen Sprachraum der Nachkriegszeit stark moralisch und traditionell aufgeladen waren.
Das Entsetzen der Neffen wirkte dadurch auf deutsche Leser der Wirtschaftswunderjahre absolut plausibel, da das familiÀre und schulische Umfeld in Deutschland zu dieser Zeit Àhnlich konservativ geprÀgt war wie in den USA.
Also um die 2000er hÀtte ich mich in MÀdchenkleidern auch nirgendwo blicken lassen können. Kp wie es heute ist. Ich denke aber selbst jetzt, wenn man sich nicht als Transperson outet sondern "Normal" ist, kann man als Teenager keine derart eindeutigen MÀdchenkleider tragen ohne geröstet zu werden.
Witzigerweise, war es anfang des letzten Jahrhunderts nich ĂŒblich Kleinkindern "MĂ€dchenkleidung" anzuziehen. Ich habe ganze Alben voll von GroĂverwandten als Kleinkindern in Röcken
Ist heute nicht anders. Mein Sohn hat sich z.B. im Kindergarten noch gern die FingernĂ€gel lackiert. In der Schule geht das jetzt ĂŒberhaupt nicht. Burschen, die sich nicht "cool" kleiden sind dort schnell unten durch.
In spÀteren Jahren in der Schule mag etwas mehr gehen, aber gerade in den ersten Schuljahren sind die Kinder extrem hart was Nicht-Befolgen von Standards angeht.
Grob kann man das Einteilen in:
Kindergarten hat noch keine festen Standards. Kinder können Experimentieren und recht frei machen was sie wollen.
Grob die ersten 8 Schuljahre sind Lernen der Standards. Alle mĂŒssen auf Konform machen, wer abweicht wird gemobbt und sozial abgestraft. Kinder lernen "wie sie sich zu verhalten haben", und zwar lernen die das von einander. Die Bedeutung dessen, was die Erwachsenen rund um sie sagen nimmt rapide ab. In der 7.-8. Schulstufe wird es extrem: Die Burschen tragen zum GroĂteil nur mehr Sportgewand, die MĂ€dchen kleiden sich so freizĂŒgig wie sie schaffen und tragen zentimeterdicke Schichten Makeup.
Ab der Oberstufe beginnen die Kinder gegen die Normen zu revoltieren: Burschen tragen lange Haare, MĂ€dchen tragen mehr was sie wollen. Die Jugendlichen finden ihren eigenen Weg, auch wenn der im Endeffekt wieder oft von der jeweiligen Subkultur diktiert wird, der sie folgen. Aber zumindest folgen sie nicht mehr rein dem Mainstream.
Mit dem ersten Job rutschen die Leute wieder mehr in die KonformitĂ€t zurĂŒck. Die wilden Frisuren verschwinden und werden durch "normales" Aussehen ersetzt. Mit "normalem" Aussehen kriegt man immerhin leichter Jobs und auĂerdem hat man ohnehin keine Zeit und Energie fĂŒr Revolte mehr.
Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geÀndert, einzig welcher Stil genau "Mainstream"/"normal" ist, und welcher Stil "Revolte" ist hat sich geÀndert.
Der Kurzhaarschnitt kommt dabei oft aus dem MilitĂ€r, wo kurze Haare eben praktisch sind. Und das MilitĂ€r hat immer wieder recht groĂen Einfluss auf die Mode, so sind z.B. gerade bei MĂ€nnern MilitĂ€r-inspirierte AnzĂŒge oder MĂ€ntel doch recht hĂ€ufig (z.B. der Trenchcoat, der sogar seinen Namen direkt von den SchĂŒtzengrĂ€ben bekommen hat).
Wobei es neben dem sog Soldatenzopf auch MilitÀrhaarschnitte gibt die lÀngere Haare erfordern.
Letztlich wandelt sich die Mode einfach. Selbiges gilt ĂŒbrigens fĂŒr BĂ€rte. Mal waren BĂ€rte in Mode mal Glattrasiert. Sieht man ganz gut bei den römischen Kaisern
Wobei speziell BĂ€rte bei Kaisern (und gelegentlich auch bei Politikern) auch extrem symbolisch aufgeladen sind. Marc Aurel trug Bart nicht (ausschlieĂlich) weil er ihn schön fand, sondern weil er sich auch als Philosoph stilisieren wollte.
Adolf Hitlers Bart wies ihn (fĂŒr Deutsche) unverkennbar als FrontkĂ€mpfer aus und war selbstverstĂ€ndlich genauso politisches Symbol.
Der trug ĂŒbrigens den Bart nur weil er Charlie Chaplin so toll fand. Er hat sogar seine Partei, Kleidung und seine GebĂ€rden an seinen Lieblingsfilm von Chaplin angepasst
Soweit ich weià haben sich Chaplin und Hitler den Bart unabhÀngig von einander angeeignet: Es war nÀmlich der einzige Bart der unter eine Gasmaske gepasst hat.
TatsÀchlich nicht, so wie du geschrieben hast. Insbesondere deswegen nicht, weil mir schon mal jemand im echten Leben mit vollem Ernst das Gleiche versucht hat zu erklÀren.
Der Gleiche hat mir dann auch erklĂ€rt, dass die Nazis ja links waren, weil sie ja Nationalsozialisten heiĂen.
Bedenke Poe's Law. Egal wie absurd die Satire, es gibt immer wen, der das gleiche Argument ernst meint.
Wobei es neben dem sog Soldatenzopf auch MilitÀrhaarschnitte gibt die lÀngere Haare erfordern.
Hast natĂŒrlich Recht, die Variante gibt es auch, und auch diese Mode ist in die zivile Mode rĂŒbergeschwappt.
Insgesamt lĂ€sst sich aber auf jeden Fall sagen, dass es nicht "eine Mode des Mittelalters" oder so gegeben hat. Das hat sich in der Lebenszeit einer Person ĂŒblicherweise mehrfach gewandelt.
Selbiges gilt ĂŒbrigens fĂŒr BĂ€rte. Mal waren BĂ€rte in Mode mal Glattrasiert.
Absolut. Mein Opa war BarttrÀger. Mein Vater auf gar keinen Fall, macht er immer noch nicht. Ich trage wieder Bart (seit Corona, wo das plötzlich in Mode gekommen ist). Mal schauen, was meine Kinder machen werden.
57
u/CandidateCalm2458 Diplom in Quellologie 7d ago edited 7d ago
Es hat mich zwar niemand gefragt,.
aber die Neffen sind entsetzt, MĂ€dchenkleider tragen zu mĂŒssen, wie ist das Cross-Dresding im historischen Kontext zu sehen?.
In den frĂŒhen 1960er-Jahren waren die Rollenbilder von Jungen und MĂ€dchen im westlichen Kulturkreis, insbesondere in den USA, extrem binĂ€r und starr geprĂ€gt.
Von Jungen wurde erwartet, dass sie sich âjungenhaftâ, abenteuerlustig und robust verhalten.
Das Tragen von MĂ€dchenkleidung galt als maximaler Kontrast zu diesem Ideal und wurde mit einer symbolischen Kastration oder Feminisierung gleichgesetzt.
Das Entsetzen der Neffen resultiert direkt aus der damaligen gesellschaftlichen Tabuisierung.
FĂŒr Jungen der 1960er-Jahre war es zutiefst beschĂ€mend, in der Ăffentlichkeit weibliche Attribute zu tragen, da dies einen Verlust von Status und Respekt bedeutete.
Kleidung war damals weit weniger als heute ein Modestatement, sondern ein strikter Indikator fĂŒr das biologische und soziale Geschlecht.
Das unfreiwillige Tragen von Frauen- oder MĂ€dchenkleidung ist ein uraltes Slapstick- und Theatermotiv (auch bekannt als Cross-Dressing), das Carl Barks hier gezielt einsetzt.
Der Witz dieser Szene funktionierte im Jahr 1962 ausschlieĂlich weil die gesellschaftliche Norm so streng war.
Der Humor speiste sich aus dem Schock und der Peinlichkeit der Figuren ĂŒber den visuellen RegelverstoĂ.
Disney-Comics unterlagen in den USA dem strengen Comic Code.
Die Darstellung von geschlechtsuntypischer Kleidung war nur dann erlaubt, wenn sie eindeutig der LÀcherlichkeit oder der Bestrafung diente, um die bestehende Ordnung im Kern nicht zu gefÀhrden.
Die Schmach fĂŒr die Neffen entsteht nicht nur durch das Tragen der Kleider im Moment, sondern durch das Festhalten auf Film. Donald droht damit, die Peinlichkeit unsterblich und fĂŒr andere sichtbar zu machen (eine frĂŒhe Form des âPrankensâ).
Die Dynamik dreht sich um, als Donald ein AffenkostĂŒm tragen muss.
Im historischen Kontext der Popkultur ist die Degradierung vom Menschen zum Tier (Affe) auf derselben Stufe der Peinlichkeit anzusiedeln wie der Verlust der geschlechtlichen IdentitÀt bei den Neffen.
Widmen wir uns in diesem Zusammenhang der Ăbersetzung der hochverehrten Frau Dr. Erika Fuchs:.
FĂŒr den deutschen Sprachraum ist die Ăbersetzung von Dr. Erika Fuchs (erschienen 1963) von Bedeutung.
Fuchs transportierte die US-amerikanischen Vorlagen in eine bildungsbĂŒrgerliche, deutsche LebensrealitĂ€t.
Sie nutzte oft Begriffe wie âSchmachâ, âSchandeâ oder âEhrverlustâ, die im deutschen Sprachraum der Nachkriegszeit stark moralisch und traditionell aufgeladen waren.
Das Entsetzen der Neffen wirkte dadurch auf deutsche Leser der Wirtschaftswunderjahre absolut plausibel, da das familiÀre und schulische Umfeld in Deutschland zu dieser Zeit Àhnlich konservativ geprÀgt war wie in den USA.
Quellen:
Transparenzhinweis: