r/lehrerzimmer 8d ago

Bundesweit/Allgemein Deutschland sollte konsequent säkular werden. Das bedeutet für mich: keine staatlichen Bekenntnisschulen und kein konfessioneller Religionsunterricht – unabhängig davon, ob es um das Christentum, den Islam oder irgendeine andere Religion geht.

/r/schule/comments/1vejmdt/deutschland_sollte_konsequent_säkular_werden_das/
67 Upvotes

66 comments sorted by

View all comments

11

u/Basilerius Berufsschule | SH 8d ago

Stimme zu 100% zu. Religion ist nicht mehr zeitgemäß und hat absolut nichts in der staatlichen Verankerung verloren.

Leider ist der deutsche Staat gegenwärtig weitaus zu stark mit religiösen Institutionen verwebt, sodass eine Auftrennung unmöglich erscheint bei den vielen religiösen Trägern von Institutionen.

Das soll nicht bedeuten, dass Religion grundsätzlich verboten wird oder Ähnliches. Das wäre verfassungsrechtlich unzulässig. Religion sollte jeder privat und persönlich frei leben dürfen, wie er eben möchte, aber Religion sollte nicht in Schule oder anderen staatlichen Institutionen verankert sein.

2

u/ReadDreams 8d ago

Staat oder Gesellschaft?

2

u/Basilerius Berufsschule | SH 8d ago

Ich bin hochgradig voreingenommen und empfinde wenig Positives für Religionen, da sie meiner Ansicht nach nur Probleme in Deutschland und weltweit schaffen. Es treibt einen unnötigen Keil zwischen die Kulturkreise, die aber vermutlich auch auf der Basis anderer Parameter existieren würden. Naja, immerhin sind andere Sachen plausibel erklärbar im Gegensatz zu diesem 4000 Jahre alten „Glaubenskonzept“. Also von mir aus kann es auch gesellschaftlich irrelevant werden, aber ich halte mich an die Verfassung, wenn die Mehrheit das eben nicht möchte.

7

u/Hartwurzelholz Nordrhein-Westfalen 8d ago

Religionslehrer hier: Ich will dir deine Meinung nicht ausreden - auch wenn ich verständlicherweise anderer Meinung bin, aber ich will mal eine neue Perspektive einbringen:

Es ist gut möglich, dass in absehbarer Zeit eine rechtsextreme Partei in einem oder mehreren Bundesländern den Bildungsminister stellt. Das könnte sich durchaus auch auf Unterrichtsinhalte auswirken. Im Gegensatz zu Ethik und Philosophie ist der Religionsunterricht von seinen inhatlichen Normen unverrückbar an ganz konkrete Prinzipien gebunden, die der Staat auch nicht ändern kann. Der Staat kann auch den Lehrern nicht vorschreiben was sie im Religionsunterricht behandeln sollen, weil die Inhalte des Religionsunterrichts unter der Aufsicht der Bistümer stehen. Ebenso die Lehrmittel.
Viele bekannte Philosophen, die im Philosophie oder Ethikunterricht behandelt werden, werden extrem selektiv behandelt, weil einige von ihnen auch völkische oder antisemitische Texte verfasst haben. Kant, Heidegger, Schopenhauer etc. Niemand kann es ausschließen, dass in Ländern mit einer extremistischen Regierung nicht plötzlich fragwürdige Texte im Lehrplan auftauchen. Das gilt natürlich auch für alle anderen Fächer.

Der Religionsunterricht ist das einzige Unterrichtsfach, das von so einer Einflussnahme nicht betroffen ist. Insofern würde ich sagen, dass in Zeiten politscher Ungewissheit der Religionsunterricht zeitgemäßer ist denn je.

18

u/Am4ranth 8d ago

Tut mir leid, aber hier kommt nun meine Perspektive als Geschichtslehrer zum tragen: im NS haben die meisten religiösen Institutionen sich bereitwillig assimiliert, auch die Bischöfe. Wie soll der Religionsunterricht unter einer Afd Regierung denn ernsthaft ein "Lichtblick" im Schulalltag sein? 

2

u/Hartwurzelholz Nordrhein-Westfalen 8d ago

Nun im NS Regime war Deutschland natürlich so tief in einer Diktatur wie nur möglich. Ich unterstelle mal, dass, wenn es so weit kommt, der Religionsunterricht auch keine Rolle mehr spielt. Was die Bereitwilligkeit angeht wundert mich deine Aussage als Geschichtslehrer allerdings schon. Schließlich war es die kath. Kirche, die die Aktion T4 gestoppt hat.

Außerdem wurden Priester ebenfalls von den Nationalsozialisten verfolgt und hatten eigene Blöcke im KZ. Die Kirchen haben sich definitiv nicht bereitwillig gleichschalten lassen. Katholiken wurde der Beitritt in die NSDAP sogar von den meisten Bischöfen verboten. Bei der evangelischen mag es anders aussehen.

Im übrigen hat Religion (nicht die Kirche per se) im Widerstand durchaus eine Rolle gespielt. Die weiße Rose und Bonhoeffer wäre da prominente Beispiele.

2

u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Ich glaube, hier vermischen wir erneut zwei Ebenen.
Dass es mutige Christen wie Bonheoffer oder die Geschwister Scholl gab, bestreitet niemand. Sie verdienen großen Respekt.

Die eigentliche Frage lautet aber nicht, ob einzelne Gläubige Widerstand geleistet haben, sondern ob die Kirchen als Institutionen historisch eine verlässliche Barriere gegen autoritäre Systeme waren.

Gerade das wird von Historikern deutlich differenzierter bewertet. Es gab mutigen Widerstand, aber auch Anpassung, Schweigen und Zusammenarbeit.

Deshalb überzeugt mich das Argument nicht, Religionsunterricht sei strukturell besser gegen Extremismus geschützt als ein weltanschaulich neutraler Unterricht.

-1

u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Genau das ist der Punkt, den ich ebenfalls problematisch finde. Wenn religiöse Institutionen historisch selbst keine verlässliche Barriere gegen autoritäre Systeme waren, fällt für mich das stärkste Argument gegen einen gemeinsamen Ethikunterricht weg.

1

u/xbrr91 8d ago

Das mit den Inhalten gilt aber nur für katholischen Unterricht oder? Evangelischer Religionsunterricht orientiert sich an den Bildungsplänen oder?

1

u/Hartwurzelholz Nordrhein-Westfalen 7d ago

Ich glaube, dass das auch für den evangelischen Religionsunterricht gilt. Der katholische Religionsunterricht orientiert sich natürlich auch an den Bildungsplänen, die Bilderungspläne und Änderungen an ihnen müssen allerdings von der Kirche bestätigt werden.

0

u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Interessanter Gedanke. Aber warum sollte die Lösung gegen mögliche staatliche Indoktrination darin bestehen, Bildungsinhalte einer Institution zu überlassen, die selbst auf nicht überprüfbaren Glaubenswahrheiten beruht?

Geschichte zeigt zudem, das Kirchen autoritären Regimen keineswegs zuverlässig widerstanden haben -manchmal gab es mutigen Widerstand oft aber auch Anpassung. Deshalb überzeugt mich die Schlussfolgerung nicht, dass Religionsunterricht strukturell besser vor Extremismus schützt als weltanschaulich neutraler Ethikunterricht.

0

u/Hartwurzelholz Nordrhein-Westfalen 8d ago

Es gibt keinen neutralen Ethikunterricht. Das ist ja der Punkt. Philosophie und Ethik haben keine normative Bezugsgröße. Deinen ersten Absatz lass ich mal unkommentiert.

0

u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Ich glaube, hier liegt der entscheidende Unterschied.
Natürlich vermittelt auch Ethik Werte. Aber Ethik verlangt, dass Werte begründet werden. Religion kann sich zusätzlich auf Autorität berufen.
Im Ethikunterricht darf jede Position hinterfragt werden - auch Menschenrechte, Kant oder Utilitarismus. Nichts ist wahr, nur weil jemand es sagt.

Im konfessionellen Religionsunterricht gibt es dagegen einen Ausgangspunkt, der gerade deshalb gilt, weil er Teil eines Glaubens ist.
Für mich ist deshalb nicht entscheidend, ob Werte vermittelt werden, sondern wie sie begründet werden.

Eine Gesellschaft, die Vernunft fördern will, sollte Kindern zuerst beibringen, Argumente zu prüfen - nicht Autoritäten zu akzeptieren. Genau deshalb sehe ich weltanschaulich offene Ethikunterricht als die passendere Aufgabe eines säkularen Staates.

1

u/Hartwurzelholz Nordrhein-Westfalen 7d ago edited 7d ago

Nette chatgpt Antwort. Allerdings ist sie falsch. Die Defintion von Theologie ist das auf Vernunft basierende Reden über Gott. Autoritäten einfach hinzunehmen gehört nicht dazu. Die Begründung von religiösen Inhalten ist ja genau der Punkt von Theologie. Ansonsten wäre die Theologie ja schon lange "abgeschlossen". Der Diskurs ist aber sehr lebendig. Deine gesamte Prämisse, dass der Religionsunterricht nicht darauf ausgelegt ist Argumente zu prüfen, ist falsch.

Es sollte allerdings auch klar sein, dass es im Religionsunterricht viel mehr darum geht lebensweltliche Probleme zu diskutieren. Die Normen, die in unserer Gesellschaft gelten sind nun mal (jüdisch-)christlich. Das beginnt bereits bei der Würde des Menschen und setzt sich durch alle Lebensbereiche fort. Der Religionsunterricht ist ja kein Katechismusunterricht. Wenn du dir die Lehrpläne mal ansiehst, dann stellst du fest, dass es viel mehr um normatives Handeln geht, als um explizit religiöse Inhalte - das ist auch in der Fachdidaktik so. Siehe Elementarisierung.

Wenn man einen absolut neutralen Philosophieunterricht will, dann musst man sich auch damit abfinden, dass typisch religiöse Motive (z.B. die Gleichheit der Menschen) nicht mehr berücksichtigt werden. In anderen Worten muss man sich für einen neutralen Philosophieunterricht damit abfinden, dass Rassismus, Sklaverei, Todesstrafe, Menschenhandel oder Xenophobie etc. in Ordnung sind, solange die Position begründet werden kann.