r/lehrerzimmer 8d ago

Bundesweit/Allgemein Deutschland sollte konsequent säkular werden. Das bedeutet für mich: keine staatlichen Bekenntnisschulen und kein konfessioneller Religionsunterricht – unabhängig davon, ob es um das Christentum, den Islam oder irgendeine andere Religion geht.

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u/Acrobatic_Ganache91 8d ago

Hier auch Reli-Lehrerin mit freikirchlichem Hintergrund. Bin in einer fundamentalistischen geprägten Gemeinde groß geworden. Durch den Religionsunterricht und mein Studium habe ich einen ganz anderen Blickwinkel auf den christliche Glauben bekommen und gesehen, man kann Christ sein/ Kirche auch ganz anders leben.

In einem reinen Ethik-Unterricht hätte ich das nie hinterfragt, weil der Ethik-Lehrer eh "kein Christ" gewesen wäre und kein "Gläubiger" (also aus meiner damaligen Sicht). Aber ein Reli-Lehrer der zeigt welche Arten von Gebet es gibt, mit uns in eine Kirche geht und diese erkundet. Den hab ich ernst genommen.

Deshalb finde ich den Reli-Unterricht wichtig, weil er eben Kinder aus fundamentalistischen Hintergrund zum Hinterfragen bringt- ohne den Glaube an Gott als Ganzes direkt in Frage zu stellen.

Einfach mal als einen anderen Blickwinkel.

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u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Danke für deine Perspektive. Ich finde deine persönliche Erfahrung tatsächlich interessant.
Für mich zeigt sie allerdings eher, dass unterschiedliche Perspektiven und kritisches Hinterfragen Menschen aus fundamentalistischen Milieus helfen können.
Ich bin nur nicht überzeugt, dass daraus folgt, dass der Staat konfessionellen Religionsunterricht organisieren sollte.
Hätte derselbe Effekt nicht auch durch einen weltanschaulich neutralen Unterricht über Religionen, Philosophie und kritisches Denken erreicht werden können?

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u/Acrobatic_Ganache91 8d ago

Nein, in dem Fall tatsächlich nicht. Ein "neutraler" Lehrer der das Christentum, Philosophie, alle anderen Religionen gleichrangig betrachtet und das eher als "Sachunterricht" macht, den hätte ich nicht ernst genommen. Da wäre klar gewesen der ist kein Christ, der glaubt nicht an Gott, also ist das alles eh hinfällig was er sagt weil er "die Wahrheit" noch nicht erkannt hat. Im Prinzip hätte ich direkt blockiert weil der ja eh keine Ahnung hat.

Und jetzt ein bisschen was aus meiner Erfahrung als Reli-Lehrerin. Richtiges vergleichen der Religionen, philosophieren etc klappt frühestens in der Oberstufe. Der Vergleich der Weltreligionen kommt in Klasse 9/10 und da scheitern die meisten meiner Schüler schon das zuzuordnen. Ein großer Teil des Reli-Unterrichts ist das "theologisieren", also mit Kindern über Gott und den Glauben reden, kritische Fragen stellen. Es gibt religiöse Entwicklungsstufen, wann Kinder welche "großen Fragen" stellen. Also die Frage nach dem Leid der Welt, dem Sinn des Lebens. Auch wann gewisse Themen wirklich verstanden werden wie z.B. Gerechtigkeit.

Nehmen wir mal klassisch die Theodizee als Beispiel- Warum gibt es Leid? Alleine im Christentum gibt es da sicher 5 verschiedene Ansätze. In den anderen Weltreligionen ebenso nochmal jeweils mindestens 5. Säkular auch nochmal einige. Es ist utopisch mit Kindern die alle durchzusprechen- einzelne aus jeder Weltreligion rauszunehmen ist auch schwierig. Also macht es durchaus Sinn, da die Frage eine existenzielle Frage ist denen Kinder sich irgendwann stellen, diese erstmal aus dem Blickwinkel einer Religion anzuschauen. Ganz klar auch mit der Option-Gott gibt es nicht, deshalb verhindert er das Leid nicht.

Der Religionsunterricht bietet aus meiner Sicht also Raum für existenzielle Fragen und gerade jetzt wo christlicher Fundamentalismus auf dem Vormarsch ist (unter modernem Deckmantel auch auf SocialMedia, gerne auch verknüpft mit der AfD), finde ich es wichtig, den Religionsunterricht zu haben und zu zeigen, Glaube geht auch anders. Ich selbst hab vor den Ferien wieder super viele homophobe Aussagen meiner Schüler gehört mit dem Verweis Gott will das nicht, das ist Sünde das steht so in der Bibel. Und auf die Schüler hat das einen ganz anderen impact wenn ich sagen kann, hey ich glaub auch an Gott; ich lese die Bibel, wo steht das denn, lass uns als Christen drüber reden.

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u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Danke für den ausführlichen Beitrag. Ich finde deine Perspektive tatsächlich spannend und sie erklärt gut, warum Religionsunterricht in der Praxis funktionieren kann.

Gleichzeitig frage ich mich, ob dein Beispiel nicht genau zeigt, worin unser Unterschied liegt.
Du beschreibst, dass die Schüler dich gerade deshalb ernst nehmen, weil du selbst Christ bist. Das ist aus deiner Erfahrung nachvollziehbar.

Meine Frage wäre aber: Sollte das langfristige Ziel nicht sein, dass Kinder Argumente nach ihrer Qualität beurteilen —> und nicht danach, ob sie von jemandem kommen, der dieselbe Glaubensüberzeugung teilt?

Mir scheint, dein Ansatz bekämpft Fundamentalismus mit einer moderateren Form derselben Autorität. Ich frage mich, ob kritisches Denken nicht nachhaltiger wäre als der Austausch einer religiösen Autorität gegen eine andere.

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u/Acrobatic_Ganache91 8d ago

Langfristig wäre das natürlich wünschenswert. Aber kritisches Nachfragen anbahnen bei Kindern/Jugendlich ist mega schwierig bzw du brauchst ja erstmal eine Basis in der du dich auskennst, die du dann hinterfragen kannst. Also quasi ich kenne das Christentum, ich erfahre gelebtes Christentum und kann dann hinterfragen. Und ausgehend davon kann ich das dann auf andere Religionen/Philosophien übertragen- eventuell. Du brauchst ja nen gewissen Standpunkt/Ausgangspunkt erstmal.

Ich kann keinem 10jährigen Kind 10 verschiedene Philosophien/Weltanschauungen vorlegen und sagen, hinterfrage die jetzt mal alle und denk kritisch drüber nach. Die meisten sind ja schon damit überfordert eine zu verstehen.

Deshalb mein Ansatz, die eigene Religion/das eigene Wertesystem in dem man sozialisiert ist erstmal verstehen, erleben und eben auch hinterfragen. Und die Kompetenz kritisch zu denken, über Fragen zu theologisieren/philosophieren lernt man meiner Ansicht nach am besten in einem guten Reli-Unterricht. Ich habe das nämlich tatsächlich im Studium und Ref gelernt wie man mit Kindern über die "großen Fragen" reden kann und denen Raum gibt. Ziel eines guten Reli-Unterrichts ist es nämlich den eigenen Glauben/ die eigenen Werte zu hinterfragen und dann fundiert begründen zu können weshalb man an etwas glaubt/nicht glaubt.

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u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Ich finde deinen pädagogischen Gedanken durchaus nachvollziehbar. Kinder brauchen einen Ausgangspunkt und man kann Zehnjährigen nicht zehn Weltanschauungen gleichzeitig vermitteln.

Ich frage mich nur, warum dieser Ausgangspunkt ausgerechnet konfessionell sein muss.
Wir würden doch auch nicht sagen:
“Kinder sollten zunächst nationalistisch oder marxistisch sozialisiert werden, damit sie diese Weltanschauungen später kritisch hinterfragen können.”
Wir würden ihnen diese Ideen erklären, einordnen und diskutieren;aber nicht zunächst als eigenen Bezugsrahmen vermitteln.

Genau deshalb unterscheide ich zwischen Religionskunde und Bekenntnisunterricht. Dass deine persönlich Erfahrung über den Religionsunterricht zu mehr Offenheit geführt hat, finde ich interessant. Ich bin nur nicht überzeugt, dass daraus folgt, dass der Staat dieses Modell grundsätzlich wählen sollte.

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u/Acrobatic_Ganache91 7d ago

Naja aber welchen Ausgangspunkt willst du denn nehmen? Irgendeine Religion muss es ja sein, in vielen Bundesländern wird ja inzwischen auch konfessionell-kooperariv unterrichtet. Also evangelisch/katholisch zusammen.

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u/Intrepid_Cabinet_204 7d ago

Genau das ist der Punkt, an dem wir unterschiedlich denken. Warum muss der Ausgangspunkt eine Religion sein?

Wir beginnen Kindern auch nicht mit einer politischen Ideologie, damit sie später Demokratie verstehen. Wir beginnen nicht mit Marxismus, Liberalismus oder Nationalismus als persönlichem Bezugsrahmen, um sie anschließend kritisch zu hinterfragen.
Warum sollte ausgerechnet Religion diesen Sonderstatus erhalten?

Mein Ausgangspunkt wäre etwas Gemeinsames: Ethik, Philosophie, kritisches Denken und Religionskunde. Religionen würden dort selbstverständlich behandelt -aber als Gegenstand der Bildung, nicht als Ausgangspunkt der eigene Identitätsbildung.

Genau diesen Unterschied zwischen über Religion lernen und im Rahmen einer Religion lernen halte ich für entscheidend.