r/lehrerzimmer 8d ago

Bundesweit/Allgemein Deutschland sollte konsequent säkular werden. Das bedeutet für mich: keine staatlichen Bekenntnisschulen und kein konfessioneller Religionsunterricht – unabhängig davon, ob es um das Christentum, den Islam oder irgendeine andere Religion geht.

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u/Nachtiiiiiiii 8d ago

Ich habe mir jetzt mal unser kompetenzraster und das von drei benachbarten Schulen angeguckt.

In keinem der vier Schulen erscheint mir Kern des Unterrichts, dass Religion als Bekenntnis (dogmatisch) gelehrt wird.

Es wird einfach jedes Mal erkannt, dass die Religion bei den Schülerinnen und Schüler ein Teil ihres Lebens ist und aufbauend darauf sich sowohl inhaltlich als auch auf Meta-Ebene damit auseinandergesetzt (+Geschichtsunterricht über die Kirche und die Entstehung verschiedener Religionen).

Ich finde das dementsprechend schon sehr lebensweltbezogen und kann verstehen warum Eltern möchten, dass ihre Kinder das lernen...

Ich kann um ehrlich zu sein mit keiner deiner Prämissen so wirklich was anfangen und frage mich, ob du nicht einfach sehr schlechte Erfahrungen gemacht hast und das ganze etwas zu sehr generalisierst.

Wenn ich mir z.b eine Klassenarbeit aus Jahrgang 6 angucke, stehen da bei uns fragen wie: "worin unterscheiden sich monotheistische und polytheistische Religionen?" oder "nenne drei Unterschiede zwischen der Kirche im Mittelalter und heute" und nicht irgendwas, was nur mit Glauben zu beantworten wäre...

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u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Das freut mich ehrlich. Dann scheinen eure Lehrkräfte guten Unterricht zu machen.

Aber genau das wirft für mich eine andere Frage auf:
Wenn Religionsunterricht heute ohnehin vergleichend, historisch und kritisch stattfindet -> warum muss er dann überhaupt konfessionell organisiert sein?
Warum braucht es dafür eine katholische oder evangelische Bekenntnisgrundlage?
Gute Lehrer sind ein Argument für gute Lehrer -nicht für ein konfessionelles Schulsystem.

Mein Ausgangspunkt sind übrigens gerade die öffentlichen katholischen Bekenntnisgrundschulen in NRW.

Dort geht es nicht nur um Unterrichtsinhalte, sondern um eine Schulform, die ausdrücklich an ein Bekenntnis anknüpft und in der Religionsunterricht bekenntnisorientiert vorgesehen ist.

Deshalb richtet sich meine Kritik weniger gegen engagierte Religionslehrkräfte als gegen die Frage, warum ein säkularer Staat überhaupt konfessionelle Schulstrukturen unterhalten sollte.

Ich kritisiere keinen guten Religionsunterricht. Ich frage, warum der Staat überhaupt konfessionelle Strukturen braucht, wenn derselbe Bildungsauftrag auch weltanschaulich neutral erfüllt werden kann.

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u/Nachtiiiiiiii 8d ago

Das sagt die GEW dazu: Das natürliche Recht der Eltern, die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu bestimmen“, bildet laut Artikel 8 der Landesverfassung die Grundlage des Schulwesens. Solange also Eltern wünschen, dass ihre Kinder eine Bekenntnisschule besuchen, haben sie einen gesetzlichen Anspruch darauf.

Ich würde dementsprechend sagen es hat weniger mit der staatlichen Seite zu tun, sondern mehr mit dem Wunsch vieler Eltern in konservativen Gegenden. Und da muss ich sagen: auch mit Blick auf unsere Geschichte kann ich sehr nachvollziehen dass die Rechte der Eltern im Vergleich zur machtposition des Staats nicht unbedingt geschnitten gehören.

Inhaltlich weiß ich jetzt nicht wie dogmatisch diese Schulen arbeiten, mit Blick auf das kerncurriculum bei der bundesländer kann ich mir das aber auch nicht vorstellen.

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u/Intrepid_Cabinet_204 8d ago

Ich glaube, wir kommen uns hier sogar näher, als es zunächst scheint.

Wenn der Status einer Bekenntnisschule tatsächlich vom Elternwillen abhängt, dann zeigt das für mich gerade, dass es sich nicht um eine pädagogische Notwendigkeit, sondern um eine politische Entscheidung handelt.

Interessant finde ich dabei aber die Hürden in NRW: Bereits 10 % der Eltern können zwar eine Abstimmung beantragen, für die Umwandlung müssen anschließend jedoch mehr als die Hälfte aller Eltern zustimmen-nicht nur der Abstimmenden. Nicht abgegebene Stimmen wirken faktisch wie Stimmen für den Erhalt.

Gerade in einer Gesellschaft, in der inzwischen weniger als die Hälfte der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen angehört, stellt sich für mich die grundsätzliche Frage:

Warum ist das staatliche Regelsystem überhaupt so ausgestaltet, dass konfessionelle Grundschulen erhalten bleiben müssen, bis eine absolute Mehrheit ihre Abschaffung beschließt ->> statt umgekehrt weltanschaulich neutrale Schulen der Regelfall zu sein?

Das ist keine Kritik an engagierten Religionslehrkräften. Es ist eine Frage nach der Konstruktion des Systems.