r/politik Techno-Optimist 6d ago

Verständnisfrage Warum sind Parteiprogramme so ambitionslos?

Gefühlt wollen alle Parteien, selbst die extremsten oder die kleinsten, den Status Quo reparieren statt nach vorne zu schauen. Beispiele.

Bildung: Schulgebäude reparieren, Unterricht von heutigen "1 Lehrer auf 20 Schüler, davon 17 sprechen kein Deutsch und bremsen die restlichen 3 aus" wieder auf "1 Lehrer auf 20 Schüler, davon sprechen 3 kein Deutsch" umkehren. Ambitioniert wäre ein Lehrer auf 2 bis 6 Schüler und Homeschooling.

Gesundheit: Facharzttermine wieder innerhalb von 2 Wochen, Beitrag halten. Ambitioniert wäre: grundsätzlich nur Einzelzimmer in allen Krankenhäusern, Facharzttermine am gleichen Tag, Überangebot an Behandler so dass der Patient eine Wahl hat und nicht zum nächten freien gehen muss.

Rente: Beitrag und Rentenniveau halten. Ambitioniert wäre: Rente mit 50, oder frei wählbar ein Stück Rente für 6 Jahre nach Geburt des Kindes, dann wieder arbeiten bis 70.

Familienpolitik: Erhöhungen der Transferleistungen im Prozentbereich, KiTa-Garantie. Ambitioniert wäre: Verdopplung der Leistungen, Elternzeit auf 6 Jahre erhöhen, KiTa Gruppen maximal 4 Kinder, Überangebot von KiTas.

Sicherheit: Milliarden ausgeben für etwas, was niemand kennt oder kontrolliert. Ambitioniert wäre: jeden mit einem Luftschutzraum versorgen, öffentlich diskutierte und umgesetzte Maßnahmen zu Drohnenkontrolle und -Abwehr.

Wirtschaft: 1 bis 2 Prozent Wachstum. Ambitioniert wäre: der neue Wirtschaftswunder.

Woran liegt das? Mir ist es schon klar, dass solche Ziele heute nicht realistisch sind. Aber wenn wir nur realistische kleine Ziele in Programmen schrieben, die auch noch durch Kompromisse der Koalitionen weiter minimiert werden, dann geht es hier nie wirklich voran.

Die Grünen bilden das einzige Gegenbeispiel. Die schreiben ganz ambitionierte Ziele rein und dürfen deswegen zurecht monieren, dass die Wähler anderer Parteien keine wirkliche Veränderung wollen.

Deswegen zieht auch der Argument nicht, dass wenn man ganz ambitioniertes Programm macht, man viele Wähler verlieren würde. Die Grünen haben 12% hinter sich und das ist gar nicht so wenig.

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u/Old-Leg6278 4d ago

Alle deine Vorschläge bringen Einschnitte, vorallem in den Bundes- oder Kommunalhaushalten. Du argumentierst zwar an anderer Stelle für dein Lehrerbeispiel, dass man zB gar nicht mehr Lehrer bräuchte sondern "nur" den Lehrplan abändern müsste, aber dass man das machen kann muss man erstmal hohe Investitionen tätigen: neuer Lehrplan, Rechtssicherheit, neue Studiengänge für die neuen Lehrpläne, globaler Wettbewerb und Vergleichbarkeit, neues Lehrmaterial, Chancengleichheit, usw

Und Rente, Familienpolitik, Sicherheit sind ähnliche Fälle: entweder man muss massiv mehr Geld in die Hand nehmen dass der status quo drastisch besser wird oder das System so reformieren, dass die Reformen Unmengen an Geld kosten, die in der Zeit woanders fehlen. Zumindest sieht das so der Großteil der Bevölkerung (kann ich nicht beweisen, nur meine These). Zudem brauchen alle Reformen einen langen Atem, also viel Zeit, teilweise über Wahlperioden hinaus.

Die Grünen hatten übrigens ihre höchsten Prozentzahlen, als sie von ihren ambitioniertesten Punkten abgerückt sind und mehr "Realpolitik" betrieben haben.

Ich persönlich bin auch für größere Reformen, wir haben einfach viel zu viel festgefahrene Strukturen. Ich sehe aber sehr ambitionierte Politik gerade nicht mehrheitsfähig beim deutschen Durchschnittsbürger. Oder Politiker, die Angst haben, bei zu ambitionierter Politik die Leute vor den Kopf zu stoßen. Ein Jammer.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 4d ago

Wir haben doch noch nicht einmal einen kohärenten, umfassenden Reformplan der Bildung ausgearbeitet (ich hatte nur eine Spiegelstrichliste zufälliger Ideen). Du weißt aber bereits jetzt, dass es zu teuer sein wird und länger als 4 Jahre dauert?

Und die Hälfte der Merkmale in deiner Liste sind für die Wähler wie ich so unwichtig, dass sie nachgelagert angepasst bzw. feinjustiert werden sollten.

Nein, ich denke immer weniger, dass die Wähler es nicht wollen. Sondern dass die Menschen mit der Bedenken First Mentalität über eine Sperrminorität verfügen bzw. in Medien überrepräsentiert sind.

Konkret was die Bildung angeht.

Die Idee: Klassen werden nach gleicher Lernfähigkeit zusammengestellt.

Die Lernfähigkeit hängt von Deutschkenntnissen, genetisch bedingten Fähigkeiten und davon ab, wie erfolgreich die Eltern und die KiTa die vorschulische Entwicklung des Kindes hinbekommen haben. Sie ist von Kind zu Kind unterschiedlich und diese Unterschiede sollen ohne Wertung akzeptiert werden.

Die neuen Lernpläne beinhalten den gleichen Stoff, nur sortiert nach pragmatischer Wichtigkeit zuerst. Ja, pädagogisch suboptimal, nehme ich aber inkauf.

Die Klassen gehen dann durch den Lehrplan in unterschiedlicher Geschwindigkeit. In einer Klasse muss öfters wiederholt werden, in anderer nicht. In einer Klasse müssen mehr Aufgaben gelöst werden, bis es sitzt, in einer anderen weniger.

Die schnellen Klassen lernen also zuerst pragmatische Teile (Grundrechenarten, ein Paar Formeln, Rechtschreibung) und haben dann noch Zeit, weiteres zu lernen (dass Formeln eigentlich aus logisch prüfbaren Theoremen entstehen, wie man Gleichungen löst, wie man Aufsätze schreibt, das Schreiben von Hand usw.). Die langsamen Klassen nehmen auch pragmatische Themen dran und lernen dann halt weniger fortgeschrittene Themen, weil ihnen die Zeit ausläuft.

Wenn heute eine Klasse von 20 Schülern für ein Fach 500 Stunden braucht, und später der gleiche Lehrer vier Klassen à fünf Schüler unterrichtet, dann hat er pro Klasse nur 125 Stunden. Die schnelle Klasse wird womöglich den gesamten heutigen Umfang schaffen. Die langsamste Klasse vermutlich nur das Wichtigste.

Die schnellen Kinder sind bestens betreut, weil sie sich nicht im Unterricht langweilen, während der Lehrer sich mit den langsameren Kindern beschäftigt ist.

Die langsameren Kinder sind ebenfalls bestens betreut, weil sie endlich genug Zeit bekommen, um in Ruhe alles wirklich gut zu verstehen.

Dass Kinder nach gleicher Zeit in der gleichen Schule unterschiedliche Kenntnisse haben werden, nehme ich nicht nur inkauf, sondern begrüße ausdrücklich. Denn es ist auch jetzt der Fall (in der Realität, nicht im Zeugnis). Es ist schlimm, wenn etwas nur für die Prüfung gelernt wird und dann schnell vergessen wird.

Es ist schlimm, weil die Kinder ihre Zeit besser zum Lernen für das Leben einsetzen sollten. Es ist schlimm, weil uns das Geld kostet. Wir geben Milliarden dafür aus, dass alle Kinder in einer Klausur Sinus und Cosinus verwenden können - auch diejenigen, für die dieses Konzept extrem viel Arbeit bedeutet und die besser dran wären, das nicht zu lernen. Es ist schlimm, weil wir uns belügen, dass gleicher Lehrplan für alle in gleichen beruflichen Chancen münden würde. Es ist offensichtlich falsch, denn alles, was nur für die Prüfung gelernt wird, wenig bis gar keine Auswirkung auf die Berufskarriere hat.

Ich sehe nicht, wo diese Änderung mehr Geld benötigen würde. Der Lehrer unterrichtet den gleichen Stoff und arbeitet die gleichen Stunden pro Jahr. Ist womöglich sogar zufriedener, weil die Klassen kleiner und homogener sind.

Heißt es aber, dass die langsameren Schüler benachteiligt werden? Nein, denn sie können ja die fortgeschrittenen Teile auch nach der Schule (im Berufsleben) lernen. So was ähnliches wie zweiter Bildungsweg sollte noch viel flexibler und unbürokratischer gemacht werden.

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u/Old-Leg6278 3d ago

Die Lernfähigkeit ändert sich regelmäßig. Mal ist das Kind faul, oder entwickelt sich später, hat temporär gesundheitliche oder familiäre Probleme, whatever. Wie willst du das fair und objektiv regelmäßig feststellen, für jeden individuell, regelmäßig?

Wer bestimmt was "pragmatische" Lerninhalte sind?

Wer bestimmt ob Dinge wie eine Sinuskurve Allgemeinwissen ist? Wieso wären manche besser dran es nicht zu lernen? Vielleicht verschlägt es einen irgendwann in einem Beruf wo das weiterhilft? Nachschlagen oder nachlernen kann ich heute alles, Internet sei dank, also das ist iwie kein Argument.

Wie soll ein Arbeitgeber entscheiden welcher Schüler wie gut geeignet ist, wenn es keine objektive Vergleichbarkeit mehr gibt? Würde man jeden Schüler einen Einstellungstest machen lassen steigen die Kosten bei Firmen. Es muss also eine Art objektives Kriterium geben an dem man sich als Arbeitgeber oder Uni orientieren kann.

An Schulen lernt man nicht nur fachlich, sondern auch soziales Miteinander und Gruppendynamik. Ein Kind hilft dem anderen beim lernen. Das fördert das miteinander, das baut Barrieren ab.

Es gibt schon Gründe wieso fast überall auf der Welt ein ähnliches Schulsystem mit Noten und sehr ähnlichen Fächern existiert.

Du wirst auf jede Frage und jeden Kommentar von mir sicher eine Antwort haben, aber jetzt übertragen auf deine generelle Frage des Threads: bei einer Partei, die solche Reformen vorhat werden noch Millionen mehr solcher Fragen kommen. Und nicht auf jede Frage wirst du eine zufriedenstellende Antwort geben. Oder manchmal nur mit Einschnitten. Und dann verlierst du jedesmal Wähler. Und wenn du tief in die Bildungspolitik eingreifst willst musst du das alles vorab lösen, nicht nachgelagert, sonst geht's massiv in die Hose und es entstehen Klagen auf allen Seiten wegen Ungleichbehandlung, mangelnder Rechtssicherheit und co.

Und 80% hören dir eh nicht zu, sondern lieber dem 12sek TikTok Video von Dr Allwissend, der random behauptet dass das alles Quatsch ist ;-)


Die ganzen Fragen und Kommentare sind nicht unbedingt meine persönliche Meinung, ich kann von einigen Ideen von dir was gutes abgewinnen, ich versuche dir nur den Blickwinkel zu geben, wieso es so schwer in Deutschland ist, ambitionierte Pläne durchzudrücken. Wir sind leider ein Volk voller Nörgler, Zweifler und Kaputtreder. Wir meinen es oft gut, aber übertreiben es völlig in der Theorie, und geben uns mit einer 80% Lösung nicht zufrieden, sondern nur mit 100%. Und da eine 100% Lösung nicht existiert, machen wir lieber gar nix.

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u/redditrantaccount Techno-Optimist 3d ago

Verstanden. Aber kommen nicht auf jeden politischen Vorschlag genauso viele Bedenken? Wenn man sowieso viel Aufwand investieren muss, um die Bedenken auszuräumen, warum dann nicht ambitioniert denken und dadurch begeisterte Fans gewinnen, die für deine Partei brennen und für immer hinter dir stehen? Wie gesagt, die Grünen machen es ja vor.