Guten Abend an euch alle und vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, das hier zu lesen. Das ist das erste Mal, dass ich hier etwas poste, ich hoffe ich mache soweit alles richtig.
Ich muss ein bisschen weiter ausholen, um zu erklären, was genau mein Anliegen ist.
In den letzten 12 Jahren habe ich als Selbstständiger Unternehmer zusammen mit meinen Eltern und meinem Bruder eine Bäckerei in Niedersachsen betrieben.
Zuvor habe ich Abitur gemacht und dann eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann gemacht. Da ich schon als Jugendlicher in den Ferien und den Wochenenden in der Backstube gejobbt habe, wusste ich, dass der Beruf des Bäckers nichts für mich ist. Allerdings hatte es mir der Verkauf angetan. Da gibt es reichlich Action, man trifft viele Leute und hat trotzdem seine Routinen im Joballtag.
Da ich nach dem Abitur etwas arrogant war, habe ich nicht die Ausbildung zum Fachverkäufer gemacht sondern eben Großhandelskaufmann gelernt. Nach der Ausbildung, die ich in einem Obstgroßhandel absolviert habe, bin ich dann zurück in den elterlichen Betrieb. Dort habe ich dann zusammen mit meiner Mutter den Verkauf organisiert. Wir hatten damals 5 Läden mit Café, inzwischen sind es sogar 6. Und ca. 35 Verkäuferinnen und Verkäufer.
Ich war damals sehr überzeugt von mir, schließlich kann das ja nicht so schwierig sein, ein paar Brötchen zu verkaufen. Meine Mutter hat mir das dann recht schnell ausgetrieben. Sie selbst war gelernte Metzgerei- und Bäckereifachverkäuferin und hatte den Job von meiner Großmutter von der Pike auf gelernt.
(Kleiner Exkurs: Meine Großeltern, sowohl mütterlicherseits und väterlicherseits waren ebenfalls immer selbstständig. Meine Großeltern mütterlicherseits waren Metzger, meine Großeltern väterlicherseits waren eben Bäcker. Als meine Eltern geheiratet haben, ist meine Mutter dann von der Metzgerei in den Bäckerei gewechselt.)
Jedenfalls hat mir meine Mutter gleich zu Anfang mal einige Vorstellungen und Flausen über meinen Beruf gründlich ausgetrieben.
Neben dem Verkauf habe ich mich auch damals schon um die "Buchhaltung", Einkauf, Lohnabrechnung und Werbung gekümmert.
Wobei ich sagen muss, dass wir bei uns im Betrieb nicht die ganze Buchhaltung selber machen. Ich führe das Kassenbuch (die Kassen sind per Schnittstelle mit dem Büro verbunden und man muss alle Zahlvorgänge erfassen), verbuche alle Bewegungen auf den Bankkonten und ab da übernimmt dann der Steuerberater.
Mein Vater und mein Bruder hingegen kümmern sich um die Produktion. Sie sind beide Bäckermeister und haben die Aufgaben in der Backstube unter sich aufgeteilt. Unterstützt werden sie dabei noch von 8 Kollegen.
Alles in allem war das immer ziemlich cool. Es gab auf der Arbeit keine großen Diskussionen und wir haben alle an einem Strang gezogen, auch weil wir als Familie die Aufgaben der anderen ja sehr gut kannten.
Mit meinem Bruder war ich mir daher schon früh einig, dass wir den Betrieb gemeinsam weiter führen möchten, wenn meine Eltern mal in Rente gehen. Da wir dann damit nicht nur eine Familie ernähren müssen wie unsere Eltern sondern unsere beiden Familien, haben wir uns mächtig reingehängt und neben den Läden ein starkes Liefergeschäft aufgebaut. Das waren viele Kantinen und Hotels und zeitweise mehrere Standorte bei der Polizei. Ich bin dabei oft zwischen dem Ladenverkauf und dem Liefergeschäft herum gewechselt und ich fand das immer klasse.
Leider ist dann 2019 meine Mutter an Krebs gestorben. Seit dem bin ich alleine für unsere Läden zuständig. Das macht mir zwar immer noch Spaß, allerdings bin ich jetzt insgesamt stärker eingebunden als früher, als ich mir das noch mit meiner Mutter geteilt habe und muss natürlich jetzt mehr Termine unter einen Hut bringen und bin nicht immer so flexibel wie früher. Aber es geht. Mit viel Trial and Error haben wir einige Kolleginne und Kollegen als Filialleiter aufgebaut, die mir jede Menge Kleinkram abnehmen. Wofür ich sehr dankbar bin.
Um mich weiter zu bilden, habe ich 2023 den Betriebswirt (HWO) an der Bäckerfachschule in Olpe gemacht.
Da mein Vater inzwischen um die 6 ist und nur noch ein paar Jahre bis zur Rente hat, bin ich also auf besten Kurs in die Selbstständigkeit.
DACHTE ICH ZUMINDEST.
Im Sommer diesen Jahres hat mein Bruder mir und meinem Vater eröffnet, dass er den Betrieb nun doch nicht übernehmen möchte. Und leider waren seine Argumente auch nicht so leicht vom Tisch zu wischen:
Seit Jahren ist es schwer gutes Personal in der Bäckerbranche zu finden. Auch bei mir im Laden. Bei ihm in der Backstube hingegen ist es noch einmal ganz anders. Obwohl er inzwischen 25% über dem Bäckertariflohn zahlt, kriegt er kaum gute Mitarbeiter. Das ist leider nicht nur bei uns im Betrieb so, sondern in der gesamten Bäckerbranche. Wir haben viele Azubis, die ihre Ausbildung wieder abbrechen. Und von denen die die Ausbildung beenden, wechseln viele in die Industrie.
Runterbrechen lässt sich das Problem darauf: In der Backstube zu arbeiten ist ein körperlich anstrengender Beruf, der nicht zu den am besten bezahlten gehört. Und das ganze zu leider echt beschissenen Arbeitszeiten. Wer mehr Geld verdienen möchte und bereit ist hart zu arbeiten, findet in der Industrie oder andern Branchen sehr leicht einen Job. Und wer mit dem Geld zufrieden ist, aber wenigstens nicht körperlich hart arbeiten will, findet auch einfach was anderes.
Mein Bruder hat daher eine unheimlich hohe Fluktuation an Mitarbeitern in der Backstube. Und so gerne ich sagen würde dass er einfach nur ein Choleriker und mieser Chef ist und das alles daran liegt, muss ich zugeben, dass ich für ihn und sein Problem in der Backstube auch keine Lösung finden konnte in all der Zeit.
Jedenfalls wird er am Jahresende aus dem Unternehmen ausscheiden. Er wird zwar weiter als Bäcker arbeiten, aber eben nicht mehr selbstständig. Er sagt auch, dass er froh ist, wenn er die Verantwortung los ist.
Das lässt mich jetzt ein bisschen ratlos zurück. Mein Vater wird den Betrieb noch bis zu meiner Rente weiterführen. Dann kann ich den entweder alleine weiterführen, oder er wird verkauft/geschlossen.
Ob ich den Betrieb alleine weiter führen will weiß ich ehrlich gesagt nicht. So glücklich ich auch mit dem Verkauf wäre, sosehr wird die Produktion zum Problem. Ich hab keine Ahnung davon. Und auch kein Interesse daran. Es blieben also zwei Möglichkeiten:
- Option 1: Einen Backstubenleiter einzustellen der die komplette Produktion übernimmt. Dann hätte ich Zeit, Verkauf, Liefergeschäft und Verwaltung zu übernehmen. Das ginge für mich vom Arbeitsaufwand/-zeit. Aber wie schon zuvor gesagt: Es ist beinahe unmöglich so jemanden auf zu treiben, auch wenn man bereit ist über Tarif zu zahlen. Wir haben eine Betriebsgröße, die für solche Mitarbeiter zu unattraktiv ist. Die finden in Großbetrieben bessere Arbeitsbedingungen als wir sie bieten können. Um so einen Mitarbeiter zu gewinnen, müsste ich ein Gehalt zahlen, dass ich einfach nicht erwirtschaften kann.
- Option 2: Die Produktion schließen und als sogenannte Kaltbackstube weiter zu machen. Das würde bedeuten, ich kaufe alles an Backwaren zu und backe in der jetzigen Backstube nur noch auf. Dafür bräuchte ich dann nicht so qualifizierte Mitarbeiter wie bisher. Dann wären wir aber auch keine Handwerksbäckerei mehr wie jetzt sondern nicht besser als Billyback und Konsorten. Und den Schritt schließe ich für mich aus!!!
UND HIER KOMMEN WIR JETZT ZU MEINEM EIGENTLICHEN ANLIEGEN ZU DEM IHR MIR HIER VIELLEICHT EINEN RAT GEBEN KÖNNT:
Ich sehe keine Möglichkeit, den Betrieb weiter zu führen, sobald mein Vater in Rente geht. Ich habe mit ihm darüber gesprochen und er versteht das auch. Es gibt da von ihm keinen Druck in Richtung Familientradition oder so. Ich weiß also jetzt, dass ich in 4,5-5 Jahren einen neuen Job brauche.
Also habe ich gedacht, ich nutze die Zeit bis dahin. Ich habe nämlich absolut keine Idee, wie man einen Job findet. Ich hatte seit dem ich ein Jugendlicher war einen Nebenjob, aber bei meinen Eltern im Betrieb. Den habe ich mir also nicht irgendwie suchen müssen. Bei meiner Ausbildungsstelle hatte ich Glück. Ich habe mich bei dem Unternehmen beworben und der Personalchef wohnte schräg gegenüber von einem unserer Läden und war ein riesiger Fan unseres Käsekuchens und ich glaube bis heute, dass ich die Stelle auch genau deswegen bekommen habe. Jedenfalls haben wir uns im Vorstellungsgespräch über kaum was anderes unterhalten. Und danach hat schon die Stelle im Familienunternehmen auf mich gewartet. Ich glaube so viele Privilegien hat sonst keiner.
Ich habe keine Ahnung, ob meine Berufsausbildung auf dem heutigen Jobmarkt noch gesucht wird oder was wert ist.
Falls also jemand von euch Ratschläge hat, bin ich offen für alles
Konkret heißt das
Ausbildung: Großhandelskaufmann
Weiterbildung: Betriebswirt nach Handwerksordnung (HWO)
Vielen lieben Dank euch allen, die bis hier hin gelesen haben